19 - 07 - 2018

24. Februar 2017

Reinhard Rakow

aus: "Vatermutterhundesohn"

Es zeigt Mutters Mutters Mann mit dunklem Kaiser-Wilhelm-Bart im aufgedunsnem Gesicht, den fülligen Hals gequetscht in einen weißen Stehkragen zu weißer Uniformjacke, Bahn, hatte Mutters Mutter erläutert, Reichsbahn, mittlerer Dienst, Schreibstube, dahin haben sie ihn abgeschoben nach dem Ende vom Krieg, da war er schon nicht mehr am Leben, wenn sie schrie, hatte Mutter zu springen, Mutters oder Mutters Mutters Mann war auf dem Feld, schlachten, sonstwo, abwesend, oder in britischer Gefangenschaft vierzigvier und als Metzger verkleidet in weißer Gummischürze, hohen Schwarzstiefeln, das Hemd gestreift, auf dem Kopf ein schniek weißes Käppi, als ging es auf ein Tanzvergnügen, doch in der Hand das Messer mit der langscharfen Schneide, aushäusig schon da, oder der Sohn. alsô der Mann, im Kerker des Jobs, jetzt in Farbe, auch so ein Abwesenheitsfoto, auf Mutters Schreibtisch, sie putzt das Glas regelmäßig, und wenn die Kräche noch so heftig sind, Ordnung muss sein, dann spiegelt sich drin ihr kurzes Karrierehaar, wie er bei einem Autobahnstopp zwischen einem Termin und dem nächsten eine Raststättenbank bestiegen hat, sie hatte ihn begleitet, damals (war ja noch Hoffnung), der Mantel, olivgrün, flattert im Wind und sein Haarschopf, damals hatte er noch keine Glatze, flattert mit, ob seine Pfeife qualmt oder nicht, ist nicht zu erkennen, F. ist daheim und ist allein.

Er sah hinauf, und der blaue Strom floß leise über ihrem Haupte. Wo sind wir, liebe Mathilde? Bei unsern Eltern. Bleiben wir zusammen? Ewig, versetzte sie, indem sie ihre Lippen an die seinen drückte und ihn so umschloß, dass sie nicht wieder von ihm konnte. Sie sagte ihm ein wunderbares, geheimes Wort in den Mund, was sein ganzes Wesen durchklang. Er wollte es wiederholen, als sein Großvater rief und er aufwachte. Hallo F., es ist an der Zeit, Hallo. Er hätte sein Leben darum geben mögen, das Wort noch zu wissen.

Hallo F., es ist an der Zeit,

Und dann diese alten Geschichten, die keiner hörn soll, schon gar nicht der, mit dem man Bett, Klo und Herd teilt, nicht mal man selbst, weil sie so peinsam sind, wo sie doch vieles beantworten oder wenigstens manches erklären könnten, besonders zu der ewigen Frage, wie es bloß kommen konnte, dass der und der oder die und die aus der eigenen Sippschaft so wurden, wie sie jetzt sind, beziehungsweise nicht so oder völlig anders gerieten, als von allen erwartet — etwa die Tante, keine echte, aber über fünf Ecken eben doch, drei Straßen weiter, die frisst und frisst und frisst und frisst und frisst, ein Nilpferd in selbstgenähten Tuchzelten aus dunkelblauem Stoff mit klein weißen Punkten, die das Haus nur verlässt, falls gerade keines ihrer zarten schmächtigen Wichtelkinder zur Hand ist, Kommandos auszuführen, nur verlässt, um auf dem Fahrrad zum Bäcker schräg gegenüber zu schlingern, der Sattel bohrt sich tief in Wellfleisch und Tuch, die Reifen drohen zu platzen, der stählerne Rahmen knackt verdächtig vernehmlich, und wenn abends ihr Männchen, voll wie zwei Sturmhaubitzen von der Fabrik nach Hause geschwankt, sie von hinten besteigt, Böcklein auf die Zippe, Schwänzchen in die Höh, hockt die Nachbarsjugend draußen unterm Schlafzimmerfenster und wartet darauf, dass sie, wenn sie ausgestöhnt, ausgeröchelt und -geschnauft hat, sich irgendwann einmal umdrehe, übers Spinnenmännlein sich hermache und es verschlinge, doch erlebt immer wieder nur, dass sie ihm ad finem keuchend bedeutet, jetzt habe sie aber mordsmäßig Kohldampf. Oder Vaters Vaters Vater, F. kannte ihn nur aus erinnerten Erzählungen oder erzählten Erinnerungen (F. wusste das nicht auseinanderzuhalten), ein knitterpapierner Schemen in weiter schwarzer Hose und weitem schwarzem Mantel unter schwarzem, breitkrempigem Hut, der, auf einen knorrigen Stock gestützt, sich jedesmal schwer tat, das niedrige Schwellchen zu überwinden, über das der Weg ins Wohnzimmer führte, wo er dann endlich stundenlang zusammengesackt auf dem Sofa kauernd ausharrte, die Zeit einzusaugen stumm, reg-, teilnahmslos, seine hinfällige Aura vorweggenommenen Vergangenseins erfüllte F.s kleines Bubenherz Mal um Mal mit verstörenderer Beklommenheit, hatte er doch mitbekommen, der Alte sei früher ein Riese gewesen von Gewichthebergestalt, der, als er sich über die vermeintliche Renitenz eines Bullen geärgert, den mit einer einzigen Ohrfeige niedergestreckt habe auf immer und ewig, ein übler Tyrann, vor dessen testosteronhypertrophem Jähzorn Frau und Kinder das Haus furchtvoll flohen oftmals.