16 - 08 - 2018

Lhasa es pocht scharlachrot. Gedichte

Reinhard Rakow (Autor)

Books on Demand 2001

ISBN: 3831113777

Paperback 218 Seiten, 14,57 Euro

Cover: Reinhard Rakow


“Lhasa es pocht scharlachrot” - der Titel zu Reinhard Rakows Buch ist seinem Gedicht “Rendezvous” entnommen. Diese Wahl ist Programm. Beim Lesen des Gedichtes nämlich erschließt sich, wovon es handelt, mit wem das Rendezvous stattfinden wird: Es sind die letzten Worte eines Sterbenden, der auf den Tod wartet, ihn dankbar begrüßt (“bist spät dran”). Die Präsenz, ja: Intimität des lyrischen Ich schlägt in diesem Gedicht, ohne dass der Leser dessen sofort gewahr wird, um in Verzweiflung, Schmerz, verliert sich im Abgrund. Eben dies ist eines der Grundprinzipien der Gedichtsammlung selbst: das stete Nebeneinander von Freud und Leid, deren wechselseitige Durchdringung, die flirrende Ambivalenz des Augenblicks, die nicht selten glücklos endet (Beispiel: “flieg kleiner fratz flieg/ himmel die weite hui diese/ ferne betäubend// improvisiere geflügelt bist ein/ kleiner engel azur der stratosphäre/ plötzlich so nah halt den atem an plötz-// licher/ kindstod.”)

Ein weiteres ist Rakows Bekenntnis zur Stil-Losigkeit - in dem Sinne, dass er klassische Gedichtformen zwar nutzt, benutzt, wie es ihm passt, sie indes mit Kabinettstückchen moderner Lyrik und selbst erfundenen Formen gnadenlos mischt: So stehen ziselierte Sonette neben Prosagedichten in Kleinschreibung, so zählt der Germanist die Jamben, freut sich über brave Alexandriner - und findet sich wieder in einem lautmalerischen “Gedicht”, dem ein Metrum beim besten Willen nicht überzustülpen ist. Zur Vielfalt von Aussage und Form gesellt sich die der Inhalte. Zarte Liebesgedichte und kleine Stimmungsbilder findet man ebenso wie Elegien, sprachspielerische Versatzstücke zur Befindlichkeit der Mainstream-Gesellschaft leiten über zu zeitkritischen Gedichten, deren Schärfe ihresgleichen sucht (“jahrestag”, “grosny”, “ode vom aus.lesen”). Die rund 200 Seiten des Gedichtbandes sind so zu einem einzigen Anschlag auf die Lesegewohnheiten von Otto Gedicht-Verbraucher geworden. Anlasten kann man Rakow allenfalls, mit seinen Ein- und Ausfällen, An- und Zumutungen nicht hausgehalten zu haben. Nach diesem oder jenem Gedicht legt der Leser, gerührt, verwirrt, verstört bisweilen, das Buch aus der Hand, um sich erst einmal eine Atempause zu gönnen.

 

Auszüge:

 

verfehlt

  

ankomme in b. siebzehn

uhr zehn ab vier haben

sie geschlossen

 

großer platz in fremder

stadt kaltes licht auf

blauen granit

 

unwirtliche klötze beton

reflektieren beißend

des himmels weiß

 

scharfe winde treiben

wolken aus ocker

mir ins gesicht

 

wollte dich anrufen

weiß deine nummer

nicht mehr.

 

 

hauch

 

 draussen kein laut

durch die lamellen hindurch

gleißendes licht

reglos

das die stille noch verstärkt

 

unvermutet

in abgestandener luft

ein hauch kühl

deck dich wieder zu

liebes

 

ich erzähl dir was

von kühlschränken

oder dass

 

heute

früh unter der dusche habe ich an

dich gedacht und

als ich mich abtrocknete stand

vorm fenster

ganz nah

 

ein

regenbogen sei

 

still

 

 

bestellung

 

erscheinungsjahr: ungewiss, fiel-

leicht lieferable binn dreiwisfier wochn

oder monde oder iaare

oder meer oder nich,

gleichsam mit weit offenem ende

wie der verlach, bei dem es dereinst erschienn,

geseent vom zeilichen, changing

et nos in illis, memento bloß mori

und vor allm respize finem,

wie das endn soll, ja wie, ich für mich

wees et ooch nich, bin sozusaan

konfusioniert irritierendes opfer

von einem black out, heißt was: das: sie finden

mich sprachlos, sprachlos wie die aktuelle

lürik, auch sie nur ein opfer,

nur zeitgeistdeterminiert aufgeblasene

hylsn, sinnentleert, angesiedelt

schon sprachlich auf

allerniederigstem nie-

wo : na eemt

in jenem ehemalien verlach, wobei

sich mir zu erschliessn beginnt:

 

aientlich mainte ich jiits

unnich dscheus.

  

ode vom aus lesen

 

1.      

das institut.

die villa.

der gang.

die kellertreppe.

die brettertür.

die holzregale.

die weckgläser.

die zinkspangen.

das formaldehyd.

die gehirne.

 

2.      

nach dem aushauchen verlangt der primarius

zuvörderst das hirn. es wird dazu der tote schädel teil-

rasiert. aufgetragen fettstiftig die trennlinie für den sauberen

 

schnitt. von sterilen greifern fixiert die hautlappen beidseits der elektrischen knochen

säge den akkuraten zug zu

bereiten. so der kreis der vollendung

 

sich zu nähern beginnt es

größter sensibilität bedarf zu entnehmen die weiche

masse diese zu reinigen und

 

umzusetzen ins glas behutsam ohn

jeden schaden. all dies

ist vorrecht des

 

primarius selbst.

 

3.      

der herr hats gegeben der herr

soll es nehmen. das leben einfach

 

wegzuspritzen wäre die sache nicht eines

humanisten eines christen eines der leistete

 

den eid des hippokrates. ist die entscheidung gefallen wird

der herr gerne unterstützt im seinem nehmen durch

 

beibringung von schlafmitteln hochdosiert wie gelegentlich

medikamente zur herbeiführung von brechreiz. die probanden

 

fallen in einen dauerschlaf der sie nicht essen lässt. wer

erwacht schlafmittelvergiftet und isst speit nach einer

 

injektion alles  wieder heraus. so geschwächt

schläft er alsbald wieder ein unbedeckt am offenen fenster. die lunge i

 

n dem ausgemergelten körper viren und bakterien willkommene

heimstatt bis röchelnd im schlaf

 

er dahingerafft ist vom fieber das

der herr geschickt hat

 

4.      

auffällig geworden jenes kind durch

seinen klaren blick aus einem wasserkopf. zwar schubweise

heimgesucht von krämpfen die seinen dürren körper schüttelten dass der schaum vom mund weg schleuderte wie aus einer zentrifuge dass

 

der riesenschädel hin- und herschlackerte

sich von den konvulsischen gliedern zu trennen drohte dass

nur noch die spritze den beelzebub austreiben mochte dass

gar den verrohten krankenschwestern angst wurde zeigte es

 

einsicht indes in seinen klaren momenten löste aufgaben die

manchem gesunden zu schwer gewesen wären

schien es fähig der reflexion und

nicht nur debiler anhänglichkeit sondern

 

scheinbar echter zuneigung. auffällig geworden

dieses durch seine verderbte schönheit wie

renitenz. genetisch determiniert durch mittlerweile

kastriert einen zigeuner und eine dunkelhäutige unklarer

 

volkszugekörigkeit bestand es aus großen tiefbraunen

augen die einen durchschauten und bis in den traum

verfolgten war es ausgestattet mit jener unbelehrbarkeit

die volksschädlingen eigen und nicht davon abzuhalten

 

einen so anzusehen

mithin therapieresistent.

es galt

zu ergründen –

 

5.      

in den dicken büchern schwarz auf  weiß

und von sehr weit oben

selektionsmuster

richtlinien kriterien

kataloge erlasse

verordnungen gesetze zum wohle

von wissenschaft

volksgesundheit

blutreinhaltung

erbgesundheit

zu vermeiden

geistes- drüsen-

muskel-

schwache

wasserköpfige riesenköpfige kleinköpfige

mongoloide zwergen wie riesen

offene rücken hasenscharten

ein- und anderthalbarmige

ein- oder keinbeinige

herz- oder nierenkranke

zuckerkranke

grippekranke

dunkelhäutige

schwarzhaarige

rothaarige

norm-

verletzer

aus rücksichtnahme gegenüber der allgemeinheit

ihrem wohlbefinden

ihren kassen oder was sonst

sich finden lässt zu verbrämen

den kitzel gott-

gleich –

 

6.      

abzutöten ist der foetus durch kaliumspritzen

ins herz die nadel gesetzt auf die bauchhaut

geht sie durch ultraschall zielgeführt

 

daneben bisweilen  die ersten paar male. andere

lassen entscheiden den herrn beschleunigen verstärken

wehen durch hormone hochdosiert welche

 

toxisch wirken dem foetus wodurch dieser

anvergiftet die strapazen in krampfender scheide

nicht übersteht oder so doch anschließend sein leben alsbald

 

aushaucht oder so doch nicht an einem zugigen fenster

abgestellt und dort versehentlich vergessen wird auch

in der fünfundzwanzigsten

 

woche

oder

später

 

7.      

vollendet

hat der sohn des herrn

primarius jetzt seine

dissertation man hört von der industrie

lägen lukrative angebote vor schon seit monaten als bekannt

wurde er forsche an der verwertbarkeit von embryonen-

hirnen bei der herstellung von

medikamenten gegen

das hautaltern und nenne

sein eigen beste

beziehungen 

zu einer frauenklinik.