17 - 12 - 2017

„Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke" — Zum 10. November: Luthers Geburtstag, Judenhass und der Raubmord an den Juden

„Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke" — Zum 10. November: Luthers Geburtstag, Judenhass und der Raubmord an den Juden

Den antijüdischen Pogromen vom 8. bis zum 12. November 1938 unmittelbar zum Opfer fielen je nach Quelle 400 bis 1500 Menschenleben, nicht gezählt sind Körper- und Seelenverletzungen, Vergewaltigungen und Schmähungen. Zirka 30.000 Männer, vorzugsweise als wohlhabend geltende, wurden im Gefolge der Pogrome verhaftet, oft in Schauzügen durch die Stadt geführt, in Gefängnisse gesteckt. Nahezu alle (um 27.000) wurden von dort abtransportiert in die zuvor entsprechend erweiterten Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Zahllose von ihnen starben bei Verhaftung und Verbringung, weitere ca. 400 in den Lagern. Für die meisten Überlebenden dauerte dieser Albtraum bis August 1939; sie konnten sich ihre Freilassung mit einer Ausreise-Zusage und der Überlassung ihres Vermögens an den Staat erkaufen. Allein in den zehn Monaten bis Kriegsbeginn ergaben sich so ca. 200.000 jüdische Deutsche dem Nötigungszwang, ihre Heimat unter praktisch vollständigem Verlust ihrer Lebensgrundlagen verlassen zu müssen.

Nahezu alle 1.600 Synagogen auf "großdeutschem" Gebiet wurden durch Brände oder Brachialgewalt vollständig oder teilweise zerstört, desgleichen Bethäuser, Betstuben, vielzählige Friedhöfe und Friedhofskapellen, in jüdischem Eigentum stehende Geschäfts- und Wohnhäuser, desgleichen Kultobjekte von Tora-Rollen über Bücher bis hin zu Kerzenleuchtern. Polizei und Feuerwehren, von Goebbels über regionale und lokale Dienststellen instruiert, durften nur das Hab und Gut arischer Deutscher schützen. Im Radio gesendete Appelle, die Aktionen zu beenden, verhallten wirkungslos. Erst am 13.11. beruhigte sich die Lage. Neben SA und SS, den Hauptakteuren und Antreibern vor Ort, beteiligten sich Zig-, wenn nicht Hunderttausende Deutsche an den Schandaktionen gegen ihre jüdische Nachbarn, sei es, indem sie mitmachten beim Schaufenster-Zerschlagen, beim Brändelegen und Wände-Einreißen, sei es als Anfeurer, Claqueure, Bestärkende oder einfach nur als gaffend Nichteinschreitende. Steine nicht selber geworfen, nicht selber gezündelt, geplündert, "nur" dabei gestanden zu haben, das ließen und lassen sich viele Zeitzeugen bis zuletzt hoch anrechnen; schon wenn sich damals etwa ein Polizeivorsteher in Berlin, Wilhelm Krützfeld, erkühnt hatte, eine Synagoge durch Hinweis auf den Denkmalschutz des Gebäudes rechtzeitig vor den Flammen zu retten, war das so außergewöhnlich, dass es für einen dauerhaften Platz in den Annalen reichte. Auch wenn viele Zuschauer betreten und mit ungutem Gefühl das Schauspiel der Pogrome verfolgt haben und sich im Einzelfall für das Geschehen geschämt haben mögen: Menschenverachtung, Brutalität und Furor der Vandalen waren grenzenlos, und keiner gebot ihnen Einhalt.

Für die Schäden, die den Juden angetan, erhielten diese nicht nur keinen Ersatz — keiner der Handelnden und ihrer Hintermänner wurde gerichtlich belangt; Versicherungsansprüche ließ das Reich pfänden und an sich überweisen —, wer mehr als 5.000 Mark besaß, wurde auch noch einer "Sühneleistung" zur Höhe von 25 % seines Vermögens unterworfen. Allein diese Zahlungen bereicherten die Staatskasse um mehr als 1,12 Milliarden Reichsmark, die dort dringend zur Abwendung einer drohenden Staatspleite und zur Umsetzung der — erst recht in Anbetracht eines Haushaltsdefizit von zwei Milliarden — irrsinnigen Wiederaufrüstungspläne benötigt wurden. Zudem bewirkte eine ganze Batterie ineinandergreifender Gesetze, Verordnungen, Erlasse und Anordnungen, durch die Juden sukzessive ihrer staatsbürgerlichen Rechte beraubt wurden, einen enormen Auswanderungsdruck auch auf die von den Pogrom-Inhaftierungen nicht direkt Betroffenen, und damit verbunden den Druck zur "freiwilligen" Entäußerung, u.a. durch den Verkauf des Eigentums weit unter Wert, womit bis September 1939 eine weitere massive Vermögensverschiebung zu Gunsten der "arischen Volksgemeinschaft" und zu Lasten der Juden bewirkt wurde. Insofern lassen sich die Novemberpogrome von 1938 nicht nur als der Moment des Umschlagens von Judenhass zur offen systematischen Judenverfolgung werten, sondern auch als Auftakt eines großangelegten Raubes und Raubmordes des deutschen Volkes an seinen jüdischen Mitbürgern und an den Juden in ganz Europa.

Bereits 1920 hatte die NSDAP in ihrem Programm die "Entjudung Deutschlands" als eines ihrer Ziele angegeben. Im April 1933 inszenierte sie eine erste Aktion "Kauft nicht bei Juden!". Nicht nur deshalb besteht trotz des Fehlens des Nachweises einschlägiger Befehle heute kein Zweifel daran, dass die Pogrome von Beginn an über Hitler, Goebbels, Heydrich und SA/ SS zentral gesteuert waren. Aussagen aus dem Umfeld, erhaltene Telegramme aus dem Apparat und nicht zuletzt der reichsweit gleiche und fast überall überall gleichzeitige Ablauf belegen dies. Soweit dadurch freilich die seinerzeit offiziöse Version eines "spontanen Volksaufstandes" als "Vergeltungsschlag" in der Angelegenheit Grynspan — in Paris hatte ein siebzehnjähriger Jude einen deutschen Diplomaten erschossen, vermutlich als Reflex auf die Außerlandes-Setzung seiner Eltern — widerlegt werden soll, scheint Vorsicht geboten. Angesichts der Intensität und der Dauer der Massaker kann jedenfalls von einer ausschließlich oder überwiegend von den Nazis und dem Regime verantworteten Aktion nicht ernsthaft ausgegangen werden; ohne offenes oder klammheimliches Mittun, ohne laute oder schweigende Unterstützung der Massen, die in ihrer Gesamtheit offenkundig bereit waren, Juden als Freiwild, als Ungeziefer zu betrachten, wäre sie nicht denkbar gewesen. Historisch wahr sein dürfte: Die Nazis warteten plangemäß auf eine günstige Gelegenheit, die in der Bevölkerung virulente Judenfeindlichkeit zur Überwindung befürchteter Vorbehalte und Widerstände gegen die bevorstehende offen systematische "Entjudung" wirksam instrumentalisieren zu können; die Causa Grynspan spielte ihnen und der antisemitisch gestimmten Mehrheit der Bevölkerung in die geöffneten Hände.

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Wie war, was sich im November 1938 ereignete und was sich in der Folgezeit ereignen sollte, möglich? Wie konnten zivilisierte Menschen im 20. Jahrhundert, wie konnte das Volk der Dichter und Dichter auf solch unsägliche Weise zu Verbrechern werden, Mitmenschen das Menschsein absprechen, sie in den Dreck treten, quälen, abschlachten? Wirtschaftliche Gier, Ausgrenzungsgelüste und das Schüren von Ängsten als Mittel von Politik, Rassenhass — nun gut. Aber reicht das aus als Erklärung? Uns Nachgeborenen, soweit wir erzogen sind im Versuch, zu verstehen durch Einfühlen, reicht es nicht, wir können das alles nicht fassen. Sie übersteigt unser Fassungsvermögen, sie raubt uns den Schlaf, die Frage nach dem WARUM.

Eine Antwort (und wer will sie hören, der er doch braver Christ ist?), eine entscheidende Anwort, ohne die Erhellung nicht möglich sein wird, lautet: Christentum. Antijudaismus und sein jüngerer Bruder Antisemitismus waren keine Erfindung der Nazis. Ihre Wurzeln sind genuin christlich; zentrale Merkmale des Christentums wie Alleinseligmachungsanspruch, Missioniorierungslust, Abgrenzungspychosen gegenüber der Mutterreligion, dazu Durchmischungen und Allianzen mit der staatlichen Macht verantworten eine breite Spur jüdischen Blutes, die zurück reicht bis wenigstens in das achte Jahrhundert. Die Stigmatisierung der Juden als Christusmörder, ihr Ausschluss aus den meisten Berufen und damit den Zentren der Gesellschaft, ihre Abscheibung in umgrenzte Distrikte (Ghettos), die umfassende Erschwerung ihrer Daseinsverhältnisse verdanken sich einem aggressiven Christentum und Päpsten wie Urban II. Zu Zeiten der Kreuzzüge galt es heilige Christenpflicht, Juden zu töten; soweit der eine oder andere Papst oder König Juden "schützte", hieß das in aller Regel: gegen hohe Abgaben. (Was den Juden ihr Existieren in der Gesellschaft nicht eben leichter machte, denn um die Abgaben zu verdienen, mussten sie ihre Leistungen, etwa den Geldverleih, entsprechend verteuern, womit sie sich wiederum den Makel der "Wucherei" und "Blutsaugerei" einhandelten.)

Aberglaube und fehlende Bildung taten ein übriges. Juden vergifteten Brunnen, tränken Menschenblut, stählen Kinder, kurz: seien des Satans, glaubte das Volk in seiner Frömmigkeit — und machte immer mal wieder kurzen Prozess, indem es Judendistrikte in Schutt und Asche legte, Juden massakrierte, die Überlebenden zwangstaufte. Ghettoisierung, äußere Kennzeichnung ("Judenhüte" oder gelber Ring), Berufsverbote, finanzielle Ausbeutung (durch Sonderbesteuerung oder Schutzzölle), spontane und gelenkte Massaker an Juden (Pogrome) gehören seit Jahrhunderten in Europa zur christlich fundierten Normalität; Judenhetze und Judenjagd sind ins kollektive Bewusstein des abendländischen Christenmenschen fest eingeschrieben. Die ersten großen Judenprogrome ereigneten sich im Mittelalter, sie waren christlich motiviert.

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Fünf Jahre vor dem 500. Jahrestag des Anschlags der Thesen von Wittenberg ist ein Blick auf die Rolle Martin Luthers bei der Verfolgung der Juden erlaubt und vonnöten. Während der junge Luther sich judenfreundlich gerierte — in der Hoffnung, diese würden nun, da er auch ihnen die Bibel neu auseinandergesetzt habe, sich schon noch zum Gottessohn bekehren lassen —, hetzte der alte Luther, der diese Hoffnungen nicht mehr hegte, enttäuscht in übler Weise gegen die Juden. In seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" schlägt er den deutschen Fürsten folgenden Plan zum Umgang mit den Juden vor: „Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. – Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. – Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. – Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe. – Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. – Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen."

Synagogen anstecken, Wohnhäuser zerstören, Gebetbücher vernichten und Zwangsarbeit: Das liegt auf einer ungebrochenen Linie von Urban II. bis Goebbels und wurde seinerzeit, 1938, von führenden Kirchenleuten auch genau so gewertet. Der Thüringer Bischof Martin Sasse stellte freudig fest: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden." Dies war die Position der Amtskirche, und selbst innerhalb der Bekennenden Kirche hatten es projüdische Stimmen wie die von Karl Barth schwer, sich Gehör und Einfluss zu verschaffen ("Jude" meinte hier meist getaufte Juden, also Christen). Welch verheerenden Einfluss solche — und auf katholischer Seite mit nämlichem Zungenschlag verlautbarte — Äußerungen bei der Bestärkung der Massen in ihrem Judenhass hatten, harrt einer intensiven und offensiven Durchdringung. Was die Kirche dazu beigetragen hatten, dass es zu diesen Grausamkeiten kommen konnte, und welche besonderen Aufgaben über allgemeine menschliche Betroffenheit hinaus daraus in Zukunft zu folgern seien, ist trotz halbherziger (und selbst in dieser Halbherzigkeit weithin abgelehnten) Erklärungen wie des Stuttgarter Schuldbekenntnisses unklar geblieben.

Heute, 67 Jahre nach dem Ende der Nazi-Ära, drängt sich der Eindruck auf, evangelische wie katholische Kirche bemühten sich darum, im Umgang mit dem Judentum Kreide zu fressen. Die Verbrechen der Vergangenheit werden pauschal als solche benannt, Gemeinsamkeiten, nicht die Unterschiede werden betont. Das ist gut so, auch wenn vieles verdächtig formelhaft klingt, dem aktuellen Common sense geschuldet. Was indes fehlt, ist ein konkretes Bekenntnis zu historischer Schuld in der Form einer umfassenden Aufarbeitung lokaler Verstrickungen einschließlich Benennung von Ross und Reiter, ist die Übernahme konkreter Verantwortung etwa auch in Form von Entschädigungsleistungen, ist das institutionalisierte, in Gottesdienste eingebundene Gedenken an die jüdischen Opfer des eigenen Glaubens und der eigenen Kirche. Was fehlt, ist der Diskurs darüber, was das für ein Glaube ist, der Gnade, Vergebung und Nächstenliebe predigt, jedoch in seinem Absolutheitsanspruch über Leichen ging. Was fehlt, ist das Nachdenken darüber, wie dieser Glaube künftig Blutvergießen vermeiden will.

In den Jahrhunderten des Judenhassens und Judenmordens nehmen sich 67 Jahre zwar ein wenig länger aus als nur ein Wimpernschlag der Geschichte. Ob sie aber deren Ende markieren, hängt auch davon ab, wie die Kirchen künftig mit der Thematik umgehen. Luthers Geburtstag, der 10. November, jedenfalls wäre wenigstens für die evangelische Kirche ein geeigneter Tag des Besinnens und Gedenkens.