19 - 07 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Friedrich Nietzsche (1844-1900)
Mein Herz ist wie ein See so weit...

Mein Herz ist wie ein See so weit,
Drin lacht dein Sonnenlicht
In tiefer süßer Einsamkeit,
Wo leise Well an Well sich bricht.

Ist´s Nacht, ist´s Tag?
Ich weiß es nicht,
Lacht doch auf mich so lieb und lind
Dein sonnenlichtes Augenlicht

Und selig bin ich wie ein Kind.

Reinhard Rakow

Aus dem Zyklus "Mainstream-Gedichte"

Mainstream (Krieg)
Sieben Splitter


1.
Und da wird wieder geschlachtet
Wehr- und Harmlosigkeit
grausam und schamlos bestraft.
Was schert die Herrn Generäle
Und erst recht die am grünem Tisch
In den entrückten Hauptstädten
Wie da ein Mensch verreckt —


2.
"Computergesteuerte Lenkwaffen" -
Das hört sich gut an.
"Einführen der Sprengladung" -
Das fühlt sich gut an.

Das Explodieren der Ladung hört sich
Weniger gut an.
Auch fühlt es sich
Weniger gut an.

Wenigstens ist das zu vermuten.
Fragen kann man die
In der Nähe standen,
Ja nicht mehr —


3.
Die Mär vom sauberen Krieg,
Von der braven Presse brav nachgeplappert:
Wer glaubt noch daran?

Das Propagandamaterial auf CNN und NTV,
EDV-geschönt, den Archiven entnommen
umgemodelt, willfährig aufgehübscht:
Was mehr beweist es als Software-Künste

Die Kasernen Bunker Lager aus angeblich
Feindes Land sezierte per Satelliten-
Märchenbild zu verbrämen bemühte Lügen
Ernst blickender Militärschauspieler?

Die malerische Glut der Hitzebomben,
die Blitze der automatischen Raketen,
wie prachtvoll sie die Doppelseiten zieren:
Unsere Siegerpresse liebt sie —


4.
Wer daran glaubt: die Doofen
Gekeult in geringwertigen Schulen
Die dem Traum von Macht empfänglichen
Chancen- und Arbeitslosen.
Die Greifer nach dem letzten Halm

Die Sucher des sicheren Hafens
Die Kameradschaft erfahren
Und Panzer fahren und zackig Haltung
Einnehmen und einen ordentlichen Job haben
Wollen fürs Frauchen dereinst zuhause


Bis dass der Tod sie scheidet —


5.
Deutschland wird verteidigt
am Hindukusch. Amerika
wird verteidigt am Tigris,
Luxemburg im Himalaja,
Russland am Bodensee

der Iran an der Themse. So
gibt es immer was zu tun
für die agile Exportwirtschaft.
Wer da keine Waffen verkauft
überlässt das Feld nur

den anderen —


6.
Die Mörder aus den Zentralen begeben sich
Im Nadelstreif vor die Kamera , gelangweilt
Wahrheiten verkündend, die keiner mehr hören will.
Man parliert sehr fremdsprachig.
Man gibt sich sehr kultiviert.
Nach dem Interview

Trifft man sich auf einem Sektempfang
Mit den Vertretern der Presse nebst den
Selbsternannten Wahrern der Menschenrechte,
Auch die in Nadeln gestreift
Für exakt 2:10:00
Die Zeit bis zur Schalte
Zum Viertelfinale —


7.
Als sie ihn fanden, lag er in einer Lache Blut.
Das linke Bein war in den Trümmern verschwunden.
Seine Mutter kam grad vorbei. Hats selbst auch nicht gefunden.
Der kleine Bruder hat sein Hemd ausgezogen.
Das haben sie um den Stumpf gewickelt, gut
Zusammengepreßt und, um ihn abzulenken
Vom Schmerz, seine Finger nach hinten gebogen.

Als er zu uns kam, war in ihm kaum noch Leben.
Fanden nen Rest Blutersatz Null positiv, auch bisschen
Morphium. Ham ihn erst angeschnallt. Unds ihm dann gegeben.
Das rechte Bein voll Splitter war. Brauchte ne Amputation.
Da hinten in der Kiste liegts. Wir heben´s ihm mal auf.
Haben dann am Rücken Narben gereinigt, ausgeschabt.
Er kommt schon wieder zu sich. Hat richtig Glück gehabt.

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Reinhard Rakow

Zwei Sonette


Der Kranke


Wenn sie eilends von dir Abschied nehmen
Peinlich berührt, auf den Lippen "Leb wohl",
Zutiefst erschrocken, wie schwach du klingst und hohl,
Wie bleich dein Blick, schreinweiß gleich Chrysanthemen,

Wenn sie dich umarmen, flüchtig, bemüht,
In weitem Bogen, dich nicht zu streifen,
Die Augen abwendend, mit ihnen zu greifen
Die Uhr und die Tür, um verstohlen, verfrüht,

Zu fliehen voll Angst vor deinen Gerüchen:
Dann, armer Knochenmann, du lieber Leidensheld,
Schmerzt dich das kaum mehr als ein Laubblatt, das fällt.

Du weißt: Sie fürchten sich heimlich vor Brüchen
Zwischen Bild und Wunschbild, dem Menetekel
Des eigenen Todes. Sie nennen´s: Aus Ekel.

 

Trost-Sonett


So schlaf denn ein mit liebenden Gedanken.
Die Nacht ist kurz. Und Mühsal bringt der Tag.
Dass du genesen wirst, soll niemals wanken
Die Zuversicht in dir, dass wer dich mag.

Entsage aller Lasten Zwang und träume.
Wieg Lieder lang. Und dehne den Moment.
Musik am schönsten ist, wenn ihre Räume
Nur dünn besiedelt sind und still getrennt.

Ins Schweben eingestellt sind unsre Zeichen
Gewidmet meinem Arm und deiner Last.
Ein Feuer glimmt. Beobachte sein Leuchten,

Der Wärme zugewandt, so lang wir bräuchten
Einander unterfasst. Weißt du? Du hast
Mich bei dir in den Worten, die nicht weichen.

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
An die Parzen

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heilge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Reinhard Rakow

dazwischen der tag

(gewidmet Wolfgang Jutz)


die sonne geht auf und unter!
dazwischen der tag!

man könnte es wie herakles machen -
zur entsühnung des wahnsinns großtaten verrichten
mäntel tragen zum wohle der menschheit
aus fellen getöteter nemeischer löwen,
ställe ausmisten und bändigen stiere,
hydren töten, eber fangen,
goldene äpfel rauben, höllenhunde
entführen, lydischen königinnen
dienen, prometheus befreien, um
sodann im vergifteten hemde
von schmerzen gepeinigt, auf öta
sich selbst zu verbrennen --

man könnte es wie napoleon machen -
innerhalb der schlachten für
sekunden entspannen, das ziel
nicht aus den augen verlierend
die angst verdrängen und
stärken die hoffnung, dass alles
alles!!
in ruhm und schönheit sich löse --

keine körperlichen schmerzen!
jeden tag eine warme suppe!
jeden tag ein warmes bett!
und aber eines vor allen:

ein liebes im arm, warm zu umhalsen!

erdenwurm

Anna Ritter (1865-1921)
Ich will den Sturm!


Ich will den Sturm, der mit den Riesenfäusten
Vom Boden der Alltäglichkeit mich reißt
Und mich hinauf in jene Höhen schleudert,
Wo erst das Leben wahrhaft Leben heißt!

Ich will den Sturm, der mit gewaltgem Athem
Zur lichten Gluth die stillen Funken schürt
Und, alle Kräfte dieser Brust entfesselnd,
Zum Siege oder zur Vernichtung führt!

Laß mich nicht sterben, Gott, eh meine Seele
Ein einzig Mal in Siegeslust gebebt -
Ich kann nicht ruhig in der Erde schlafen,
Eh ich nicht einmal, einmal ganz gelebt!