24 - 06 - 2018

Sonnenklirren. Novelle


Reinhard Rakow (Autor)

Mit einem Nachwort von Jürgen Thöming
Geest-Verlag 2010

ISBN 978-3-86685-251-8, 

190 S., 11 Euro

Cover: Reinhard Rakow

 

Eine Single-Karrierefrau vor der Lebenswende, gescheitert bei dem Versuch, sich einem jungen Mann zuzuwenden, empfängt ein Kind, um der gefürchteten Vereinsamung zu entgehen. Doch das Kind, das sie zur Welt bringt, nimmt sie nicht wahr, denn es ist geistig behindert. Reinhard Rakows Novelle “Sonnenklirren” zeichnet den Konflikt der Frau und dessen Entstehung einfühlsam, respektvoll und doch mit sezierender psychologischer Schärfe aus ihrer Sicht: ihr Bemühen, alles zu steuern, entsteht aus der Situation der Isolation heraus, vollzieht sich in ihr und mündet — wahrscheinlich, das Ende bleibt offen — wieder in ihr.

“Der Sommer, überaltert, war gegangen”: Die Bilder des ersten Kapitels spiegeln die folgende Handlung wider und bereiten ihr zugleich das Tableau. “Es ist still”, dieser Satz, der das erste Kapitel beschließt und zum letzten überleitet, wird das zentrale Thema sein. Eingebettet in einen Sog üppiger Sprache und eindringlicher Bilder, besticht die Erzählung auch durch ihre stringente Komposition.

Der Dresdner Literaturwissenschaftler Jürgen Thöming, Begründer und langjähriger Leiter des Musil-Forums, schreibt in seinem Nachwort: “Hälfte des Lebens“, und was dann? Im Winde klirren nämlich die Fahnen. Nichts Geringeres wird in diesem sprachmächtigen und musikverliebten Kurzroman verhandelt. (…) Dabei hat das Liebesbegehren der ‚Heldin’ bei einem viel jüngeren Mann keinerlei Chancen. Sie erregt unser Mitleid. Sie ist liebesunfähig, möchte aber gleichwohl ein Kind: Einsamkeitsschutz für die zweite Hälfte des Lebens. Sie gebiert ein Einbahnstraßenkind und zieht uns – gegen unseren festen Willen – in ihre Mordgelüste hinein. Die Geschichte aus dem Alltag einer Bildungselite, rasant und sprachintensiv, hart zupackend und zart poetisch erzählt, zugleich raffiniert komponiert, hebt immer wieder ab in parabolische Sphären, wie zuletzt Albert Camus vor 50 Jahren so etwas gekonnt hat.”

"Beginnend mit den Impressionen eines vergehenden Sommers, erzählt das Buch von einer Frau – einer typischen Vertreterin des Bildungsbürgertums in mittleren Jahren –, die in der Erfüllung ihres Kinderwunsches einen Ausweg aus ihrer emotionalen Starre sieht. Ein Brief an die tote Freundin bildet den zentralen Punkt der szenischen Lesung. Doch nähern sich, untermalt von dumpfen Tönen, die Vorboten einer bangen Vorahnung: Die Stille in ihrem Körper, gepaart mit Bildern von deformierten, mutierten Kartoffelkäferlarven kündet die Zerstörung ihrer Träume an. Das Baby kommt mit einer geistigen Behinderung auf die Welt, das erwartete Geschenk wird zu einer untragbaren Bürde. Bald ist das Wunschkind für die überforderte Mutter nur noch ein Ding, das schreit, sich einnässt und übel riecht, gleich einem Kuhfladen, auf dem sich die Fliegen niederlassen. Der (...) konfrontiert seine Zuhörer mit einer Figur, die in ihrer absoluten, unverhohlenen Ablehnung nur schwer zu ertragen ist. Und doch kann man nicht anders, als ihr zu wünschen, sie möge doch noch ihre Liebe finden, während sie in ihrer einsamen Zweisamkeit auf eine unvermeidliche Katastrophe zuzusteuern scheint. Das ist in der Tat das Herausfordernde, auf das Verleger Alfred Büngen in seiner Einleitung hingewiesen hat." (Nordwest-Zeitung)

 

man/frau/ich war nicht nur niedergeschlagen, erschüttert bei der lektüre deines buches, sondern teilweise auch beglückt. ich wünsche dir, dass viele menschen dieses buch lesen – es ist eine große gesellschaftskritik darin, eine anfrage an das leben, wie wir leben werten, bewerten, wie wir miteinander, aneinander vorbei leben .... (Marianne Pumb)


Auszüge:

1.

Der Sommer, überaltert, war gegangen. Lange Zeit hatte es den Anschein gehabt, er sei unbesiegbar, unfähig zu altern. Einem schwül verregneten Juli war ein August brütender Hitze gefolgt: Ein überheißes Licht stand zitternd auf dem Asphalt zwischen den Städten; durch keinen Wind bewegt, lastete es auf den Häusern, sie auszuglühen und den Ziegeln die Farbe herauszubrennen, wie das Feuer eines Krematoriumsofens es den Zellen einer Leiche antut, gewalttätig, mit der Wucht einer Riesenfaust, die, weil der schlug, sie zurückzuziehen vergaß, nicht enden will, bis tief in die Nacht hinein, die also keine mehr war vor lauter Hitze und Licht, und selbst die Schatten, die sich in günstigen Winkeln zu halten verstanden, waren keine Schatten mehr, sondern, in nahezu unverminderter Temperatur lodernd und in gleicher Weise stumm in sich vibrierend, nichts als andersnamiges Licht.

Vielleicht war es dieses Übermaß an Licht und mit ihm die Auflösung der Schatten, was sich ihr – anders als jenen, die von einem Jahrhundertsommer schwatzten und dazu sammelwütig Daten aller möglichen Rekorde auflisteten – als Stigma dieses Sommers einprägen sollte: Die Beharrlichkeit seiner Farben und Melodien bis in den Winter hinein, das Andauern seiner Klänge, beherrscht von einem sinnlich wabernden Tremolo, prall vor Obertönen, elegisch, schwülstig, brünftig und geil, in Szene gesetzt von einem üppig ausgestatteten Orchester mit vierundzwanzig ersten Geigen oder mehr, in Dumpfheit zupackend wie ein schwerer nasser Mann, der auf einem liegt und lasten bleibt, dass man ihn nicht abschütteln und sich unter ihm nicht mehr regen kann, fiebrig in Besitz genommen, ergriffen und gelähmt; diese bleierne Allgegenwart eines narkotischen Dunkels, gefüllt mit raumgreifenden Akkorden, die, wild geformt aus dem Knisterleis unnütz verdörrender Halme, die unter der Last der Ähren sich beugen und brechen, eins wurden mit dem Geruch am Strauche süßlich faulender Früchte oder dem an- und abschwellenden Brummen von Schmeißfliegen, die den verwesenden Körper eines Vogels umzingeln.

Es waren diese Akkorde, die, nicht enden wollend, den August bestimmt hatten und den September, und die Farben waren den Klängen gefolgt. Anfangs hatte sich ein dunkles Grün, überreif und mächtig wie die Brüste einer Frau, die schwanger ging über die Zeit, auf das Land gelegt, heiß, verschwitzt, in solch schamloser Fleischlichkeit, dass man sich darunter duckte und klein machte in der Hoffnung, am Boden ließe sich noch unverbrauchte Luft finden. Man war auf harte spitze Gräser gestoßen da unten, von finsterer Farbe, doch wuchernd, und auf ihnen und in ihrem Schatten: Insekten, die sich paarten, Käfer, Wespen, Motten, Fliegen jeglicher Größe und Gestalt, die aufeinanderhockten, Kartoffelkäfer, die ihre Hinterleiber teilnahms- und ansatzlos verschmolzen, Hautflügler, fast durchsichtig, deren Legeröhren und Stacheln vereint im Gleichtakt pulsierten, Libellen, Räder bildend, in denen das Männchen mit dem spitzen Ende seines Leibes das Weibchen festhielt hinter dem Kopf mit den großen Augen, beide erschöpft von der Hitze, dem Mangel an Luft, dem Zwang der Lage, doch nicht imstande, ihr zu entfliehen und in dieser Not eins mit den Artgenossen, eins mit dem Sommer – zuckend, ein Ende nicht findend. Wer genauer hinsah und länger, nahm wahr, wie sich allmählich ein feiner Staub Ocker, mag sein auch: aus rotem Lehm, auf die Spitzen der Gräser legte, auf die kopulierenden Insekten, auf ihre Leichen, die in zunehmenden Schichten den Boden unter den Pflanzen bedeckten, wie er die dampfende Haut des Horizonts mit feinem Puder überzog, dass die Schweißtropfen, die auf ihr perlten, in unregelmäßigem Zickzack Spuren hinterließen von oben nach unten. Und wer mit der Zungenspitze die Lippen benetzte, damit sie nicht zu spröde wurden, fand, dass der feine Staub vergoren schmeckte wie die Früchte, die sich, mit Feuchte nicht mehr versorgt, von den Sträuchern gelöst hatten, und nach Verwesung wie die Insekten, zu Myriaden gestorben, wie die Vögel, die ihnen zu folgen begannen.

Das war der September gewesen. Dann, kaum weniger heiß, der Oktober, der sich ebenbürtig gezeigt hatte in Überhitzung und in Verderbnis. Die Forsythien hatten ein viertes Mal geblüht, der Jasmin zum dritten. Die Anzahl der Knospen war geringer geworden Mal um Mal, die Größe jeder einzelnen vermindert; in der Mahlerschen Sinfonie dieses Sommers callando endlich auch der Geruch der Blüten und ihre Leuchtkraft: Der schien, bei unverminderter Intensität des Tageslichts, ihre Spitze genommen durch den Staub, diesen braunen feinen lautlosen Staub, der das Insektengewimmel mit erdiger Lasur überzog, dem Forsythiengelb ein fahles Beige auf den Weg gab und den Jasminblüten eine ungesunde Brüchigkeit, als litten auch sie unter Kartoffelfäule, jener modernden Pest, die seinerzeit unterm schlaffen Kraut grassierte, sich zu vermählen betörend mit dem Duft des Jasmins, einem den Atem zu rauben. Damals tauchten die ersten missgestalteten Kartoffelkäferlarven auf, Monstren, die sich auf halber Länge der prallen Pelle teilten, zwei hässliche Köpfe mit unförmigen Mandibeln, Maxillen, Labien auf dem einen nackten Korpus trugen, sich fortbewegend auf viel zu vielen Saugnäpfen, warzenähnlich, und während die Zeitungen noch darüber rätselten, ob die Hitze die Chromosomen der Kerbtiere zu schädigen in der Lage gewesen sei, oder ob sich die Elterngeneration die Gene an den Spaltprodukten der Kartoffelfäule verdorben hätte, oder ob der feine Staub der von Kieselrot sei, krebserregend, oder ob sich, dem kritischen Blick der Öffentlichkeit entzogen, ein Unfall in einem der vielen Kernkraftwerke ereignet hätte, wütete die Hitze weiter mit gleichbleibender Kraft, verdunstete das Wasser in den Rinnsalen, die einmal den Namen von Flüssen getragen, und in den Pflanzen, die dabei waren, ihr Grün zu verlieren und eins zu werden mit den Klängen des Windes, wenn der schwach aufkam, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Viele Larven überlebten die Glut nicht. Fielen, an die Unterseite eines gilben Krautblattes geklebt, mit diesem nach unten auf steinharten Boden, dumpf glühende Plattform; verdorrten am Stängel, wenn mittags die Sonne am höchsten stand, die fleischigen Fühler an den zwei oder drei Köpfen verschmort zu lilafarbenen Stümpfen.

Im Hintergrund, verhalten, schlummernd zum Wahn: Generalbass, Requiem, sehr lange Pause. Wenigen nur glückte die letzte Verwandlung, die letzte Häutung, um sodann, noch bevor der schützende Panzer von Chitin ausgehärtet war, von außen nach innen zu Dampf zu mutieren; hätten die Zeitungen das Thema weiter verfolgt, wären ihnen Fotos beschieden gewesen von Kerbtieren, die, auf dem Rücken liegend, zehn, zwölf Beine in die Luft reckten, aber die fortwährende Hitze hatte alle gleichgültig gemacht und gelassen und keiner scherte sich mehr um Auswüchse, es war, als hätte das Übermaß an Sonne und Faulheit und Licht den Menschen die Lebendigkeit ausgetrieben.

So begann der November. Mit Temperaturen zwar, die

 

 

Dann kamen Fruchtfliegen ... winzige, farblose Tierchen mit durchsichtigen Flügeln, so klein, dass die stickige Luft manch Staubkorn wirksamer beschleunigt, die auf der Suche nach Säften heimlich geräuschlos alles bedeckten ... Nichts war vor ihnen sicher ... sie krochen hinter Klappen in die Mülleimer ... durch die Ritzen allzu lässig verschlossener Marmeladengläser ... in die Obstfächer der Schränke ... in Limonadenflaschen ... benutzte Gläser ... um alsbald das Objekt der Begierde mit der Unzahl ihrer Leiber zu überziehen ... Mutierte Generationen waren auch Fleisch- und anderen Säften zugetan; rohes Fleisch, das Blutwasser zog, weiche Würste, die ranzig schwitzten, gefrorener Fisch, der lymphwässrig taute, lockte sie ebenso an wie Eingeweide geplatzter Beeren ... Einmal ... wollte ich das Kind wickeln ... Es lag auf dem Bauch, reglos wie meist ... und ich bewunderte, wie vollendet der Schwung seines Rückens sei ... und wie unendlich zart der Flaum seidiger Härchen auf goldener Haut ... doch das Goldene Vlies, das es schmückte, waren Insekten ... Insekten, Gila ... Fruchtfliegenmutanten ... über und über ... die ihn wimmelnd mit Fell überzogen ... – Und jetzt, seit ein paar Tagen, Gila, kommen Schmeißfliegen ... Fette Schmeißfliegen, von den dunklen Ritzen des Hauses verlorn über Nacht ... Morgens sind sie da mit dem ersten Sonnenstrahl auf die Wand, fett, amerikanisch, behäbig, und wienern in selbstgefälliger Ruhe ihre Kotflügel aus Chrom, damit die noch metallischer glänzen als ohnehin schon, und bevor man sie erschlagen kann, haben sie abgehoben zu einem Dröhnflug, der in Serpentinen stets dahin führt, wohin man nicht zielt

... Das Kind zieht sie an wie Motten das Licht ... In den Ecken und Fugen warten sie still, bis es versorgt ist und bis ich das Zimmer verlasse ... Dann heben sie ab, sich ihm zu nähern, umschwirren es brummend auf der Suche nach Nahrungsresten und Kot ... Es scheint sie zu fürchten ... Es schreit los, sobald es sie hört ... Ich kann es kaum beruhigen, Gila, es schreit und schreit und schreit ... Kind, sage ich, ich werde dich retten, schaue nach, ob es trocken ist, nehme es auf den Arm, verlasse das Haus, wiege es irgendwann, irgendwie in den Schlaf ... durchsuche das Zimmer nach fetten Fliegen ... und höre von unten Geschrei ... sein Jammern und Winseln, das die Dicke der Mauern und Hitze durchsticht ... und ich stürze nach unten ... ich kann es kaum beruhigen, Gila, es schreit und schreit und schreit ... und ich schaue nach, ob es trocken ist, nehme es auf den Arm, verlasse das Haus, wiege es irgendwann, irgendwie in den Schlaf ... und untersuche das Zimmer nach Fliegen ... Und während ich suche, hebt es erneut an zu schreien ... Und ich kann es kaum noch beruhigen, es schreit und schreit und schreit ... So geht das seit Tagen, Gila ... und ich ertappe mich ... immer öfter dabei, dass in mir unbändig die Lust wächst, ... – .... –

Heute Nacht träumte mir, ich gehe in sein Zimmer, die Lampe über dem Wickeltisch brennt, es ist bleierne Nacht, sie drückt schweigend aufs Fenster. Es ist still, außergewöhnlich still, selbst das immerwährende drohende Summen der Fliegen ist weggefallen in das randlose Loch dieser vernichtenden Nacht. Ich sehe, ich nähere mich wie in Trance seinem Bettchen, und als ich’s erreiche, lässt mich der Anblick erstarren: Es hat sich bloßgestrampelt und eingeschissen. Unbewegt ist es eins mit den braungrünen Furchen des Lakens, der stinkenden Soße aus Schweiß, Scheiße und Pisse, in der es sich gewälzt haben muss, bevor ich eintrat; jetzt ist es bedeckt von einem lebenden Teppich aus smaragden funkelnden Punkten ... Da wuseln, behäbig, geschäftig, beharrlich, wie sie das gewohnt sind von ihrer Arbeit an einem Kuhfladen oder Stück Aas, Hunderte Schmeißfliegen umher auf dem hingeschütteten Rumpf, den leblos abstehenden Gliedern, auch dem Kopf, sie untersuchen eingehend die Zunge, die weit heraushängt, tauchen ein in die Höhle des Mundes, sie krabbeln ins taufeuchte Tal der weit offenen Augen, die sich nicht rühren ... – Allmählich bekomm ich’s mit der Angst, Gila, verstehst du, Gila ... mit der Angst ... –