28 - 05 - 2018

10. April 2017

Reinhard Rakow
Drei Briefe an meinen Sohn,

das liebe kleine
Einsdreiundneunzig-Kind


Erster Brief


Söhnlein,

Daß Du, drei Tage über der Zeit geboren,
blaugefärbt von der Nabelschnur stranguliert, noch lebloser als Deine Mutter,
nicht schriest, sondern, erst mit Gewalt zum Atmen gezwungen,
Deine großen Füße zu Deinem großen Kopf löffeltest,
um, die Augen geschlossen, friedlich zu schlafen,
im Antlitz die Gewißheit, jetzt sei alles gut, mit grenzlosem Vertrauen,
das machte, daß ich rasend Dich liebte,

ebenso wie Deine Begeisterung für Dreck,
der gerade Dir reizend stand, wie für ehrliche Arbeit mit Deinen großen Händen,
wodurch sich traf, daß Du das Ausheben von Höhlen schätzest,
Höhlen, die trotz Bodens Härte Du auf eigenen Körpers Größe aushobst,
Dir ein Nest zu bauen, zugleich Deine Zuflucht
vor zum Beispiel der Schwester, derer Du Dich damals
mit Worten zu erwehren nicht vermochtest,
das macht, daß ich Dich liebe,

und Deine Schwäche für Schwache, die Bereitschaft
zu helfen: den Kumpels und Mädels Ranzen zu tragen,
Deiner Mutter Lasten, schwerer als Du selbst, abzunehmen,
mir, wann immer ich nicht klar kam,
und das war
schon damals nicht selten. Zweiter Brief

Sohn,

der Du mich überragst um zwei Haupteslängen, um Unzen
an Kraft, da meine Füße die Innenseiten Deiner Schuhe nicht berühren,
Du schneller, stärker, lauter bist,
von weicherer Haut und härterem Glied, dir alle Zeit und Freiheit nimmst
mit selbstverständlichem Unbekümmern, das so nie wiederkehrt,
bin ich auf der Suche nach der verlorenen Zeit,
sehe Dich in der Blüte, zu der ich Dich begleiten wollte

aber nicht tat. Erste Falten verharren nach Lachen auf
Deinem Gesicht, das länger wird, weil Haare beidseits der Mitte nun fehlen,
Deine Unverschämtheiten, Deine spontanen Schellschüsse, Dein Charme
werden allmählich beordnet durch ausbremsendes Denken, so
über die rechte Formulierung, sie sei geschliffen wie akrobatisch, so
über Etikette, so über Politik, bist mir ins Konservative entwachsen,
hätte öfter mit dir reden sollen,

tat´s aber nicht. Dritter Brief

Sohn, Mann,

wiewohl Du alles selber weißt und, was nicht, selber erkennen willst,
da ich der letzte bin, der Weisheiten mit großem Löffel gefressen zu haben beansprucht,
und das Recht auf eigene Fehler glühend zu verfechten nicht müde werde,
was mir, um Dich zu bewahren, am Herzen liegt: Erkenne,
daß Dein Leben Dir geschenkt ist, was heißt,
Du darfst es nie wegschmeißen, aufgeben, und:
Daß Du nur ein Leben hast, was meint, Du mußt gut sein zu ihm,
Deine Seele und Deinen Körper behüten vor Schaden,

pfeife auf Extreme, Last wie Lust, wenigstens dosiere sie wie Gift,
denn Dein Körper ist nachtragend wie ein Elefant und rächt sich, auch spät.
Mißtrau der Chemie. Höre bei Problemen wenigstens einen Weißkittel zusätzlich. Dann:
Daß Selbstverleugnung Gift ist, Du also besser nichts tun kannst als Arsch zu kriechen.
Ergreife keinen Beruf, in dem Du Dich nicht findest. Und:
Daß der Mensch einen Menschen zum Reden braucht.
Suche Dir, mit wem Du über alles reden kannst.

Zuletzt: Daß kleine Mädchen nur so lange so schön bleiben wie sie klein sind.
Schau dir ihre Eltern an, die Äpfel fallen nicht weit von den Stuten.
Verschwende keinen Tag auf eine,
der Du Dich über- oder unterlegen auch nur ahnst.
Wann immer Du Verachtung fühlst, gleich aus welcher Richtung,
oder klebrig Langeweile euch einzuspinnen sich anschickt:
Mach Schluß, sofort.

Und wenn ihr Kinder haben wollt und könnt: Nimm Dir Deine Zeit
und schenke sie ihnen. Sei ihnen
ein besserer Vater als ich Dir es zu sein versäumt habe.