24 - 04 - 2018

26. Februar 2017

Reinhard Rakow

aus: "Schloss LebensWert"

Ich will nur..., hebt Peeh an, zögernd, denn plötzlich bemerkt er, dass er selbst nicht recht weiß, was er will, was das soll: wozu er ins Zentralarchiv eingedrungen ist, warum er sich in anderer Leute Sachen einmischte... einmischt... ... Als ob er nicht mit sich selbst genug zu schaffen hätte... ... Klarheit, ich will nur ... verstehen... Verstehen, was hier vorgeht... in diesem Land... Wissen Sie... ringt er, und hat mehr sich selbst als Wolf zum Gegner, um Worte, Wissen Sie, wie das ist: In ein Land zurückzukehren, das ein anderes geworden ist? In das Land, in dem man die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, in dem man aufgewachsen ist? Von dem man denkt, man kennt es in- und auswendig, jedes Fleckchen Erde, jeden Zipfel Land, jedes Staubkorn, jedes Steinchen, Tiere und Pflanzen... seine Landschaften, Städte und Dörfer, seine Geschichte und Geschichten, seine Klänge und Dialekte, Feste und Speisen... denn man ist ja in ihm aufgewachsen und hat es durchstreift, erwandert und erfahren, man kennt seine Farben, seine Gerüche und Aromen, trägt ihren Geschmack mit sich auf der Zunge... Heimat eben... Und seine Menschen... gehören dazu... ihre Gebräuche... die Art, wie sie miteinander umgehen... wie sie sich begrüßen oder verabschieden... wie sie jubeln und trauern... und worüber... wie sie sich organisiert haben... was sie tun, um einander das Leben leichter zu machen... Ich meine... Dass man sich... zum Beispiel... darauf verlassen kann, auch nach Einbruch der Dunkelheit nicht überfallen zu werden...  normalerweise... oder dass, wenn es einen Unfall zwischen zwei Wagen gab, die Polizei gleich da sein wird... und bei einem Brand die Feuerwehr... oder der Notarzt, wenn einer zusammenbricht auf der Straße... um einem zu helfen... oder dass einem bei Zahnschmerzen ein Zahnarzt die Schmerzen beseitigt... Und dass man sich, wenn einer plötzlich Hilfe braucht, gegenseitig unterstützt... einfach so... Dass der Nachbar im Urlaub die Katze füttert und in der Wohnung nach dem Rechten sieht... ("Dass der Nachbar im Urlaub die Katze füttert"!) Und dass Menschen, die sich lieben, ("die sich lie - ben"!) zusammenbleiben, zusammenbleiben dürfen, solange sie wollen und dass sie, wenn ihnen danach ist, eine Familie gründen mit Kindern... Und dass zu so einer Familie Kinder und Eltern gehören und sogar Großeltern... Und dass jeder von ihnen, jeder, ein Recht hat zu leben... Und dass keiner, kein einziger Mensch weit und breit auch nur auf die Idee käme... einem anderen dieses Lebensrecht zu bestreiten... es aus irgendwelchen Gründen zu bezweifeln... oder zu befristen... ... Oder dass einmal die Woche die Müllabfuhr kommt... und dass Trinkwasser fließt, sobald man den Hahn geöffnet hat... und dass, wenn man Bilder anschauen will, zwischen etlichen Galerien und Museen auswählen kann... und dass im Theater Schauspiele und Opern aufgeführt werden... die jeder besucht, dem danach ist... und dass Kinder zur Schule gehen... und dort auch Gedichte hören und Musik und man sie versteht... und dass, wer krank ist, ins Krankenhaus geht... und dass man die Patienten dort behandelt und heilt... damit sie frei von Beschwerden weiterleben können... ... All diese Selbstverständlichkeiten eben... (Hach, "all diese Selbstverständlichkeiten eben"! Ob er gleich heult!? Dieses larmoyante Genöle! Dieser lyrische Kitsch! Po-po-Poesie! Vorhofgestammel! Vorhautkäse! Hausfrauenpisse! Platitüden-Pleonastik! —