28 - 05 - 2018

atem~pause. roman in vier sätzen

Reinhard Rakow (Autor)

Geest-Verlag 2012.

ISBN 978-3-86685-335-5

520 Seiten, 17,50 Euro

Cover: Reinhard Rakow

In seiner Novelle ‚Sonnenklirren‘ verhandelte Rakow die Situation einer spätgebärenden Mutter, die ein behindertes Kind zur Welt bringt. In seiner gattungsübergreifenden ‚atem~pause‘ lässt er nun unterschiedliche Charaktere in differenten Lebenssituationen existenzieller Bedrängnis agieren. „Stell dir vor, dein Atmen pausiert ...“

Ausgehend von diesem Thema seiner ‚Aria‘ legt er kunstvoll verwirrende Fäden, offenbart er immer wieder überraschende Perspektiven. Kompromisslose Prosa, die konventionelle Grenzen sprengt, ein Feuerwerk der Sprache und eine kühne Konstruktion fügen sich zu diesem ‚Roman in vier Sätzen‘. „... wenn die Zeit stillsteht und wir den Atem anhalten, anhalten müssen, stellen wir uns unseren Träumen, spielen wir mit unseren Erinnerungen und Visionen, und lassen wir zu, dass sie spielen mit uns. Und so schauen wir den Grund und uns selbst und bisweilen über beide hinaus.“

"Ein außergewöhnliches Werk des in allen Künsten beheimateten Reinhard Rakow ... Auf den insgesamt rund tausend Seiten seiner beiden Romane komponiert er ein Weltgefüge der Fragen an die Wirklichkeit ... ("atem~pause" und "Konzert im Schloss" --) zwei Meisterwerke, die den Leser mit ihrem Erzählstrom und einem sprachlichen Feuerwerk mitreißen, erschüttern und auf eigenes Sein radikal zurückwerfen." (Alfred Büngen, Verleger, in seinem Nachwort)

 

Auszüge:

 

Tema con variazioni.

 

ARIA

Atempause

(Stell dir vor, du wachst auf und bist tot.)

 

 

Stell dir vor, dein Atmen pausiert

mag sein, ein Wassertropfen

hat sich in deinem Hirn verirrt,

 

Nichtsein, wobei in blauer Schärfe

ganz weit und wild und still

des Lebensfilms Licht Schatten werfe,

 

mag sein, ein Molekül

hat seine Ionen falsch gebunden

so dass dein Atem enden will,

 

urplötzlicher Druckabfall.

Grenzgeher aus dem Lot

chemischer Betriebsunfall,

sein Fortgang ist dein Tod.

 

 

Wir leben unser Leben in Belanglosigkeiten. Die Routine schleift uns und der tägliche Trott, und kaum dass wir bemerkt haben, wie der kleine Vogel Ewigkeit seinen Schnabel an uns wetzt, sind wir gewesen. Während wir unserem Glück hinterherjagen, oder dem, was wir dafür halten, wie ein irrer Hund seinem Schwanz, und doch zu selten auch nur einen  Zipfel erwischen, sind wir wie getrieben von einem Räderwerk. Nur wenn ein Sandkorn in die Mechanik gerät, wenn die Zeit still steht und wir den Atem anhalten, anhalten müssen, stellen wir uns unseren Träumen, spielen wir mit unseren Erinnerungen und Visionen, und lassen wir zu, dass sie spielen mit uns. Und so schauen wir den Grund und uns selbst und bisweilen über beide hinaus.

 

I. Blicke(Allegro ma non troppo)

 

Variatio I

Der Berg

 

 

“Seit meinem dritten Schuljahr maß mein Schulweg anderthalb Fußkilometer.  Die Schule, in die ich eingeschult worden war, sie lag einen Katzensprung vom Haus der Eltern entfernt, hatte ein Geschäftsmann der Gemeinde abgekauft, und die Herren im hiesigen hatten sich mit den Herren im benachbarten Rathaus auf eine Vergrößerung der dortigen Schule verständigt; wir Kinder hatten davon nichts mitbekommen, und selbst die  Älteren taten erstaunt.  Der größte Teil des neuen Weges bestand aus einer schnurgeraden gepflasterten Allee, gesäumt von riesigen Linden, neben der, zur Talseite hin, kleine Einfamilienhäuschen aufgereiht standen, Flüchtlingssiedlung sagten die Eltern, nach dem Kriege erbaut von Zuzüglern aus Schlesien und Pommern, die sich über die Jahre so stark vermehrt hatten, dass sie meinten, den Bau einer katholischen Kirche verlangen zu dürfen, während auf der gegenüberliegenden Seite, jenseits der parallel fluchtenden Landstraße, die die beiden Orte verband, begrünte Hügel sich auftürmten, zwei-, dreihundert Meter hoch über zu kurzer Basis, also steil, Hügel, die sich hier von Matten aus Gräsern und Kräutern bedeckt zeigten, doch wir wussten, jenseits des Blicks säumten Fichten und Kiefern die Höhen und Arbeiter schlugen Bäume oder brachen Sandstein in riesigen Quadern aus dem Grund; manchmal, wenn es im neuen Klassenzimmer still war, konnten wir das Jaulen der Motorsägen hören oder das Grollen der Sprengungen, und ich dachte, der Berg schreit und er stöhnt und dann droht er, ein gemarterter Riese, dem man bei lebendigem Leib Batzen von Fleisch mit grobem Messer heraustrennt.  Ich war ein braves Kind und pünktlich zu Hause.  Eines Tages, die beiden letzten Stunden waren ausgefallen, ich trottete, am Ranzen schwer leidend,  dem Hauptfeld der unbotmäßig leichten hinterher, nahm ich mehrere hundert Meter hinter dem Schulgebäude nicht, wie üblich, den Zebrastreifen, um links auf die Allee zu gelangen, die mich nach Hause, auf den Kartoffelacker, geführt hätte, sondern bog rechts ab auf einen fußbreiten Trampelpfad, der den Anschein machte, sich den Hügel hinaufschlängeln zu wollen; er hatte meine Aufmerksamkeit schon oft angezogen. Es war Oktober und dichter Nebel lag im Tal, die Novemberfröste anzukündigen.  Das Gras, das in langen, kopfschweren Halmen den Pfad von beiden Seiten fast überdeckte, hing voll dicker Tropfen, und durch die Riemen der Sandalen hindurch wurden Strümpfe und Füße klatschnass.  Ich wog zu viel und begann bald zu schwitzen, wagte aber nicht, den Ranzen abzulegen.  Gerade als ich, in der feuchtfahlen Luft schwer keuchend, zu bemerken begann, dass ich kaum voran kam und deshalb beschloss, bei der nächsten Kurve, von der aus der Gipfel nicht zu erkennen sein würde, wieder umzukehren, brach die Sonne durch ...  —

 

Wenn man unterwegs ist, durchschreitet man Raum und verbraucht Zeit.  Bei langen Reisen ist das offenkundig.  Meist aber nimmt man nichts davon wahr.  Man lebt sein Leben, man trottet vor sich hin, den Weg zur Schule, zur Arbeit, zum Bäcker, zurück, hin, und wieder, und wieder, die Tage vergehen und werden sich ähnlich und nichts, überhaupt nichts geschieht.  Ein Bewusstsein für Vergangenes, für Vergänglichkeit, stellt sich oft erst dann ein, wenn Ereignisse besonderer Qualität sich in unsere Erinnerung eingegraben haben, lustvolle vielleicht, leidvolle gewiss. Eine Vergangenheit, die erkämpft, erlitten wurde, prägt sich tiefer ein als eine scheinbar belanglose und wird von uns eher als wertvoll wahrgenommen als eine, die ereignisarm verfloss.  Vielleicht ist das ja der Grund für den gegenwärtigen Verlust an geschichtlichem Bewusstsein in unserer Gesellschaft: Dass alles so dahin plätschert - dahinplätschert wie Erdrutsche und Hochwässer in Stereo und 16 auf 9 im Fernseher eben plätschern ...  Man will gar nichts mehr Vergangenes wissen, es plätschert doch auch ohne Erinnerung alles so schön. Bei uns Individuen jedenfalls beobachten wir das schon: dass Erinnern besonders leicht und effektiv funktioniert, wenn es mit Ereignissen verbunden ist, die einen hohen emotionalen Stellenwert haben.  Der Weg den Hang hinauf, den ich beschrieben habe, und dass oben ein Botanischer Garten angelegt war, in dem eine Bronzeskulptur stand, und dass ich mich ein Jahr später dort mit einem Mädchen traf mit leichtem Sommerkleid und dünnen gebräunten Armen, hatte ich jahrzehntelang vergessen. Bis, vor einigen Jahren, mich mein Auto den Hügel hinauf kutschierte, von einer anderen Seite aus, auf einer breiten neuen Asphaltstraße, und die endete, wo einstmals der Botanische Garten Verliebte angezogen hatte, auf einem Friedhof, frisch gepflügt, auf dem sie einen begraben hatten, der mir nahestand.

 

Dabei bedarf die Veränderung an sich weder besonders langer Zeit noch besonders langer Strecke noch besonderer Ereignisse.  Etwas passiert immer.  Etwas verändert sich in jedem Augenblick, und sei es nur, dass unsere Zellen altern, oder dass draußen das Gras wächst, dass eine Einstellung sich ändert, in uns oder anderen, dass Träume  sterben oder Träume entstehen. Meist bemerken wir es nur nicht: etwas geht allmählich zu Ende. Ein anderes, entstanden, gewachsen, ohne von uns bemerkt zu werden, greift Raum.  Lebenslinien kreuzen sich. Die alte Schule schließt, die neue ist bereits erbaut. Einer verabschiedet sich, einen anderen lernen wir kennen.  Ein Lebensabschnitt endet, eine neue Perspektive tut sich auf.  Wir sind immer unterwegs, auch wenn wir es nicht wahrnehmen, selbst, wenn wir es nicht wahrhaben wollen. Unsere gesamte Existenz ist kontinuierlich: Veränderung.  Meist still, meist unspektakulär sind wir auf der Reise vom ersten Atemzug an und wenn wir vielleicht auch nicht das Ziel vor Augen haben, so wissen wir, dass wir gar nicht anders können, als unterwegs zu sein  —  der Weg ist uns Ziel.  Wenn wir das erkennen, und wenn wir beginnen, uns darüber Gedanken zu machen, dann, dafür spricht vieles, haben wir unseren Lebenswendepunkt bereits erreicht oder schon überschritten  —  für den, der meinen darf, alles vor sich haben, sind Unterwegssein, der Lauf der Zeit und Vergänglichkeit noch kein Thema.”

 

Nach dem Niederschreiben jener Zeilen hatte eine tiefe Erschöpfung sich seiner bemächtigt. Er starrte aus dem Fenster, den Blick gerichtet auf einen imaginären Fluchtpunkt, dem alles, was war, sich unterordnete.  Die Dinge hatten ihre Bedeutung verloren, die Zeit, die ihm sonst knapp und kostbar erschien, spielte keine Rolle mehr; es musste, als er das Zimmer betreten hatte, um, mit einer Geschäftigkeit, die er sich selbst vorspielte, am Schreibtisch Platz zu nehmen, gegen halb acht gewesen sein  —  jetzt zeigte die Uhr kurz vor elf, ohne dass er sich auch nur geregt hätte ... Die Stunden waren nutz- und ereignislos vergangen

 

 

Kindskopftomatenorangen

 

 

Da waren Flieger bei Nacht. Da waren Flieger bei Nacht ... Sie waren da ... inmitten der Nacht, mitten in ihr, mit einem Mal ... in ihr ... in all ihrer Schwärze ... ihrem Raum, ihrem Bauch, ihrem Leib, den sie durchpflügten, umwälzten, zersägten, zerlegten, zerfetzten, zerstückelten zu groben Brocken, von denen schier Blut troff, süß stinkend und warm, dass sie erfüllt ward von Schrecken, Schreien und Pein, von Gewalt und Gemetzel, dem rohen Dampf gerissenen Fleisches und dem betäubenden Geruch verschmorten Gedärms. Und die Nacht schrie Rot, Weiß und Gelb, brüllte Grün, krachte Blau und Türkis, platzte Schwarz in Fontänen, implodierte zu einem finalen, vernichtenden Schlag, der alles verschlang, in sich zusammen, und hinterließ eine feine Rauchfahne, weiß-beige, schwach, lang und verloren wie das Spinnfadenhaar einer Greisin, dünn wie ihr Winseln. Und die Nacht war Motorengedröhn und Rotorenverhack und Kerosinschwefel und Getriebeöl und Pulverrauch und Pulver und Schüsse, Granaten, Bajonette, Macheten und Feuer, immer wieder Feuer, Feuer!, Feuer!, Geblitz, das vom Himmel her schoss, zurollte auf einen, das einen zischte, schmorte, verbrannte, verdarb. Und sie hieß “Schutzlos”, “Verrat” und “Kein Erbarm”, “Panik”, “Ausweglos” und “Der Tod”. — Manchmal, da springen ihn Bilder an, heute noch, mitten im Schlaf oder am hellichten Tag: des stechenden Lichts, das ihn packte, der harten Schneisen, die es schlug ins schützende Schwarz, der Körper, die es wehrlos im Lauf explodiern ließ, dass es Blut, Fleischstückchen und Knochensplitter hagelte für den Moment, des noch warmen Totrumpfes, auf den er trat in der Höhle, die ihn aufnahm und barg, bis die Nacht wieder Nacht war, das der abgetrennten Gliedmaßen, der Leiber, die die Erde bedeckten, des rechten Arms einer seiner Schwestern, den er, als es hell wurde, irgendwo draußen fand, ihre Hand, die des Söhnchens im Ewigkeitskrampf noch umschlingend. Oder ein Klang stürzt auf ihn, das metallische Klacken eines Gewehrs, dem automatisch das nächste Geschoss in den heißen Lauf fährt, das vulgäre Geheul schwerer Motoren, die die Zähne fletschen, bevor sie vorpreschen bei rasselnden Ketten, das Belferstakkato gewalttätger Rotoren, die die Luft frikassieren, das Schmatzen der Feuerkanone, wenn die gierige Zunge des lodernden Todes ihr blitzig entfährt, einer Viper gleich, die vernichtend zusticht, das malmende Zischen, wenn sie sich stinkend und blauschwarz ein Ziel fängt, das Krachen von Knochen, die Granatenknall zu fettigem Pulver zerdrückt, das viehische Brüllen der zu Stücken Zerteilten, oder die Stille ... diese Stille danach ... Diese unwirkliche ... unglaubliche ... unerträgliche ... Stille ... Essenz, Inbegriff, Konzentrat einer Nacht ... Wunde und Rand ... eingedampften Erschreckens, das sein Leben lang blieb ... in seinen Träumen zu kreisen ... Er hatte Schutz gesucht in einem Graben, mit anderen zusammen. Eine Frau hatte sich auf ihn geworfen, die an der Hand ein Kind mit sich führte, nein: riss, die Wucht der Detonationen hatte sie zu- und übereinander gewürfelt, und so lag sie auf ihn geschmiegt und drüber das Kind, dessen Kopf er von hinten gerade noch eben zu ertasten vermochte, ein Kleinvögelköpfchen mit zartem Gefieder; im Zauberschein der Explosionen meinte er, sein Profil zu erkennen, und er zog seine Hand schnell zurück, als hätte sie etwas Heilges berührt. Mit Eintritt der ersten Stille wurde ihm warm und feucht durch die Kleider. O nein, dachte er, jetzt hat die Kleine dich vollgepisst. Und seine Hand fuhr nach unten, die Brühe zu prüfen, und wieder hoch, doch noch bevor sie die Höhe seiner Augen erreichte, wusste er, dass es Blut war. Er befreite sich umständlich, wie, um ja keinem weh zu tun, von den schlaffen Körpern, wartete nicht einmal die nächste Pause ab, rannte los, querfeldein, im Zickzack und stolpernd, hinein ins Inferno, wie von Furien gehetzt, und es waren doch nur die Bilder des Kindes, die ihn vor sich her trieben, des Kindes, dem ein Geschoss oder ein Splitter den Kopf zerlegt hatte, zerlegt in ein Loch aus Brei und Blut oben und unten einen weit offenen Mund, und der Frau, aus deren Bauch Leben quoll, rot, rot, grün, blaubraun, stinkend wie Scheiße, Blut, Piss, jener Frau, jenes Kindes, denen er sein Noch-Weiter-Leben verdankte, keine Furien, nein, nein, bloß dieses Empfinden, bloß dieses Erschrecken, bloß diese Bilder, die ihn hetzten für alle Zukunft wie jetzt. —

 

Für Stunden lag er in einer Höhle, platt, kalt, unbewegt und hirnlos wie ein Stein, das Gesicht dem feuchten Boden, seiner mild steigenden Kurve zur Laibung der Wand eingedreht wie eine metallne Spirale dem Korken, gleichsam den Krumen hineingebohrt, eingefressen in sie (— was gäbe er drum, ein nachtschwarzer Maulwurf zu sein, der verschwinden könnte in einem Gang, den er sich grübe, aufgenommen zu werden von Mutter Erde, ringsum geborgen von ihr, in ihr, unsichtbar für alle darüber,  oder ein Nacktmolch, der des Lichtes des todbringenden Obens ja niemals bedarf —), bevor er es wagte, sich wieder zu rühren. Er zwang die Hände, die klamm, steif und taub geworden waren, die Schenkel des Schraubstocks um die Ohren zu lockern und versuchte, seinem Gehör zu befehlen, noch etwas anderes zu registrieren als das Rauschen des Blutes, das sich in ihm staute, in drohender Wallung ein riesiger See vor brüchigem Deichwerk. Er drehte sich, immer noch liegend, der geduldigen Erde verwachsen, zeitlupenschwer um und robbte langsam, sehr langsam in jene Richtung, aus der er gekommen sein musste, leise, behutsam, ständig neu Pausen einlegend, in denen er angestrengt horchte und doch nichts hörte außer sich selbst. Als er den Krater erreichte, der den Gang für wenige Meter unterbrach, keinen Steinwurf entfernt, und doch schien es ihm, er müsse eine über etliche Kilometer sich erstreckende Wüste bei stechendem Licht schutzlos überqueren, vermeinte er, an der Wand des gegenüberliegenden Massivs einen Lichtschein ausgemacht zu haben, ähnlich den fliehenden Schatten, mit denen Wolken bei Tag im Sonnenfluge eilends das Land überziehn, nur im Gegenteil eben nicht dunkelnd, sondern invers und dabei körperhaft greifbar, ähnlich dem huschenden Strahl einer Handlampe oder dem abgelenkten Feuer eines Scheinwerfers auf Suche, und die Keule panischer Furcht traf seinen Schädel, sein Herz, seine Lunge, den Magen, und ohne recht zu wissen, was er da tat, schlug es ihn zurück, als hätte ein Vorschlaghammer im Zielschwung zugeschlagen, und zuckte er rückwärts, Meter um Meter um Meter zurück, nach hinten gerissen wie von der Angel ein Fisch, ein Regenwurm auf der Flucht vor der Hitze, doch zurück, nur zurück, um, am ganzen glitschigen Leib blau zitternd und bebend, sich festzukrallen an einem Stein, der irgendwo aus dem festgetretenen Boden vorragte, groß, rund und glatt wie der Kopf eines Kindes, sein einziger Halt und Hort weit und breit, und er beschloss, diesen Kopf nicht mehr loszulassen, nichts mehr zu hören, nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu denken, nichts mehr zu fühlen, nicht mehr zu sein.  —

 

Wie lang das zurückliegen mag? Zehn Jahre? Fünfzehn? Oder gar zwanzig? Jedenfalls hat er Glück gehabt, großes Glück, das Schicksal hat es gut gemeint mit ihm, damals schon und oft danach, doppelt, dreifach und mehrfach: Dass er jene Säuberung lebend überstand; das Areal zwischen altem Bahndamm und Fluss hatte bestimmt über tausend Wilden Unterschlupf und Behausung geboten, und kaum einen von ihnen sah er jemals wieder. Dass die Säuberungen weniger wurden seither; man mutmaßte, sie hätten die Vorzüge der Asiaten entdeckt, zäh, für keinen Dreck sich zu schade, unschlagbar billig, oder, auch das wurde gemunkelt, es würde seit der Übernahme auch des Entsorgungswesens durch LebensWer† hauptsächlich gezielt entsorgt, auftragsgebunden, zu Verwertungszwecken, da würden Weiße bevorzugt. Dass er und die Gruppe, in der er lebt, von allen Reinigungs-Razzien, die noch stattfanden, rechtzeitig vorher Wind bekamen. Dass sie in den Erdhöhlen, weit draußen vor der Stadt, wo keiner einen vermutet, von oben blickdicht geschützt durch harmlose Felsbrocken und einige Zedern, ziemlich sicher aufgehoben sind. Dass es ihnen halbwegs gut geht; meist um die zwanzig sind sie — hin und wieder verschwindet der oder die über Nacht, kommt irgendwann wieder oder auch nicht, stößt der oder die von wo auch immer zu ihnen hinzu —, sogar den Großvätern und -müttern: Wasser beziehn sie aus alten Brunnen einer verlassnen Fabrik, einen Halbtagesfußmarsch entfernt, sie bauen Gemüse an und filzen Müllplätze, züchten Ziegen zum Melken und zum Schlachten Katzen und Hunde. Dass er sogar aus dem alten Verband Chi wiedertraf, einen Freund, fast so alt wie er selbst, und Jin, dessen Tochter, die in der Stadt auf den Strich geht, autofahren kann und sie unterstützt mit richtigem Geld, alten Kleidern und Lebensmitteln. Dass Cha, Kun, Suc, Jin, Chi und er einen Job haben, der Geld bringt, das ausreicht, die Gruppe zu nährn und zu kleiden; als sie noch kein Geld hatten, konnte, weil es für alle nur ein einziges Hemd und eine einzige Hose gab, immer nur einer in die Stadt, und Kun wäre damals fast an Wundfieber gestorben, weil ohne Geld keine Medizin aufzutreiben war. Dass die Gruppe sich untereinander menschlich verhält, keiner einen bestiehlt, keiner den anderen überfällt, keiner einem nach dem Leben trachtet: doch, das ist ein Glück, ein großes sogar, denn er weiß von Gruppen, in denen keiner ruhig schlafen gehn kann, weil jeder den andern als seinen Feind ansieht, ders abgesehen hätte auf den eignen Wasserkanister, das eigne Stück Brot, die eigene Decke, man sagt, dort fielen sie nachts über Schlafende her und tags über Alte und Schwache, es würde geraubt und gemordet, selbst vor kannibalen Exzessen sei niemand sicher.  —

 

Morgens um drei weckt ihn das Handy. Ho schaltet die Handleuchte an, erhebt sich von seiner Matte, rollt sie zusammen, nimmt einige Schlucke aus der Flasche Saft, die auf dem niedrigen Tisch steht. Es ist feucht und muffig, seine Wärme und sein Nachtgeruch füllen das Loch bis zum Rande. Das einzige Möbelstück neben dem Tisch ist ein schmaler Schrank. Er kleidet sich an: Hemd und Hose, Schuhe aus Autoreifen, entnimmt dem Schrank eine Plastiktasche, schließt ihn, verlässt die Höhle durch eine Plane, die vor dem Eingang hängt, die Tasche in der linken, die Leuchte in der rechten Hand. Der Gang ist eng und niedrig. Er muss sich bücken und sich vorsehen, dass er nicht ausrutscht, denn der Boden ist feucht und ziemlich schmierig, und aufpassen, dass er den Weg richtig nimmt, denn links und rechts tun sich ständig schwarze Löcher auf, die alle auf die selbe Weise weit und rätselhaft gähnen und dabei oft nur in die Irre führen, die Bestandteil ist des Labyrinths, das sie im Laufe der Zeit angelegt haben, in eine Sackgasse, oder zurück zum Ausgangspunkt oder zu einem der Entlüftungsschächte, einem scheinbar endlos hohen, unpassierbaren Kamin. Doch wenn es endlich steil wird, wie jetzt, ist alles in Ordnung, dann kann der Ausgang nach oben nicht weit sein, dann folgen die Treppen, die Stufen sehr hoch und der Auftritt sehr schmal, fast Hühnerleitern, und die Luft, die er einsaugt, hat mit einem Mal kühl einen Minzkern, der die Würze der Nacht, die ihn draußen erwartet,  ahnend vorwegnimmt. — Cha, Kun und Suc sind schon am Waschplatz, vor dem großen, hochgelagerten Fass, nach oben gegen Hubschrauberblicke geschützt von Jutesäcken, steinebeschwert, dessen Verschluss sich über Leine und Seilzug zu einem Brausekopf hin öffnen lässt; nur die in der Stadt zu haben tun, dürfen Wasser zum Waschen gebrauchen, jeder hat Anspruch einzig auf einen Guss. Chi stößt dazu, kurz nachdem Ho eingetroffen ist, man begrüßt einander, säubert sich reihum, einer nach dem anderen, während die übrigen Wache halten oder die kläffenden Hunde beruhigen. — Mondnächte wie diese sind bei ihnen beliebt, denn sie leuchten den Tritt aus und fördern das Finden der Wege. Das erste Teilstück, über eine Strecke von knapp drei Kilometern vielleicht, ist weglose Brache, flaches, schutzarmes Kargland, drauf schüttres Gehälm, bei Tag vom Fokus der Sonne versengt, in heißen Sommern schon fast eine Darre den raren Felsbrocken, Büschen und Bäumen, die locker dem Staub aufgestreut sind wie Pusteln entstehender Akne. Es ist schwer zu begehen, zumal in der Nacht, da von faust- bis kindskopfkleinen Steinen, die hier, über der Erde, spitz sind und scharfkantig, systemlos besät; wem der Fuß auch nur ein einziges Mal ungünstig aufkommt, für den ist der Marsch vorzeitig zu Ende und ein Freund lieb und wert, der ihn nach Hause geleite. Allein wäre Ho nachts in dieser Mondlandschaft verloren, doch Suc scheint mit einem Kompass in seinem Hirn auf die Welt gekommen zu sein; oft führt er sie auf eleganten Umwegen, die wie zufällig die nächtlichen Lager der Ziegen streifen (— er leitet sie gegen den Wind, um die Tiere nicht zu behelligen, aber nah genug, dass man hört, wie sie wiederkäuen —), doch bequemer sind und kaum länger dauern als Hos nachmittäglich um den richtigen Weg bemühte Trotts. Nach einer halben Stunde oder zweien gelangt man in den Scheißegürtel der Stadt, die Unratzone, wo Ballonreifen, Walzen und Schieber den Boden, so er sich noch zeigt zwischen den Haufen, fußfreundlich planierten. Hin und wieder pfeifen Ratten Alarm, hin und wieder huscht eine verspätet von einem Hügel zum nächsten; Ho wundert sich dann, wie träg sie doch sind, es scheint ihm, er erkenne im fahlen Mondlicht sogar den Schwanz, der unwillig nachfolgt, als handle es sich um eine Schleppe, ihre Art von Geschmeide, das mattsilbern glänzt, und darauf die einzelnen Schuppen. Das Morgenlicht kriecht, langsam wirds hell, und sie finden die Fahrräder wieder, die sie tags zuvor hier versteckten, an jedem Tag an anderer Stelle. Hier winden die Wege sich weit, in großzügig geführten Schwüngen um die Müllberge herum auf recht planem Geläuf, es fährt sich leicht, wenn auch bisweilen direkt an die Kante eines Abgrundes, den am Vortag ein Bagger oder der faulende Berg riss, oder den Rand eines Tümpels, entstanden aus nämlichem Grund, voller Brackwasser, Giftrest oder Öl, oder in die Nähe einer Siedlung Blechhütten, bewohnt von weißen Wildleben; dann gilts, sich zu hüten vor deren Hunden, Steinschleudern und Fallen, bis endlich Asphalt unter dem Rad die Ruinenviertel zügig durchquern hilft; wenn sie die Ausgabestation erreichen, ist strahlender Tag. — Sobald sie die grünen Jacken und Hosen anhaben, stelln sie sich an. Die Schlange ist lang, man braucht Geduld, doch keiner hat Eile; das Radio läuft, LebensWer†-Werbung, doch keiner hört hin. Jeder kriegt vier Pakete á hundert, von denen er jeweils zwei in einer Hand trägt, nur Kun, der sein Rad mit dabei hat, denn das wird in der Stadt am vereinbarten Treffpunkt als Depot und Lastesel dienen, lädt sich gleich zwölf auf. Während Kun bereits losfährt, holt Ho fünf Bauchläden aus dem Depot nebenan und quittiert alles für alle. Die offene Ladefläche eines Lastkraftwagens nimmt ihn und viele, viele andere auf, bis sie proppevoll ist und der Wagen losfährt; sie leert sich wieder allmählich, je näher man dem Zentrum kommt. Der erste Standort von Ho, Cha, Suc und Chi befindet sich auf halber Strecke, direkt an einer hochfrequentierten Ausfallstraße; hier bringt das Exemplar schon acht Hundertstel VE; wenn der Monat weiter so gut läuft wie bisher, reicht es vielleicht für das Paar gebrauchter Schuhe, auf das er seit Anfang des Jahres spart. Auf Hos Zuruf hin klopft wer an die Heckscheibe des Führerhauses, der LKW stoppt, sie steigen aus, eilig geübt, auch in Sorge, dass der Fahrer gleich wieder losbrause, hängen sich die Bauchläden um, befüllen sie mit dem Inhalt des einen Pakets, begeben sich, das andere Paket in der Hand, auf den Grasstreifen zwischen den Bahnen, auf denen Verkehr tobt, die Ampel ist grün. Ho entnimmt einige Zeitungen, wirft einen Blick auf den Titel: TERRORALARM! DROHT DER NÄCHSTE ANSCHLAG?

 

*

 

Es war einer der Sorte von Unfälle, von denen hinterher niemand weiß, wie sie wirklich passierten. Da