25 - 09 - 2018

1. März 2017

Reinhard Rakow

Dass alles so rein bleibt (Auszug)

Ich hab mir das nicht ausgesucht, das hier. Den Hof. Das schrotte Haus. Den Misthaufen. Die leeren Kuhställe. Die brach liegenden Äcker. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Glaub nur nicht. Aber jeder muss tun, wo er hingestellt ist, sag ich immer. Von nix kommt nix, das kannste dir merken, sag ich Rolf immer, wenn er wieder mal mosert. Aber das willst du ja nicht verstehen, sag ich, Du gondelst bloß den ganzen Tag mit deinen Debilen durch die Gegend und abends hängst du rum vorm Computer, oder bist am Telefonieren, den feinen Mann markiern. Ach Rieke, meint Rolf dann, wenn er gut drauf ist und legt mir seinen linken Arm um die Schulter und sich die rechte Hand hinters Ohr, Horch mal, Rieke, horch mal. Hörste den Motor? Der ist von der Bartwickelmaschine. Soon Bart ham deine Witze, nämlich.

Also der Wecker klingelt um vier. Steh ich auf, geh duschen, mach mich fertig. Nehm meine Medikamente. Brüh mir nen Kaffee oder zwei. Stark sein muss er schon, drei Löffel die Tasse, den kräftigen von Aldi. Im Winter ist es stockduster natürlich und still,  im Sommer wirds hell und die Vögel machen Geschrei wie nix Gutes. Mein erster Gang führt immer zu den Hühnern. Von weitem hört man die Ventilatoren brummen und klackern, sommers wie winters, Tag und Nacht, da kann man sich drauf verlassen, das gibt gleich ein gutes Gefühl. Und ich hör sofort, mit der Lüftung ist alles in Ordnung, da fängt der Tag schon mal gut an. In der Schleuse leg ich mein Zeug ab, pell mich ein inn neuen Anzug aus weißem Plastik, Stiefel, Mütze, Mundschutz, zuletzt die Handschuhe, weiß, alles weiß. Drinnen ist ständig Gesummse. Fiepen und Piepsen, solang sie noch klein sind, später Krietschen und Glicksen. Pausenlos. Wie eine Wolke, wie eine Wolke Gacker-Ragout verstopfst dir die Ohren. Du verstehst dein eigenes Wort nicht, wenn du nicht brüllst. Früher hats mich verrückt gemacht, regelrecht kirre. Wiwiwiwiwi, wo du auch bist, was du auch tust. Wiwiwiwiwiwi. Ob du die Futterautomatik kontrollierst oder die Wassertränke. Wiwiwiwiwi. Wiwiwiwi. Ob du nach der Medizin greifst oder nach der Schiebkarre. Wiwiwiwiwiwi. Vierzigtausendmal Wiwiwiwi. Vierzigtausendmal in einem einzigen riesigen Raum, und du allein mittendrin. Wiwiwiwiwiwi. Geträumt hab ich davon.  Wiwiwiwi. Jetzt hör ichs nicht mehr. Jetzt riech ich auch nichts mehr, nicht die Scheiße, nicht den Mist, nicht die toten Viecher, die Pisse, die Gase, den ganzen Ammoniak. Da bin ich resistent gegen, inzwischen, meine Nase ist dicht, da kommt nichts mehr durch, nicht einmal das schwerste Parfüm.

(Parfüm, Rieke, weißt du denn überhaupt, weißt du denn wenigstens, wie man "Parfüm" buchstabiert?)

Rechnen können muss man schon. Sechzig Milchkühe hatten wir, schwarzbunt, die Genossenschaft zahlte 23 Cent zuletzt, 23 Cent für Futter, Dünger, Wasser, Strom, Tierarzt, Gebäude und Unterhalt, Landmaschinen und Sprit, für Arbeit und Lohn. Für zwei Erwachsene und zwei Kinder ganze dreiundzwanzig. 23 Cent den Liter. Bei Aldi gibst du 50. Fragt sich, wo bleibt der Rest, hat Walter gesagt, die Aldi-Brüder. 35 Cent, ist ja nicht viel eigentlich, nicht wahr, 35 hätten wir gebraucht, um über die Runden zu kommen, besser 37. Um kostendeckend zu arbeiten. Kostendeckend, das heißt: Gewinn nicht eingerechnet, verstehst du? Bei jedem Liter Milch, den wir produzierten, haben wir Geld dazugebuttert. Dazu-gebuttert! Liter für Liter, da kann man besser wegkippen. Hör mir auf mit deinem Genöle wegen der reichen Aldi-Brüder und von wegen Kapitalismus, hab ich Walter gesagt. Die Quote ist schuld, sie ist zu hoch, sie wirft viel zu viel Milch auf den Markt, und die Quote ist Planwirtschaft pur. Was wir bräuchten, wär Markt, einen natürlichen Kreislauf, der Angebot und Nachfrage ausbalanciert, der das Angebot ausdünnt und die kleinen Krauter verdrängen würde, damit der Rest ordentlich wirtschaften könnte, hab ich gesagt. Aber das Bräuchte und Würde und Könnte hilft uns nicht weiter. Quote ist Quote ist Quote ist Quote, das ändern wir nicht, Walter, du nicht und ich nicht, und heut nicht und morgen nicht, und bis der Markt kommt. Die Molkerei zahlt doch auch nicht mehr. Ich frag mich: Wie lange geht das gut? Wie lange soll, wie lange kann das gutgehen, hab ich ihn gefragt, Walter, sag: Wie lange noch?! Das Getriebe vom Trecker hält kein Frühjahr mehr, nebenan der Keller steht unter Wasser, das Futter ist schon wieder teurer geworden, Strom und Gas, Öl und Diesel sowieso. Tom hat vor den Osterferien Klassenfahrt, den können wir nicht schon wieder fehlen lassen, Rolf weiß nicht, wo er seine Schulbücher herkriegen soll, und ich war seit Weihnachten nicht zum Zahnarzt, wegen der Zuzahlung. Das ist doch kein Leben, Walter!, Das  ist doch kein Leben! Und wenn dein Vater sich tausendmal im Grab umdrehen würde: Die Kühe müssen weg, Walter! Besser gestern als heute. Mit deiner Milchwirtschaft schaufeln wir uns noch unser eigenes Grab, uns und den Kindern gleich mit, was glaubst du, wie kniesig der Alte erst wäre, wenn er das. Und dann hab ich die Bank angerufen, den Volker, der ist da Rendant, wir waren zusammen auf der Mittelschule, ich konnte schon immer gut mit Zahlen, Mathematik und Chemie und Physik und Kopfrechnen, und hätte auch gern mein Abi gemacht und BWL studiert oder auf Steuerberater, aber uns Vati, der meinte, es reicht, wenn der Klaus auf die Oberschule geht, die Rieke wird sowieso geheiratet und Mutter, die soll auf die Hauswirtschaftsschule, da lernt sie, was sie braucht für ihr Leben, aber Volker, Volker, der hat es geschafft und weiter gemacht und war in der Stadt und dann hat er hier die Filiale übernommen, ein bisschen neidisch werden kannste da schon, Fein, dass du dich meldest, Rieke, sagt er am Telefon und klingt ernst und erleichtert, Da brauch ich dich nicht anzurufen.

Wenn ich mit dem Absammeln fertig bin, geht es auf Fünf, da heißt es, sich sputen. Den Weg vom Hähnchenstall zurück zum Hof muss ich schon ordentlich petten. Aber auch nicht zu doll, vorne am Lenker hab ich immer Einkaufstüten voll Hühnerfutter und hinten auf dem Gepäckträger einen Müllbeutel mit toten Hühnern, nicht dass ich die noch verliere. Einmal ist mir das passiert auf dem Radweg, und. Die Schweine quieken dann schon, als wärn sie gestochen. Du darfst nicht eine Sekunde später ankommen, sonst walzen sie dir durch die Tür vor lauter Jieper, und glaubnicht, wenn hundertzwanzig Kilo Fresslust so richtig in Wallung sind, kannste. Also, ich beruhig sie erst mal mit einem Eimer vom Bottich pro Trog, son oller Altölbehälter, da sammel ich Essensreste, was halt so anfällt am Tag zuhaus und bei den Nachbarn, trockenes Brot, faule Äpfel, vermatschter Kuchen, saure Milch, Gulasch und braune Soße, Bratkartoffeln, die über geblieben sind, füll ich mit Wasser auf, tu das Hühnerfutter dazu und die toten Vögel, rühr tüchtig um, da sind die Gierhälse beschäftigt fürs erste, danach gibts das Mastfutter, dann miste ich aus, ja, noch mit Hand, mit der Forke, der Schweinestall hat keine Technik. Ordentlicher Strohmist, gut für den Garten, was glaubst du, wie die Erdbeeren da sprießen und die Kartoffeln, am besten wirkt er, wenn die Scheiße das Stroh schon halb  zersetzt hat. Kurz bevor es den Grünockerton der Scheiße annimmt. Wenn es so labberig wird, so durchgemanscht. Kurz nach al dente. Da wachsen die Pflanzen am besten. Also: neu Streu rein und fertig. Dann eben noch die Karnickel, Toms Flämische Riesen, das kann sich gar keiner vorstellen, was die so kacken an eim einzigen Tag, frisches Gras rein oder Heu, mal ne Runkelrübe, paar Möhren, umziehn, Hände waschen, Frühstückstisch decken, eben noch nen Kaffee im Stehn, eine Schnitte, halb sechs, Zeit, Männer zu wecken.  

(Dafür habe ich dich gehasst, Rieke: Dass du mir meine schönsten Träume zerstörtest Tag für Tag, mit konstanter Boshaftigkeit. Dass du mir in den Ohren lagst unerbittlich, unbarmherzig, drei vier Mal aufeinander, in trötendem Trompetenton, Hej, du musst aufstehn! Du musst aufstehn! Immer wenn es am schönsten war. Kaum, dass ich wieder zurück gefunden hatte.)

Ich hätte mir auch was anderes vorstellen können. Glaub nur. Nicht dass ich keine Angebote gehabt hätte. Ich war ein heißer Feger, so mit siebzehn, achtzehn, Tina Turner, Falco, Modern Talking, Madonna, hast du nicht gesehn. Rock me Amadeus, Amadeus, Amadeus. Like a Virigin, ich trug Leggins mit Leopardenfellmuster zum schwarzen Korsett, tief dekolletiert, die Kerls haben Schlange gestanden. Like a Virgin, von wegen. Und von wegen "Parfüm nicht buchstabieren können".  O Pomelo und Obsession, Eau de Parfume, viel Moschus, sehr viel, süßlich, herb und erotisierend, und viel hilft viel, das zog sie an wie Motten das Licht. Ich habs mir zwischen die Brüste getropft, da hatten sie schön was zu schnüffeln. Volker war auch darunter und ein Hubertus, der Sohn von einem Fabrikanten, der hatte echte Ambitionen, genauso wie Bernd, der war Filius von einem Doktor. Aber auf Bübchen stand ich nicht wirklich, und dann ist mir Walter über den Weg gelaufen, fünfzehn Jahre älter, ein Kerl wie ein Baum, stattlich, über und über von Kräuselhaar zugewachsen schwarzbraun, ich hab mir genau vorgestellt, wo, gleich wie ich ihn das erste Mal sah; es war bei einer Gewerbeschau, vor einem dieser Gemeinschaftszelte für mehrere Stände. Von draußen hör ich ein schallendes Lachen, dröhnender Bass, ich rein, Bierdunst, Gegröhle, Riesenversammlung besoffener Köppe um einen rum. Der lehnt da am Bratwursttresen, sein Lockenkopf glüht vor Hitze, Eifer und Brass, und schwingt große Reden: die Gewerbeschau eine Orgie des Konsumterrors, der Überfluss an Waren Krebsgeschwür der Gesellschaft, die wuchernde Markenvielfalt Opium fürs Volk, Krombacher, Franziskaner, Hasseröder, Budweizer und Becks, besoffen machten sie doch alle, Prost und Ex! Du und dein Mao, ist es am Schrein und Krakeelen, Back dir doch ne Kolchose! Du Walter, du! Du Ulbricht! Wenn dirs hier nicht gefällt, hau ab in den Osten! Dein Vater sollt sich was schämen! Und so einer darf sich Landwirt nennen!  Einer wie du, der gehört ausgeschlossen aus dem Landvolk! Nestbeschmutzer! Kommunist! Das musst du mir mal genauer erklärn, sag ich beim Bier, geb ihm Feuer und schau ihm tief in die Augen, weil ich dieses Braun einfach nicht enziffern kann, ich hab das ganz aufrichtig gemeint, ich mein: ohne Hintergedanken, weil: so hatte ich die Gewerbeschau noch nie gesehn. Aber es ist schon dämmrig und die Luft hinterm Zelt deutlich besser, da ist er O Pomelo auf den Grund gegangen, wir warn, ich schätz mal, eine halbe Stunde ineinander verkeilt oder länger, und wie ich endlich neben ihm lieg, Luft schnappen, meint er: Ich glaub, wir tun noch einn zu, das war sonst zu dürftig.

(Mein Traum ging anders, Rieke, ganz anders. Ohne Festzelt, ohne Bier und ohne Parfüm. Mein Traum roch nach Olivenseife und ein bisschen nach Schweiß. Mein Traum hatte seidenes Haar, langes, seidenes, rotblondes Haar, und Sommersprossen, Myriaden von Sommersprossen.)

Drüben das Haus hat Walter geerbt von seim Vater. Und der von seinem. Ganz früher wars ne Heuerstelle, für den wertvollsten Knecht. Wohnhaus vier Zimmer, Küche, Schlafzimmer über der Diele mit Blick auf den Misthaufen, daneben der Stall für sechs Kühe, vier Ziegen oder auch Schafe, eine Sau oder zwei, Stallhasen und Hühner. Bei Adolf waren Zwangsarbeiter einquartiert, Russen. Nach dem Krieg Flüchtlinge, Ostpreußen, Sudeten. Danach stands lange leer. Walter wollts schon abreißen, Weideland, wär gut gewesen für die Quote. Ich habs ihm ausgeredet damals, Walter, sag ich, das kannst du nicht machen, das rechnet sich nicht. Wir ham dann auch immer Mieter gefunden, die es bewohnten fürs Inschusshalten, Rentner meistens, die nix auf der Tasche hatten und sich n Ei darauf pellten, dass der Keller nass wurde und das Wasser nicht warm. Pierre und Freia

(Freya mit y!)

Freya mit y also, konnt ich mich nie dran gewöhnen, das sind die ersten gewesen, die jünger waren. Sie sone Kindsfrau, klein, zierlich, kaum Busen, aber massig graue Strähne im offenen Haar. Wenn du nur hinguckst. Die Vierzig hast du ihr trotzdem nicht angesehn irgendwie. Lief immer rum in langen weiten Röcken und Kleidern, walle walle, furchtbar unpraktisch, und mit nackten Füßen, sogar bei Kälte, am liebsten. Er soon langes End, hager, Stoppelhaar, braune Augen, so richtig große braune Karnickelaugen, Brilli im Ohr. Saß immer im Rollstuhl. Bildhauer, aber im Rollstuhl. Arbeitsunfall, er hantierte rum mit einem Stamm, da ist der Seilzug gerissen, und als man ihn fand, war es zu spät, die Nerven nach unten finito. Seitdem tickert er im Sitzen kleinere Steine, Marmor, Alabaster, Granit, macht minikleine Häschen daraus, als Briefbeschwerer oder Talisman oder fürs Bücherregal, ganz eigen. Weil: er ist Hasenfreund nämlich, gerad wie unser Tom, und hielt auch Riesen, nur eem Deutsche, keine Flamen. Doch klar, dass Tom ständig drüben war und ihnn auf der Pelle hing, oder? Oder? Wenn Pierre nicht tickerte, hat er rumgemacht mit den Riesen, füttern oder streicheln oder einfach nur ansehen, hockt da stundenlang im Rollstuhl, sagt kein einziges Wort, summt nur, summt Melodien, auffem Schoß ein, zwei Riesen, schwarzweiß gescheckt, und streichelt ihr Fell. Er summt auch sonst mehr, als dass er sprach, und wenn, dann mit diesem putzigen Akzent, kam ja aus Fronkraisch, Fronkraisch, war scheints die Marseillaise, ständig