20 - 09 - 2017

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Hier sind die monatlich wechselnden Texte der Rubrik "Schlaglicht" aus den Vormonaten nachzulesen (Suche im Text mit F 3).

SCHLAGLICHT NOVEMBER


"Weinen, ohne zu wissen, warum" — Zum 19. November 2012, dem 184. Todestag Franz Schuberts


Im Winter gekommen, im Winter gegangen — gekommen am 31. Januar 1797, gegangen am 19. November 1828: Franz Schubert, das Winterkind, das von sich sagte: "Ich mag den November. Das ist mein Monat".

1827 hatte Schubert die "Winterreise" gesetzt. Sein Freund Spaun schrieb später: "Schubert wurde durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, sagte er nur, "Nun, ihr werdet es bald hören und begreifen." Eines Tages sagte er zu mir, "komme heute zu Schober, ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu sehen, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses bei anderen Liedern der Fall war." Er sang uns nun mit bewegter Stimme die ganze Winterreise durch. Wir waren über die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft, und Schober sagte, es habe ihm nur ein Lied, Der Lindenbaum, gefallen. Schubert sagte hierauf nur, "mir gefallen diese Lieder mehr als alle und sie werden euch auch noch gefallen"; und er hatte recht, bald waren wir begeistert von dem Eindruck der wehmütigen Lieder, die Vogl meisterhaft vortrug."

1828 war für Schubert ein arbeitsreiches Jahr. Er wagt sich erstmals, ein Konzert zu geben und verdient gutes Geld. Befeuert davon, schmiedet er Pläne, entwirft drei Sätze für eine Sinfonie in D-Dur. Er schreibt die Messe Nr. 6 Es-Dur, das Streichquintett C-Dur D 956. Er schafft drei große Klaviersonaten (c-Moll, A-Dur, B-Dur, D 958–960) und den "Schwanengesang". Woran arbeitete Schubert zuletzt? An Korrekturen der "Winterreise", den Liedern, die ihn am intensivsten erschüttert? War das (vom Verleger Haslinger eigenmächtig dem "Schwanengesang" hinzugefügte) Lied "Die Taubenpost" Schuberts letzte Komposition? Oder doch "Der Hirt auf dem Felsen", jenes mit vierjähriger Verspätung der Sopranistin Anna Pauline Milder-Hauptmann auf den Leib geschriebene Auftragswerk, ein mitreißend genialer Bravo-Kitzler?

Gesang und Klavier bricht Schubert mit der Klarinette, den Text aus gleich drei Gedichten, einem von Karl August Varnhagen, zwei von Wilhelm Müller, beide entnommen dessen "Gedichten aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten", der Quelle der "Winterreise"-Texte. Freudig bejubelt die Schlusssequenz den Abschied vom Winter:

"Der Frühling will kommen,
Der Frühling, meine Freud',
Nun mach' ich mich fertig
Zum Wandern bereit."

(Anmerkung: "Der Hirt auf dem Felsen" beschließt am 2.2.2013 ein Konzert mit Anna Lucia Richter, Sopran, Marco Thomas, Klarinette, und Nina Tichman, Klavier, in der Konzertkirche Warfleth. Kompletter Liedtext siehe unten Weitere Infos zum Konzert unter "Neues")

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"Weinen, ohne zu wissen, warum" — Zum 19. November 2012, dem 184. Todestag Franz Schuberts


Ein Gespenst geht um in Europa -- nein, noch nicht das Gespenst des Kommunismus. Aber das der Revolution. In Frankreich war es zuerst soweit, da hingen die Aristokraten schon an den Laternen. Woanders soll das auf gar keinen Fall möglich sein, und so rufen die Machthaber die Eiszeit aus. Ab sofort herrscht Frost. Nichts soll sich unterm Eis noch rühren. Nichts sich ändern. Und damit sich nichts ändern kann, wird alles überwacht. Bücher, Zeitungen, Kompositionen, alles muss vorher von der Zensur genehmigt werden. Versammlungen und Zusammenkünfte werden beäugt, verboten oder aufgelöst.

In Österreich installiert der Kanzler Ihrer Majestät, Fürst von Metternich, eine Gedankenpolizei. Deren bezahlte Spitzel durchdringen die Presse, die ämter, das ganze öffentliche Leben. Verdächtige nimmt man fest, wirft sie ins Gefängnis. Wer klug ist, meidet das offene Wort. Wer klug ist, meidet die öffentlichkeit, trifft sich mit Freunden in der privaten Stube. Heimelig und heimlich. Zu Hause, hausbacken und selig. „Selig", so ein Wort von Jean Paul, heißt: im „Vollglück der Beschränkung"; dereinst wird man diese Ära der Flucht ins Private treuherzig „Biedermeier" benennen. „Schubertiade", dieses Etikett für die späteren Treffen in Wohnungen der Freunde, wo Schuberts Lieder und Stücke für Klavier erklingen, dieses Etikett scheint auch zur Tarnung erfunden, damit keiner weiß, mit welch loser Lippe man hier debattiert.

Der Begriff „Proletariat" existiert zu der Zeit noch nicht. Aber Proletarier gibt es schon. In England gewiss. Und auch auf dem Festland frisst die Automatisierung Arbeitsplätze. Besonders in den großen Städten wachsen Manufakturen. Um sie herum schießen Billighäuser aus dem Boden für die Arbeiter . Die kommen meist aus dem Umland, Bauern, die dem Geld folgen müssen.

Auch in Wien ist das so. Es legt sich einen Schmuddelgürtel zu aus verkommenen Vororten. Die Straßen dort sind unbefestigt und unbeleuchtet. Kein fließendes Wasser, keine Kanalisation. Fäkalien umströmen die Häuser, die Cholera wütet. Typhus grassiert, Kinder sterben in Massen, die fehlende Hygiene schlägt Schneisen des Todes quer durch die Slums.

Der Bezirk HIMMELPFORTGRUND ist eine dieser schlechten Adressen. Das dortige Haus Nr. 14 hat 16 Wohnungen a 35 Quadratmeter, Küche und Kammer. Eine dieser Wohnungen, erster Stock links, bewohnen die Schuberts.

Den 22 Jahre jungen Volksschullehrer FRANZ THEODOR SCHUBERT, Sohn eines mährischen Bauern, hat es hierhin verschlagen. Ihn und seine frisch zur Frau genommene Elisabeth, 17 und hochschwanger. 1787 wird das erste von 16 Kindern geboren; zwölf davon, bis 1801, erblicken in jener Wohnung das Licht der Welt, als letztes „Himmelpfort"-Kind am 31. Januar 1797 ein Knabe mit Namen FRANZ PETER: genau: unser Schubert. Die Kinder, die nach ihm kommen, werden allesamt nicht überleben, insgesamt schaffen nur fünf es ins Erwachsenenalter. Von denen ist, nein: wird!, Franz schließlich der Jüngste.

Dass er mit drei, vier Jahren den Tod eines Schwesterchens und später den der Brüder registriert, davon darf man ausgehen. „Hier am Hügel heißen Sandes sitz ich, mir gegenüber liegt mein sterbend Kind": Das ist der Anfang eines Liedes, das er mit 13 vertont, eines seiner ersten überlieferten Werke. Absicht? Fügung? Lebensumstände, an denen die oft beschworene Melancholie seiner Musik sich festmachen ließe, finden wir jedenfalls reichlich, sein ganzes Leben hindurch.

Wie Franz vier Jahre alt ist, wird — endlich! — umgezogen. Der Vater erwirbt im benachbarten Lichtental auf Hypothekenbasis, vollfinanziert, ein Haus mit Wohnung und Schule, in der er 80 Schüler unterrichten kann, 80 statt 30 bisher. Um Schulmaterial kaufen, um Ärzte und Särge bezahlen, um Frau und Kinder versorgen zu können, muss man spitz rechnen. Spitz rechnen und ordentlich planen, und so plant Vater Schubert die Söhne ein als Schulgehilfen.

*

Mit dem Umzug ist für Franz die Kindheit vorbei. Wenig später schult der^^ Vater ihn offiziell ein. Der Vater — was soll er auch tun — ? gibt sich fleißig und streb- und gehorsam. Er will, dass die Kinder etwas Ordentliches werden. Deshalb ist er streng zu ihnen, besonders zu den Söhnen. Dass Franz später, seinen Plänen zuwider, ins Musikalische abdriftet, wird er ihm nie wirklich verzeihen.

Andererseits erkennt und anerkennt der Alte die musikalische Begabung seines Jüngsten. Gesungen und musiziert wurde schon immer im Hause. Nicht prätentiös und ambitiös wie im Hause Mozart, nein, beiläufig eher, denn Musik gehört zum Job eines Lehrers dazu. Irgendwann zwischen dem 6. und dem 8. Lebensjahr — also ziemlich spät für die damalige Zeit! --, erhält Franz vom Vater den ersten Geigen-Unterricht, der Bruder Ignaz unterweist ihn später auf dem Klavier. Franz lernt schnell, erstaunlich schnell. Der Vater bemerkt es — und fördert ihn. Er meldet Franz an erst beim Leiter des Kirchenchores vor Ort, dann als Sängerknaben für die Kapelle am Wiener Hof, und, als die Aufnahmeprüfung bestanden ist, zum Unterricht im „Königlich-kaiserlichen Konvikt". Da hat Franz, der Sohn eines hochverschuldeten Klippschullehrers, der nicht einmal das volle Bürgerrecht genießt, Franz, das Proletarierkind, ein gutes Sprungbrett.

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Mit dem Umzug ist für Franz die Kindheit vorbei. Wenig später schult der Vater ihn offiziell ein. Der Vater — was soll er auch tun — ? gibt sich fleißig und streb- und gehorsam. Er will, dass die Kinder etwas Ordentliches werden. Deshalb ist er streng zu ihnen, besonders zu den Söhnen. Dass Franz später, seinen Plänen zuwider, ins Musikalische abdriftet, wird er ihm nie wirklich verzeihen.

Andererseits erkennt und anerkennt der Alte die musikalische Begabung seines Jüngsten. Gesungen und musiziert wurde schon immer im Hause. Nicht prätentiös und ambitiös wie im Hause Mozart, nein, beiläufig eher, denn Musik gehört zum Job eines Lehrers dazu. Irgendwann zwischen dem 6. und dem 8. Lebensjahr — also ziemlich spät für die damalige Zeit! --, erhält Franz vom Vater den ersten Geigen-Unterricht, der Bruder Ignaz unterweist ihn später auf dem Klavier. Franz lernt schnell, erstaunlich schnell. Der Vater bemerkt es — und fördert ihn. Er meldet Franz an erst beim Leiter des Kirchenchores vor Ort, dann als Sängerknaben für die Kapelle am Wiener Hof, und, als die Aufnahmeprüfung bestanden ist, zum Unterricht im „Königlich-kaiserlichen Konvikt". Da hat Franz, der Sohn eines hochverschuldeten Klippschullehrers, der nicht einmal das volle Bürgerrecht genießt, Franz, das Proletarierkind, ein gutes Sprungbrett.

Und was tut er damit? Franz, unser Schubert, „der kloane Dücke", wird zum Leidwesen des Vaters kein guter Schüler. Er hasst die Schul-Uniform, den Drill. Er hasst Vokabeln und Formeln. Franz hat seinen eigenen Kopf, und der hadert mit der Schule. Hadert mit dem Schul-stress — und flieht ins Komponieren. Ja: das einzige, was Franz wirklich interessiert, ist die Musik, und so beginnt er, sobald der Unterricht vorbei ist, bald auch heimlich unter der Bank, Papier zu bekritzeln, Notenlinien zu ziehen, Noten zu schreiben, in jeder freien Minute vergräbt er sich,"UM ZU DICHTEN", so nennt er das Kompo-
nieren: „um zu dichten:", Melodien nämlich, Harmonien.

Bereits 1810, 11 — Schubert ist dreizehn — schreibt er eine „Fantasie für Klavier zu vier Händen", zwei Streichquartette, zwei Ouvertüren und zahllose Lieder, darunter das eingangs zitierte, „Hägars Klage" betitelt, eines mit dem Titel „Vatermörder", oder auch „Des Mädchens Klage" und „Leichenfantasie" nach Texten von Schiller. Mit dreizehn! Es dauert keine drei Jahre, und er verlässt — Versetzung gefährdet! -- das Konvikt; der Vater interverniert mehrfach und letzlich erfolgreich, aber Schubert ist „das Gefängnis", wie er die Schule nennt, leid, und er geht — das Zerwürfnis mit dem Vater nimmt er selbstbewusst in Kauf. „Ich kann nicht anders", wird er einem Verleger zwölf Jahre später erwidern, der ihm vorhält, seine Musik sei nicht gefällig genug und lasse sich deshalb nicht verkaufen, „Ich kann nicht anders schreiben. Und wer meine Musik nicht will, der solls eben lassen."

Zurück ins Konvikt. Mag diese Zeit für Schubert auch keine kommode Zeit gewesen sein, sie prägt ihn entscheidend: Hier lernt er Freunde kennen, Spaun, Kenner, Stadler, auch den rebellischen Senn, bei dessen Verhaftung er später anwesend sein wird. Hier, im Konvikt, nimmt Salieri sich seiner an, Salierei, der berühmte Kontrahent Mozarts, der sein Förderer wird.
Hier kultiviert er sein „Fühlen und Denken in Noten": Zum Komponieren braucht er kein Klavier, er findet das „Klimpern" beim Dichten viel eher störend. Ihm fließen die Noten direkt aus dem Kopf aufs Papier. Und wenn er abends zu Bett geht, legt er Stift und Papier griffbereit daneben, und die Brille lässt er auf, damit, wenn nachts ein Einfall ihn weckt, er gleich zum Papier greifen kann.

Und hier im Konvikt eröffnet sich ihm der Zugang zur Literatur, zum gesprochenen lyrischen Wort, das Musik werden will. Mögen die Schulbücher auch nicht sonderlich ergiebig sein: Spaun aber vor allen weiß, welcher Dichter angesagt ist — Goethe, Schiller, Zumsteeg. An die siebenhundert Lieder wird Schubert im Laufe seines Lebens schaffen — siebenhundert, so viel wie sonst keiner. Ist nicht sein ganzes Komponieren, auch von Instrumentalmusik, ein einziges Singen, ein mächtiger Strom tönender Silben, der sich aus unendlich vielen kantabilen Quellen speist? Ist nicht das Sangliche, die Sing- und Sprechbarkeit der Motive und Themen, das, was Schubert ausmacht für uns, auch wo er keine Worte verwendet?! Es sei ihm, als pfeife da einer im Walde, um sich zu beweisen: „Es gibt mich", meint der Komponist Jörg Widmann. Und der Biograf Hans Jürgen Fröhlich verweist auf die Verschlossenheit, die Schubert eigen gewesen sei: „Er sprach in Tönen, mit sich und mit anderen".

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Wie Schubert 18, 19 Jahre alt ist, 1816, hat er schon unfassbar vieles in Tönen gesprochen. Mehr als sechshundert Werke liegen vor, darunter mehrere Sinfonien und Messen. Auch biografisch hat sich in der Zwischenzeit vieles ereignet: Der Tod der geliebten Mutter; der Vater lässt ihn wegen schlechter Noten nicht ins Haus zum Totenbett. Das Verlassen des Konvikts. Die Musterung durchs Militär, auf 1,58 m wird er gemessen, und schlank ist er aa net; die Freunde nennen ihn „Schwammerl". Aufnahme der ungeliebten Lehrerausbildung, um dem Militärdienst zu entgehen. Bestehen der Lehrerprüfung mit Ach und Krach. Antritt einer Schulgehilfenstelle beim Vater — nach zwei Jahren wird er „hinschmeißen". Aufführung seiner ersten Messe im katholischen Wien. Es ist die Messe eines Siebzehnjährigen, der die unglaubliche Stirn hat, aus vollkommener Eigenmacht zwei wesentliche Textpassagen zu streichen: „Una sancta ecclesia catholica", „Eine einzige heilige katholische Kirche", und „Pater omnipotens", „Allmächtiger Vater". In keiner der neun Messen, die er später schreibt, wird er diese Wort jemals verwenden. ES HOT HOLT SOAN OAGENEN KOOPF, DöS SCHWAMMERL.

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Die Werke des heutigen Abends, liebe Gäste, sind alle bekannten Werke Schuberts für Violine und Klavier, sechs an der Zahl. Es hat mit diesen Werken seine eigene Bewandtnis. Sie korrespondieren nämlich mit dem Liedschaffen und mit der Vita Schuberts. Im Jahre 1815 schuf Schubert mehr als hundert Liedkompositionen, trotz täglichen Schuldienstes unter väterlicher Kuratel war es eines der schöpferischsten Jahre in seinem Leben. Erst im Spätwerk, zehn, elf Jahre später, lässt Schubert diesem „Liederfrühling" eine zweite Liederphase folgen; in ihr entsteht zum Beispiel die „Winterreise".

In enger Parallelität zu den Liedern entstammen die ersten Werke für Violine und Klavier den Jahren 1816 und 1817, die letzten drei den Jahren 26/27.

Die Violine, wir erinnern uns, war das erste Instrument, in das Schubert als Kind unterwiesen wurde, vom Vater, und es heißt, Schubert habe nach seinem Stimmbruch, als er deshalb die Hofkapelle verlassen musste, für einen Moment sogar erwogen, Geiger zu werden — kurz nur, bevor er befand, „Ich bin als Compositeur geboren!", doch bezeichnend für den Wert, den die Geige für ihn gehabt haben muss — gewiss auch des „Gesanges" wegen, zu dem dieses Instrument fähig ist. Wie bei den Liedern schließt sich hier ein Kreis, fast scheint es, als kehre da einer zu etwas zurück, bevor er es (oder sich) für immer verliert.
Der Kontrast „Früh „ Spät" also wird dieses Konzert prägen und damit der Wechsel „Schön" und „Meisterlich", „Brav" und „Frei", „Begabt" und „Genial", „Gefällig" und „Fordernd", „Verschlingend."

Der Sonatine D-Dur, die den Anfang macht, ist noch der leichte Geist Mozarts eingeschrieben. Formal, in der Art der Themen und ihrer Behandlung sind Anklänge an Mozarts dahingehudelte Kürze und Leichtigkeit unüberhörbar, auch wenn Schuberts Thema sich uns ungleich „sprechender" darbietet. Es ist, als winke es Mozart zu: „Hör mal, Wölferl! Alles was Du kannst, kann ich schon viel besser!"

Wie rasch Schubert seine Kompositionskunst weiter entwickelte, verdeutlicht die nur ein Jahr später entstandene, doch ungleich souveränere Sonate in A-Dur. Sie markiert einen gewaltigen Sprung in der Behandlung beider Instrumente, ihres ganz eigenen Vermögens, ihrer Dialoge, in der Führung der Stimmen, in Struktur und Spannung. Noch in den scheinbar einfachsten tänzerischen Momenten blitzen überraschende harmonische Wendungen auf, das Scherzo, ein kleines Feuerwerk, beschert uns sogar ein ums andere Mal virtuose Posen.

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Zwei Gedichte: Das erste:

Der Wanderer

Ich komme vom Gebirge her,
Es dampft das Tal, es braust das Meer.
Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer, wo?

Die Sonne dünkt mich hier so kalt,
Die Blüte welk, das Leben alt,
Und was sie reden, leerer Schall;
Ich bin ein Fremdling überall.

Wo bist du, mein geliebtes Land?
Gesucht, geahnt, und nie gekannt!
Das Land, das Land so hoffnungsgrün,
Das Land, wo meine Rosen blühn.

Wo meine Freunde wandelnd gehn,
Wo meine Toten auferstehn,
Das Land, das meine Sprache spricht,
O Land, wo bist du? . . .

Ich wandle still, bin wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer, wo?
Im Geisterhauch tönt's mir zurück:
"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück."

Das zweite:

Lied

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
Wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
Die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
Die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
Wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin": Thomas Brasch, der das gedichtet hat, war wie Schubert ein Winterkind und ist wie Schubert im Winter gegangen, auch er im November, um genau zu sein: am 3. des Jahres 2001.

Das erste Gedicht, der „Wanderer", geschrieben von einem Menschen namens Schmidt, hat den 19-jährigen Schubert elektrisiert, als er es in einer Zeitschrift las -- „Ich bin ein Fremdling überall", „Dort wo du NICHT bist, dort ist das Glück ...": genau das war SEIN Thema, und er hat es musikalisch zigfach dekliniert, in Liedern, in Sonaten, Quartetten, in Sinfonien. Schuberts musikalisches Wandern ist ein zielloses Wandern, oft genug ein Wandern im Kreis, ein Sich-Fortbewegen wie selbstvergessen, wie um seiner selbst willen. Eine Suche nach einer Suche nach einem Ziel. Ein Sehnen nach einem Zuhause, ohne zu wissen, wo dieses Zuhause wohl steht, welchen Namen es trägt: Erfüllung? Erlösung? Geborgenheit? Manchmal auch: ein Getriebensein, das keinen Ausweg mehr kennt. Und da, wo er zu finden wäre, ihn nicht zu erkennen vermag.

In seinen 31 Lebensjahren ist Schubert nur selten und immer nur kurz aus Wien herausgekommen: etwa um zwei Komtesschen jenseits der ungarischen Grenze Musik-Unterricht zu erteilen. Aber nach seinem15. Geburtstag zieht er 41-mal um! In sechzehn Jahren 41 mal! Er kommt unter bei Verwandten, da hält er es nie länger aus als ein paar Wochen, oder bei Freunden, da könnens gar Monate werden oder ein Jahr.

Manchmal hat er ein Geld, da ist er spendabel, manchmal hat er keines, da wird er alimentiert. Viel braucht er ja nicht: Stift und Papier, Tabak und Kaffee. Und man darf sich darauf verlassen, dass er nicht krakeelt.
Morgens um sieben, danach stellt jede Uhr sich, beginnt er mit Dichten, bis zwei oder drei. Da ist er eisern, das gibt ihm Halt: das Mit-Sich-Reden, das Mit-Sich-Sein, mit Notenpapier und im Kopf Musik.
Danach ins Kaffeehaus, speisen. Abends Konzerte, Freunde, Geld ausgeben beim Wirt. Nachts ins Bett, meist allein, mit Brille und Stift. War Schubert glücklich? Fühlte er sich geborgen? Und wenn ja: Wann und wo? Im Himmelpfortgrund? Wenn, dann hier. Vielleicht. Im Schulhaus ds Vaters? Gewiss nicht! Im Konvikt? Nein doch! In der Präpanderie? Im Dienstbotenhaus in Ungarn? Bei seinen Freunden? A gä!

1822 kehrt Schubert aus Ungarn zurück. Doch, die Freunde haben ihm gefehlt. Jetzt sinds wieder beisamm, hurra! Man feiert, ist narrisch. Draußen ist Winter, wie heute, draußen ist´s kalt. Der fesche Schober, ein Dandy vor dem Herrn, ein Weiberheld, der hat die Idee: Schwammerl, woaßt wos? Gegen Kälte hülft Wärme! Und Reibung macht worm! Besonders die in aam fremdn Flaisch. Wannst woaßt, wos i moan. Es dauert kein Jahr, und der Arzt präsentiert ihm die Quittung: Herr Compositör, wüssens wos? Dös üs Süfülüs. Bedaure: Unheilbar, der Herr. Wie lang noch? Jo mai, wü soll ich das wüssn? Fünf Johr oder zehn holdt. Wenns hoch kommt.

Noch ein Jahr später, und er verliert seine Haare. Eine Nebenwirkung der Quecksilberkur, die man ihm verabreicht im Spital. Er trägt jetzt Perücke, mit 25, und er weiß Bescheid. An Kupelwieser, einen der Freunde, schreibt er:

„Mit einem Wort, ich füle mich als den unglücklichsten, elendesten Menschen auf der Welt. Denke Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will, und der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht; denke Dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zunichte geworden sind, dem das Glück der Liebe und Freundschaft nichts bietet als höchstens Schmerz, dem Begeisterung für das Schöne zu schwinden droht, und frage Dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist."

Man weiß viel über Schubert, auch weil er selbst unzählige Briefe, Gedichte und andere Texte geschrieben hat. Aber ob er jemals liebte (und wen, außer der Mutter), weiß man nicht. Er ist keiner, der gern über sich spricht. Keiner, der sein Inneres nach außen kehrt, selbst in der Musik nicht — wenn auch wohl hier noch am deutlichsten. Man muss schon aus dem Schweigen Schlüsse ziehen. Aus den Pausen voll verschlingender Schwärze. Aus dem nicht Gesagten. Den Tönen zwischen den Zeilen. Den Zwischentönen, die man mehr fühlt, als dass man sie wirklich verstünde. Oder ist es --- der TONFALL, der uns mehr sagt als alle Buchstaben, als alle Noten?

Belegt ist, dass Schubert von Ehe nichts hielt, „Unglücklich zu werden, braucht es nicht der Vermählung". Belegt ist darüber hinaus, dass er jegliche Verbindung mit anderen Menschen skeptisch einschätzte. Doch wie ist diese Skepsis entstanden? Woraus das Ausbleiben einer längeren Bindung? Das Fehlen fester Partner? Handelt es sich um Unstetigkeit, um Furcht vor, um Flucht aus der Verantwortung?

Oder handelt er im Gegenteil besonders verantwortungsvoll, wenn er davon absieht, sich selbst — und seine Defekte — irgendjemandem anzutun? Jemanden anzutun, den er liebt? Etwa eben aus Liebe, aus Rücksicht?`Wie groß wäre dann die Qual, das Streben nach einem Miteinander zu spüren und es nicht ausleben zu wagen! Wozu überhaupt noch zusammen sein? „ICH KANN ES NICHT HINDERN/ ICH SEHNE MICH/ NACH EINEM MENSCHEN, DER ZU MIR GEHÖRT", wird später eine Eva Strittmatter dichten, „ICH SEHNE UND SEHNE MICH BITTERLICH", auch sie ein Winterkind.

Schubert aber vermerkt in seinem Tagebuch: „Keiner, der den Schmerz des andern, und keiner, der die Freude des andern versteht! Man glaubt immer, zueinander zu gehen, und man geht immer nur nebeneinander." Das sind die Worte von einem, der die Bitternis des Sehnens nicht an sich heranlassen will, der sie sublimiert, sie sublimieren muss: in Musik, im DICHTEN, wie auch sonst — wo er doch eine andere Wahl nicht hat, nicht sieht.

Man schreibt das Jahr 1824, und da ist die Verzweiflung, in die ihn die Diagnose der Ärzte stürzte, fast schon vorüber. Schubert schmiedet wieder Pläne, dichtet, reist nach Ungarn zu zweiten Mal, kehrt zurück, dichten, wohnt da und dort, die alte Wanderer-Sucht. Eine Oper will er schreiben, mit der der Durchbruch gelingt. Einen Verleger will er finden, mit dem er besser verdient. Er arbeitet hart, kämpft an ständig gegen Kopfschmerzattacken, Schwindel und Übelkeit, gegen Krankheit und Medikamente, schont sich nicht.

Die Lieder laufen gut. Befeuert durch die Interpretationen des angesagten Sängers Vogl, werden Schuberts Lieder wohlwollend rezensiert und zunehmend aufgeführt. 1823 wird ihm die Ehrenmitgliedschaft der Grazer und Linzer Musikvereine verliehen, 1825 beruft man ihn, immerhin, zum Ersatzmann in die Repräsentanz der Gesellschaft der Musikfreunde, ohne die in Wiens Musikleben nichts geht. Obwohl Schubert sich dem Hof und dessen Kreisen nie andient, obwohl er es ablehnt, seinen Kompositionsstil zu andern, und obwohl er zuweilen verwahrlost auftritt — Wert auf sein Äußeres hat er nie gelegt und die Leute tuscheln sowieso schon Über seine Krankheit, „die unsägliche" — trotz alledem scheint es, als sei sein Aufstieg unaufhaltsam.

Welche Bedeutung Schubert seinerzeit zukam, lässst sich ablesen besonders am Rang der Interpreten, die sich seiner Werke annahmen.
Deren berühmtester war gewiss der Geiger und Dirigent Ignaz Schuppanzigh. Dessen Quartettabende wurden von der Wiener Creme de la Creme goutiert, sie waren ein MUSS. Und DER hob Schuberts a-Moll-Quartett, die Klaviertrios B- und Es-Dur und das Oktett aus der Taufe!

Nicht minder renommiert waren der böhmische Geigenvirtuose Josef Slavjk und der aus Prag stammende Pianist Karl Maria Bocklet, ein weithin gerühmter Beethoven-Interpret. Gemeinsam brachten diese beiden im Salon des Verlegers Domenico Artaria Anfang 1827 Schuberts RONDO BRILLANT zur ersten Aufführung.

Dass hier zwei Meisterinterpreten tätig wurden, war aber auch erforderlich. Denn dieses RONDO, das wir zum Ende des gleich folgenden zweiten Teils hören werden, hat es gewaltig in sich! Ein Virtuosenstückchen sondergleichen, setzt es sich über alle Hörgewohnheiten der Zeit frech hinweg und nasführt und foppt Spieler wie Hörer ein ums andere Mal. Wanderer? Jo mei, gwandert wird aa, aber wü aufgdreht, wü in der Zentrüfugn, und genau in dem Moment, in dem man der Endlosigkeit dieses Zentrüfugenwahnsinns sich zu ergeben beg|,

Drei Jahre ist Schubert schon krank, doch wie leicht ist die Musik, die er hier schreibt! Hört sich so das Pfeifen im Wald an? Oder ist das Aufbegehr, ein wildes Aufbäumen?! Wieder und Wieder? Ein Rondo zeichnet sich aus durch die Wiederkehr des Ritornells oder Refrains, und genau in diesem Moment|

Als der berühmte Violinist und Dirigent Oscar Shumsky, damals als Professor an der Juillard School of New York, der jungen Geigerin Ida Bieler die Aufgabe für ihr Examens-Konzert bekanntgab|

genau in diesem Moment

als er „Schubert: RONDO BRILLANT" sagte, und er merkte, wie blass sie wurde,

genau in diesem Moment

beeilte er sich, um Entschuldigung zu ersuchen: Well, I do know, er wisse, das sei ziemlich gemein, aber andererseits, wenn sie|

genau in diesem Moment

wenn sie dieses. irre. Stück von Schubert spielen könne, dann könne sie alles spielen, ALLES!


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Schubert zu spielen, meine Damen und Herren, ist immer auch ein Lackmus-Test auf die Intelligenz der Interpreten. Hausmusizierer scheitern an Schuberts Musik ebenso oft und ebenso grandios wie hochbepreiste Profis. Denken Sie nur daran, wie Martin Stadfeld Schubert versteht. Oder mangels emotionaler Kompetenz eben nicht.

Es gibt Musiker, die zerfließen bei Schuberts Moll in Rührung und Larmoyanz, und wenn das Tongeschlecht danach sich zum Dur hinwendet, hüpfen sie munter wie beim Heurigen. Ihr Ländler im Scherzo stampft wie zwei Pfingstochsen, und beim Andante tropft ihnen der Kitsch aus den Saiten. Nichts kapiert, mit Verlaub: Überhaupt nichts.
Das größte Problem aber für diese Schubert-Analphabeten sind die Wiederholungen. „Aah dieser Schubert", stöhnen sie schon vorher, „dass der seine Themen immer so auswalzen muss!". Und dann spielen sie eine Kette geklonter Phrasen, die klingt wie Glasperlen-Geklirre, oder noch schlimmer: Sie lassen was weg, sie kürzen.

Dabei stellt die Wiederholung ein Wesenscharakteristikum von Schuberts Musik dar. Sie, die stete Rückkehr zu einem Motiv, die Treue zu einem bestimmten Gedanken, das behutsame, weiche Kreiseln drei Schritte zurück, während es doch eigentlich einen weiter gehen soll und voran, diese nachgiebige Näherung, sie zieht die Grenze etwa zu Beethoven, der mit heroischen Elan stur vorwärts stürmt und zackig die Füße hochwirft und dabei mit Themen nur so um sich schmeißt wie Napoleon-Soldaten mit ihren Schrapnellen. Man hat hier „das Feminine" in Schuberts Musik festmachen wollen, das „Weiche". Weich? Viel mehr ist es das Zögernde, Zweifelnde, das Fragende -- von einem, der immer wieder hinter sich tritt, der zu klug, zu ent-täuscht ist, sich seiner selbst gewiss sein zu können.

Was meint eigentlich „Wiederholung"? Wenn uns das Gehirn ein Deja-vu-Erlebnis vorgaukelt und wir es anschließend als solches zu entlarven verstehen, lernen wir: Dass es ein und das selbe eben nicht zweimal gibt. Dass das, was wir „Wiederholung" nennen, nur eine Chimäre des Geistes war. Kierkegaard hat darauf hingewiesen, dass „Erinnerung und Wiederholung dieselbe Bewegung sind, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, während die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert."

Kluge Musiker geben Schuberts Wiederholungen denn auch nicht als Folgen geklonter Klänge, sondern gestalten sie mit feinem Empfinden, auf einem schmalen Grat zwischen Zitat und Antizipation, mit Blick auf ein Ziel oder dessen Verfehlung. Sie wissen, dass Wiederholung, sinnhaft akzentuiert, Spannung aufbaut (-- Wo und wie geht es weiter? ?), dass sie Aufmerksamkeit lenkt --- und zugleich das Vergangene erleuchtet, verklärend zumeist, oder verstörend, jedenfalls in dialektischem Kontrast.

Auch ein weiteres Faszinosum von Schuberts Wiederholungen wird von ihnen erspürt und genutzt: die Weitschweifigkeit, innerhalb derer die Motive zu kreiseln beginnen, ohne einen wirklichen Ausweg zu finden, die Qual des Anrennens gegen verschlossene Türen, das Einrennen von Ausgängen, die keine sind. Und so variieren sie ihr Spiel ein ums andere Mal: steigern, senken den Druck, erhöhen, reduzieren die Schlagzahl, schattieren, erhellen die Farbe. Und hauchen so dem scheinbar Einfachen Komplexität ein, den Geschmack von Bittersalz auf der Lippe und Schuberts Atem.

Nein, einfach ist das nicht. Warum rührt uns Schuberts Musik so an? Weil er so oft verloren hat? Weil er so viel Leid gesehen hat schon als Kind? Weil er so früh dem Tod ins Maul schauen musste? Könnte einer, der mit dem Tod nicht auf „Du" steht, uns derart erreichen, bewegen?

„Ein Rätsel, das Schubert heißt", schreibt Elfriede Jellinek, „Ein Rätsel, das uns aufgegeben wird, indem einer sich selbst aufgegeben hat, und wir stehen jedenfalls nicht auf dem Adressaufkleber. (...) Der Hörer wird sozusagen verschlungen von dem Schubert'schen Vakuum, das die Töne immer wieder umkreisen, und das ihn, als die nichtsgewisseste Musik, die ich kenne, danach zwar immer wieder hergibt, ihn aber für Bruchteile von Sekunden, da die Zeit, relativ, rückwärts gelaufen ist, mit dieser Zeitpeitsche aus Klang zerbrochen und sich für immer entfremdet hat, ohne dass er es gemerkt hätte.

Je mehr das Thema also angefragt und angespielt ist, umso weniger ist es sich oder gar seinem Erzeuger nähergekommen. Und das führt in den Bereich aller Dinge und wie sie einem begegnen. Zuerst wird etwas gezeigt, dann begegnet es uns, um uns, inmitten des Gezeigten, als Subjekte konstituieren zu können, ohne dass wir zuvor wüssten, wer oder was wir überhaupt sind. (....)"

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Schubert, meine Damen und Herren, ist gefallen, als er 31 war. Vermutlich ist sein geschwächter Organismus vor einer Salmonellen-Mahlzeit kapituliert und dem Bauchtyphus, typhus abdominalis, erlegen, innerhalb von zwölf Novembertagen war es vollbracht. Noch auf dem letzten Bett hat er gedichtet, Korrekturen an der „Winterreise".

Zu Beginn jenes Jahres, am 20. Januar 1828, haben Bocklet und Slavjk seine große Fantasie für Violine und Klavier uraufgeführt, das letzte seiner Werke für diese Besetzung, das heute den Abend beschließt. Sie fiel durch seinerzeit, keiner hat sie verstanden, zu ungewöhnlich die Länge, die Struktur, die Harmonik.

Dabei strahlt diese Fantasie doch in einem so versöhnlich verklärenden Licht, das alles mit seinem Schimmer belegt: alles Suchen und Irren, das Anrennen, das Kreisen, das Sehnen, das Singen im Wald. Schubert spricht wieder mit sich in goldkupfer Tönen, „Sei mir gegrüßt" fällt ihm ein, ein Lied aus dem Schicksalsjahr 1822, ein Lied über eine Liebe, die nicht werden wollte, „O Du Entrissne mir":

O du Entrissne mir und meinem Kusse,
Sei mir gegrüßt, sei mir geküsst!
Erreichbar nur meinem Sehnsuchtsgruße,
Sei mir gegrüßt, sei mir geküsst!

alles drängt zur Umarmung, zuckt wieder zurück, wieder und wieder und wütet und weint, will es wissen und dann doch wieder nicht. Und wir stehen daneben und hören ihm zu

Zum Trotz der Ferne, die sich, feindlich trennend,
Hat zwischen mich und dich gestellt;
Dem Neid der Schicksalsmächte zu Verdrusse
Sei mir gegrüßt, sei mir geküsst!

hören ihm zu und schauen uns an und wollen ihm helfen, ihn zärtlich aufrichten und wissen ja, wir können es nicht und würden am liebsten mitweinen.

Warum rührt Schubert uns an? Einfach ist das nicht.

Eine der schönsten Antworten, die jemals gegeben wurden, liegt auf halber Strecke zwischen Schubert und uns, 1928 hat Theodor W. Adorno sie so formuliert:

"Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen: so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es verspricht."

(Aus der Einführung zum Konzert von Ida Bieler und Nina Tichman im Dezember 2009 in der Konzertkirche Warfleth "Sämtliche Werke von Franz Schubert für Violine und Klavier")

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Wilhelm Müller (1794-1827)

Liebesgedanken


Je höher die Glocke,
Je heller der Klang:
Je ferner das Mädchen
Je lieber der Gang.

Der Frühling will kommen,
O Frühling, meine Freud'!
Nun mach' ich meine Schuhe
Zum Wandern bereit.

Wohlauf durch die Wälder,
Wo die Nachtigall singt!
Wohlauf durch die Berge,
Wo's Gemsböcklein springt!

Zwei schneeweisse Täubchen,
Die fliegen voraus,
Und setzen sich schnäbelnd
Auf der Hirtin ihr Haus.

Ei bist du schon munter,
Und bist schon so blank?
Gott grüss dich, schön's Mägdlein!
Ach, der Winter war lang !

Zwei Augen wie Kirschkern',
Die Zähne schneeweiss,
Die Wangen wie Röslein
Betracht' ich mit Fleiss.

Ein Mieder von Scharlach,
Ganz funkelnagelneu,
Und unter dem Mieder
Ein Herzchen so treu !

Und ihr Lippen, ihr Lippen,
Wie preis' ich denn euch?
So wie ich will sprechen,
So küsst ihr mich gleich !

Ei Winter, ei Winter
Bist immer noch hier?
So darf ich doch wandern
In Gedanken zu ihr.

Auf Siebenmeilenstiefeln
Geht's flink von der Stell';
Auf Liebesgedanken
Geht's siebenmal so schnell.



Schlaglicht Oktober/ November 2012


Aus Anlass des 80. Geburtstags von Charlotte Knobloch am 29. Oktober — oder: Die gnadenlosen Gedenker von Wildeshausen

 

Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, aktuelle Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern,Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC) und des Jüdischen Weltkongresses (WJC), entging der Shoa, weil eine ehemalige Hausangestellte der Eltern sie als uneheliche Tochter ausgegeben und in einer katholischen Bauersfamilie untergebracht hatte. Ihre eigene Großmutter Albertine Neuland, bei der sie aufgewachsen war, wurde in Auschwitz ermordet. Ihr - mittlerweile verstorbener - Mann Samuel Knobloch war Überlebender des Krakauer Ghettos.

 

Den Worten eines Menschen mit dieser Vita sollte das Gewicht zugebilligt werden, das ihnen gebührt. Das gebieten nicht nur Anstand und Respekt, das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Nun hat Charlotte Knobloch sich wiederholt ablehnend zu dem "Stolpersteine"-Projekt geäußert und dadurch teils heftige Kritik auch aus dem innerjüdischen Diskurs evoziert. Die Befürworter verweisen etwa auf die unmontröse Intimität jener Art des Gedenkens, die besondere Wirkung, nämlich die der Anonymisierung und dem Vergessen angeblich entgegenwirkende Nennung des Namens und auf den Vorteil, "Stolpersteine" auch dort zu platzieren, wo Hauseigentümer sich gegen Gedenktafeln sperrten, nämlich im öffentlichen Straßenraum. Früher seien Juden mit Stiefeln getreten worden, hält Knobloch dem entgegen, nun werde mit Füßen auf ihrem Namen herumgetreten; so werde das Gedenken an die Opfer geschändet und beschmutzt. Für sie sei das unerträglich. Lässt sich dieser Einwand abtun, zum Beispiel mit der nassforschen Replik, darauf müsse einer erst mal kommen? Oder muss man dergleichen ernst nehmen?

 

Man muss. Denn die Berechtigung des Einwands drängt sich — auch jenseits von Knoblochs Vita — bei unvoreingenommener Betrachtung jedem um Neutralität Bemühten zwanglos auf: Natürlich wird über ein in den Straßen-Boden eingelassenes Namensschild nicht nur achtlos hinweg getrampelt (was in diesem Zusammenhang schon übel genug ist), wie sehr es auch funkle und blitze. Natürlich lädt es entsprechend Gesinnte überdies dazu ein, es bewusst in verächtlicher Manier zu treten, es zu bespucken, es zu besudeln. Diese Szenarien sind vorstellbar nicht etwa nur als fernliegende Vision; angesichts des allerorten virulenten braunen Bodensatzes drängen sie sich auf als ohne weiteres denkbare Konstellation, als reale Gefahr (— der gegenüber eine Erwiderung wie die, um den Namen lesen zu können, müsse man sich doch verbeugen, den ihr, vermutlich ungewollt, innewohnenden Hohn kaum verbergen kann: Denn auch wer den Stein bespuckt, beugt den Nacken.) Man stelle sich vor, der eigene Großvater sei, sagen wir:, als aufrechter Sozialdemokrat im KZ ermordet worden, und nun solle sein Name, einem "Stolperstein" eingraviert, Bestandteil eines Straßenpflasters werden. Würden Sie das wollen? Ich nicht. Ich denke an das, was auf unseren Straßen tagtäglich möglich ist, ich denke an Bier, das verschüttet, an Urin, der abgeschlagen wird, ich denke an leichtfertig dahinlatschende Sneakers und an grobstollige Springerstiefel.

 

Gewiss: Gedenken ist Tätersache. Keiner kann die Täter und deren Nachkommen von ihrer Last entbinden, selbst um ein würdiges Erinnern zu ringen, keiner ihnen die Formen und Weisen des Erinnerns vorschreiben. Wobei die Freiheit unseres Staates auch jedermanns Freiheit umfasst, nach Kräften Falsches zu tun. Dennoch sollten wir, die wir auf Seiten der Täter stehen, uns darum bemühen, aus der Geschichte und aus unseren Fehlern, auch aus den Fehlern unserer Erinnerungskultur, zu lernen, anstatt sie beharrlich zu konservieren und, bessere Erkenntnis hin oder her, weiter zu pflegen. Dass unsere Gesellschaft drei Generationen nach Hitler gegen dessen Gedankengut noch immer nicht immun ist, dass alltäglicher Antisemitismus und Ausgrenzung vermehrt Platz greifen, dass selbst Wohlmeinende Gut und Schlecht nicht auseinanderzuhalten vermögen, ist, darüber besteht unter wachen Historikern und Politikern Konsens, nicht zuletzt eine Folge einer schon im Ansatz verfehlten Erinnerungskultur, einer Un-Kultur, die ästhetisiert, materialisiert und abhakt, was die Köpfe und die Herzen lebendig bewegen sollte. Woran es mangelt, was es künftig zu befördern gilt, sind nachhaltige Konzepte, die aktives Erinnern und Emotionalität, Gedenken und Gefühl verknüpfen. Heute weiß man um die Nutzlosigkeit einer materialisierenden Erinnerungsarbeit. Ob Stelenfeld, ob Gedenkmal, ob "Stolperstein": Gedenken in Stahl und Stein zu gießen, es starr irgendwo hin- und auszustellen, anheimgegeben dem täglichen Trott der Gewöhnung, mag denen, die es nötig haben, dazu verhelfen, sich angesichts ihres "schönen", "gelungenen" Denkmals gegenseitig in wohligem Bewusstsein auf die Schulter zu klopfen; einer wirklichen, aktiven Auseinandersetzung mit dem zugrundeliegenden Anlass, einer adaptiven Durchdringung der Schuld der Väter dient es nicht. Erinnerung heute funktioniert anders: Ihr Ein und Alles, Basis und Richtschnur, istEmpathie, die Bereitschaft, sich in andere hineinzuversetzen, getragen von Herz und Hirn, und sie verlangt stetige tätige Auseinandersetzung des ganzen Menschen, auch und gerade in seiner Emotionalität. 

 

Befürworter der "Stolpersteine" verweisen gern auf die hohe Zahl bereits verlegter Steine. Damit mögen sie schlichte Gemüter beeindrucken (— probate Gegenfrage: Und an wievielen Orten liegen keine Stolpersteine?! —). Andere sehen gerade in der hohen Zahl einen Beleg für die Zielverfehlung der "Aktion". Denn die dreht längst im Leerlauf, sie bewegt nichts mehr außer sich selbst, ihre Protagonisten und eine Schar beseelter Aktivisten, die die Gestrigkeit ihres Unterfangens noch nicht erkannt haben. Der Erfolg des Stolperstein-Gedenkens ist zugleich sein Untergang; die industriemäßige Durchführung der x-hunderttausend Verlegungen, ihre Inflationierung hat zu Abstumpfung und Gewöhnung geführt, nicht zu Auseinandersetzung. Wäre es den "Stolperstein"-Fans ernst mit ihrem Anliegen, Menschen für das Unrecht der Nazis sensibilisieren zu wollen, hätten sie ihre Aktion schon lange einstellen müssen, anstatt sie zum inhaltsleer konfektionierten 30-Minuten-Event verkommen zu lassen. Meinten sie es ehrlich mit dem Demut vor den Opfern, den sie auf wedelnder Flagge vor sich her tragen, hätten sie ihre Aktion ebenfalls längst einstellen müssen, spätestens aber zu dem Zeitpunkt, als sie gewahr wurden, dass es auf Opferseite Menschen gibt, die diese Art des Gedenkens nicht ertragen können — Menschen wie Charlotte Knobloch, deren Innerstes sich aufbäumt, aufbäumen muss bei der Vorstellung, dass der Namen Schicksalsverwandter im Dreck der Straße niedergetrampelt wird.

 

Wie gesagt: Gedenken ist Tätersache. Gerade auf Täterseite aber ziemt sich ein einfühlsam empfindsamer Umgang mit den Befindlichkeiten auf der Seite der Opfer. Von daher begründet schon die bloße Möglichkeit, dass Menschen aus dem Kreise der Opfergemeinschaft sich verletzt, beschmutzt, beleidigt fühlen könnten, eine Schwelle, die nicht überschritten darf. Warum nicht? Ein Blick aufs juristische Denken mag hilfreich sein. Dieses kennt das Konstrukt des "bedingten Vorsatzes". Wer etwas tut und dabei den Eintritt eines Unrechtserfolges billigend in Kauf nimmt, macht sich des Unrechts ebenso schuldig wie der, der es direkt, vorsätzlich, anstrebt. Wer bei einer Verkehrskontrolle auf einen Polizisten zufährt, der sich ihm in den Weg stellt, und dabei in Kauf nimmt, den Polizisten zu überfahren, ist also, wenn es soweit kommt, der Tötung schuldig. In gleicher Weise macht sich der, der um die Emfindsamkeiten einzelner Opfer weiß, sich aber billigend darüber hinwegsetzt, der seelischen Verletzung der Opfer schuldig. Er weiß, was er bei ihnen anrichten könnte und tut es trotzdem. Eben das ist die Situation des bedingten Vorsatzes: das Sich-Hinwegsetzen über offenbare Bedenken, die einem Moral und Anstand gebieten. (Und die deshalb, nebenbei, nicht quantifizierbar sind. Der Fahrer, der sich der Kontrolle entzehen will, kann sich nicht darauf berufen, tausend andere hätten genauso gehandelt; ihm wird die Erkenntnis der moralischen Verpflichtung abverlangt, einen absoluten Wert, nämlich den eines Menschenlebens, zu achten. Wer "Stolpersteine" verlegen will, kann sich nicht darauf berufen, eine Mehrheit im Rat oder in der Bevölkerung wolle das auch; er muss sich orientieren allein an dem Respekt, den es der Empfindsamkeit einzelner Opfer zu erweisen gilt.)

 

Eine Quantitäts-Argumentation verbietet sich im übrigen auch beim Blick auf tatsächlich oder möglicherweise von "Stolpersteinen" Betroffene. Wie zynisch kann es doch wirken, mit dem Verlegen der "Trampelsteine" durchstarten zu wollen, sobald die Suche nach Nachfahren der ermordeten Namensträger als ergebnislos vermeldet werden kann — "Alle ausgelöscht (Was bei Untersuchung der Verwandtschaftsgrade höherer Ordnungen, respektive bei Einschaltung kundigerer Erkenntnisquellen, ggf. von Opferverbänden, spezialisierten jüdischen Organisationen usw. ohnehin leicht zu widerlegen wäre —), "Alle ausgelöscht, hurra, jetzt gehts los"! Entscheidend ist nicht die konkrete Anzahl von ermittelbaren oder nicht mehr ermittelbaren zustimmenden oder ablehnenden Nachfahren der Namensträger. Entscheidend ist allein, dass es Menschen wie Charlotte Knobloch gibt. Entscheidend ist, dass wir wissen, dass diese Menschen sich durch "Stolpersteine" gekränkt fühlen, entscheidend ist, dass wir bereit sind, dem Rechnung tragen. Empathie, Sensibiltät und Einfühlungsvermögen sind allemal wertvoller als die Beteiligung an noch so beliebten, schillernden, schicken Modeaktionen.

 

Wenn dieser Tage die Presse im beschaulichen Wildeshausen markig zum Verlege-Vollzug bläst und so dazu aufruft, sich über Charlotte Knoblochs Einwände hinwegzusetzen, wohl wissend, dass es in der Stadt Schicksalsverwandte von ihr gibt, die nämliche Einwände ausdrücklich teilen, treibt einem das die Schamesröte ins Gesicht. Dokumentieren will man, dass in Wildeshausen Menschen gelebt haben, die vom Nazi-Regime gequält oder ermordet wurden? Erinnerung verorten, lebendig erhalten? Wie wäre es dann beispielsweise mit alle Schulen und den Rat umfassenden Veranstaltungen etwa zu den Novemberpogromen, aus Anlass der Kapitulation des deutschen Reiches oder, besser vielleicht, zum Jüdischen Neujahrsfest? Veranstaltungen, in die Vorträge über das Leben der Ermordeten nahtlos einbezogen werden könnten? Wie wäre es mit Tagen der Jüdischen Kultur? Mit Einladungen an deutsche, russische, amerikanische, israelische Juden? Gemeinschaftsprojekten mit israelischen Kommunen? Oder oder oder, die Möglichkeiten eines zukunftszugewandten nachhaltigen Erinnerns sind grenzenlos, sie fordern Herz und Fantasie. Wenn dann immer noch jemand meinen sollte, sein Geld unbedingt für Messingtäfelchen ausgeben zu müssen, kann er sie ja an oder vor den Pfosten, die die jeweiligen Straßenschilder tragen, anbringen, auf Augenhöhe; da kann keiner auf ihnen herumtrampeln.

 

Ein letztes Mal: Gedenken ist Tätersache. Die Opfer und ihre Nachfahren haben kein klagbares Recht, sich gegen bestimmte Formen des Gedenkens zu wehren. Was den Tätern und ihren Nachfahren als Anstand und Respekt, Empathie und Einfühlung Schranken aufzeigt, aufzeigen sollte, die es nicht zu übertreten gilt, stellt sich ihnen, den Opfern, insofern dar als Akt der Gnade, das herz- und gedankenlose Darüberhinwegsetzen indes als Akt (erneuter!) Gnadenlosigkeit.




 

Schlaglicht September/Oktober 2012

 

Schicksalsmonat September: Überfall auf Polen, Geburts- und Todestag von Otto Wels

 

Am 1. September 1939 überfiel das Deutsche Reich mit seiner Wehrmacht ohne Kriegserklärung den kleinen Nachbarn Polen. Hitler hatte zuvor durch die SS einen Überfall auf den Sender Gleiwitz inszenieren lassen, schwadronierte von "Verteidigung" und verkündete im Berliner Reichstag, "Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!" Damit begann der Krieg, der fast sechzig Millionen Menschen tötete.

 

Das deutsche Volk hatte dem mit den Märzwahlen 1933 den Weg bereitet. An der auf die Wahlen folgenden Sitzung des Reichtages am 23. März, der letzten freien, konnten die 81 neu gewählten Abgeordneten der KPD schon nicht mehr teilnehmen, da inhaftiert oder untergetaucht. Auch von der SPD-Fraktion fehlten 26 verhaftete und verfolgte Abgeordnete. Zur Abstimmung stand das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich", das sogenannten "Ermächtigungsgesetz", durch das sich die Regierung ermächtigen lassen wollte, ohne Zustimmung des Reichstags und ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten Gesetze zu erlassen. Die nach der Weimarer Verfassung hierzu erforderliche Zweidrittelmehrheit wurde dank der Zustimmung von NSDAP, Deutschnationaler Volkspartei sowie Zentrum, Bayerischer Volkspartei und Deutscher Staatspartei erreicht. Lediglich die Fraktion der Sozialdemokraten sprach sich einstimmig gegen das Gesetz aus. Der damalige SPD-Vorsiteznde und Abgeordnete Otto Wels begründete die Ablehnung mit einer mutigen Rede.

 

Wels, Sohn eines Gastwirts, hatte Tapezierer gelernt und als Tapezierer gearbeitet. Seit dem 33. Lebensjahr engagierte er sich für eine hauptamtliche Parteikarriere, zunächst als Gewerkschaftler, dann über den "Vorwärts". Er war Reichstagsabgeordneter im Kaiserreich von 1912 bis 1918, in der Weimarer Republik von 1919 bis 1933. Ganz staatstragender Parteisoldat, hatte er in seiner Funktion als Stadtkommandamt von Berlin am 6. Dezember 1918 den Befehl erteilt, das Feuer auf Demonstranten zu eröffnen; 16 Menschenleben waren zu beklagen und er selbst wurde im Zuge der Wirren von meuternden Matrosen gefangen genommen und misshandelt.

 

Wels positionierte sich früh und entschieden gegen die Nazis. Wenige Monate nach der Reichtags-Rede, im August 1933, aberkannte die Regierung mit ihrer ersten Ausbürgerungsliste ihm die deutsche Staatsangehörigkeit. Wels emigrierte zunächst nach Prag, um dort die Exilorganisation der SPD aufzubauen, und floh dann nach Paris. Dort starb er am 16. September 1939, wenige Tage nach Hitlers Kriegserklärung an Polen.

 

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aus der Reichtagsrede von Otto Wels am 23. März 1933

 

Gewiß, die Gegner wollen uns an die Ehre, daran ist kein Zweifel. Aber daß dieser Versuch der Ehrabschneidung einmal auf die Urheber selbst zurückfallen wird, da es nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welttragödie zugrunde geht, das ist unser Glaube bis zum letzten Atemzug."
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. – Zuruf von den Nationalsozialisten: Wer hat das gesagt?)
Das steht in einer Erklärung, die eine sozialdemokratisch geführte Regierung damals im Namen des deutschen Volkes vor der ganzen Welt abgegeben hat, vier Stunden bevor der Waffenstillstand abgelaufen war, um den Weitervormarsch der Feinde zu verhindern. – Zu dem Ausspruch des Herrn Reichskanzlers bildet jene Erklärung eine wertvolle Ergänzung. Aus einem Gewaltfrieden kommt kein Segen;
(sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
im Innern erst recht nicht.
(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Eine wirkliche Volksgemeinschaft läßt sich auf ihn nicht gründen. Ihre erste Voraussetzung ist gleiches Recht. Mag sich die Regierung gegen rohe Ausschreitungen der Polemik schützen, mag sie Aufforderungen zu Gewalttaten und Gewalttaten selbst mit Strenge verhindern. Das mag geschehen, wenn es nach allen Seiten gleichmäßig und unparteiisch geschieht, und wenn man es unterläßt, besiegte Gegner zu behandeln, als seien sie vogelfrei.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.
(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, daß sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht,
(sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muß sich umso schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt.
Meine Damen und Herren! Die Zustände, die heute in Deutschland herrschen, werden vielfach in krassen Farben geschildert. Wie immer in solchen Fällen fehlt es auch nicht an Übertreibungen. Was meine Partei betrifft, so erkläre ich hier: wir haben weder in Paris um Intervention gebeten, noch Millionen nach Prag verschoben, noch übertriebene Nachrichten ins Ausland gebracht.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Solchen Übertreibungen entgegenzutreten wäre leichter, wenn im Inlande eine Berichterstattung möglich wäre, die Wahres vom Falschen scheidet.
(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Noch besser wäre es, wenn wir mit gutem Gewissen bezeugen könnten, daß die volle Rechtssicherheit für alle wiederhergestellt sei.
(Erneute lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Das, meine Herren, liegt bei Ihnen. Die Herren von der Nationalsozialistischen Partei nennen die von ihnen entfesselte Bewegung eine nationale Revolution, nicht eine nationalsozialistische. Das Verhältnis ihrer Revolution zum Sozialismus beschränkt sich bisher auf den Versuch, die sozialdemokratische Bewegung zu vernichten, die seit mehr als zwei Menschenaltern Trägerin sozialistischen Gedankenguts gewesen ist
(Lachen bei den Nationalsozialisten.)
und auch bleiben wird. Wollten die Herren von der Nationalsozialistischen Partei sozialistische Taten verrichten, sie brauchten kein Ermächtigungsgesetz.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Eine erdrückende Mehrheit wäre Ihnen in diesem Hause gewiß. Jeder von Ihnen im Interesse der Arbeiter, der Bauern, der Angestellten, der Beamten oder des Mittelstandes gestellte Antrag könnte auf Annahme rechnen, wenn nicht einstimmig, so doch mit gewaltiger Majorität.
(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten. – Lachen bei den Nationalsozialisten.)
Aber dennoch wollen Sie vorerst den Reichstag ausschalten, um Ihre Revolution fortzusetzen. Zerstörung von Bestehenden ist aber noch keine Revolution. Das Volk erwartet positive Leistungen. Es wartet auf durchgreifende Maßnahmen gegen das furchtbare Wirtschaftselend, das nicht nur in Deutschland, sondern in aller Welt herrscht.
Wir Sozialdemokraten haben in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür mit Steinen beworfen worden.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. – Lachen bei den Nationalsozialisten.)
Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft, für die Befreiung der besetzten Gebiete werden vor der Geschichte bestehen.
(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Wir haben gleiches Recht für alle und ein soziales Arbeitsrecht geschaffen. Wir haben geholfen, ein Deutschland zu schaffen, in dem nicht nur Fürsten und Baronen, sondern auch Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung des Staates offensteht.
(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Davon können Sie nicht zurück, ohne Ihren eigenen Führer preiszugeben.
(Beifall und Händeklatschen bei den Sozialdemokraten.)
Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, daß man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrung nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren.
Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus.
(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen. Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht –
(Lachen bei den Nationalsozialisten. – Bravo! bei den Sozialdemokraten.)
verbürgen eine hellere Zukunft.
(Wiederholter lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten. – Lachen bei den Nationalsozialisten.)

 

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"Es ist nicht alles Komödie in der Welt" -- Zum 181. Geburtsag Wilhelm Raabes (8. September 1831)

 

"Je mehr ihm das Leben entglitt, desto mehr wurde er Dichter" — diese Sentenz aus seinen "Gedanken und Einfällen" taugte wohl als Lebensmotto für einen, der sich nach Schul- und Lehr-Abbruch ganz aufs Schreiben verlegte. Und das erfolgreich: An die 70 Erzählungen, Novellen, Romane, dazu einige Gedichte verfasste der am 8. September 1831 geborene Wilhelm Rabe und wurde damit zu einem der meist gelesenen Autoren seiner Zeit. Besonders "Die Chronik der Sperlingsgasse", seines Romanerstlings, verkaufte sich prächtig, Raabe meinte später: "Für die Schriften meiner ersten Schaffensperiode (...) habe ich „Leser" gefunden, für den Rest nur „Liebhaber".

 

Als Sohn eines Justizbeamten studierte Raabe in Berlin auch ohne Abitur einige Semester Philologie, parallel dazu begann er mit der Arbeit an der "Sperlingsgasse". Bereits in dieser "Chronik" offenbaren sich eine distanziert-kritische Schreibweise, ein offener Blick auf Zeitgeschichte, Krieg und gesellschaftlichen Missstände und eine bei aller Poesie des Ausdrucks pessimistische Grundhaltung. "Es ist nicht alles Komödie in der Welt", wie wahr! Das Auseinanderdriften von Alt und Neu, kleinbürgerlichem Kosmos und Zwängen der Arbeitswelt, Natur und Industrialisierung thematisert Raabe immer wieder. In "Pfisters Mühle" und dem dortigen Ausflugslokal etwa beginnt es irgendwann, übelst zu stinken: die Abwässer einer Zuckerrübenfabrik sind Quell der Gerüche, und es kommt, wie könnte es anders sein, wie es kommen muss: Die Fabrik obsiegt, das Lokal schließt.

 

Rückblickend meinte Raabe: "Wie mich danach unseres Herrgotts Kanzlei, die brave Stadt Magdeburg, davor bewahrte, ein mittelmäßiger Jurist, Schulmeister, Arzt oder gar Pastor zu werden, halte ich für eine Fügung, für welche ich nicht dankbar genug sein kann." Am 15.11.1910 verstarb der Mitbegründer des poetischen Realismus hochangesehen in Braunschweig.

 

aus "Die Chronik der Sperlingsgasse"

 

Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen, krummen, dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt: ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen, mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen sich ein neues Leben in liniengraden, parademäßig aufmarschierten Straßen und Plätzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen, ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt, liebkosend mit der Hand zu berühren. Selbst die Bewohner des ältern Stadtteils scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Völkchen zu sein, als die Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernsts, und der zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergötzlicheren Szenen aneinander als in den vornehmern, aber auch öderen Straßen. Hier gibt es noch die alten Patrizierhäuser – die Geschlechter selbst sind freilich meistens lange dahin –, welche nach einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart oder sonst einem Wahrzeichen unter irgendeiner naiven, merkwürdigen Benennung im Munde des Volks fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und Dachwohnungen. Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender – man möchte sagen dem Ort angemessener – als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffängt, bricht und verändert zurückwirft! –

 

Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort wahrhaft melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit hinwälzt! – Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner, aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler – ein Musiker, das ist freilich eine andere Sache – dürfe nirgend anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo die frischesten, originellsten Schöpfungen in allen Künsten entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer Dachstube! – In einer Dachstube im Wineoffice Court war es, wo Oliver Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der rückständigen Miete eingesperrt, dem Dr. Johnson unter alten Papieren, abgetragenen Röcken, geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes Manuskript hervorsuchte mit der Überschrift: Der Landprediger von Wakefield.
In einer Dachstube schrieb Jean Jacques Rousseau seine glühendsten, erschütterndsten Bücher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels! —
Die Sperlingsgasse ist ein kurzer, enger Durchgang, der die Kronenstraße mit einem Ufer des Flusses verknüpft, welcher in vielen Armen und Kanälen die große Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln.
"In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert sich das Universum in einem Punkt", dozierte einst mein alter Professor der Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekümmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich am Fenster, während ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der Nase, die Augen – nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles liegt ins Unendliche auseinander.
Da stand ich eines schönen Nachmittags, wie gewöhnlich, am Fenster, die Nase gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen Sonnenstrahl, saß meine in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum gegeben, zu wissen, ob sie herüberlächele!
Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch nach meiner kleinen Putzmacherin, und – ich begriff, daß das Universum sich in einem Punkt konzentrieren könne.
So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber und eine Welt von Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, dem einmal diese Blätter in die Hände fallen sollten.

 

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"Grodek" -- Zum Beginn des Ersten Weltkriegs und Georg Trakls Anfang vom Ende vor 98 Jahren (August 1914)

 

Vier Jahre Krieg. Siebzehn Millionen Menschenleben sind zu beklagen, Allmachtfantasien geopfert in grausamen Gemetzeln Mann gegen Mann, in Grabenkampf und Giftgasschwaden. Vierzig Staaten meinten, sich diesem Wahnsinn nicht entziehen zu dürfen, gingen aufeinander los, mittenmang das Deutsche Reich, dessen Kaiser ("Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser") unter dem 31. Juli 1914 den Kriegszustand des gesamten Reichsgebietes verordnet, tags drauf die allgemeine Mobilmachung und Russland den Krieg erklärt. Österreich-Ungarn und Russland, das ist der Frontverlauf zum Hurra-umjubelten Anfang. Klar, dass in Wien ein junger Mann wie der Pharmazie-Magister Georg Trakl (27), von der allgemeinen Euphorie angesteckt, sich freiweillig meldet; man schickt ihn an die nahe galizische Front, als Medikamenten-Beauftragten. In dem Städtchen Grodek (Horodok) nahe Lemberg wird er Zeuge des Schlachtens und Verreckens. Erst erhängt man vor seinen Augen dreizehn "Feinde" an Bäumen. Dann des Blutrauschs zweiter Teil: In der folgenden Schlacht soll er hundert Kameraden versorgen, doch es fehlt ihm an allem, was es bräuchte, Schwerverletzten zu helfen. Trakl kollabiert. Er will sich ermorden, wird daran gehindert. Im November aber wird er tot sein, gestorben an einer Überdosis Kokain.

 

"Grodek" gilt als Trakls letztes Gedicht, verfasst wohl im September 1914. Baudelaire und Rimbaud brachten ihn einst zur Lyrik, die Drogenprobleme der Mutter zu seinem Ernst und seiner Verlassenheit, vielleicht auch zu seiner intensiven Beziehung zu seiner Schwester.

 

 

 

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Grodek

 

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düster hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

 

 

 

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Traum des Bösen

 

Verhallend eines Gongs braungoldne Klänge –
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern
Die Wang' an Flammen, die im Fenster flimmern.
Am Strome blitzen Segel, Masten, Stränge.

 

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern, rote Kittel schimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

 

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

 

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

 

 

 

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Verfall

 

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg' ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

 

Hinwandelnd durch den nachtverschloßnen Garten,
Träum' ich nach ihren helleren Geschicken,
Und fühl' der Stunden Weiser kaum mehr rücken -
So folg' ich über Wolken ihren Fahrten.

 

Da macht ein Hauch mich von Vertall erzittern.
Ein Vogel klagt in den entlaubten Zweigen
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

 

Indess' wie blasser Kinder Todesreigen,

Um dunkle Brunnenränder, die verwittern
Im Wind sich fröstelnd fahle Astern neigen.

 

 

 

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Verlassenheit

 

Nichts unterbricht mehr das Schweigen der Verlassenheit. Über den dunklen, uralten Gipfeln der Bäume ziehn die Wolken hin und spiegeln sich in den grünlich-blauen Wassern des Teiches, der abgründlich scheint. Und unbeweglich, wie in trauervolle Ergebenheit versunken, ruht die Oberfläche - tagein, tagaus.

 

Inmitten des schweigsamen Teiches ragt das Schloß zu den Wolken empor mit spitzen, zerschlissenen Türmen und Dächern. Unkraut wuchert über die schwarzen, geborstenen Mauern, und an den runden, blinden Fenstern prallt das Sonnenlicht ab. In den düsteren, dunklen Höfen fliegen Tauben umher und suchen sich in den Ritzen des Gemäuers ein Versteck.

 

Sie scheinen immer etwas zu befürchten, denn sie fliegen scheu und hastend an den Fenstern hin. Drunten im Hof plätschert die Fontäne leise und fein. Aus bronzener Brunnenschale tränken dann und wann die dürstenden Tauben.

 

Durch die schmalen, verstaubten Gänge des Schlosses streift manchmal ein dumpfer Fieberhauch, daß die Fledermäuse erschreckt aufflattern. Sonst stört nichts die tiefe Ruhe.

 

Die Gemächer aber sind schwarz verstaubt! Hoch und kahl und frostig und voll erstorbener Gegenstände. Durch die blinden Fenster kommt bisweilen ein kleiner, winziger Schein, den das Dunkel wieder aufsaugt. Hier ist die Vergangenheit gestorben.

 

Hier ist sie eines Tages erstarrt in einer einzigen, verzerrten Rose. An ihrer Wesenlosigkeit geht die Zeit achtlos vorüber.

 

Und alles durchdringt das Schweigen der Verlassenheit.

 

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Niemand vermag mehr in den Park einzudringen. Die Äste der Bäume halten sich tausendfach umschlungen, der ganze Park ist nur mehr ein einziges, gigantisches Lebewesen.

 

Und ewige Nacht lastet unter dem riesigen Blätterdach. Und tiefes Schweigen! Und die Luft ist durchtränkt von Vermoderungsdünsten!

 

Manchmal aber erwacht der Park aus schweren Träumen. Dann strömt er ein Erinnern aus an kühle Sternennächte, an tief verborgene heimliche Stellen, da er fiebernde Küsse und Umarmungen belauschte, an Sommernächte, voll glühender Pracht und Herrlichkeit, da der Mond wirre Bilder auf den schwarzen Grund zauberte, an Menschen, die zierlich galant voll rhythmischer Bewegungen unter seinem Blätterdache dahinwandelten, die sich süße, verrückte Worte zuraunten, mit feinem verheißenden Lächeln.

 

Und dann versinkt der Park wieder in seinen Todesschlaf.

 

Auf den Wassern wiegen sich die Schatten von Blutbuchen und Tannen und aus der Tiefe des Teiches kommt ein dumpfes, trauriges Murmeln.

 

Schwäne ziehen durch die glänzenden Fluten, langsam, unbeweglich, starr ihre schlanken Hälse emporrichtend. Sie ziehen dahin! Rund um das erstorbene Schloß! Tagein, tagaus!

 

Bleiche Lilien stehen am Rande des Teiches mitten unter grellfarbigen Gräsern. Und ihre Schatten im Wasser sind bleicher als sie selbst.

 

Und wenn die einen dahinsterben, kommen andere aus der Tiefe. Und sie sind wie kleine, tote Frauenhände.

 

Große Fische umschwimmen neugierig, mit starren, glasigen Augen die bleichen Blumen, und tauchen dann wieder in die Tiefe - lautlos!

 

Und alles durchdringt das Schweigen der Verlassenheit.

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"Seyn unabläßiges Bemühn, der Erde Licht zu seyn" - Zum Geburtstag des "deutschen Sokrates" Moses Mendelssohn am 6. September 1729

 

Philosoph, Religionsgelehrter, Übersetzer, Menschenfreund, Jahrhundertgenie — das alles und viel mehr war Moses Mendelssohn, Vater von Abraham, Großvater von Felix Mendelssohn und Fanny Hensel. Hebräisch, Aramäisch und Jiddisch beherrschte er bereits in seiner Dessauer Zeit als kleines Kind, als Dreizehnjähriger Deutsch, Französich, Englisch, Latein und Griechisch. Früh studierte er den Talmud, früh Philosophen wie Leibniz, Locke und Wolff. Er war mit Lessing befreundet, der ihm mit seinem "Nathan, der Weise" ein literarisches Denkmal setzte, mit Nicolai, Abbt und anderen bedeutenden Denkern seiner Zeit. Als "außerordentlicher Schutzjude" in Preußen gelitten und gesichert, verweigerte ihm Friederich der Große trotz aller Reputation, die er sich erworben hatte, die Berufung zum ordentlichen Mitglied der Königlichen Akademie der Künste.

 

Zuvor, 1763, hatte Mendelssohn, noch vor dem Mitbewerber Immanuel Kant, mit einem philosophischen Aufsatz den ersten Preis der „Königlichen Academie" gewonnen und seinen Ruf als Denker begründet. 1767 veröffentlichte er "Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele", einen philosophischen Text, der in mehreren Auflagen erschien und in zehn Sprachen übersetzt wurde, eingeleitet durch eine Biographie zu „Leben und Charakter des Sokrates". Dadurch erwarb Mendelssohn sich den Beinamen des "deutschen Sokrates", eine Verbeugung nicht nur vor der Schärfe seines Intellekts, seiner Klugheit, sondern zugleich auch vor seiner Wärme und Geradlinigkeit. Johann Wilhelm Ludwig Gleim dichtete:

 

"Mendelssohn

 

Was adelt, was verewigt ihn?
Sein unabläßiges Bemühn
Der Erde Licht zu seyn, und kühn
Die Menschen aus der Nacht der Unvernunft zu ziehn,
Auf seinem Grabe soll die schönste Rose blühn!"

 

Ausgestattet mit tiefem Wissen des jüdischen Denkens und zugleich der weltlichen Philosophien der Vorzeit und der Gegenwart, wurde Mendelssohn selbst zum Aufklärer, vor allem aber zum Begründer der Haskala, der ins Judentum eingebetteten Aufklärung, und zugleich einer das reine Vernunftdenken überwindenden neuen Aufklärung. Mit dem Namen Moses Mendelssohns verbinden sich so wenigstens drei epochale Verdienste: Erstens, dass er dem in Preußen herrschenden Assimilationsdruck widerstand und sich offensiv in einem intellektuellen Diskurs mit Staat, Gesellschaft und der Staatsreligion Christentum auseinandersetzte, wobei er allen Drohungen und Lockungen — man denke an Lavaters "Bekehrungs"-Versuch — (und dies in aller Freundlichkeit und Eleganz) nicht erlag, zweitens, dass er der Öffnung des Judentums in die Mehrheitsgesellschaft hinein und damit verbunden der Trennung von Staat und Religion das Wort redete (und dies durch die Freundschaft mit Christen, durch Kaffeehausgespräche und Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen auch lebte), und drittens, dass er einen die brottrockene Sprache der Beamtenseele Kant weit hinter sich lassenden Stil pflegte, der, fast schon feuilletonistisch, Philosophie lesbarer und populärer machte als alles, was in Deutschland zuvor aufs Papier gebracht worden war.

 

Dass wir nicht aufhören können, uns vor Moses Mendelssohn zu verbeugen, gründet sich aber vor allem darauf, dass er en passant Kant überwand, indem er dem Primat der Aufklärung das Primat der Bildung entgegensetzte: Bildung als lebenslangen Prozess, Bildung als Wissen und Kultur, Kultur auch des Herzens und des Körpers und der Körperlichkeit, der Sinne, der Musen, in Tanz und Musik. Dass Aufklärung nicht alles sein kann, dass Moral dazu kommen muss, um ein richtiges Leben zu leben: Das haben viele noch immer nicht verstanden. Adorno hat darauf hingewiesen — wenn auch nicht in dem umfassenden Sinne, den Mendelssohn entwickelte. Vernunft, Moral und Kultur im umfassenden Sinne: Es lohnt sich bis heute, von Moses Mendelssohn zu lernen.

 

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aus "Phädon oder Über die Unsterblichkeit der Seele"

 

Damals stand in Griechenland, wie zu allen Zeiten bey dem Pöbel, die Art von Gelehrten in großem Ansehen, die sich bemühen, eingewurzelte Vorurtheile und verjährten Aberglauben durch allerhand Scheingründe und Spitzfindigkeiten zu begünstigen. Sie gaben sich den Ehrennamen Sophisten, den ihre Aufführung in einen Ekelnamen verwandelte. Sie besorgten die Erziehung der Jugend, und unterrichteten auf öffentlichen Schulen so wohl, als in Privathäusern, in Künsten, Wissenschaften, Sittenlehre und Religion, mit allgemeinem Beyfalle. Sie wußten, daß in demokratischen Regierungsverfassungen die Beredsamkeit über alles geschätzt wird, daß ein freyer Mann gerne von Politik schwatzen höret, und daß die Wissensbegierde schaaler Köpfe am liebsten durch Mährchen befriediget seyn will: daher unterließen sie niemals, in ihrem Vortrage gleißende Beredsamkeit, falsche Politik und ungereimte Fabeln so künstlich durcheinanderzuflechten, daß das Volk sie mit Verwunderung anhörte und mit Verschwendung belohnte. Mit der Priesterschaft standen sie in gutem Vernehmen; denn sie hatten beiderseits die weise Maxime: leben und leben lassen. Wenn die Tyranney der Heuchler den freyen Geist der Menschen nicht länger unter dem Joche halten konnte: so waren jene Scheinfreunde der Wahrheit bestellt, ihn auf falsche Wege zu verleiten, die natürlichen Begriffe durcheinander zu werfen, und allen Unterschied zwischen Wahrheit und Irrthum, Recht und Unrecht, Gutem und Bösem, durch blendende Trugschlüsse aufzuheben. In der Theorie war ihr Hauptgrundsatz: Man kann alles beweisen und alles wiederlegen, und in der Ausübung: Man muß von der Thorheit anderer, und seiner eigenen Ueberlegenheit, so viel Vortheil ziehen, als man nur kann. Diese letztere Maxime hielten sie zwar, wie leicht zu erachten, vor dem Volke geheim, und vertrauten dieselbe nur ihren Lieblingen, die an ihrem Gewerbe Theil nehmen sollten; allein die Moral, die sie öffentlich lehrten, war nichts destoweniger für das Herz der Menschen eben so verderblich, als ihre Politik für die Rechte, Freyheit und Glückseligkeit des menschlichen Geschlechts.
Da sie listig genug waren, das herrschende Religionssystem mit ihrem Interesse zu verwickeln: so gehörte nicht nur Entschlossenheit und Heldenmuth dazu, ihren Betrügereyen Einhalt zu thun, sondern ein wahrer Tugendfreund durfte es ohne die behutsamste Vorsichtigkeit nicht wagen. Es ist kein Religionssystem so verderbt, das nicht wenigstens einigen Pflichten der Menschheit eine gewisse Heiligung giebt, die der Menschenfreund verehren, und der Sittenverbesserer, wann er nicht seiner eigenen Absicht zuwider handeln will, unangetastet lassen muß. Von Zweifel in Religionssachen zur Leichtsinnigkeit, von Vernachläßigung des äußerlichen Gottesdienstes zur Geringschätzung alles Gottesdienstes überhaupt, pflegt der Uebergang sehr leicht zu seyn, besonders für Gemüther, die nicht unter der Herrschaft der Vernunft stehn, sondern von Geiz, Ehrsucht oder Wollust regieret werden. Die Priester des Aberglaubens verlassen sich nur allzusehr auf diesen Hinterhalt, und nehmen zu demselben, wie zu einem unverletzlichen Heiligthum, ihre Zuflucht, so oft ein Angriff auf sie geschiehet.
Solche Schwierigkeiten und Hindernisse standen dem Sokrates im Wege, als er den großen Entschluß faßte, Tugend und Weisheit unter seinen Nebenmenschen zu verbreiten. Er hatte, von der einen Seite, seine eignen Vorurtheile der Erziehung zu besiegen, die Unwissenheit anderer zu beleuchten, Sophisterey zu bestreiten, Bosheit, Neid, Verleumdung und Beschimpfung von Seiten seiner Gegner auszuhalten, Armuth zu ertragen, festgesetzte Macht zu bekämpfen, und, was das schwerste war, die finstern Schrecknisse des Aberglaubens zu vereiteln. Von der andern Seite waren die schwachen Gemüther seiner Mitbürger zu schonen, Aergernisse zu vermeiden, und der gute Einfluß, den selbst die albernste Religion auf die Sitten der Einfältigen hat, nicht zu verscherzen. Alle diese Schwierigkeiten überstand er mit der Weisheit eines wahren Philosophen, mit der Geduld eines Heiligen, mit der uneigennützigen Tugend eines Menschenfreundes, mit der Entschlossenheit eines Helden, auf Unkosten und mit Verlust aller weltlichen Güter und Vergnügungen. Gesundheit, Macht, Bequemlichkeit, Leumund, Ruhe und zuletzt das Leben selbst, gab er auf die liebreichste Weise für das Wohl seiner Nebenmenschen hin. So mächtig wirkte in ihm die Liebe zur Tugend und Rechtschaffenheit, und die Unverletzlichkeit der Pflichten gegen den Schöpfer und Erhalter der Dinge, den er durch das reine Licht der Vernunft auf die lebendigste Art erkannte.
Diese höheren Aussichten des Weltbürgers hielten ihn indessen nicht ab, die gemeineren Pflichten gegen sein Vaterland zu erfüllen. In seinem sechs und dreyßigsten Jahre that er Kriegesdienste wider die Potidäer, die Einwohner einer Stadt in Thrazien, die sich wider ihre Tributherrn, die Athenienser, empört hatten. Allhier versäumte er die Gelegenheit nicht, seinen Körper wider alle Beschwerlichkeiten des Kriegs und Rauhigkeit der Jahreszeit abzuhärten, und seine Seele in Unerschrockenheit und Verachtung der Gefahr zu üben. Er trug, durch die allgemeine Einstimmung seiner Mitwerber selbst, den Preis der Tapferkeit davon, überließ aber denselben dem Alcibiades, den er liebte, und hiedurch aufmuntern wollte, solche Ehrenbezeigungen von seinem Vaterlande künftighin durch eigene Thaten zu verdienen. Kurz vorher hatte er ihm in einem Gefechte das Leben gerettet. Man belagerte die Stadt Potidäa in der strengsten Kälte. Andere verwahrten sich wider den Frost, er blieb bey seiner gewöhnlichen Kleidung, und gieng mit bloßen Füßen über das Eis. Die Pest wütete in dem Lager und in Athen selbst. Es ist fast nicht zu glauben, was Diogenes Laertius und Aelian versichern: Sokrates soll der einzige gewesen seyn, den sie gar nicht angegriffen. Ohne aus diesem Umstande, der ein bloßer Zufall hat seyn können, etwas zu schließen, kann man überhaupt mit Gewißheit sagen, daß er von einer starken und dauerhaften Leibesbeschaffenheit gewesen, und solche durch Mäßigkeit, Uebung und Entfernung von aller Weichlichkeit so zu erhalten gewußt hat, daß er wider alle Zufälle und Beschwerlichkeit des Lebens abgehärtet war. Gleichwohl hat er auch im Felde nicht unterlassen, seine Seelenkräfte nicht nur zu üben, sondern äußerst anzustrengen. Man sah ihn zuweilen vier und zwanzig Stunden auf eben der Stelle, mit unverwandten Blicken, in Gedanken vertieft stehn, als wenn der Geist von seinem Körper abwesend wäre, sagt Aulus Gellius. Man kann nicht läugnen, daß diese Entzückungen eine Anlage zur Schwärmerey gewesen, und man findet in seinem Leben mehrere Spuren, daß er nicht völlig davon befreyet gewesen. Indessen war es eine unschädliche Schwärmerey, die weder Hochmuth noch Menschenhaß zum Grunde hatte, und die in der Verfassung, in welcher er sich befand, ihm sehr nützlich gewesen seyn mag. Die gemeinen Kräfte der Natur reichen vielleicht nicht hin, den Menschen zu so großen Gedanken und standhaften Entschließungen zu erheben.
Nach geendigtem Feldzuge kehrte er in seine Vaterstadt zurück, und fieng an mit Nachdruck Sophisterey und Aberglauben zu bekämpfen, und seine Mitbürger in Tugend und Weisheit zu unterrichten. Auf öffentlichen Straßen, Spaziergängen, in Bädern, Privathäusern, Werkstätten der Künstler, wo er nur Menschen fand, die er bessern zu können glaubte, da hielt er sie an, ließ sich mit ihnen in Gespräche ein, [Fußnote] erklärte ihnen, was recht und unrecht, gut und böse, heilig und unheilig sey; unterhielt sie von der Vorsehung und Regierung Gottes, von den Mitteln ihm zu gefallen, von der Glückseligkeit des Menschen, von den Pflichten eines Bürgers, eines Hausvaters, eines Ehemannes u. s. w. Alles dieses niemals in dem aufdrängenden Ton eines Lehrers, sondern als ein Freund, der die Wahrheit selbst erst mit uns suchen will. Er wußte es aber durch die einfältigsten Kinderfragen so einzuleiten, daß man von Frage zu Frage, ohne sonderliche Anstrengung, ihm folgen konnte, ganz unvermerkt aber sich am Ziele sah, und die Wahrheit nicht gelernet, sondern selbst erfunden zu haben glaubte. Ich ahme hierinn meiner Mutter nach, pflegte er im Scherze zu sagen: Sie gebieret selbst nicht mehr, aber sie besitzet Kunstgriffe, wodurch sie andern ihre Geburten zur Welt bringen hilft. Auf eine ähnliche Weise versehe ich bey meinen Freunden das Amt eines Geburtshelfers. Ich frage und forsche so lange, bis die verborgene Frucht ihres Verstandes ans Licht kömmt.
Diese Methode, die Wahrheit zu erfragen, war auch die glücklichste, die Sophisten zu widerlegen. Wenn es zu einem ausführlichen Vortrage kam, so war ihnen nicht beyzukommen. Denn da standen ihnen so viel Ausschweifungen, so viel Mährchen, so viel Scheingründe, und so viel rednerische Figuren zu Gebote, daß die Zuhörer verblendet wurden, und überzeugt zu seyn glaubten. Ein allgemeines Händeklatschen pflegte ihnen selten zu entstehen. Und man stelle sich den triumphirenden Blick vor, mit welchem solche Lehrer alsdann auf ihre Schüler, oder wohl gar Wiedersacher, herabsahen. Was that Sokrates bey einer solchen Gelegenheit? Er klatschte mit; wagte aber einige gar leichte von der Sache etwas entfernte Fragen, die der hochgelehrte Mann für albern hielt, und aus Mitleiden beantwortete. Nach und nach schlich er sich der Sache näher, immer mit Fragen, und immer indem er seinem Gegner die Gelegenheit abschnitt, in anhaltende Reden auszuschweifen. Dadurch wurden sie genöthigt, die Begriffe deutlich auseinander zu setzen, richtige Erklärungen gelten, und aus ihren falschen Voraussetzungen ungereimte Folgerungen ziehen zu lassen. Zuletzt sahen sie sich so in die Enge getrieben, daß sie ungeduldig wurden. Er aber ward es niemals, sondern ertrug ihre Unart selbst mit der größten Gelassenheit, fuhr fort die Begriffe zu entwickeln, bis endlich die Ungereimtheiten, die aus den Grundsätzen der Sophisten folgten, dem einfältigsten Zuhörer handgreiflich wurden. Auf solche Weise wurden sie ihren eignen Schülern zum Gelächter.


 




Schlaglicht August/September 2012

Nesthäkchens Koffer wieder in Auschwitz -- Eine Meldung vom 29. August 2002

 Wer ist das: Deutsche Schriftstellerin der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, 39 Bücher, Millionenauflagen, Übersetzungen, Hörspiele, Verfilmungen? Ein Tipp: Backfisch. Richtig: Else Ury, die Autorin der "Nesthäkchen"-Reihe, von "Professors Zwillingen", Romanen, Kurzgeschichten, Märchen. Annemarie Braun, die autobiografisch konnotierte Heldin, wird in zehn zwischen 1913 und 1925 erscheinenden Büchern vom sechsjährigen Mädchen zur weißhaarigen Greisin. Ob sie zur Schule geht oder den Weltkrieg durchlebt, ob sie sich als Backfisch freischwimmt oder aus dem Nest fliegt, ob als Mutter oder Großmutter: stets bleibt sie nett und adrett, ihre Welt heil, alles ordnet sich füglich und schicklich. Noch heute findet die routiniert geschriebene Heile-Welt-Süffigkeit ihr fasziniertes Publikum.

Annemarie Braun war Arzttochter, Else Ury (* 1877) Fabrikantentochter. Nach dem Gymnasium widmete sie sich dem Schreiben und brachte es damit zu Reichtum und Ansehen. Patriotisch gesinnt, bürgerlich-national bis in die Knochen, war sie ins Berlin der Zwanziger Jahre bestens eingeführt. Dass die Eltern Juden waren, sie also Jüdin, und was das bedeutete, bekam sie nur mählich, doch letztlich in aller Härte zu spüren. 1935 schließen die Nazis sie aus der Reichsschriftumskammer aus, ihre Neffen wandern aus nach England. Sie bleibt, um sich um die behinderte Mutter zu kümmern. Angebote, mit einem Visum auszureisen, lehnt sie ab: "Mir kann doch nichts geschehen", und als sie einwilligt, wird ihr das Visum versagt. Ihr Haus wird zwangsarisiert, die Mutter stirbt, die restlichen Verwandten sind im Ausland, sie bleibt allein in Berlin.

Im Januar 1943 wird ihr der Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft und die Einziehung ihres Vermögens erklärt. Sie wird in einem Sammeltransport nach Auschwitz verschleppt und dort im Gas ermordet. Ihr Koffer, versehen mit einem Band, auf dem ihr Name steht, wird 1995 in Auschwitz entdeckt. Am 29. August 2002 meldet dpa: "Else Urys Koffer nach Grenzquerelen wieder im Museum Auschwitz".

Nachsatz 1: Neun Bände "Nesthäkchen" sind, teils gekürzt, noch heute auf dem Markt, nicht jedoch der Band "Nesthäkchen und der Weltkrieg", in dem Ury die kriegsbegeisterte deutsche Sicht darstellt.

Nachsatz 2: Es ist das große Verdienst der Schriftstellerin Marianne Brentzel, das Leben und Wirken Else Ury akribisch aufgearbeitet zu haben. Ihr Buch "Mir kann doch nichts geschehen ... Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury" ist erschienen in der Edition Ebersbach (ISBN 978-3938740545). Marianne Brentzel wird Berne im Rahmen der IV. Berner Bücherwochen zu einer Lesung besuchen.

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Voll-, Misch-, Nichtzigeuner:

 "Zigeuner-Erlass" (7. August 1941) und Liquidierung des "Zigeuner-Lagers" Auschwitz (2./3. August 1944)

Genau sein wollte man schon. Oder wenigstens so tun, als ob: "Vollzigeuner" oder "stammechte Zigeuner"? "Zigeunermischlinge" oder "Mischlinge mit vorwiegend zigenunerischem Blutanteil"? Oder vielleicht "nach Zigeunerart Umherziehende"? Asoziale oder Fremdrassige, Nichtdeutschblütige? Fragen über Fragen. Da schwellen Akten, da fließt Juristenschweiß. Reichskriminalpolizeiamt, Rassehygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle und die Führung der SS lassen deutsche Tugend walten, penibelst wird etikettiert, kategorisiert, aussortiert. Der Erlass zur „Auswertung der rassenbiologischen Gutachten über zigeunerische Personen" vom 7. August 1941 dekliniert durch bis zum „Nicht-Zigeuner": „NZ bedeutet Nicht-Zigeuner, d. h. die Person ist oder gilt als deutschblütig". Wenigstens fürs Erste; im Januar 1943 setzt das Reichssicherheitshauptamt durch, dass, NZ-Geltung hin oder her, eine solche Person zu sterilisieren sei; zugleich präzisiert es Himmlers am 16. Dezember 1942 verfügten Erlass, den "Auschwitz-Erlass", betreffend die Einweisung der Zigeuner in Konzentrationslager dahingehend, dass die Einweisung ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad zu erfolgen habe.

Schon im Februar 1941 hatte man Auschwitz II (Birkenau) und dort einen Block B mit 40 Stallbaracken, das spätere "Zigeunerlager", geplant. Noch vor dessen Fertigstellung im Februar 1943, Ende September 1942, erfolgten erste Deportationen von "Zigeunern". Jede der fertigen Baracken wurde mit bis zu tausend Menschen vollgestopft; die Arbeitsfähigen wurden zu Einsätzen auf dem KZ-Gelände eingesetzt, bis sie an Enträftung oder den im Lager grassierenden Seuchen starben. Der zuständige Arzt, Dr. phil. Dr. med. Josef Mengele, bekämpfte eine Fleckfieber-Epidemie im "Zigeunerlager", indem er die Insassen der betroffenen Baracken kurzerhand vergaste. Auch bediente er sich bei seinen angeblich der Rassehygiene dienenden Menschenversuchen gerne der Lagerinsassen, besonders der Kinder. Von den rund 22.000 Menschen, die ins "Zigeunerlager" verschleppt worden waren, überlebten über 19.000 nicht; ca. 5.000 von ihnen wurden ermordet durch Vergasung.

Die Auflösung des Lagers folgte dem 1944 als vorrangig eingeschätzten Ziel, mehr Arbeitsfähige zur Produktion von Kriegswaffen einzusetzen. Außerdem reklamierte Eichmann zusätzliche Kapazitäten zur "Endlösung" der "Judenfrage". Ein erster Versuch, das "Zigeuner"-Lager im Mai 1944 aufzulösen, scheiterte am erbitterten Widerstand der Gefangenen. Am 2. August dann riegelten massive Einheiten das Lager ab. Vierzehnhundert arbeitsfähige Häftlinge wurden zum Güterzugtransport ins KZ Buchenau ausgesondert. Es verblieben 2.987 Kinder, Frauen und als arbeitsunfähig eingestufte Männer, die zur Gaskammer-Ermordung vorgesehen waren. Wer sich, bewaffnet etwa mit Stöcken oder zugespitztem Blech, zu wehren suchte, wurde mit Maschinenpistolen niedergeschossen. Der große Rest aber wurde vergast.

Der juristische Umgang mit der Verfolgung der Sinti und Roma zählt zu den ärgsten Peinlichkeiten der bundesdeutschen Rechtsgeschichte. Als seien sie nicht in der Lage, die Akten ihrer Kollegen von damals zu lesen, leugneten Nachkriegsjuristen die rasse-ideologische Motivation des "Zigeuner"-Mords. Der Bundesgerichtshof meinte 1956, Zigeuner seien schon immer asozial gewesen, und das OLG München schob 1961 sinngemäß nach, wenn jemand wie die Zigeuner "ziel- und planlos umherziehe, sich nicht ausweise", erkläre das hinreichend seine Verfolgung. Erst 1982, vierzig Jahre danach, erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den Völkermord an den Sinti und Roma als solchen und dessen rassistische Beweggründe an.

Unrecht und Leid, das den "Zigeunern" angetan wurde, sind bis heute nicht angemessen gewürdigt. Geschichtsschreibung und öffentlicher Diskurs begegnen einem Genozid, der 500.000 Roma das Leben kostete, mit seltsamer Schweigsamkeit. Zehntausende "Zigeuner" wurden in den besetzten Gebieten Osteuropas durch Massenerschießungen hingerichtet, tausende in deutschen Konzentrationslagern ermordet. Wo bleibt eine würdige Aufarbeitung, wo der Versuch einer Wiedergutmachung? Fehlanzeige. Im Gegenteil: Fast scheint es, der antizigane Reflex, den auch Osteuropa pflegt, begünstige ein neues, diesmal gesamteuropäisches Schweigen, ja: perpetuiere eine Front gewohnter Ausgrenzung: In tschechischen Letny werden auf dem Gelände eines ehemaligen KZ, in dem Zigeuner inhaftiert waren, Schweine gemästet, ungarische Nationalisten und ihre staatstragenden Kumpane hetzen unverhohlen, und wir — wir schieben Roma ab ins Kosovo, wohl wissend, wie es ihnen dort ergehen wird, wohl wissend geschichtsvergessen, wohl wissend verantwortungslos.

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"Weh mir! Wo nehm ich, wenn es Winter ist" -- Vor 206 Jahren bricht Hölderlins "Zweite Hälfte des Lebens" an

 Dichter werden wollte er, nicht Pfarrer, und so suchte er zunächst ein Auskommen als Hauslehrer — im ersten Anlauf bei einer Charlotte von Kalb in Waltershausen, dann, 1796, nach einer Zeit an der Universität Jena, wo er Fichte hört und Goethe, Schiller und Isaac von Sinclair kennenlernt, in Frankfurt bei dem Bankier Jakob Gontard. Hier begegnet der 26-jährige der Liebe seines Lebens: Susanne, Gontards Frau, seine "Diotima" aus dem Hyperion, deren Nähe ihm so lange vergönnt ist, bis Gontard von der Beziehung erfährt. 1800 sieht er Susanne zum letzten Mal. Die Verzweiflung stürzt ihn, den Sensiblen, in einen Zustand, der seine Kräfte übersteigt — die Ärzte sprechen von "schwerer Hypochondrie" — und der 1806, zehn Jahre nach der ersten Begegnung mit Susanne, dazu führen wird, dass Sinclair, sein Freund, der Mutter mitteilen muss, er sehe sich außerstande, weiter für ihn zu sorgen.

Noch im Jahr zuvor hatte Friedrich Hölderlin Sophokles und Pindar übersetzt, den "Gesang Patmos" geschrieben und "Nachtgesänge", darunter auch das Gedicht "Hälfte des Lebens". Jetzt dauert es keinen Monat, und man schafft ihn mit Gewalt nach Tübingen ins Universitätsklinkum, wo der Arzt Autenrieth eine „Manie als Nachkrankheit der Krätze" feststellt und diese mit einer von ihm entwickelten "fortschrittlichen" Therapie, die u.a. reichlich Laxative und demzufolge Durchfälle umfasste, erfolglos behandelt, den Patienten schließlich nach einem Jahr als "unheilbar" entlässt. Es schließt sich an die Zeit im "Turm", einer Turmstube am Neckar, wo sich Hölderlin, dem Tübinger Tischler Ernst Zimmer als "Wahnsinniger" zur Pflege überlassen, aufhalten wird, bis er als 1843 im gesegneten Alter von 73 Jahren verstirbt.

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Der Abschied

 

Trennen wollten wir uns? wähnten es gut und klug?
Da wirs taten, warum schreckte, wie Mord, die Tat?
Ach! wir kennen uns wenig,
Denn es waltet ein Gott in uns.

Den verraten? ach ihn, welcher uns alles erst,

Sinn und Leben erschuf, ihn, den beseelenden
Schutzgott unserer Liebe,
Dies, dies Eine vermag ich nicht. 

Aber anderen Fehl denket der Weltsinn sich,
Andern ehernen Dienst übt er und anders Recht,
Und es listet die Seele
Tag für Tag der Gebrauch uns ab. 

Wohl! ich wußt' es zuvor. Seit die gewurzelte
Ungestalte die Furcht Götter und Menschen trennt,
Muß, mit Blut sie zu sühnen,
Muß der Liebenden Herz vergehn. 

Laß mich schweigen! o laß nimmer von nun an mich
Dieses Tödliche sehn, daß ich im Frieden doch
Hin ins Einsame ziehe,
Und noch unser der Abschied sei! 

Reich die Schale mir selbst, daß ich des rettenden
Heilgen Giftes genug, daß ich des Lethetranks
Mit dir trinke, daß alles
Haß und Liebe vergessen sei! 

Hingehn will ich. Vielleicht seh' ich in langer Zeit
Diotima! dich hier. Aber verblutet ist
Dann das Wünschen und friedlich
Gleich den Seligen, fremde gehn 

Wir umher, ein Gespräch führet uns ab und auf,
Sinnend, zögernd, doch itzt mahnt die Vergessenen
Hier die Stelle des Abschieds,
Es erwarmet ein Herz in uns, 

Staunend seh' ich dich an, Stimmen und süßen Sang,
Wie aus voriger Zeit hör' ich und Saitenspiel,
Und die Lilie duftet
Golden über dem Bach uns auf.

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 Hyperions Schiksaalslied 

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, seelige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten. 

Schiksaallos, wie der schlafende
Säugling, athmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seeligen Augen
Bliken in stiller
Ewiger Klarheit. 

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab. 

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, seelige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten. 

Schiksaallos, wie der schlafende
Säugling, athmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seeligen Augen
Bliken in stiller
Ewiger Klarheit. 

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab. 

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 aus „Hyperion"

 

"So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. (....) 

Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark (....), in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes - das, mein Bellarmin, waren meine Tröster. 

Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen - ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt? Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag' es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich erstiken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur seyn, mit Ernst, mit Liebe muß er das seyn, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Thun, und ist er in ein Fach gedrükt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Nothwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viel Stümperarbeit und so wenig Freies, Ächterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos seyn für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. 

Die Tugenden der Alten sei'n nur glänzende Fehler, sagt' einmal, ich weiß nicht mehr, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt' ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie thaten, nichts gethan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Nothwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sclavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mislaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der todten Ordnung dieser Menschen. 

Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechneden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zwek, da sucht es seinen Nuzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesezt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strale berauscht, der Sclave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind - wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach' und kümmert sich nicht viel ums Wetter! (....) 

Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hauße, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlergestalt an seiner Thüre saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht? 

Voll Lieb' und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk' heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu thun hat. Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schaal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Thun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb' und Brüderschaft den Städten und den Häußern bringt. 

Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt. 

O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie die Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimath aller Menschen ist bei solchem Volk' und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so belaidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Muth, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Seegen jedes Jahrs und alle Götter fliehn. Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! - 

Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Nahmen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten. 

Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Belaidigungen, wollte nicht, daß meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute. 

Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine letzte Liebe, wie konnt' ich noch an andre Dinge denken und das Land verlassen, wo auch er war?"



Schlaglicht Juli 2012

 

Anton Reiser -- Zum 219. Todestag von Karl Philipp Moritz (26. Juni 1793) 

Arm geboren, arm gestorben. Keine 37 ist er geworden, Karl Philipp Moritz, der Verfasser von "Anton Reiser", jenes zwischen Goethe und Rosseau, Seismographie und Satire flirrenden Romans, der nicht nur einen Ralph Christian Moebius alias Rio Reiser tief beeindruckte, sondern auch heute noch jeden, der des Mitfühlens fähig ist, umhauen wird in der Feinheit der Empfindung wie in der Klarheit der Sprache und ihrer die Anrührung steigernden Lakonie.   Am 15. September 1756 geboren, starb Moritz  am 26. Juni 1793 an den Folgen eines Lungenödems, das er seit früher Jugend mit sich trug.

Karl Philipp Moritz
Anton Reiser

Ein psychologischer Roman (1785 – 1790)

Vorrede

Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen größtenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind. – Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt und weiß, wie dasjenige oft im Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher Umstände, die hier erzählt werden, nicht stoßen. Auch wird man in einem Buche, welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten: denn es soll die vorstellende Kraft nicht verteilen, sondern sie zusammendrängen und den Blick der Seele in sich selber schärfen. – Freilich ist dies nun keine so leichte Sache, daß gerade jeder Versuch darin glücken muß – aber wenigstens wird doch vorzüglich in pädagogischer Rücksicht das Bestreben nie ganz unnütz sein, die Aufmerksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles Dasein wichtiger zu machen.

(aus dem Vierten Kapitel)

Als er von Pyrmont wieder nach Hause gereist war, schnitzte er sich alle Helden aus dem Telemach von Papier, bemalte sie nach den Kupferstichen mit Helm und Panzer und ließ sie einige Tage lang in Schlachtordnung stehen, bis er endlich ihr Schicksal entschied und mit grausamen Messerhieben unter ihnen wütete, diesem den Helm, jenem den Schädel zerspaltete und rund um sich her nichts als Tod und Verderben sahe.
So liefen alle seine Spiele, auch mit Kirsch- und Pflaumkernen, auf Verderben und Zerstörung hinaus. Auch über diese mußte ein blindes Schicksal walten, indem er zwei verschiedne Arten als Heere gegeneinander anrücken und nun mit zugemachten Augen den eisernen Hammer auf sie herabfallen ließ, und wen es traf, den traf's.
Wenn er Fliegen mit der Klappe totschlug, so tat er dieses mit einer Art von Feierlichkeit, indem er einer jeden mit einem Stücke Messing, das er in der Hand hatte, vorher die Totenglocke läutete. Das allergrößte Vergnügen machte es ihm, wenn er eine aus kleinen papiernen Häusern erbauete Stadt verbrennen und dann nachher mit feierlichem Ernst und Wehmut den zurückgebliebenen Aschenhaufen betrachten konnte.
Ja, als in der Stadt, wo seine Eltern wohnten, einmal wirklich in der Nacht ein Haus abbrannte, so empfand er bei allem Schreck eine Art von geheimen Wunsche, daß das Feuer nicht so bald gelöscht werden möchte.
Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde, sondern entstand aus einer dunklen Ahndung von großen Veränderungen, Auswanderungen und Revolutionen, wo alle Dinge eine ganz andre Gestalt bekommen und die bisherige Einförmigkeit aufhören würde.



 "Für die Menschlichkeit" - Zum 78. Todestag von Erich Mühsam (9./10. Juli 1934) 

"Eine Zeitschrift für Menschlichkeit" täte auch uns heute gut. Erich Mühsam war es, der sie vorzeiten herausgab unter dem Titel "Kain", beginnend 1914 bis, vom Krieg unterbrochen, 1919. Da war er 41 Jahre alt, als anarchistisch-sozialistisch-kommunistischer Menschenfreund, Querdenker, Pazifist, Schreiber, Redakteur, Einmischer bereits wiederholt inhaftiert worden. Ein Prozess wegen "Geheimbündelei" hatte im Juni 1910 noch mit Freispruch geendet. Doch 1918 setzte man ihn wegen Verstoßes wegen das Verbot politischer Betätigung in Traunstein in Festungshaft, und das war erst der Anfang.

Schon als 18-jähriger Schüler war der am 6. April 1878 geborene Apothekersohn seinen Gymnasial-Lehrern als aufmüpfig aufgefallen und wegen "sozialistischer Umtriebe" relegiert worden. Die Festungshaft befeuerte nur seinen Elan im Kampf gegen den "vertrottelten Konventionsdrill" seiner Zeit, gegen Militarismus und Dumpfheit des Denkens. Ständige Agitation gegen den Krieg, gegen Faschismus, Aktionen für Gefangene und gegen Klassenjustiz führten 1933 in der Nacht des Reichtragsbrandes zur Verhaftung durch die SA. Im Gefängnis Lehrter Straße und in den Konzentrationslagern Sonnenburg und Oranienburg wurde Erich Mühsam misshandelt; internationale Appelle, ihn aus der Haft zu entlassen, verhallten unerhört.

Erich Mühsam wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 von einem SS-Kommando ermordet.
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Was ist der Mensch?

Was ist der Mensch? Ein Magen, zwei Arme,
ein kleines Hirn und ein großer Mund,
und eine Seele - daß Gott erbarme! -

Was muß der Mensch? Muß schlafen und denken,
muß essen und feilschen und Karren lenken,
muß wuchern mit seinem halben Pfund.
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
muß hoffen und muß sein Glück verpassen -
und leiden wie ein geschundner Hund.

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Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,

im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

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Kriegslied


Sengen, brennen, schießen, stechen,
Schädel spalten, Rippen brechen,
spionieren, requirieren,
patrouillieren, exerzieren,
fluchen, bluten, hungern, frieren ...
So lebt der edle Kriegerstand,
die Flinte in der linken Hand,
das Messer in der rechten Hand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Aus dem Bett von Lehm und Jauche
zur Attacke auf dem Bauche!
Trommelfeuer – Handgranaten –
Wunden – Leichen – Heldentaten –
bravo, tapfere Soldaten!
So lebt der edle Kriegerstand,
das Eisenkreuz am Preußenband,
die Tapferkeit am Bayernband,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Stillgestanden! Hoch die Beine!
Augen gradeaus, ihr Schweine!
Visitiert und schlecht befunden.
Keinen Urlaub. Angebunden.
Strafdienst extra sieben Stunden.
So lebt der edle Kriegerstand.
Jawohl, Herr Oberleutenant!
Und zu Befehl, Herr Leutenant!
Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
Bajonette. Schlachtgetümmel.
Vorwärts! Sterben oder Siegen!
Deutscher kennt kein Unterliegen.
Knochen splittern, Fetzen fliegen.
So lebt der edle Kriegerstand.
Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
das Blut tropft in den Straßenrand,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Angeschossen – hochgeschmissen –
Bauch und Därme aufgerissen.
Rote Häuser – blauer Äther –
Teufel! Alle heiligen Väter! ...
Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
So stirbt der edle Kriegerstand,
in Stiefel, Maul und Ohren Sand
und auf das Grab drei Schippen Sand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

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Erziehung


Der Vater zu dem Sohne spricht:
Zum Herz- und Seelengleichgewicht,
zur inneren Zufriedenheit
und äußeren Behaglichkeit
und zur geregelten Verdauung
bedarf es einer Weltanschauung.

Mein Sohn, du bist nun alt genug.
Das Leben macht den Menschen klug,
die Klugheit macht den Menschen reich,
der Reichtum macht uns Herrschern gleich,
und herrschen juckt uns in den Knöcheln
vom Kindesbein bis zum Verröcheln.

Und sprichst du: Vater, es ist schwer.
Wo nehm ich Geld und Reichtum her?
So merk: Sei deines Nächsten Gast!
Pump von ihm, was du nötig hast.
Sei's selbst sein letzter Kerzenstumpen –
besinn dich nicht, auch den zu pumpen.

Vom Pumpen lebt die ganze Welt.
Glück ist und Ruhm auf Pump gestellt.
Der Reiche pumpt den Armen aus,
vom Armen pumpt auch noch die Laus,
und drängst du dich nicht früh zur Krippe,
das Fell zieht man dir vom Gerippe.

Drum pump, mein Sohn, und pumpe dreist!
Pump anderer Ehr, pump anderer Geist.
Was andere schufen, nenne dein!
Was andere haben, steck dir ein!
Greif zu, greif zu! Gott wird's dir lohnen.
Hoch wirst du ob der Menschheit thronen!


 

Dreifach heimatlos -- Zum 162. Geburtstag Gustav Mahlers (7. Juli 1850) und zum Hundersten seiner Neunten Sinfonie (26. Juni 1912)

Es jault, qietscht und wummert. Wund reibt sich Blech, grotesk und grell leuchten Wetter, scheinen Bilder auf, ringen "Wirbelwinde des Lebens" mit dem kraftvollen Sog einer Saga der Welt, wie sie uns vertrauter kaum vorkommen kann: nach Einheit sich sehnend, doch zerstückelt, zerrissen für immer. Was wären Schönberg und Berg, was Lachenmann, Rihm oder Ligeti ohne Mahlers Neunte, ohne ihre Mittelsätze? Harmonik und Kontrapunktik sind da, herrschen noch vor, gewiss, doch um ihrer eigenen Auflösung willen, mit offenem Ende. Ein mächtiger Bewusstseinsstrom schiebt Motivfraktale vor sich her, türmt krachend sie auf zu mirakulösen Ballungen jenseits der Tonalität. Umrahmt vom klagenden Andante des ersten und dem leidvoll entsagenden Adagio des letzten Satzes tritt uns Mahlers Neunte entgegen als ein einziger Rausch, den letzten Sekunden eines Sterbenden gleich, der seinen Lebensfilms schaut, erfüllt vom rasenden Schmerz über die eigene Zerrissenheit wie über die seiner Welt. Schon am Anfang, in der Ersten, fast dreißig Jahre vorher, inszenierte Mahler die schreckliche Absurdität des Lebens: zu Beginn reinste Unschuld, Einssein mit der Schöpfung, "schöne Welt, schöne Welt", forsch die "Tage der Jugend", dann aber die Zäsur, mitten im Leben, ein Blitz aus gelben Himmeln, gefolgt vom Aufschrei des Herzens; aufgewühlt, das Geborgensein des verloren gegangenen Ursprungs vergeblich beschwörend, findet die Verzweiflung kein Ende -- als das der Implosion, allenfalls.

So schließen sich Kreise fürs Leben. Dem Anfang wohnt das Ende inne, im Ende findet der Anfang sich wieder. Die Neunte umhülst die Erste umhülst die Neunte wie Schuberts erste Lieder ("Vatermörder", "Hägars Klage") dessen letzte in der "Winterreise". Überhaupt Schubert. Der Ton, den Mahler trifft, die Saiten, die er anschlägt in mir, sind dieselben wie Schubert. Was liebe ich mehr: Schuberts "Winterreise" oder Mahlers "Rückert-" und "Kindertotenlieder"? Mahlers Neunte oder Schuberts Siebte? Schuberts Sonate A-Dur, sein "Tod und Mädchen"-Quartett oder Mahlers "Lied von der Erde", die eigentliche Neunte? Ich weiß es nicht zu sagen, das nicht und erst recht nicht, worauf jene als konkordant von mir empfundene Gleichheit sich gründe. Mutmaßend lassen sich anführen der frühe Tod der geliebten Mutter (Mahler war, Freud bezeugt es in einem Brief, "Muttersöhnchen", Schubert nicht minder, beide hatten ein problembeladenes Verhältnis zum harten Vater), das Erleben des Todes kleiner Geschwister, Chismen im Erwachsenenalter. Schubert, seiner kleinbürgerlichen Herkunft und seines unvorteilhaften Aussehens wegen nie wirklich arriviert, dazu durch seine Syphilis am Ausleben seiner Sexualität gehindert, wechselt in der zweiten Hälfte seines kurzen Lebens, also in sechzehn Jahren, vierzigmal die Wohnung. Mahler, als Jude in Böhmisch-Mähren geboren, wird sich als Erwachsener dem antijüdischen Assimilationsdruck beugen (wie Mendelssohn vor ihm) und christlich taufen lassen. Die identitätserschütternde Wirkung dieses Wechsels hat Mendelssohn, je älter er wurde, um so intensiver gespürt; auch Mahler — selbst wenn er die Bedeutung des Religiösen für sein Leben kleinzureden pflegte und, wie sich am "Lied von der Erde" nachvollziehen lässt, ein sehr eigenes Weltbild pflegte — hat infolge der Vergeblichkeit seinss Ringens um Einssein mit sich und der Welt unter Allokation und Dissoziation gelitten. "Ich bin dreifach heimatlos: als Böhme unter Österreichern, als Österreicher unter Deutschen und als Jude in der ganzen Welt. Überall ist man Eindringling, nirgends erwünscht".

Bei Schubert klingt das so: "Keiner, der den Schmerz des andern, und keiner, der die Freude des andern versteht! Man glaubt immer, zueinander zu gehen, und man geht immer nur nebeneinander." Und so schreibt Schubert Lieder, Sonaten, Quartette, Sinfonien, in denen ein einziges zielloses Wandern herrscht, oft genug ein Wandern im Kreis, ein Sich-Fortbewegen wie selbstvergessen, wie um seiner selbst willen, auf der Suche nach einer Suche nach einem Ziel, einer Heimat. Ein Sehnen nach einem Zuhause, ohne zu wissen, wo dieses Zuhause wohl steht, welchen Namen es trägt: Erfüllung? Erlösung? Geborgenheit? Und Mahler schreibt davon, wie fremd und einsam er sich manchmal vorkomme: "Mein Leben ist ein großes Heimweh". Für mich verhält sich Schubert zu Mahler in etwa wie Proust zu Joyce: Sie alle sind auf der Suche, getrieben von, befangen in ihrer je eigenen Zeit und Subjektivität, wissend um Zerbrochenheit, deren als unmöglich erkannte Überwindung ersehnend, doch voll von kalt glühender Klarsicht .

In der Neunten sind Mahlers Heimweh und Verzweiflung fast körperhaft zu greifen, groß und wild (und nicht, nebenbei, mit aufgeschäumter Barbecue-Soße fettgepampt wie bei Bernstein, auch nicht klein und berechenbar wie beim braven, wohlmeinenden Walter, sondern unerschrocken wie bei Gielen) und ungestüm und gnadenlos. Die Tochter verstorben, die Frau abtrünnig, das Herz krank auch als Organ, "die liebe, liebe Erde" ist schon Vergangenheit, ja doch, er weiß es genau, ganz sicher, der entfesselte Tränenstrom aus zuckenden Tönen fegt alle Zweifel hinweg.


 

Blutige Sommer -- Siebzig Jahre "Operation Blau" (28. Juni 1942)

Ende Juni vor einundsiebzig Jahren, es wird ein heller warmer Tag berichtet und dass die Menschen heiter gewesen seien und voller Sommerliebe, marschierte die Wehrmacht in Russland ein. Dass sie in kürzester Zeit, über die ganze, lange Nord-Süd-Achse des riesigen Landes verteilt, tief nach Osten einfallen konnte und recht bald tief in ihm stand, hatte seine Gründe vor allem in der Arg- und Wehrlosigkeit der überfallenen Menschen, die nichts Böses ahnten, und der Nachhaltigkeit, mit der die Wehrmacht das sogenannte Kriegshandwerk auszuüben wusste. Zum Beispiel in Walter Kempowskis "Echolot" ist nachzulesen, was das bedeutete - auch, dass Ortschaft für Ortschaft niedergebrannt und, wer wehrlos die abfackelnden Holzhäuser floh, niedergeschossen wurde.

Doch so leicht ergaben sich die Überfallenen auf Dauer nicht. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Keine zehn Monate später hatte das deutsche Ostheer bereits Verluste - Gefallene, Verwundete, Vermisste - von mehr als einer Million Soldaten zu verzeichnen. Um die Initiative wiederzugewinnen, begann am 28. Juni 1942 unter dem Tarnnamen "Fall Blau" eine große Sommeroffensive mit dem Ziel, sich die kaukasischen Erdölfelder einzuverleiben. Wie schon bei Kriegsbeginn war auch diesmal rasches, um den Preis zahlloser Menschenleben, erkauftes Vordringen gefolgt von vehementem Widerstand, der schließlich im Winter 1942/43 im Debakel von Stalingrad enden sollte.

Zwei Jahre später sind die Überfallenen dabei, die Oberhand zu gewinnen. Am 22. Juli 1944 befreit die Rote Armee als erstes der deutschen Vernichtungslager Majdanek, wo zuletzt bis zu 25.000 Menschen imhaftiert gewesen waren. Bei eiliger Flucht transportieren die Deutschen noch Insassen ab, vernichten Unterlagen und zerstören einige Gebäude. Die Rotarmisten finden gerade noch ca. 1.000 sterbenskranke Gefangene vor, etliche Gaskammern und die meisten der Gefangenenbaracken.

Anfang Mai 1945 endlich kollabiert der Kriegswahn, Deutschland unterzeichnet die Erklärung seiner bedingungslosen Kapitulation.

Bis dahin mordet der Krieg allein in der Sowjetunion mehr als 26 Millionen Menschen, darunter ca. 11 Millionen sowjetische Soldaten, der Rest unbeteiligte sowjetische Zivilisten.


Schlaglicht September 2012

Schicksalsmonat September: Überfall auf Polen, Geburts- und Todestag von Otto Wels

 

Am 1. September 1939 überfiel das Deutsche Reich mit seiner Wehrmacht ohne Kriegserklärung den kleinen Nachbarn Polen. Hitler hatte zuvor durch die SS einen Überfall auf den Sender Gleiwitz inszenieren lassen, schwadronierte von "Verteidigung" und verkündete im Berliner Reichstag, "Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen!" Damit begann der Krieg, der fast sechzig Millionen Menschen tötete.

 

Das deutsche Volk hatte dem mit den Märzwahlen 1933 den Weg bereitet. An der auf die Wahlen folgenden Sitzung des Reichtages am 23. März, der letzten freien, konnten die 81 neu gewählten Abgeordneten der KPD schon nicht mehr teilnehmen, da inhaftiert oder untergetaucht. Auch von der SPD-Fraktion fehlten 26 verhaftete und verfolgte Abgeordnete. Zur Abstimmung stand das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich", das sogenannten "Ermächtigungsgesetz", durch das sich die Regierung ermächtigen lassen wollte, ohne Zustimmung des Reichstags und ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten Gesetze zu erlassen. Die nach der Weimarer Verfassung hierzu erforderliche Zweidrittelmehrheit wurde dank der Zustimmung von NSDAP, Deutschnationaler Volkspartei sowie Zentrum, Bayerischer Volkspartei und Deutscher Staatspartei erreicht. Lediglich die Fraktion der Sozialdemokraten sprach sich einstimmig gegen das Gesetz aus. Der damalige SPD-Vorsiteznde und Abgeordnete Otto Wels begründete die Ablehnung mit einer mutigen Rede.

 

Wels, Sohn eines Gastwirts, hatte Tapezierer gelernt und als Tapezierer gearbeitet. Seit dem 33. Lebensjahr engagierte er sich für eine hauptamtliche Parteikarriere, zunächst als Gewerkschaftler, dann über den "Vorwärts". Er war Reichstagsabgeordneter im Kaiserreich von 1912 bis 1918, in der Weimarer Republik von 1919 bis 1933. Ganz staatstragender Parteisoldat, hatte er in seiner Funktion als Stadtkommandamt von Berlin am 6. Dezember 1918 den Befehl erteilt, das Feuer auf Demonstranten zu eröffnen; 16 Menschenleben waren zu beklagen und er selbst wurde im Zuge der Wirren von meuternden Matrosen gefangen genommen und misshandelt.

 

Wels positionierte sich früh und entschieden gegen die Nazis. Wenige Monate nach der Reichtags-Rede, im August 1933, aberkannte die Regierung mit ihrer ersten Ausbürgerungsliste ihm die deutsche Staatsangehörigkeit. Wels emigrierte zunächst nach Prag, um dort die Exilorganisation der SPD aufzubauen, und floh dann nach Paris. Dort starb er am 16. September 1939, wenige Tage nach Hitlers Kriegserklärung an Polen.

 

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aus der Reichtagsrede von Otto Wels am 23. März 1933

 

Gewiß, die Gegner wollen uns an die Ehre, daran ist kein Zweifel. Aber daß dieser Versuch der Ehrabschneidung einmal auf die Urheber selbst zurückfallen wird, da es nicht unsere Ehre ist, die bei dieser Welttragödie zugrunde geht, das ist unser Glaube bis zum letzten Atemzug."
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. – Zuruf von den Nationalsozialisten: Wer hat das gesagt?)
Das steht in einer Erklärung, die eine sozialdemokratisch geführte Regierung damals im Namen des deutschen Volkes vor der ganzen Welt abgegeben hat, vier Stunden bevor der Waffenstillstand abgelaufen war, um den Weitervormarsch der Feinde zu verhindern. – Zu dem Ausspruch des Herrn Reichskanzlers bildet jene Erklärung eine wertvolle Ergänzung. Aus einem Gewaltfrieden kommt kein Segen;
(sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
im Innern erst recht nicht.
(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Eine wirkliche Volksgemeinschaft läßt sich auf ihn nicht gründen. Ihre erste Voraussetzung ist gleiches Recht. Mag sich die Regierung gegen rohe Ausschreitungen der Polemik schützen, mag sie Aufforderungen zu Gewalttaten und Gewalttaten selbst mit Strenge verhindern. Das mag geschehen, wenn es nach allen Seiten gleichmäßig und unparteiisch geschieht, und wenn man es unterläßt, besiegte Gegner zu behandeln, als seien sie vogelfrei.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.
(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, daß sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)
Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht,
(sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Eine solche Allmacht der Regierung muß sich umso schwerer auswirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt.
Meine Damen und Herren! Die Zustände, die heute in Deutschland herrschen, werden vielfach in krassen Farben geschildert. Wie immer in solchen Fällen fehlt es auch nicht an Übertreibungen. Was meine Partei betrifft, so erkläre ich hier: wir haben weder in Paris um Intervention gebeten, noch Millionen nach Prag verschoben, noch übertriebene Nachrichten ins Ausland gebracht.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Solchen Übertreibungen entgegenzutreten wäre leichter, wenn im Inlande eine Berichterstattung möglich wäre, die Wahres vom Falschen scheidet.
(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Noch besser wäre es, wenn wir mit gutem Gewissen bezeugen könnten, daß die volle Rechtssicherheit für alle wiederhergestellt sei.
(Erneute lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Das, meine Herren, liegt bei Ihnen. Die Herren von der Nationalsozialistischen Partei nennen die von ihnen entfesselte Bewegung eine nationale Revolution, nicht eine nationalsozialistische. Das Verhältnis ihrer Revolution zum Sozialismus beschränkt sich bisher auf den Versuch, die sozialdemokratische Bewegung zu vernichten, die seit mehr als zwei Menschenaltern Trägerin sozialistischen Gedankenguts gewesen ist
(Lachen bei den Nationalsozialisten.)
und auch bleiben wird. Wollten die Herren von der Nationalsozialistischen Partei sozialistische Taten verrichten, sie brauchten kein Ermächtigungsgesetz.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Eine erdrückende Mehrheit wäre Ihnen in diesem Hause gewiß. Jeder von Ihnen im Interesse der Arbeiter, der Bauern, der Angestellten, der Beamten oder des Mittelstandes gestellte Antrag könnte auf Annahme rechnen, wenn nicht einstimmig, so doch mit gewaltiger Majorität.
(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten. – Lachen bei den Nationalsozialisten.)
Aber dennoch wollen Sie vorerst den Reichstag ausschalten, um Ihre Revolution fortzusetzen. Zerstörung von Bestehenden ist aber noch keine Revolution. Das Volk erwartet positive Leistungen. Es wartet auf durchgreifende Maßnahmen gegen das furchtbare Wirtschaftselend, das nicht nur in Deutschland, sondern in aller Welt herrscht.
Wir Sozialdemokraten haben in schwerster Zeit Mitverantwortung getragen und sind dafür mit Steinen beworfen worden.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. – Lachen bei den Nationalsozialisten.)
Unsere Leistungen für den Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft, für die Befreiung der besetzten Gebiete werden vor der Geschichte bestehen.
(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Wir haben gleiches Recht für alle und ein soziales Arbeitsrecht geschaffen. Wir haben geholfen, ein Deutschland zu schaffen, in dem nicht nur Fürsten und Baronen, sondern auch Männern aus der Arbeiterklasse der Weg zur Führung des Staates offensteht.
(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Davon können Sie nicht zurück, ohne Ihren eigenen Führer preiszugeben.
(Beifall und Händeklatschen bei den Sozialdemokraten.)
Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, daß man machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrung nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbewußtsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren.
Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfassung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festgelegt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus.
(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.)
Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen. Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht –
(Lachen bei den Nationalsozialisten. – Bravo! bei den Sozialdemokraten.)
verbürgen eine hellere Zukunft.
(Wiederholter lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten. – Lachen bei den Nationalsozialisten.)

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"Es ist nicht alles Komödie in der Welt" -- Zum 181. Geburtsag Wilhelm Raabes (8. September 1831)

"Je mehr ihm das Leben entglitt, desto mehr wurde er Dichter" — diese Sentenz aus seinen "Gedanken und Einfällen" taugte wohl als Lebensmotto für einen, der sich nach Schul- und Lehr-Abbruch ganz aufs Schreiben verlegte. Und das erfolgreich: An die 70 Erzählungen, Novellen, Romane, dazu einige Gedichte verfasste der am 8. September 1831 geborene Wilhelm Rabe und wurde damit zu einem der meist gelesenen Autoren seiner Zeit. Besonders "Die Chronik der Sperlingsgasse", seines Romanerstlings, verkaufte sich prächtig, Raabe meinte später: "Für die Schriften meiner ersten Schaffensperiode (...) habe ich „Leser" gefunden, für den Rest nur „Liebhaber".

Als Sohn eines Justizbeamten studierte Raabe in Berlin auch ohne Abitur einige Semester Philologie, parallel dazu begann er mit der Arbeit an der "Sperlingsgasse". Bereits in dieser "Chronik" offenbaren sich eine distanziert-kritische Schreibweise, ein offener Blick auf Zeitgeschichte, Krieg und gesellschaftlichen Missstände und eine bei aller Poesie des Ausdrucks pessimistische Grundhaltung. "Es ist nicht alles Komödie in der Welt", wie wahr! Das Auseinanderdriften von Alt und Neu, kleinbürgerlichem Kosmos und Zwängen der Arbeitswelt, Natur und Industrialisierung thematisert Raabe immer wieder. In "Pfisters Mühle" und dem dortigen Ausflugslokal etwa beginnt es irgendwann, übelst zu stinken: die Abwässer einer Zuckerrübenfabrik sind Quell der Gerüche, und es kommt, wie könnte es anders sein, wie es kommen muss: Die Fabrik obsiegt, das Lokal schließt.

Rückblickend meinte Raabe: "Wie mich danach unseres Herrgotts Kanzlei, die brave Stadt Magdeburg, davor bewahrte, ein mittelmäßiger Jurist, Schulmeister, Arzt oder gar Pastor zu werden, halte ich für eine Fügung, für welche ich nicht dankbar genug sein kann." Am 15.11.1910 verstarb der Mitbegründer des poetischen Realismus hochangesehen in Braunschweig.

aus "Die Chronik der Sperlingsgasse"

Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen, krummen, dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt: ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen, mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen sich ein neues Leben in liniengraden, parademäßig aufmarschierten Straßen und Plätzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen, ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt, liebkosend mit der Hand zu berühren. Selbst die Bewohner des ältern Stadtteils scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Völkchen zu sein, als die Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernsts, und der zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergötzlicheren Szenen aneinander als in den vornehmern, aber auch öderen Straßen. Hier gibt es noch die alten Patrizierhäuser – die Geschlechter selbst sind freilich meistens lange dahin –, welche nach einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart oder sonst einem Wahrzeichen unter irgendeiner naiven, merkwürdigen Benennung im Munde des Volks fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und Dachwohnungen. Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamere Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Töne als anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender – man möchte sagen dem Ort angemessener – als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffängt, bricht und verändert zurückwirft! –

Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort wahrhaft melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit hinwälzt! – Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner, aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler – ein Musiker, das ist freilich eine andere Sache – dürfe nirgend anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo die frischesten, originellsten Schöpfungen in allen Künsten entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer Dachstube! – In einer Dachstube im Wineoffice Court war es, wo Oliver Goldsmith, von seiner Wirtin wegen der rückständigen Miete eingesperrt, dem Dr. Johnson unter alten Papieren, abgetragenen Röcken, geleerten Madeiraflaschen und Plunder aller Art ein besudeltes Manuskript hervorsuchte mit der Überschrift: Der Landprediger von Wakefield.
In einer Dachstube schrieb Jean Jacques Rousseau seine glühendsten, erschütterndsten Bücher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels! —
Die Sperlingsgasse ist ein kurzer, enger Durchgang, der die Kronenstraße mit einem Ufer des Flusses verknüpft, welcher in vielen Armen und Kanälen die große Stadt durchwindet. Sie ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln.
"In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert sich das Universum in einem Punkt", dozierte einst mein alter Professor der Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekümmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich am Fenster, während ich, Kants Kritik der reinen Vernunft vor der Nase, die Augen – nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles liegt ins Unendliche auseinander.
Da stand ich eines schönen Nachmittags, wie gewöhnlich, am Fenster, die Nase gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen Sonnenstrahl, saß meine in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum gegeben, zu wissen, ob sie herüberlächele!
Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch nach meiner kleinen Putzmacherin, und – ich begriff, daß das Universum sich in einem Punkt konzentrieren könne.
So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber und eine Welt von Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, dem einmal diese Blätter in die Hände fallen sollten.

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"Grodek" -- Zum Beginn des Ersten Weltkriegs und Georg Trakls Anfang vom Ende vor 98 Jahren (August 1914)

 

Vier Jahre Krieg. Siebzehn Millionen Menschenleben sind zu beklagen, Allmachtfantasien geopfert in grausamen Gemetzeln Mann gegen Mann, in Grabenkampf und Giftgasschwaden. Vierzig Staaten meinten, sich diesem Wahnsinn nicht entziehen zu dürfen, gingen aufeinander los, mittenmang das Deutsche Reich, dessen Kaiser ("Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser") unter dem 31. Juli 1914 den Kriegszustand des gesamten Reichsgebietes verordnet, tags drauf die allgemeine Mobilmachung und Russland den Krieg erklärt. Österreich-Ungarn und Russland, das ist der Frontverlauf zum Hurra-umjubelten Anfang. Klar, dass in Wien ein junger Mann wie der Pharmazie-Magister Georg Trakl (27), von der allgemeinen Euphorie angesteckt, sich freiweillig meldet; man schickt ihn an die nahe galizische Front, als Medikamenten-Beauftragten. In dem Städtchen Grodek (Horodok) nahe Lemberg wird er Zeuge des Schlachtens und Verreckens. Erst erhängt man vor seinen Augen dreizehn "Feinde" an Bäumen. Dann des Blutrauschs zweiter Teil: In der folgenden Schlacht soll er hundert Kameraden versorgen, doch es fehlt ihm an allem, was es bräuchte, Schwerverletzten zu helfen. Trakl kollabiert. Er will sich ermorden, wird daran gehindert. Im November aber wird er tot sein, gestorben an einer Überdosis Kokain.

 

"Grodek" gilt als Trakls letztes Gedicht, verfasst wohl im September 1914. Baudelaire und Rimbaud brachten ihn einst zur Lyrik, die Drogenprobleme der Mutter zu seinem Ernst und seiner Verlassenheit, vielleicht auch zu seiner intensiven Beziehung zu seiner Schwester.

 

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Grodek

 

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düster hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

 

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Traum des Bösen

 

Verhallend eines Gongs braungoldne Klänge –
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern
Die Wang' an Flammen, die im Fenster flimmern.
Am Strome blitzen Segel, Masten, Stränge.

 

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern, rote Kittel schimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

 

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

 

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

 

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Verfall

 

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg' ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

 

Hinwandelnd durch den nachtverschloßnen Garten,
Träum' ich nach ihren helleren Geschicken,
Und fühl' der Stunden Weiser kaum mehr rücken -
So folg' ich über Wolken ihren Fahrten.

 

Da macht ein Hauch mich von Vertall erzittern.
Ein Vogel klagt in den entlaubten Zweigen
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

 

Indess' wie blasser Kinder Todesreigen,
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern
Im Wind sich fröstelnd fahle Astern neigen.

 

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Verlassenheit

 

Nichts unterbricht mehr das Schweigen der Verlassenheit. Über den dunklen, uralten Gipfeln der Bäume ziehn die Wolken hin und spiegeln sich in den grünlich-blauen Wassern des Teiches, der abgründlich scheint. Und unbeweglich, wie in trauervolle Ergebenheit versunken, ruht die Oberfläche - tagein, tagaus.

 

Inmitten des schweigsamen Teiches ragt das Schloß zu den Wolken empor mit spitzen, zerschlissenen Türmen und Dächern. Unkraut wuchert über die schwarzen, geborstenen Mauern, und an den runden, blinden Fenstern prallt das Sonnenlicht ab. In den düsteren, dunklen Höfen fliegen Tauben umher und suchen sich in den Ritzen des Gemäuers ein Versteck.

 

Sie scheinen immer etwas zu befürchten, denn sie fliegen scheu und hastend an den Fenstern hin. Drunten im Hof plätschert die Fontäne leise und fein. Aus bronzener Brunnenschale tränken dann und wann die dürstenden Tauben.

 

Durch die schmalen, verstaubten Gänge des Schlosses streift manchmal ein dumpfer Fieberhauch, daß die Fledermäuse erschreckt aufflattern. Sonst stört nichts die tiefe Ruhe.

 

Die Gemächer aber sind schwarz verstaubt! Hoch und kahl und frostig und voll erstorbener Gegenstände. Durch die blinden Fenster kommt bisweilen ein kleiner, winziger Schein, den das Dunkel wieder aufsaugt. Hier ist die Vergangenheit gestorben.

 

Hier ist sie eines Tages erstarrt in einer einzigen, verzerrten Rose. An ihrer Wesenlosigkeit geht die Zeit achtlos vorüber.

 

Und alles durchdringt das Schweigen der Verlassenheit.

 

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Niemand vermag mehr in den Park einzudringen. Die Äste der Bäume halten sich tausendfach umschlungen, der ganze Park ist nur mehr ein einziges, gigantisches Lebewesen.

 

Und ewige Nacht lastet unter dem riesigen Blätterdach. Und tiefes Schweigen! Und die Luft ist durchtränkt von Vermoderungsdünsten!

 

Manchmal aber erwacht der Park aus schweren Träumen. Dann strömt er ein Erinnern aus an kühle Sternennächte, an tief verborgene heimliche Stellen, da er fiebernde Küsse und Umarmungen belauschte, an Sommernächte, voll glühender Pracht und Herrlichkeit, da der Mond wirre Bilder auf den schwarzen Grund zauberte, an Menschen, die zierlich galant voll rhythmischer Bewegungen unter seinem Blätterdache dahinwandelten, die sich süße, verrückte Worte zuraunten, mit feinem verheißenden Lächeln.

 

Und dann versinkt der Park wieder in seinen Todesschlaf.

 

Auf den Wassern wiegen sich die Schatten von Blutbuchen und Tannen und aus der Tiefe des Teiches kommt ein dumpfes, trauriges Murmeln.

 

Schwäne ziehen durch die glänzenden Fluten, langsam, unbeweglich, starr ihre schlanken Hälse emporrichtend. Sie ziehen dahin! Rund um das erstorbene Schloß! Tagein, tagaus!

 

Bleiche Lilien stehen am Rande des Teiches mitten unter grellfarbigen Gräsern. Und ihre Schatten im Wasser sind bleicher als sie selbst.

 

Und wenn die einen dahinsterben, kommen andere aus der Tiefe. Und sie sind wie kleine, tote Frauenhände.

 

Große Fische umschwimmen neugierig, mit starren, glasigen Augen die bleichen Blumen, und tauchen dann wieder in die Tiefe - lautlos!

 

Und alles durchdringt das Schweigen der Verlassenheit.