24 - 04 - 2018

3. März 2017

Reinhard Rakow

Katzenwärme (Auszug)


Die Augustsonne fiel in den Hof, gegen das alte Haus, sie heizte es auf,  die schiefen schwarzen Balken aus schrundigem Holz, die Gefache aus hautfarbenem Lehm um widerspenstig gezwungenes Stroh, den Sockel aus klobigen Quadern Buntsandstein, blassrot wie fettes Fleisch gut ausgebluteter Schweine, die Eingangstreppe, Sandstein auch sie, drei Platten in der Art eines halbierten Pyramidenstumpfes aufeinander gefügt, ich hockte wie damals mit angezogenen Knien auf der obersten und spürte die Wärme, diese Wärmflaschenwärme, die sie gespeichert hielt, unter mir, in mir, meinen Schenkeln, wie damals, eine Wärme, intensiver als die der sonnengefluteten Luft, die mich umspülte, Katzenwärme, Katzenfellwärme, von fernher gleichförmig das Rumpeln und Rattern eines Zuges, es musste ein Güterzug sein, man lernt das mit der Zeit, zu ungeschwind, zu dumpf, zu behäbig, und vergisst es sein Leben lang nicht, sehr, sehr viele Waggons, ein sehr, sehr langer Zug voll schwerer massiger Güter, irgendwann dachte ich, es hört gar nicht auf, und kaum hatte ich das zu Ende gedacht, hörte es auf, genau wie damals, und herrschte Stille, wie damals, Stille mit einem Nachhall, der alles verschluckte für einen Moment, das Gurren der  Tauben vom Dach, das Zetern der Schwalben, das Tschilpen der Spatzen, die Rufe von Kindern hinter dem Haus, das Geräusch eines gegen Mauersteine prallenden Balles aus Leder, das seines versiegenden Hoppelns, das Rauschen der Straße von jenseits des Dorfes.

Ich war mit dem Zug gekommen, einem der wenigen, die hier noch hielten auf der Strecke von F. nach F., es war ein Bummelzug mit drei, vier gähnend leeren Wagen, draußen wie drinnen überzogen von Graffitis und starrend vor Dreck, ich suchte mir in der Mitte des letzten Abteils einen Platz, von dem ich meinte, hier sei der Gestank nach Urin und Erbrochenem noch am ehesten zu ertragen. Der Weg vom Bahnhof zum Ort verlief einige hundert Meter parallel zu den Geleisen zurück in die Richtung, aus der ich angereist war, ich hatte das Gestrüpp, das die Gleisanlage von der Straße trennte, Ilex, Brombeer, Himbeer, Schlehen, Wildwuchs noch immer, beim Herannahen an den Bahnhof wahrgenommen als grünschwarze Zackenwand, ich hatte mich zu früh erhoben aus dem löchrigen Kunstleder, die Bremsen quietschten, die ganze Blechkastenschlange schüttelte sich wie eine Henne, die den Hahn verliert, ich stemmte mich dem Schauer und der Fliehkraft entgegen, den Griff des Fensters umklammernd, und hielt Ausschau nach einem der Durchschlüpfe, die wir als Kinder benutzt hatten, doch schon waren die Zacken vorbei geflogen, und auch als ich die Stelle zu Fuß passierte, unweit der Neunzig-Grad-Kurve, die der Weg zum Dorf hin beschrieb, fand ich in dem Verhau nicht eines jener heimlichen Löcher wieder, die es doch geben musste; vielleicht aber hielt der Zaun, den man der Dickung von der Straße aus aufgepropft hatte, sie auch nur verborgen, neu blinkender Draht zwängte alles zusammen, Äste und Reben und wohl auch die Lücken, kaum ein Grün jedenfalls, das das straffe Korsett enger Maschen zu durchbrechen vermochte.

Hinter der Kurve, den Berg hinauf, trug der Weg Schwarz wie bei meinem letzten Besuch, vor, wie lang war das her?, vierundzwanzig Jahren oder achtzehn, Reste von Teer, ein billges Gemisch aus Bitumen und zerstoßener Schlacke, das an den Rändern ausfranste und zwischen ihnen sich bröselnd zu Schlaglöchern löste, es gab keinen Bürgersteig, immer noch nicht, die schwärzlichen Krümel der Ränder ergossen sich unvermittelt in die Höfe hässlicher Mietskasernen, die beidseits des Weges neu sprießten, junge Türken lungerten in der Sonne, sie lachten mich aus, wie sie bemerkten, dass ich den Löchern auszuweichen versuchte, ich verfluchte die Wahl meiner Schuhe, empfindliche Slings, doch blieb ich bemüht, leichtfüßig zu wirken und unbeeindruckt; früher, sein Pflaster aus blauem glatten Granit glänzte stechend im Licht, hatten wir den Weg vom Dorfe kommend im Sturzflug genommen, kurz vor der Hecke sprangen wir ab, ließen die Räder, Erwachsenenräder, die viel zu groß waren, als dass wir sie hätten abbremsen können, gegen das Laubwerk prallen und schlugen uns in die Büsche, den Zügen entgegen, es war verboten, natürlich, strengstens verboten, er würde toben, wenn ers erführe, zwar, andererseits kriegten wir unseren Vater selten genug zu Gesicht, meist hing er herum auf einem Acker, im Stall, bei den Tauben, aber wir waren uns einig und dachten im Gleichklang und genossen den Kick, der sich dadurch erhöhte. Sie war die Ältere, doch zierlicher, flinker, sie fand unsere Lieblingslücke schneller und war als Erste in ihr verschwunden, ich musste mich sputen, meinen ungelenken Leib in die Öffnung zu quetschen, bevor das dichte Grün sich hinter ihr schloss.

Der Hof bot sich dar wie erinnert, Vater hatte ihn meiner Schwester überschrieben kurz vor seinem Tod, sie beichtete es mir beim Leichenschmaus zwischen zwei Stück Butterkuchen, seither hielt ich mich fern, obwohl es mir eigentlich gleichgültig sein sollte, ich war es gewohnt, dass man sie mir vorzog, und sie durfte den Hof nicht verlassen, den Hof nicht und nicht unsere Mutter, die gelähmt und aufgequollen einen Rollstuhl in Übergröße ausfüllte und von dort, als sei es ein Thron, Kommandos erteilte, vor denen keiner gefeit war, der sich in ihre Nähe traute, und deren machtvoller Hilflosigkeit keiner sich zu verweigern wagte, mit Ausnahme meiner Schwester, die weghören konnte und sich auf Kontra verstand; selbst bei Mutters Begräbnis, nicht lange danach, hatte ich das Haus zu betreten vermieden, sie lebte allein dort von da an, Jacek war schon Jahre zuvor ausgezogen, gleich nachdem sie die alte Lina eingewiesen und fortgeschafft hatten, Vaters Schwägerin, Jaceks Beschützerin, er war, um genau zu sein, verschwunden praktisch über Nacht, keiner wusste Auskunft zu geben, wohin und weshalb, keiner schien ihn zu vermissen, sogar die Katzen, erzählte sie mir am Telefon, ließen sich nur vereinzelt auf dem Hof blicken, für die ersten paar Tage noch streunten sie unschlüssig in bald dünner werdenden Rudeln und in größer werdenden Bögen um das Haus, bis auch die letzte verstand, ich stellte mir vor, wie sie von meiner Schwester verscheucht worden waren, als sie auch die Treppe, ihre Treppe, zu belagern begannen, und nun hockte ich mit angezogenen Knien auf dieser Treppe, vor diesem Haus, das ich noch nicht wieder betreten hatte seit meiner Ankunft, dem Haus, in dem wir aufgewachsen waren, in dem sie allein gelebt hatte zuletzt, wir hatten nur telefoniert all die Jahre, eine Ewigkeit nur telefoniert, dann und wann, nicht oft, aber lang, besah mir, den gebeugten Kopf auf die Hände gestützt, die Trittmulden, die die Zeit dem Stein angetan, und ließ mir den Schädel bescheinen, ein Mensch namens Müller hatte mich angerufen, behauptet, uns Schwestern aus der Schule zu kennen, ich hatte entgegnet "Ja und".

Dann wieder Gurren vom Dach, Täuber auf Balz vermutlich, besoffen von Spätkatzenwärme. Wilde Tauben, schätzte ich, zugeflogen. Es konnten ihre nicht sein, ganz gewiss nicht, sie hatte es nicht so mit Tieren.  Ratten nannte sie die Tauben, seitdem sie den Ausdruck "Ratten der Luft" irgendwo aufgeschnappt hatte, Seine Scheißratten scheißen alles voll, lästerte sie hinter Vaters Rücken, Das Dach, die Fenster, der Hof, alles voller Rattenscheiße, Man kann kein Fahrrad vor dem Haus abstellen, sofort ist es zugeschissen, zischte sie jedem, der auf das Grundstück kam, zu, und ihre grünen Augen glühten zur Warnung, als gehe es um sein Leben, sie war, meine ich, noch nicht konfirmiert, und wenn sie losfuhr, kontrollierte sie vorher Sattel und Rahmen auf weiße Spritzer, obwohl sie ihr Rad doch als einzige im Garten abstellte, zwischen den Bohnenstangen, wo die Tauben sich niemals aufhielten, Lass sie, beschwichtigte Mutter, Sie ist eben eigen, Kühe, diese Missgeburten, waren ihr zu grob, Hühner zu doof, Säue zu schmutzig, vor Hunden hatte sie Angst. Tauben aber und Katzen, die, eingehüllt in Wolken übler Gerüche und gefährlicher Krankheitserreger, überall und jederzeit Fell, Fusseln oder Federn verstreuten, die ihre Zeit totschlugen mit Faulenzen, Fressen und Scheißen, die verabscheute sie vor allem anderem Geschmeiß:  Wie die sich wieder anschleimen!, giftete sie, wenn Täuber sich aufplusterten zum Tanz oder wenn Katzen schnurrend jemandes Beine umstrichen, Schon wieder rollig, diese Schweine, wie eklig! Sie war ein Floh in kurzem Trägerkleid, Plissee weiß, bunte Blümchen, ihr rundes Stupsnasengesicht strahlte licht wie die Sonne vor Mittag, immer schätzten alle sie viel jünger, als sie tatsächlich war, von weitem; aus der Nähe verwirrte einen der Ernst, der ihre großen Augen durchwölkte.

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