24 - 06 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow

septemberwind


wie strudel in klarem wasser
septemberwind
flute blauleicht mein gehirn
lass die drachen steigen, knitterbunt
küssen die fransen im wolkenperlmutt

fliege!
wo grün und rot herrscht: kristalle aus eis
das knistern von wolken, cirrus, sonnen-
genäherte tröpfchen, gebeugt
dem lichte, schwimmend

im aufwind gleiten adiabatisch wohin,
fremde galaxie, kein auge dir folgt.
fliege!
wo grün und rot herrscht —
in töne am steinway
bach spielt glenn gould

Hoffmann von Fallersleben (1794-1876)
Liebe und Frühling

1
Dein Auge hat mein Aug erschlossen,
Du sahst mich an, da ward es Tag;
Mit Licht und Farbe war umflossen,
Was einst im Graun der Nächte lag.

Zur Freude bin ich auserkoren,
Ich träum in liebetrunkner Ruh;
Ich lächle gar, in Lust verloren,
Der dunklen Zukunft heiter zu.

Und mir gehört das Nah' und Ferne,
Mir mehr, als singen kann mein Lied:
Wer zählt noch da die goldnen Sterne,
Wenn er den ganzen Himmel sieht!

2
Wie sich Rebenranken schwingen
In der linden Lüfte Hauch,
Wie sich weiße Winden schlingen
Luftig um den Rosenstrauch:

Also schmiegen sich und ranken
Frühlingsselig, still und mild
Meine Tag- und Nachtgedanken
Um ein trautes liebes Bild.

3
Ich muß hinaus, ich muß zu dir,
Ich muß es selbst dir sagen:
Du bist mein Frühling, du nur mir
In diesen lichten Tagen.

Ich will die Rosen nicht mehr sehn,
Nicht mehr die grünen Matten;
Ich will nicht mehr zu Walde gehn
Nach Duft und Klang und Schatten.

Ich will nicht mehr der Lüfte Zug,
Nicht mehr der Wellen Rauschen,
Ich will nicht mehr der Vögel Flug
Und ihrem Liede lauschen -

Ich will hinaus, ich will zu dir,
Ich will es selbst dir sagen:
Du bist mein Frühling, du nur mir
In diesen lichten Tagen!

Reinhard Rakow
Trautes Heim


Du Frau Lehrerin mein Papa der fährt ganz große Laster
Und wenn er mal zu Haus ist
legt er sich auf Mama
Und dann schreien beide
Die Mama gräßlich laut

Du Frau Lehrerin der Papa verdrischt laufend die Mama
Gestern war sie eklig blutig
und weinte weil sie hatte
das Bier nicht kaltgestellt
Gab´s richtig was auf Maul

Du Frau Lehrerin ich hab jetzt viel´ Puppen und viel´ Papas
Und Mama die hat Geld!
Und meistens schlechte Laune
wenn ich sie abends stör
krieg ichs dann mit dem Gürtel

Du Frau Lehrerin der Kevin zeigt mir oft seinen Schwanz
Gestern bei den Hausaufgaben
du weißt schon beim Ausmalen
im Heft vom Li-La-Launebär
Die Mama hatte Spätschicht

Du Frau Lehrerin die Mama die sperrt mich immer ein
Sagt  mir dass ich bloß lüge
ihr den Kevin nur nicht gönn
Tut so als ob ich blöd bin
und schiebt mich ab ins Heim.

Luise Hensel  (1798-1876)

Rastlos

Mir wird's zu eng in meinem Haus,
Ich muß ins weite Feld hinaus.

Ich will durch öde Heide gehn,
Wo Stürm' in hohen Tannen wehn;
Vielleicht verweht der trübe Schmerz,
Vielleicht schweigt dort mein jammernd Herz.

Ich will am Quellenbächlein stehn,
Will in die klaren Wellen sehn:
Vielleicht versenk' ich meinen Schmerz;
Dort schweigt ein Weilchen wohl mein Herz.

Ich will auf hohe Berge gehn,
Will weit durch ferne Fluren späh'n:
Vielleicht verliert sich dort mein Schmerz,
Vielleicht vergess' ich so mein Herz.

Ich will nach Blumen suchen gehn,
Will mich mit Kränzen schmücken schön,
In Blüten bergen meinen Schmerz:
Vielleicht betrüg' ich so mein Herz.

Ich will - ach nein, ich will nichts mehr
Die Welt ist trüb' und kalt und leer.

Reinhard Rakow
Ein Faschist


Ich bin gerecht. Denn Leistung muss sich lohnen.
"Jedem das Seine" ist mein Lieblingswort,
"Von nichts kommt nichts" die Losung zum Rekord,
Der mir verhilft, vor anderen zu thronen.

Wie bitte kann man Stier und Maus vergleichen?!
Dieser wurd´ so, sie aber anders programmiert
Von der Natur, die alles trefflich arrangiert,
Wir dürfen nicht die Artgrenzen verweichen —

Scharf von Geist, ein Leib aus Stahl und fein der Stall:
Das ist der edle Grund, drauf Bestes nur gedeiht,
Die Macht zu mehren, die sich unsren Kreisen weiht,

"Geld kommt zu Geld": Ja, so geschieht´s, von Fall zu Fall,
"Geld hat man – oder nicht": Den Schwachen nur gebricht´s
An ihm. Weshalb? "Denn hast du nichts, so ziemt dir nichts!"

Wilhelm Raabe (1831-1910)
Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück

Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück,
mußt du ein andres wieder fallen lassen;
Schmerz und Gewinn erhältst du Stück um Stück,
und Tiefersehntes wirst du bitter hassen.

Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören;
mit Trümmern überstreuet sie das Land,
und was sie hält, wird ihr doch nie gehören.

Des Menschen Hand ist eine Kinderhand,
sein Herz ein Kinderherz im heft'gen Trachten.
Greif zu und halt! . . . Da liegt der bunte Tand,
und klagen müssen nun, die eben lachten.

Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz,
so mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken;
zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz
und weinen über den zerstreuten Stücken.

Reinhard Rakow

vorherbstliche etuden


mit fahrigem pinsel nen sack nordisch nebel
aufgeschlitzt aufgedippt weggeworfen
vom sendemast aus auf schwarzbunte küh
auf bauern die schlurfen kotjackenbraungrün
auf hunde die sie umspielen... vorm haus welches haus
wenn... was wenn in der stube kein licht wär...

klaus welcher klaus summt keine lieder
nach der arbeit zuhaus bei den stiegen
zieht es fröstelt bibbert der wind und die wände
sind feucht und er schläft mit marie~ im himmel~
|:im schimmel~:|nden bett der knackdürren marie
reiben denn reibung reibung bringt wärme

und die nebelfreifrau birgt ihr moderwirrhaupt
onkel efeu tief unter die schöße und schaut...
schaut... schau nur das loch... wo die stille weit
klafft... unter dem rock... wo der nebel anschwillt...
futtfuselgeruch leise in wogen... leis nur hör hin... hör hin...
wie die raben rau knarzen... die stimmen... an~ stiften...

schwarzalgen|:beton:|staub fenstersims...
eine katze klebt drauf mit nur einem geäug
und tranchiertem schwanz und sie kaut
eine maus und verschluckt sich... eine spinne kriecht
hoch aus dem erikabeet die rapunzeln ihr spinnt
silberhaar... nachtsilberhaarfäden ums augloch...

drinnen im haus... im tropfhöhldusteren haus...
drinnen... verbluten die wände beim schlummern...
draußen vorm haus droht ein motorbrummtraum
statuarisch massiv... unbeweglich...
vor der buxbaumhecke draußen vorm haus
vergaß einer sein licht und verlor sich —