24 - 06 - 2018

25. Februar 2017

Reinhard Rakow

aus: Tagebücher

 

das stück überraschte mich auf einer fahrt durch hannover.  ich war spät dran, wie immer, den kopf mitten im termin, der mir bevorstand. vor fahrtantritt hatte ich den cd-wechsler neu befüllt, die musik lief so vor sich hin. cello, ah, der sampler, vor jahren gekauft, nie ganz zu ende gehört. starker mit der cello-suite nummer 6 von bach: prelude, allemande, courante, sarabande, gavotte und gigue, federnd und voller esprit.  er spielte mit hohem tempo und großem affekt, viel eindringlicher als casals auf der alten aufnahme, die ich kannte, und plötzlich war die welt wieder in ordnung.  kodalys sonate hingegen traf mich unvorbereitet. den ersten satz und das adagio hörte ich noch autofahrend.  zunächst nur verwirrt anknüpfungspunkte zu dem mir unbekannten urheber suchend, erfaßte mich der sog der komposition, folgte ich mit offenem mund dem wechsel der harmonien bald gespannter als dem geschehen vor den ampeln.  

den dritten satz hörte ich entrückt im absoluten halteverbot vor einem polizeirevier, dann ließ ich über handy bei gericht mitteilen, ich säße fest, es könne dauern, und hörte mir den dritten satz zwei weitere male an, a 9 minuten 44 sekunden, zwei weitere male allegro molto vivace, zwei weitere male musik, die besoffen machte vor glück. hoffentlich, wünschte ich voll inbrunst, hoffentlich gibt es auf der rückfahrt einen ganz langen stau.

(2001)