25 - 09 - 2018

Malerei. Werkauswahl

Reinhard Rakow

Isensee Verlag 1998

ISBN 3-89598-564-3 (nicht mehr lieferbar)

Cover: Reinhard Rakow

 

Auszug:

Fühlt sich abstrakte oder, im besonderen, informelle Malerei mißverstanden, wird oft, apologetisch und süffisant, der Satz von Beuys zum Besten gegeben: "Wer nicht denken will, fliegt raus".

So einfach ist das nicht. Sicher besteht zwischen Werk und Rezipient eine Wechselwirkung auch in dem Sinne, dass der Rezipient das zu Ende denken oder fühlen kann, was der Urheber angedacht oder angestoßen hat. Kunst ist in erster Linie ein psychologischer Prozeß. Was der Künstler nicht in Kopf und Bauch hat, wird sich in seinem Werk nicht wiederfinden. Und was im Werk nicht enthalten ist, kann von keinem Betrachter zu Ende gedacht, allenfalls von einem "Kritiker" hineingelesen werden.

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Geweben nähere man sich stets mit einer gewissen Ehrfurcht, ja Zärtlichkeit. Selbst die mit Leim, Zinkoxid und ich weiß nicht was steril zugekleisterte Leinwand bleibt Gewebe. Mit einer Hochachtung gebietenden Binnenstruktur aus tausenden von Fäden, deren jeder seine Ordnung hat, die er nicht aufgeben will. Mit einer die Fingerkuppennerven kitzelnden Oberfläche, geheimnisvoll und anregend. Textil  wie Textur wie taktil. Gewebe reagiert schon auf Luftfeuchte, die es nicht mag, beleidigt und indigniert. Falsche Behandlung wie übermäßigen Körpereinsatz seitens des Malers toleriert Gewebe nicht. Es pflegt dann heftig zu exspirieren und kollabierend ihm den Dienst ein für alle Mal zu versagen.