19 - 07 - 2018

4. März 2017

Reinhard Rakow

aus "Der Berg"

In den folgenden Tagen hatte er vieles versucht, dem Kreisen seiner Gedanken ein Ende zu bereiten.  Er blätterte in Zeitungen und schnitt Artikel aus, von denen er annehmen wollte, sie seien wert, in einem eigens für diesen Zweck neu angelegten Ordner gesammelt zu werden.  Er spielte CDs ab, die er noch nicht oder lange nicht mehr gehört hatte.  Er ordnete seine Bestände an Vinyl-Schallplatten und die im letzten halben Jahr gekauften Bücher.  Er düngte Zimmerpflanzen.  Er heftete Kontoauszüge ab, brachte die Software auf den neuesten Stand, putzte Fensterbänke und Türklinken, zog Uhren auf, sah Fotoalben durch, sortierte den Inhalt seiner Schreibtischschubladen, kochte zu Mittag, brachte seinen Wagen zur Wäsche, ging zum Friseur, überhaupt: ließ nichts unversucht, um sich  der Aufgabe nicht stellen zu müssen; vielleicht, suchte er sich zu beruhigen, sei das Zuviel an bis zum Abgabetermin verbleibender Zeit der eigentliche Grund seines Müßiggangs, hatte er doch schon als Schüler am zuverlässigsten unter Zeitdruck gelernt, auch im Studium hatte sich die Erkenntnis, unter Druck zu guten und sehr guten Leistungen fähig zu sein, bestätigt und in seinem jetzigen Beruf zeigte er sich, wann immer die Zeit knapp wurde, fähig, große Energien aufzubieten  —  was also sollte sich daran geändert haben?  Mit fortschreitender, sich verkürzender Zeit würde der Druck wachsen und der Text sich quasi von selbst schreiben, Es schreibt mich, Rimbaud..., so hoffte er... doch die Zweifel nagten...

"  —  für den, der meinen darf, alles vor sich haben, sind Unterwegssein, der Lauf der Zeit und Vergänglichkeit noch kein Thema."  —   für den, der meinen darf, alles vor sich haben... Durfte er meinen, noch etwas vor sich haben?  Würde er den Sprung aus mehr als zwanzig Jahren an ein neues Ufer meistern?  Sicher nicht, wenn er fortführe, seine Zeit untätig zu verschwenden... Stunde um Stunde, Tag für Tag verbrachte er am Computer, auf dem Bildschirm die letzten Zeilen, die er zustande gebracht hatte, und starrte auf die spiegelnde Oberfläche, deren Wölbung dem haarlos glatten Schattenriß seines Schädels etwas Absurdes verlieh.  " — für den, der meinen darf, alles vor sich haben"... Die Buchstaben waren mit einem Mal klarer zu erkennen. Gewitterwolken schoben sich vor die Sonne, die mit ihrer gelben gnadenlosen Glut das Haus, in dem er arbeitete, wochenlang unter Dauerfeuer genommen hatte, bis die Luft in jedem einzelnen Raum totgekocht war, heißer noch und stickiger als irgendwo draußen.  Er hatte das Herannahen der Wolken nicht bemerkt.  Jetzt ballten sie sich rasch aus dem Nichts eines lichtblauen Sphärengrundes und verwaschener Andeutungen eiliger Zirrusformationen zusammen zu tiefen, groben Haufen, die bedrohlich jäh aufquollen, tintig, gallig, Grau in Grau und Schwarz in Schwarz, über den Horizont walzten, in die Höhe explodierten, auf dem großen Amboß den großen Hammer ungeschlacht zu schwingen, dass die Funken nur so sprühten und sonst kein Licht mehr verblieb.  Ein tosender Wind kam auf, der die Armada der schwangeren Wolken vor sich hertrieb, dass sie Köpfe, Brüste, Bäuche, Ärsche verloren, und als sie versuchten, sich ihm zu entziehen, ihm zu widerstehen, tat er ihnen erst recht Gewalt an, im Gallopp nahm er sie von hinten und das Fruchtwasser ging ihnen im Sturz ab, sie entluden sich kalt und gewaltig.  —  Er hatte den Schreibtisch verlassen und verfolgte das Schauspiel von einer Tür seines Zimmers aus, die auf das bitumenbedeckte Flachdach eines im Erdgeschoß untergebrachten Supermarktes führte: Wie von Sinnen setzte der Sturm dem Regen zu, er peitschte ihn, bis der fast waagrecht im Nichts lag, schleuderte ihn mit aller Macht der Verachtung gegen den Giebel des benachbarten Hauses, dass die Wassertropfen gischtweiss zerplatzten.  Die Regenseen, die dampfend die Senken des überhitzten Bitumendaches anfüllten, liefen schnell über, der Sturm vereinigte sie und die Wogen der Fläche brüllend zu weiß funkelnden Wellen, die im Handstreich die ganze Schwärze und Breite des Daches an sich rissen, bis alles nur See war, die feuchte Haut vom abebbenden Wind stoßweise zum Schaudern gebracht.

Er trank die Kühle wie ein Verdustender, öffnete alle Fenster und Türen, entledigte sich seiner Kleider und setzte sich, die Klarheit mit jeder Pore einzusaugen, nackt an den Schreibtisch. Was, wenn die Lösung nicht in einer Weiterführung des Themas zu finden war?  Nicht in einem neuen Gedanken?  Wenn sie in den vorhandenen Zeilen bereits angelegt wäre?  Wenn sie in ihnen brütete wie der Wind in der Hitze....? Schon vor Tagen war die Ahnung kurz in ihm aufgeblitzt, dass das bisher Geschriebene selbst die Ursache seiner Schwierigkeiten enthalten könnte, doch auf der Suche nach einer originellen Exegese schnell in Vergessenheit geraten wie ein allzu fernes Wetterleuchten.  Eine Stelle besonders, die sich mit dieser Ahnung fast zwanghaft verband, hatte ihn angezogen: "Bis, vor einigen Jahren, mich mein Auto den Hügel hinauf kutschierte, von einer anderen Seite aus, auf einer breiten neuen Asphaltstraße, und die endete, wo einstmals der Botanische Garten Verliebte angezogen hatte, auf einem Friedhof, frisch gepflügt, auf dem sie einen begraben hatten, der mir nahestand".... "einen, der mir nahestand": Was hatte ihn zu dieser Umschreibung bewogen?  Warum hatte er nicht offengelegt, dass sein Vater gemeint war?  Zwar konnte er nicht ausschließen, dass diese Periphrase stilistisch als Kniff zur Schaffung von Spannung  —  wer denn der eigentlich war  —  gemeint und legitimiert gewesen sein könnte, er wußte es nicht mehr...  Aber wenn nicht: Was hatte ihn gehindert, seinen Vater beim Namen zu nennen?  Gab es etwas, was ihn die Beziehung zu seinem Vater meiden ließ?  Ihn zwang, sie zu vergessen? Bis heute?  Bis in diesen Text hinein?... Er verwarf die Eingebung so rasch, wie sie ihn angeflogen hatte: was sollte das sein? Ihn hatte zu seinem Vater zu keiner Zeit eine Beziehung verbunden, die diesen Namen verdient gehabt hätte.  Eine Nichtbeziehung war, worin ihr Nebeneinander bestand; der andere war da, einfach da, mehr nicht... Oder waren es "die Verliebten, die der Botanische Garten angezogen hatte"?  Das Mädchen?  Jenes "mit leichtem Sommerkleid und dünnen gebräunten Armen"?  Unwahrscheinlich... Sehr unwahrscheinlich...  Er wußte nicht einmal mehr, wie sie aussah, geschweige denn ihren Namen, es war... einfach eine Erinnerung... an diesen verwirrend seidigen Glanz jener goldbraunen Haut auf einem schmächtigen Oberarm..., die er sah, wenn er die Augen öffnete... die die Schulter bedeckte und die Beuge und die süße Weichheit der Achsel... Nicht einmal die Brust, die seinen Kopf gebettet hatte, fiel ihm ein; was also versprach er sich davon, diesen Ansatz weiter zu verfolgen?  Eine falsche Fährte, vertane Zeit... Er kam nicht voran... Ein kalter Wind fiel aus hoffnungslos finsteren Himmeln.  Ihn fröstelte, sein Kopf schmerzte.  Noch zwei Tage bis zum Abgabetermin... Er schlief spät und schlecht, Nachtmahre verhöhnten ihn, den Versager, sprangen ihn keckernd an, Mädchenärmchen, die seinen dicken Schädel schützend umschlangen, brachen knackend, Kalenderblätter fielen zu Boden wie dürres Herbstlaub, Zu spät, sagte der Verlagsleiter, Zu spät, echote hohnlachend der Chor seiner Feinde, Zu spät, er schreckte auf, das Laken klebte an ihm.

Der Tag hatte brühwarm begonnen. Ein gütiger Hochnebel hatte sich vor das gleißende Licht der Sonne geschoben, die sich mit unverminderter Intensität, sinn- und rücksichtlos, ihre Hitze aus dem Leib brannte, die Stadt, die noch schlief, dampfte an allen Ecken und Enden, behäbig lag sie da, der feuchten Wärme wohlig ergeben, ein riesiges, schweißnasses Tier, das seine Geschichte im Schlaf wiederkäuend verdaute.  Als er endlich erwachte, zu spät erwachte, hatte die Sonne den Nebel besiegt; das Flachdach war bereits über den größten Teil seiner Fläche abgetrocknet, so schnell die Senken vollgelaufen waren, so schnell leerten sie sich, nur einige dunstüberdachte Pfützen kündeten noch von der großen Erlösung.  —  Und wenn es doch etwas bedeutete, dass er immer wieder zu dem Text zurückkehrte?  —  Gut, es war ein Fehler gewesen, die Erfüllung dieses Auftrages mit der Entscheidung über seine berufliche Existenz zu verknüpfen... es war Fehler gewesen, das bisher Geschriebene nicht einfach zu verwerfen... es nicht kurzerhand aus dem Weg zu räumen wie eine Sperre, die dort nicht hingehört, es nicht aus seinem Bewußtsein zu sprengen wie einen lästigen Findling, der eine Öffnung verschließt... Wie hatte er sich nur darauf fixieren können? Er schien diesem Text ausgeliefert... hörig, besetzt von ihm, besessen... alles drehte sich um ihn... Er hätte sich von ihm lösen müssen... früher...  —  Die Mädchen, die er gemeint haben könnte, hatte er in den östlichen Teil des Berges geführt  —  der Bergzug erstreckte sich vom Nachbardorf, in dem die neue Schule lag, über vielleicht zehn Kilometer nach Westen bis auf die Höhe der Kreisstadt  —  , jenen im hohen Gras versteckten steilen Trampelpfad hinan, den es später nicht mehr gab... oder er hatte ihn nicht wiedergefunden damals... nach dem Begräbnis... Sein Vater war im Frühling gestorben.  Die asphaltierte Zufahrt zum neuen Friedhof führte in weiten Schwüngen von der Tiefebene des Hauptdorfes durch neu entstandene Villenviertel und die Obstgärten, die seit alters her die unwegsamen Gebiete nahe dem Gipfel mit Apfel- und Kirschbaum überzogen.  Ein liebliches Licht verlieh dem Ort einen von ihm nie zuvor wahrgenommenen Hauch mediterranen Fluidums; das unbefleckte Weiß der Fassaden blendete ihn und die Pracht des leichten Lebens ihrer Besitzer, die Reitpferde hielten und teure Limousinen, und als er den Baumgürtel erreichte, bordete der Himmel über vor weißen und rosafarbenen Blüten, eine Orgie der Unschuld, hingetupft mit furios leichter Hand auch aufs Anthrazit des Asphalts, der unter ihr nur noch zu erahnen war... Ein Berg, der weiß war und oben ein Friedhof... Vielleicht sollte er sich mit dem Berg beschäftigen... Womöglich war es der Berg selbst... Womöglich... Viel Zeit blieb nicht...

Der Berg, den alle nur den Grauen nannten  —  eine in keinem Verzeichnis geführte, in keine Landkarte aufgenommene Bezeichnung  —  war in Wirklichkeit ein roter Berg.  Unter der dünnen Haut aus hellbraunem Lehm und Löß, die die Äcker und Wiesen und Wälder trug, verbarg sich ein stabiler Körper aus Sandstein; wo man die Haut entfernt hatte, um ihn auszuweiden, lag er bloß, und Regen und eine gewisse Beleuchtung färbten ihn so eigentümlich ein, dass die Wunden, die ihm die Steinbrüche geschlagen hatten, zum Dorf herüberleuchteten wie rohes ausgeblutetes Fleisch.  Er wußte nicht mehr genau, woraus sich der Name erklärte.  Am wahrscheinlichsten schien ihm der Verweis auf Adern mausgrauer Tonerden, die, speckig schillernd und faul stinkend, die Sandsteinschichtungen im mittleren Teil des Massivs meterhoch durchzogen, den Bauern zum Ärger, deren Ackerpflanzen in längeren Regenperioden regelmäßig an Staunässe ertranken, gewieften Unternehmern, die den wertvollen Ton mit riesigen Maschinen abbauten, zu Freude und Erbauung.  Auch deuchte ihm, Berichte gehört zu haben über graue Wölfe, die vor gar nicht langer Zeit die verwunschensten Winkel des Berges  —  zumal in den scharfen, höhlenreichen Einschnitten des westlichen Teils   —  durchstreift hätten, er hielt es sogar für möglich, als Kind selbst noch in schwarzen Winternächten das Heulen der Wölfe von fern des Dorfes gruselnd vernommen zu haben.  Schließlich erinnerte er sich an Geschichten, die die Älteren erzählten, in verschwörerischem  Ton, wenn sie unter sich waren, oder hinter vorgehaltener Hand zischelnd, sobald sie  Kinder in Hörnähe wähnten, Geschichten von treulosen Ehefrauen, die, nachdem sie ihren Ehemännern Hörner aufgesetzt hatten, von diesen bei Nacht und Nebel in den Höhlchen ausgesetzt worden wären und seither nahrungs- und orientierungslos im Berg umherirrten, selbst nach ihrem Hungertod irrten sie fortwährend umher, von verwirrten alten Männern, denen, weil sie die Jungen bei der Bewirtschaftung des Hofes gestört hätten, das gleiche Schicksal widerfahren wäre, oder Geschichten von jungen Mädchen, die in den Höhlchen von versprengten Soldaten  —  Deserteuren der amerikanischen Armee, die in der Kreisstadt kaserniert war oder Wehrmachtsangehörige, die das Ende des Krieges nicht mitbekommen hätten, die Nachrichtenlage changierte in Abhängigkeit vom politischem Gusto des Erzählenden  —  vergewaltigt worden wären und sich aus Scham nicht mehr nach Hause trauten: der Graue Berg, der Berg des Grauens.

 

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