19 - 02 - 2018

4. April 2017

Reinhard Rakow

aus: "Schloss  LebensWert"

 

Das ende war blau, blau wie eine nacht, die ein maler mit schwarzem tafellack malte und indigo, mit caput-mortis-pigmenten, aufgetragen in breit nasser tünche, eingerieben mit fusselndem tuch auf grob rauem leinwandgewebe, unvollkommen grundiert, sodass von hinten lichtpünktchengefunkel erglüht wie himmelssterne, die flackern... die flackern zwischen den knoten im tuch, die man aufspürt, flüchtig erfühlt mit den fingerkuppen, die die oberfläche verstohlen berührn, wenn grad keiner hinschaut... die flackern in der weite des nichts, in der tiefe des blaus, in der man sich unendlich verliert und doch weiß, es ist nur farbe...

Das ende war blau, blau wie eine leiter, die zu einem freiballon führt in schwindelnder höh... Schwebend stand er schräg über ihm, mächtig, riesengroß, vor noch viel größeren himmeln, eine frau, über die brüstung des korbes gebeugt, rief ihm zu: Komm... Komm... Komm... Aber ich kann nicht, antwortete er, es passt nicht, ich hab noch zu tun, komm morgen wieder, vielleicht ja morgen, Komm, rief die frau, Komm... Komm zu mir... her zu mir... komm... endlich zu mir... Nein, sagte er, ich habe zu tun, Ach, sagte sie, du und deine ausreden, ich habe sie schon zu oft gehört, sagte sie, Wie oft hab ich dich gebeten... Wie oft schon hast du mir gesagt: morgen... ja morgen... Komm... Komm... Ich kann nicht, ich kann nicht kommen, obwohl ichs gerne möchte... so glaub mir... so gerne... zu dir... dir zuliebe... zu dir kommen möchte... Dann komm, rief die frau, Komm, Komm nur, jetzt gleich, jetzt gleich und nicht morgen, blau war das tuch des ballons, blau warn die himmel darüber, Warum kommst du nicht?, Jetzt gleich?, Warum, warum, Wenn du mich liebst, wirklich liebst, musst du kommen, und er spürte, wie sein schlechtes gewissen ihn klein macht und schmutz und es wälzt ihn heftig im schlafe... Die leiter ist so hoch, und sie schwankt, erwiderte er, ich bin nicht schwindelfrei, mir schwindelt, wenn ich die leiter nur sehe, es ist gefährlich für mich, wenn ich zu dir komme, dann werd ich abstürzen... Liebst du mich nun oder liebst du mich nicht, rief die frau, der himmel über ihr glich einer leinwand, luschig grundiert, er sah, sie trug eine kittelschürze, aus perlon, nachtblau, mit weißen pünktchen darauf, wie einstens die mutter, Komm, Komm, rief die frau, Ich ko~ mme, rief er, Ich ko~ mme, rief er, Ich ko~ mme, und griff nach der ersten sprosse.

DAS ENDE WAR BLAU, blau wie die Strickleiter des Helikopters, der über ihm stand und der die Stille zersägte.

Die Mitte war blau und der Anfang und das Meer und das Wasser der Seen und die Weite des Lands und sein Duft, der Geruch seiner Erde, der Kargheit der Felsen, der Flechten, der Fjorde, der Dunst, der auf ihnen ruhte, blau der Horizont, blau waren die Wege, die zu ihm führten, blau ihre Länge, die Strecke des Tags und die Tiefe der Nacht und die Stille der Welt, die er liebte.

Manchmal konnte er das Blau hören. Nie kündigte es sich an. Es war, wo er sich auch aufhielt, was er auch tat, mochte er noch so beschäftigt sein, plötzlich in ihm... keine Melodie... im eigentlichen Sinn... jedenfalls keine, die er hätte wiedergeben, singen, spielen, notieren können... eher eine Art von Akkord... ein leiser, sehnsuchtserfüllter Klang, düster gefärbt, nahezu trostlos... ergeben ruhend in sich selbst, diesem Land, in ihm... in seinem Herzen... schier unbewegt, dahingestreckt, basso continuo, Liegetöne... und doch vibrierend... auf... entrückende Weise, voll... liedhafter Grazie, ein Kantabile... oszillierender Schwermut... die ihn zu sich hinzog... mit Macht... Er spürte ihm nach, so inbrünstig ers konnte, bemüht, fest zu halten, mit Händen zu greifen, es sich handhabbar zu machen mit jener Kraft der Versenkung, die es bisweilen versteht, sich selbst zu erkennen, und fasste es nie... (Oft lag er in den Armen einer Frau und war traurig.) Da..., warf er ein in ein Gespräch in geschäftlicher Runde, Da... Haben Sie es auch gehört?... Man hielt ihn für von schwerem Schlafmangel gezeichnet... (Selbst der Schlaf war nichts als die Flut jenes Weltmeeres, und das Erwachen das Eintreten der Ebbe.) Es war... plötzlich da... und plötzlich weg... so plötzlich weg, wie es ihm zufiel... wie es ihn befiel... Noch klangs in ihm nach... (Wo seyd ihr hergekommen? fragte Klingsohr. Über jenen Hügel herunter, erwiederte Heinrich. In jene Ferne verliert sich unser Weg.) Zwar blieb alle Anstrengung, die er aufs Nachlauschen verwandte, stets fruchtlos, doch erfüllte das Blau ihn, obwohl ers verlor... immer öfter... wenn der Tag sich nicht zeigen wollte und die Nacht sich nicht senken... wenn die Fußmärsche ein Ende nicht fanden und der Himmel nicht Erde... wenn kummervoll der Schrei eines Kranichs das Schweigen verletzte, als sei es ein Nagel, dessen Spitze die Haut ritzt... wenn Wolken und Moose im Dunste verschmolzen... wenn Nieselregen sich auf die Welt legte... wenn Stürme aufkamen... und sie sie flohen, geduckt... wenn sie Höhlen entdeckten, in Schluchten, geschützt, mit zundertrockenen Flechten... wenn er arbeitete, am Mikroskop, wenn er, was er gefunden, eingab in sein Laptop... Peeh! Hallo, Peeh, alles klar?, sein norwegischer Freund war von feinem Gespür, Aber ja doch, selbstverständlich... —

Mehr in dieser Kategorie: « 3. April 2017 5. April 2017 »