19 - 07 - 2018

28. Februar 2017

Reinhard Rakow

Nägelschläge (Auszug)

Doch uns ist gegeben,/ Auf keiner Stätte zu ruhn
(Hölderlin, Hyperions Schicksalslied)


Am Tag, als Eckhards Sprache starb, gaben sie Schubert zum Abend.  Über die Aufführung waren im Verlaufe der folgenden Woche im Morgenblatt einige Zeilen zu lesen, die Kleidung des Sängers betreffend. Den Tod von Eckhards Sprache hingegen schien niemand bemerkt zu haben, zu Beginn womöglich nicht einmal er selbst, was sich daraus erklären mag, dass er selber ihr nie wirklich vertraute. Man darf sogar vermuten, sie sei noch eine Zeit lang zu vernehmen gewesen, scheinlebendig, eine Untote gewissermaßen, die ihm doch bereits schon vorher unter der Zunge beziehungsweise unter den Händen verschieden war wie ein Kranker dem Arzt auf dem Tisch, wie der Glaube einer Religion unter den Zwängen des Ritus. Selbst nun, im späten Rückblick, will Klarheit sich diesbezüglich ebensowenig einstellen wie zu der eigentlichen Ursache des Versterbens. Manche erwägen dieses, manche jenes: Eckhards körperliche, seelische, wirtschaftliche und oder geistige Verfassung stehen dann für sich oder in wechselnden Kombinationen im Fokus, seine Krank- oder Gesundheit, sein Vermögen oder dessen Mangel, die Ein-, Zwei- und oder Vieldeutigkeit seines Tuns und Lassens, seines beruflichen oder berufsähnlichen Wirkens, seiner Existenz. Freilich: Viele sind es auch jetzt nicht, die sich Gedanken darüber machen. Die Finger einer Hand reichten wohl aus, sie zu zählen, den Leser und den Berichterstatter eingerechnet. Die meisten aber haben davon nichts wahrgenommen und also nichts dergleichen verfolgt oder jemals auch nur einen einzigen Gedanken darauf verschwendet.

1. Wandeln

Der Tag, an dem Eckhard die Sprache verstarb, begann widersetzlich. Es war ein Samstag, und Eckhard fuhr Auto. Eckhard fuhr mit dem Auto aus dem Dorf, in dem er wohnte, in die benachbarte Kleinstadt, um dort frische Brötchen zum Frühstück zu holen, zwei helle für sich, zwei dunkle für Heinrich. Die erste Widersetzlichkeit lag in der Missachtung des Samstagsfahrverbotes. Heinrich hatte es vor einigen Jahren verhängt, als er seine Begeisterung für die Natur und das Naturhafte entdeckte, er sich stillschweigend gefügt. Die zweite lag in der Vernichtung des Breichens aus fünferlei Sorten Getreidekorn und reichlich Leinsamen, das Heinrich wie stets am Abend zuvor in einer selbst getöpferten Keramikschale mit stillem Mineralwasser angesetzt hatte für das gemeinsame Morgenmüsli; Eckhard füllte die Schale mit Leitungswasser aus dem Hahn auf, kratzte mit einem Löffel die Leinsämlinge ab, die über abgesonderten Schleim bereits eine hartnäckige Verbindung mit der Glasur eingegangen waren, und rührte ein paar Mal energisch um. Dann schüttete er den Glibber in die Toilette, sah den aufgequollenen Weizenkörnern zu, wie sie als erste auf den Grund der Schüssel niedersanken, vor Roggen und Gerste, vor Hafer, vor dem Dinkel, und zog ab. In der Stadt würde er herrlich ungesunde Brötchen aus weißem, substanzlosem Auszugsmehl erstehen, aus Weizen einer für einen amerikanischen Chemie-Multi patentierten Sorte,  Type 405, der längeren Lagerbarkeit zuliebe leergemahlen, der wertvollen, ballastoffreichen Schale, des Keims und des ihm innewohnenden Lebens, von Saft und Kraft, aller Öle und Eiweiße und Spurenelemente beraubt, denaturiert, aufgehübscht, jaja, durch synthetische Nahrungskosmetika zweifelhafter, womöglich krebserregender Genese. Und die mithilfe eines äußerlichen Dekors aus groben Haferflocken auf "Bio" getrimmten, mittels künstlichen Zuckerkouleurs gebräunten "Vollkorn"-Brötchen trugen, auch ihm war das bewusst, diese Bezeichnung gewiss nicht zu Recht. Heinrich würde die Brötchentüte keines Blickes würdigen. Er würde sie nicht einmal anfassen, um ihr etwas zu entnehmen. Und schon gar nicht würde er eines dieser Brötchen verzehren. Wahrscheinlich würde er statt dessen eine seiner Szenen geben. Die Bedeutung einer gesunden, werthaltigen Ernährung. Das Schadenspotential industriell gefertigter Nahrung. Lang- und Kurzzeitfolgen, Allergene, Kanzerogene, Chromosomentoxine. Genveränderndes. Der Mensch ist, was er isst.  Sage mir, wie du dich ernährst, und ich sage dir, wer du bist. Und was du leisten kannst. Wozu er denn den Garten angelegt habe, Hochbeete, Kräuterspiralen, Beerensträucher, Dünger aus eigenem Kompost, unter Schwitzen und Stöhnen. Um einmal von den Topfkulturen für Eisbergsalat, Möhren und Spinat, den gesunden!! Spinat, zu schweigen. Und wozu eigentlich er Bio einkaufen gehe, ausschließlich Bio. Und warum sie Beiträge zum Erzeugerkreis zahlten. Erst im letzten Mitgliederheft hätte gestanden. Was er alles geopfert habe, um ihrer beider, um Eckhards Gesunderhaltung zu fördern. Bei seinen Vorlasten. Ob er denn gar nicht. Und jetzt so etwas. Er müsse doch. Und solle auch. Und er dürfe nicht immer. Beziehungsweise: Er dürfe bloß nicht. Und so weiter und soweiter undsoweiterundsoweiter, er kannte die Leier auswendig und wusste genau, ab wann er in der Lage sein würde, mit einem genüsslichen Lächeln unterm Gesicht auf Durchzug zu stellen. Die bloße Vorstellung hob seine Laune zusätzlich, und die Aussicht darauf, heute, an einem Samstag, Auto zu fahren und sich nicht wie sonst mit dem Fahrrad ins Dorf quälen zu müssen, um auf dem Marktplatz nach welkem Blattsalat und schmutzigen Schrumpelkartoffeln anzustehen, verlieh seinen Aktionen neuen, bereits verloren geglaubten Schwung. Der alte Peters kam ihm in den Sinn, ein Mittachtziger mit langem schlohweißen Haar, kauzig und zahnlos, der donnerstags, wenn seine Frau Bridge spielen war, die Metzgereien des Ortes abklapperte. Er verdrückte sich in die dunkelste Ecke des Verkaufsraumes und wartete, die riesigen Hände in den Taschen der weiten Cordhose vergraben, auf eine kundenfreie Phase, in der er sich, ohne falsche Aufmerksamkeit zu erregen, jenem Bereich des Glastresens anpirschen könnte, wo die Wurst- und Bratenaufschnitte drapiert waren. "Haben Sie heute vielleicht", druckste er, auf der Stelle trippelnd, herum, "vielleicht heute ein Scheibchen...?" Die Geschichte von dem komischen Opa, der von seiner Frau, einer fanatischen Vegetarierin, so kurz gehalten wurde, dass er um Fleischreste anstehen musste wie ein hungiger Hund, hatte unter den Wurstverkäuferinnen der Stadt schnell die Runde gemacht, jede erkannte ihn, sobald er den Laden betrat, und schob ihm bereitwillig zu, was die automatische Schneidemaschine über die Woche an nicht weiter Zerlegbarem abgeworfen hatte. "Trotz dem", freute er sich noch Ewigkeiten später diebisch, und der Charme seines Einzahnlachens betörte unweigerlich jeden, der sich auf ein Gespräch mit dem greisen Wirrkopf einließ, "Trotz dem sie so vegetarisch war, hab ich sie überlebt, sechs Jahre schon, trotz dem." Eckhard bemerkte, dass er sich nicht frug, warum ihm diese Geschichte gerade jetzt einfiel.

Die Straße zur Stadt lag vor ihm andeutungsweise, Eis und Schnee schwitzend; erst die vor Nässe blinkenden Spuren der Fahrzeuge entbargen ihren wirklichen Leib. Dem hatte der Frost der letzten Wochen roh Gewalt angetan, schwarze, mit Pökelwasser und pickligem Splitt gefüllte Narben inmitten der schimmernden Spiegelfläche zwangen die Fahrer, ständig auf der Hut zu sein; wichen sie aus, riskierten sie, den Wagen zum Schleudern zu bringen, fuhren sie weiter,  drohte Ärger mit den Stoßdämpfern, dem Fahrgestell, den Reifen; seit Wochen  litt der Weg Lochfraß, ohne dass jemand sich der Sache annahm. Während Eckhard die Erfolgsaussichten einer im Schadensfall gegen eine zuständige Behörde zu richtenden Klage durchspielte, gewahrte er weiter vorne rechts auf dem Radweg zunächst ein schwach glimmendes Pünktchen, dann die Schemen eines Mofas samt behelmtem Fahrer, hätte er die Spur gehalten, wäre nichts geschehen. Aber er ließ das Lenkrad einen Hauch aus der Hand gleiten, nach außen, und das rechte Vorderrad küsste wie beiläufig die dicke angetaute Pampe aus Dreck, Salz, Tauwasser und Schnee. Im Rückspiegel verfolgte er die Wolke, die sich wie eine nasse Decke über den Mofamann legte; dass der sein Gefährt kaum noch unter Kontrolle halten konnte und einen Sturz nur knapp vermied, dürfte Eckhard sich freilich eingebildet haben. Jedenfalls versuchte er einen Moment später, sich eben das einzureden. Für die Dauer eines Lidschlags befiel ihn der Plan, umzukehren, dem Geschädigten zu helfen, sich zu entschuldigen, aber schon nahte das Ortsschild, und was hätte er eigentlich sagen sollen? In Wirklichkeit tat ihm nichts leid, auch nicht der Mann  — oder wars eine Frau? — auf dem Mofa. Zugleich flog ihn Erschrecken an über sich selbst, über die kühle Vorsätzlichkeit seines Handelns und die ihr folgende Kälte der Empfindung. Dann stand sein Wagen auf dem Parkplatz des Supermarkts, und er sah sich zu, wie er über die plattgeschabte Schneelage zur Bäckerei tänzelte, bei jedem Schritt durch zu dünnglatte Sohlen hindurch die Beschaffenheit des Untergrunds prüfend.

Obwohl es inzwischen fast zehn geworden war, strahlten Bäckerei und der dahinter liegende Supermarkt in grellem Schein. Das war normal in diesem Winter, seit Wochen wurde es tagsüber nicht mehr richtig hell, und doch irritierte es ihn. Das gleißende Weißgelb, das sich beim Durchschreiten der Tür über ihn ergoss, empfand er, als habe ihm einer den Mantel, den er nicht anhatte, entrissen, ihn seines Schutzes aus Unlicht beraubt. Er trug alte Jeans mit abgewetzten Knien, einen verschlissenen, zu großen Pullover und Schuhe mit unterschiedlichen Schnürsenkeln. Zuhause, in der Heimlichkeit niederwattiger Lampen, hatte ihn das nicht weiter gestört; jetzt mischten sich der Nachhall des Erschreckens des Selbsterkennens, Unmut wegen der seine Grenzen überschreitenden Entblößung und bloßer Ärger angesichts der Verschwendung elektrischen Stroms zu einem Amalgam latenter Gereiztheit. Schräg gegenüber, neben dem Durchgang zum Markt, stand ein Paar mittleren Alters. Vom Neonlicht in gleicher Respekt- und Gnadenlosigkeit seziert wie er selbst, offenbarten die beiden eine, wie ihm schien, noch üblere Schäbigkeit als er selbst sie sich vorhielt; ihre Kleidung, leichte Sneakers, Jogginghosen und wattierte Mäntel aus signalroter Plaste, die Bildzeitung in der Hand des Mannes, eine Alditüte in der der Frau nährten seine Überheblichkeit und signalisierten ihm ihre Eignung als Objekt für eine Entladung seiner Laune. "Wer ist der Nächste", erkundigte sich die Verkäuferin, die inzwischen ihren Platz hinter dem Tresen eingenommen hatte, und ohne zu zögern trat er vor und tat seine Kaufwünsche kund. "Ey", warf die Frau ein, ihre Stimme verriet lange Jahre Gewöhnung an Schnaps und Teer, er merkte, sie musterte ihn abschätzig, "Ey, hallo, an sich, ey, warn wir doch —". "Das darf ja wohl nicht wahr sein", hörte er sich sagen, nein: brüllen, er pflanzte sich dicht vor dem Tresen auf, als wolle er ihn besetzen, riss die Brötchentüte an sich, zahlte, und schickte im Hinausgehen hinterher: "Unglaublich! Ein unglaubliches Benehmen! Was erlauben Sie sich?! Ich glaube, mein Hamster bohnert!".

Egmont Eckhard, 62, Architekt, erwerbslos, verheiratet mit Ehefrau Jule, getrenntlebend, drei erwachsene Kinder, seinem Partner Heinrich, der in Wahrheit Theophil ließ, verbunden etwa durch Wohngemeinschaft, Gutmensch aus Überzeugung und gemäß Selbsteinschätzung, kannte sich selbst nicht mehr.  Waren das seine Worte gewesen? War das er? Was hatten ihm diese harmlosen Geschöpfe getan, das ihn so erregte? Was, dass er sich über sie erhob, und noch dazu derart unflätig? Das waren arme Hunde, vermutlich wesentlich ärmer als er, sie hatten seine Attacke nicht verschuldet. Er verstand sich nicht und er schämte sich seiner, und es fiel ihm auf, dass dies nicht das erste Mal war an diesem Tag.