22 - 02 - 2018

Trotz alledem
Anthologie zu den Vierten Berner Bücherwochen


Hg.; Reinhard Rakow
Mit einem Geleitwort
der Niedersächsischen Ministerin
für Wissenschaft und Kultur
Dr. Gabriele Heinen-Kljajić
Geest-Verlag 2013
ISBN 978-3-86685-434-5                                  

ca. 480 S., 15,00 Euro

Cover von Reinhard Rakow

Bild: "Es ist was es ist", 2000. Öl auf Leinwand, 100 x 100 (Zum Vergrößern bitte auf das Foto klicken).

 

Eine Anthologie zum Thema ‚Trotz alledem' präsentieren die Vierten Berner Bücherwochen. „Autorinnen und Autoren schaffen dort eine literarisch spannende Verbin­dung zu diesem historisch und politisch konnotierten Ausspruch“, schreibt Dr. Gabriele Heinen-Kljajić, die  Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, im Geleitwort dieses Buches. Mehr als 350 Autoren aus Europa und Übersee beteiligten sich mit über 1.000 Beiträgen an der Ausschrei­bung.


 

Vorwort des Herausgebers

Wie viele Schalen die Zwiebel ‚Trotz alledem‘ hat? Das  wäre ein Germanisten-Seminar wert: Vom Dichter Robert  Burns, Jahrgang 1759, wäre die Rede, vom Streben seiner  Schotten nach Unabhängigkeit, von Thomas Paines  Gedanken zu ‚The Rights of Man‘, von Jefferson und  Abraham Lincoln. Freiligrath und seine verschiedenen  Übertragungen von Burns' Gedicht gäben den Stoff für  die schönen fetten Referate, in denen Stichworte wie  1848 und Märzrevolution und die Namen Karl Marx und  Karl Liebknecht nicht fehlen dürften; die mannigfachen  Um- und Dazudichtungen, die heute aktualisiert kursieren,  markierten, Tonbeispiele inklusive, den süffigen  Schluss des Semesters.  Ja, es gibt Menschen, die die Verbindung ‚Trotz alledem‘  nicht denken können, ohne das Aroma der Geschichte, mit  der sie sich vollgesogen hat, auf der Zunge zu schmecken.  Einerseits. Andererseits hat sich im Laufe der rund  zweihundert Jahre, die vergangen sind seither, der Geruch  jenes Aromas merklich verflüchtigt. Die Patina des  Vergessens und / oder lässige Flapsigkeit des gemeinen  Sprachgebrauchs haben die Poren der äußeren Hülle  versiegelt. ‚Trotz alledem‘ ist zum ‚geflügelten Wort‘  mutiert, kann man nachlesen, die Losung zur befüllbaren  Hülse, in der sich also Vokabeln wie ‚trotz‘ verbergen  lassen, ‚trotz allem‘, ‚dennoch‘ oder ‚doch‘. Das ist der  Lauf der Zeit und als solcher nicht zu bekritteln, schon gar  nicht in einer Anthologie, bei der die zugrunde liegende  Ausschreibung zum losen, weiten Gebrauch anstiftete.  8  Und doch tut sich zwischen der Erwartung von Texten, die  die politische Dimension des Freiligrath-Originals in die  Gegenwart der Wohlstandsschere, der fehlenden  Chancengleichheit, des Asylantenelends und so fort  fortschreiben würden, und den tatsächlich eingesandten  Beiträgen eine (in dieser Breite) dann doch nicht  erwartete Lücke auf. Der Opel-Streik in Bochum, die  Suche nach einem neuen Job, Alterselend, die hässliche  Fratze des Kapitalismus in Gestalt eines Kriminellen im Big  Business: Das sind Themensetzungen mit Ausnahmecharakter  geblieben in diesem Buch. Wietere im – wie  auch immer ausgestalteten – Subtext gesellschaftskritischen  Inhalte (etwa zu Vergewaltigung in der Ehe,  Pädophilie, Auseinandersetzung mit der Nazizeit) dieser  Kategorie zuzuschlagen, ändert den Befund kaum.  Die weit überwiegende Anzahl der eingesandten und der  veröffentlichten Texte denkt ‚Trotz alledem‘ als ‚trotz  (allem)‘, also nicht historisch, und dies nahezu durchgängig  auch nicht gesellschaftlich, sondern individualistisch.  Auch das ist Lauf der Zeit: Wir leben nun einmal  in Verhältnissen, die den Einzelnen in erster Linie auf sich  selbst zurückwerfen, in denen einem eigene Haut und  eigenes Hemd näher sind / sein müssen als die noch so  löchrige Jacke des Nachbarn. Insofern legt diese Anthologie  beredt Zeugnis ab vom Zustand der Zeit, der Befindlichkeit  und Verfassung unserer Gesellschaft. Emanzipation,  eine der zentralen Kategorien des originären  ‚Trotz alledem‘, meint nicht mehr die von gesellschaftlichen  Zwängen, sondern die von eigener (privater)  menschlicher Not und Bedrückung: Das Freisein,  9  die Milderung, die Überwindung von Krankheit – dies  weit, weit vor allem anderen! –, von Altersgebrechen,  von Liebesunglück ist es, was die meisten Texte verhandeln,  autobiografisch konnotiert nicht selten, aber  auch in vollendet funkelnder Fiktionalität.  Im Kaleidoskop der privaten Nöte, Miseren und Anlässe,  denen es zu trotzen gelte (stets freilich auf die Gefahr  hin, dabei zu unterliegen) findet sich literarisch wie geistig  Hochkarätiges, vor allem aber auch Überraschendes:  Humor, in seinen apartesten Ausprägungen boshaft wie  zauberleicht zugleich, Always look on the bright side of  life. Und natürlich ist die souveräne Gelassenheit dieser  Gebärde, Privatheit hin oder her, von gesellschaftlichem  Gewicht (wie alles ‚Unpolitische‘ nur eine besondere Spezies  des Politischen ist, Rosa Luxemburg lässt grüßen).  Den Galgenhumor, den etwa ein von Familienbanden  befeuerter Beitrag dank NSA-Skandal und Stasi verbreitet,  muss einer erst mal zusammenbrauen.  Vielleicht ist dieses Buch ja doch geschichtsbewusster  und politischer, als es prima vista den Anschein hat. Auf  einer Metaebene, sozusagen. Da ist der Sohn, der abzugleiten  droht. Der Ziehvater inmitten seiner Anfechtung.  Der vereinsamte Industrielle. Der Krebs, der frisst,  aber noch nicht auffrisst. Hier und bei vielen anderen  Texten scheint, zuweilen kunstvollst ungesagt, durch,  was sie und Freiligrath zusammenhält: kleine Tagträume,  Wunschbilder des erfüllten Augenblicks, kurz: Hoffnung,  Hoffnung durchaus in einem konkreten, in einem  Blochschen Sinn.  10  Vielleicht macht das ja die innerste Schale der Zwiebel  ‚Trotz alledem‘ aus, ihre Knospe oder ihren Nukleus. Das,  und was Freiligrath so in Worte fasste: „Trotz alledem  und alledem / es kommt dazu trotz alledem / daß rings  der Mensch die Bruderhand / dem Menschen reicht, trotz  alledem!" In Paul Sankers Beitrag lässt sich der Held, ein  ausgelaugter, ausgebrannter Arzt, anrühren vom Dank  einer Geretteten, anrühren, um die Praxis einmal Praxis  sein zu lassen – und sich der Familie zu Hause zuzuwenden.  Das ist auch privat, gewiss. Aber auch schon  mal was. Und mehr.  

 

Reinhard Rakow