24 - 06 - 2018

2. März 2017

Reinhard Rakow

Sonnenklirren (Auszug)     

1.

Der Sommer, überaltert, war gegangen. Lange Zeit hatte es den Anschein gehabt, er sei unbesiegbar, unfähig zu altern. Einem schwül verregneten Juli war ein August brütender Hitze gefolgt: ein überheißes Licht stand zitternd auf dem Asphalt zwischen den Städten; durch keinen Wind bewegt, lastete es auf den Häusern, sie auszuglühen und den Ziegeln die Farbe herauszubrennen, wie das Feuer eines Krematoriumsofens es den Zellen einer Leiche antut, gewalttätig, mit der Wucht einer Riesenfaust, die, weil der schlug sie zurückzuziehen vergaß, nicht enden will, bis tief in die Nacht hinein, die also keine mehr war vor lauter Hitze und Licht, und selbst die Schatten, die sich in günstigen Winkeln zu halten verstanden, waren keine Schatten mehr, sondern, in nahezu unverminderter Temperatur lodernd und in gleicher Weise stumm in sich vibrierend, nichts als andersnamiges Licht. Vielleicht war es dieses Übermaß an Licht und mit ihm die Auflösung der Schatten, was sich ihr, anders als jenen, die von einem Jahrhundertsommer schwatzten und sammelwütig Daten aller möglichen Rekorde auflisteten, als Stigma dieses Sommers einprägen sollte — die Beharrlichkeit seiner Farben und Melodien bis in den Winter hinein, das Andauern seiner Klänge, beherrscht von einem sinnlich wabernden Tremolo, reich an Obertönen, elegisch, schwülstig und geil, in Szene gesetzt von einem üppig ausgestatteten Orchester mit vierundzwanzig ersten Geigen oder mehr, in Dumpfheit zupackend wie ein schwerer nasser Mann, der auf einem liegt und lasten bleibt, dass man ihn nicht abschütteln und sich unter ihm nicht mehr regen kann, fiebrig in Besitz genommen, ergriffen und gelähmt; diese bleierne Allgegenwart eines betörenden Dunkels, gefüllt mit Raum greifenden Akkorden, die, wild geformt aus dem Geräusch unnütz verdörrender Halme, die unter der Last der Ähren sich beugen und brechen, eins wurden mit dem Geruch am Strauche süßlich faulender Früchte oder dem an- und abschwellenden Brummen von Schmeißfliegen, die den verwesenden Körper eines Vogels umzingeln. Es waren diese Akkorde, die, nicht enden wollend, den August bestimmt hatten und den September, und die Farben waren den Klängen gefolgt. Anfangs hatte sich ein dunkles Grün, überreif und mächtig wie die Brüste einer Frau, die schwanger ging über die Zeit, über das Land gelegt, heiß, verschwitzt, in solch schamloser Fleischlichkeit, dass man sich darunter duckte und klein machte in der Hoffnung, am Boden ließe sich noch unverbrauchte Luft finden. Man war auf harte spitze Gräser gestoßen da unten, von finsterer Farbe, doch wuchernd, und auf ihnen und in ihrem Schatten: Insekten, die sich paarten; Käfer, Wespen, Motten, Fliegen, jeglicher Größe und Gestalt, die aufeinanderhockten, Kartoffelkäfer, die ihre Hinterleiber teilnahms- und ansatzlos verschmolzen, Hautflügler, fast durchsichtig, deren Legeröhren und Stacheln vereint im Gleichtakt pulsierten, Libellen, Räder bildend, in denen das Männchen mit seinem Hinterleibsende das Weibchen festhielt hinter dem Kopf mit den großen Augen, beide erschöpft von der Hitze, dem Mangel an Luft, dem Zwang der Lage, doch nicht imstande, ihr zu entfliehen und in dieser Not eins mit den Artgenossen, eins mit dem Sommer — zuckend, ein Ende nicht findend. Wer genauer hinsah und länger, nahm wahr, wie sich allmählich ein feiner Staub Ocker, mag sein auch: aus rotem Lehm, auf die Spitzen der Gräser legte, auf die kopulierenden Insekten, auf ihre Leichen, die in zunehmenden Schichten den Boden unter den Pflanzen bedeckten, wie er die dampfende Haut des Horizonts mit feinem Puder überzog, dass die Schweißtropfen, die auf ihr perlten, in unregelmäßigem Zickzack Spuren hinterließen von oben nach unten. Und wer mit der Zungenspitze die Lippen benetzte, damit sie nicht zu spröde wurden, fand, dass der feine Staub vergoren schmeckte wie die Früchte, die sich, mit Feuchte nicht mehr versorgt, von den Sträuchern gelöst hatten, und nach Verwesung wie die Insekten, zu Myriaden gestorben, wie die Vögel, die ihnen zu folgen begannen. Das war der September gewesen. Dann, kaum weniger heiß, der Oktober, der sich ebenbürtig gezeigt hatte in Überhitzung und in Verderbnis. Die Forsythien hatten ein viertes Mal geblüht, der Jasmin zum dritten. Die Anzahl der Knospen war geringer geworden Mal um Mal, die Größe jeder einzelnen vermindert; in der Mahlerschen Sinfonie dieses Sommers callando endlich auch der Geruch der Blüten und ihre Leuchtkraft: der schien, bei unverminderter Intensität des Tageslichtes, ihre Spitze genommen durch den Staub, diesen braunen feinen lautlosen Staub, der das Insektengewimmel mit erdiger Lasur überzog, dem Forsythiengelb ein fahles Beige auf den Weg gab und den Jasminblüten eine ungesunde Brüchigkeit, als litten auch sie unter Kartoffelfäule, jener modernden Pest, die seinerzeit unterm schlaffen Kraut grassierte, sich zu vermählen betörend mit dem Duft des Jasmins, einem den Atem zu rauben. Damals tauchten die ersten mißgestalteten Kartoffelkäferlarven auf, Monstren, die sich auf halber Länge der prallen Pelle teilten, zwei hässliche Köpfe mit unförmigen Mandibeln, Maxillen, Labien auf dem einen nackten Korpus trugen, sich fortbewegend auf viel zu vielen Saugnäpfen, warzenähnlich, und während die Zeitungen noch darüber rätselten, ob die Hitze die Chromosomen der Kerbtiere zu schädigen in der Lage gewesen sei, oder ob sich die Elterngeneration die Gene an den Spaltprodukten der Kartoffelfäule verdorben hätte, oder ob der feine Staub der von Kieselrot sei, Krebs erregend, oder ob sich, dem kritischen Blick der Öffentlichkeit entzogen, ein Unfall in einem der vielen Kernkraftwerke ereignet hätte, wütete die Hitze weiter mit gleichbleibender Kraft, verdunstete das Wasser in den Rinnsalen, die einmal den Namen von Flüssen getragen, und in den Pflanzen, die dabei waren, ihr Grün zu verlieren und eins zu werden mit den Klängen des Windes, wenn der schwach aufkam, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Viele Larven überlebten die Glut nicht. Fielen, an die Unterseite eines gilben Krautblattes geklebt, mit diesem nach unten auf steinharten Boden, dumpf glühende Plattform; verdorrten am Stängel, wenn mittags die Sonne am höchsten stand, die fleischigen Fühler an den zwei oder drei Köpfen verschmort zu lilafarbenen Stümpfen. Im Hintergrund, verhalten, fast Wahnsinn: Generalbass, Requiem, sehr lange Pause. Wenigen nur glückte die letzte Verwandlung, die letzte Häutung, um sodann, noch bevor der schützende Panzer von Chitin ausgehärtet war, von außen nach innen zu Dampf zu mutieren; hätten die Zeitungen das Thema weiter verfolgt, wären ihnen Fotos beschieden gewesen von Kerbtieren, die, auf dem Rücken liegend, zehn, zwölf Beine in die Luft reckten, aber die fortwährende Hitze hatte alle gleichgültig gemacht und gelassen und keiner scherte sich mehr um Auswüchse, es war, als hätte das Übermaß an Sonne und Faulheit und Licht den Menschen die Lebendigkeit ausgetrieben. So begann der November. Mit Temperaturen zwar, die kaum merklich niedriger stiegen als im August oder September oder Oktober, mit einem Klang zwar, dessen Vibrato das Bewußtsein nicht weniger fesselte, mit einem Licht, dessen Schärfe dem der Vormonate in nichts nachzustehen schien, doch auf unbeschreibliche Weise verlangsamt, beschwerlich, als sei es sich selbst leid. Noch trugen die Bäume dicht Blätter. Noch prägte Grün das Antlitz des Landes, doch seltsam kraftlos, unschlüssig, als sinniere es über eine goldene Brücke, den Abschied zu verkünden, oder über die Formulierung des eigenen Nachrufs, wenn auch noch immer der Gegenwart verhaftet, sie perpetuierend, nicht fähig, sie los zu lassen, die Niederlage einzugestehen. Die Menschen, die sich mit der Endlosigkeit des Sommers arrangiert hatten, indem sie Wasser sparten und speicherten, Fenster mit schweren Gardinen zuhängten, Klima-Anlagen bauten, Haus hielten mit ihren Kräften, begegneten auch dem heißen, grünen November mit willfähriger Toleranz und hellsichtiger Ohnmacht. Die Toten der letzten vier, fünf Monate hatte man tiefgekühlt in Leichenhallen gestapelt, da ihre Zahl mit der großen Hitze sprunghaft angestiegen war, freie Grabplätze gab es nicht genug und neue Gräber zu schaufeln, galt wegen der Härte des Bodens als Verschwendung der eigenen Kräfte, die man, wer wußte es, in späteren Monaten noch nötiger haben würde. Nun, da unversehens das eine oder andere grüne Blatt vom Baume fiel, hatten sich hier und da Kolonnen von Friedhofsarbeitern daran gemacht, im Schutz der Kühle der Nacht mit Spitzhacken den Boden zu bereiten und wer die Vögel und ihren Flug beobachtete, dem war die nervöse Unruhe aufgefallen, die von den letzten Mauerseglern Besitz ergriffen hatte.

Dann war der Sommer, überaltert, gegangen, von einem Tag auf den anderen. In der letzten Novembernacht hatte ein kalter Wind zugeschlagen, den Sommer an- und sehr bald ausgezählt. Noch in derselben Nacht waren die Temperaturen, begleitet von Sturm und Gewitter, seiner letzten vergeblichen Gegenwehr, bis in die Nähe des Gefrierpunkts gefallen, und es hatte keine drei Tage gedauert, da reckten die Bäume ihre Äste kahl dem Himmel entgegen. Wie man die Toten begrub, wie man die Mauersegler aufsammelte, erkannte man kaum noch die Hand vor den Augen. Es war Nebel aufgezogen, dicht und schwer, der nun alle Anstalten machte, es dem Sommer gleichzutun in seiner Last, Verzweiflung und Hartnäckigkeit.

Als sie aufwacht, denkt sie an den Nebel. Ihr erster Blick nach dem Aufwachen, der stets dem Fenster gilt, hat schon seit Tagen nichts mehr gefaßt; die alte Kiefer, die mit ihren langen Armen nach dem Schlafzimmer griff wie ein Riese, der in einem ausgefransten Hemd steckt, war nicht mehr zu erkennen gewesen, der Nebel hatte sie eingetaucht, verschluckt, in sich aufgenommen.

Nicht so heute. Hinter hellem Pudergrau spitz schwarze Schemen von Nadeln, erstmals seit Wochen. Es hatte aufgeklart, der Nebel war dabei, sich zu verziehen. Vielleicht würde es frieren. Vielleicht würde die Sonne durchkommen. Sie überlegt, was sie sich für heute vorgenommen hat, steht mit einem Ruck auf. Sie greift das große schwere Kissen auf vom Kopfende, verläßt das Schlafzimmer, zieht behutsam die Tür zu ins Schloss. Auf dem Flur hält sie inne vor der ersten Tür rechts, nähert sich ihr auf Zehenspitzen. Sie drückt die Klinke langsam nach unten. Öffnet die Tür zentimeterweise, bis der Spalt breit genug ist für Kopf und Brust, lauscht:

Es ist still.

Mehr in dieser Kategorie: « 1. März 2017 3. März 2017 »