19 - 07 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
Die Amsel


Du kennst bei Tag das Glück, das ihm entspringt,
Dem Lied des Amselhahns beim Liebeswerben?
Unbänd´ge Lebenslust, die in ihm klingt,
Leuchtender Ton, dir Stunden bunt zu färben!

Doch dann: Das Winseln in der Todesnacht...
Das Hecheln... Dieses luftringende Gieren,
Die schwachen Schreichen unter schwerer Fracht:
Kennst du das auch? Wie Flügel ihm vibrieren?

Mach dir nichts vor: Es ist nicht weit von hier,
Vielleicht im Garten dort, vielleicht vorm Haus.
Mach dir nichts vor: Es ist kein andres Tier,

Kein Grill, der zirpt, kein Ratt, der pfeift, nicht Maus.
Es ist die Amsel, die dich tags erfreute,
Die jetzt gemordet wird, deines Katers Beute.

François Villon (1431-1464)
Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Das will ich sein im tiefen Tal
dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mir wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund ...
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!

Die graue Welt macht keine Freude mehr,
ich gab den schönsten Sommer her,
und dir hats auch kein Glück gebracht;
hast nur den roten Mund noch aufgespart,
für mich so tief im Haar verwahrt...
Ich such ihn schon die lange Nacht
Im Wintertal, im Aschengrund...
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Beerenkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei,
Und habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
... ich bin so wild nach deinem Erdbeermund —

Reinhard Rakow

Drei Gesänge und ein Nachgesang


Erster Gesang

Während in Nigeria Lesoto oder anderswo in Afrika Ölquellen zum Nulltarif ausgebeutet werden von irgendwelchen Multis, denen wir ihren Gewinn nicht neiden, solange wir unseren Audi für zwei Hunnis betanken können -
während irgendwo in Südamerika ein Hektar Wald nach dem anderen brandgerodet wird zu schaffen weitere Plantagen zum Anbau von Exportfrüchten -
während Inder oder Asiaten Computerchips am Fließband bauen derweil ihre Landwirtschaftsflächen verdorren -

sind wir umzingelt
von wirtschaftsflüchtlingen
werden wir bedroht
von parasiten
wir müssen uns wehren
gegen schmarotzer
sonst sind wir bald
den reichtum los

bekriegen sich Stämme im Kampf um steppiges Weideland für auch nur ein Wasserloch zu tränken die knochigen Kühe, umgetrieben von der Angst, noch mehr ihrer Kinder, jene mit den vom Hunger aufgetriebenen Kugelbäuchen und den Spinnenbeinchen, könnten heute sterben oder morgen -
verrecken die letzten Indios an Pflanzenschutzmitteln, so nicht schon vorher zugrundegegangen an lebenslanger Bestäub- und Berieselung der Plantagen -
flacht der Asiatenzuwachs in der Statistik gefällig ab, nachdem immer mehr Neugeborene die ersten vier Wochen nicht überleben -

wir sind umzingelt
von wirtschaftsflüchtlingen
wir werden bedroht
von parasiten
wir müssen uns wehren
gegen schmarotzer
sonst sind wir bald
den reichtum los

 

Zweiter Gesang

es ist in frankfurt ein nigger im abschiebeflugzeug
zu tode gekommen nachdem er sich weigerte an seiner
verschickung mitzuwirken wurde er von einem der beamten
von hinten in den finalen rettungsgriff genommen bis zur frei~
willigen aufgabe des widerstands und sodann an seinem sitz mittels handschellen befestigt vorsorglich behufe seines selbstschutzes arretiertwo man ihn später leblos vorfand der

zuständige staatsanwalt hat die ermittlungen eingestellt
da nicht ausgeschlossen werden könne dass der abzu-
schiebende doch eines natürlichen todes gestorben sei,

wir sind umzingelt
von wirtschaftsflüchtlingen
wir werden bedroht
von parasiten
wir müssen uns wehren
gegen schmarotzer
sonst sind wir bald
den reichtum los

eine rückfrage bei dem arzt der die reisefähigkeit
bescheinigt habe ergeben der fluggast habe
an einem herzfehler gelitten dieser hätte zwar
die reisefähigkeit nicht tangiert sich aber
bei besonderen belastungssituationen respektive hyperaktivität

übererregtheit sehr

negativ auswirken können,

wobei dem arzt nicht nachzuweisen sei,
daß er für den zu tode gekommenen
eine solche situation hervorzusehen
in der lage gewesen sei oder dies
hätte inkalkulieren müssen.

der innenminister warnte in einer ersten verlautbarung
vor einer gänzlich unangebrachten dramatisierung
die beamten hätten gemäß dienstanweisung
gehandelt und somit korrekt noch immer
würde deutschlands gastfreundschaft
mißbraucht von wirtschaftsflüchtenden
schmarotzern die aus sicheren ländern einreisend
sich zugang zu verschaffen verstünden.
dem sei einhalt zu gebieten.


wir sind umzingelt
von wirtschaftsflüchtlingen
wir werden bedroht
von parasiten
wir müssen uns wehren
gegen schmarotzer
sonst sind wir bald
unsren reichtum los

 

Dritter Gesang

Die Würde des Menschen ist unantastbar.                                         ooh
Politisch Verfolgte genießen Asyl.                                                      jaa
Auch Schmarotzer macht man                                                              ooh
nicht einfach so tot.                                                                                  nein

Vor dem Krimi erzählen gutgebaute Pfarrerinnen                          ooh
mit unaussprechlichen Doppelnamen                                                     jaahaaa
zum Sonntag von Zuflucht Kirche                                              wir sind umzingelt
und daß wir zu Weihnachten                                        von wirtschaftsflüchtlingen
einen Bosnier knuddeln sollen.                                        wir werden bedroooooht

Nachgesang

Was kostet ein Laptop?                                                                               wir werden
Was ne junge Thai?                                                                                          bedro-oht
Bei Aldi gibts wieder PCs.                                                                      von parasiten
Bei Rewe günstigen Reis.                                                       wir müssen uns wehren
Bayern hat wieder verloren.                                                            gegen schmarotzer
Benzin ist bill´ger geworden.                                                         sonst sind wir bald
Gleich geht der Krimi                                                                       unseren reichtum
looooooos.           looooooos.


(2000)

Ferdinand Freiligrath (1810-1876)
Lieb, solang du lieben kannst!


O lieb, solang du lieben kannst!
O lieb, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, daß dein Herze glüht
Und Liebe hegt und Liebe trägt,
Solang ihm noch ein ander Herz
In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt,
O tu ihm, was du kannst, zulieb!
Und mach ihm jede Stunde froh,
Und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint, -
Der andre aber geht und klagt.

O lieb, solang du lieben kannst!
O lieb, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Dann kniest du nieder an der Gruft
Und birgst die Augen, trüb und naß,
- Sie sehn den andern nimmermehr -
Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.

Und sprichst: O schau auf mich herab,
Der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, daß ich gekränkt dich hab!
O Gott, es war nicht bös gemeint!

Er aber sieht und hört dich nicht,
Kommt nicht, daß du ihn froh umfängst;
Der Mund, der oft dich küßte, spricht
Nie wieder: Ich vergab dir längst!

Er tat's, vergab dir lange schon,
Doch manche heiße Träne fiel
Um dich und um dein herbes Wort -
Doch still - er ruht, er ist am Ziel!

O lieb, solang du lieben kannst!
O lieb, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Reinhard Rakow

musik


sie muss gewiss ein weibchen sein.
ein junges vielleicht, federgewichtig und biegsam
ein reifes auch mit wissenden lenden, betörenden dufts
oder erfahren, verzeihend, warm, gütig.
sie tanzt, bis dir schwindelt. sie reißt mit,
besoffenen herzens folgst du ihr
willig, wohin sie auch führt.
sie bettet und wiegt dich.
in den geschichten, die sie erzählt,
liebst du´s zu versinken.
sie braucht keine sprache; sie kennt alle worte.
sie kennt alle farben.
sie ist alle in einer,
mutter zuerst.

 

(Vertonungen:  Violeta Dinescu, 2005 (Singstimme und Schlagwerk), Günter Berger,  2009 (Flöte und Klavier))

Maria Luise Weissmann (1899 - 1929)
Die fremde Stadt

Der Himmel ist aus viel Zement gemauert,
Sehr nah. Und grell mit Tünche übermalt
Von jenem Blau, das Litfaßsäule strahlt;
Aus Winkeln, dumpf und schwer, Verhängnis lauert,

Und Ecken starren, oh so todumschauert, -
Klippen. - ich Woge, jählings dran zerschellt,
Bis mich die Flut zerschmettert weiterwellt.
In diesem Autopfiff, der Nächte überdauert,

Ging mir die ewige Seligkeit verloren.
- Oh Engelstimmen, oh Gesang der Harfen,
Gebetshauch, Palmenduft, oh Flügelwehn!

Ich stoße mich an fest verrammten Toren,
Ich starre rings in tausend Schreckenslarven,
Ich bin so müd, und darf nicht schlafen gehn.

Die Welt. Drei Gedichte

Franz Kafka (1883-1924)
Die Welt

Die Welt
sie dreht
Die Menschen
drehen nach oben und unten
Ich fliege, entfernt aller
und sehe sie drehen
und stehe

Es ist ein Stöhnen und Jauchzen in der Welt,
das nicht durch meine Augen dringt.
Sie sehen es.
Ja.
Aber das nicht durch meine Augen dringt.

Die Menschen
sie lieben und leiden
Sie sind oben und unten
und in der Mitte
Innen und Außen
Ich Außen Mitte
Ich Innen

Die Sprache versagt,
schenke mir die Worte
die brauchbaren Worte.
Ich sehne mich nach ihnen
und den Innenaugen

Die Welt sie dreht noch immer
Ich nicht stehe im Jenseits,
im Nirgends


Jakob van Hoddis (1887-1942)
Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei.
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

(J.v.H., geboren als Hans Davidsohn, wird 1942 nach Polen deportiert und dort im KZ Sobibor ermordet.)


Reinhard Rakow
die welt versinkt


die welt versinkt im schneesturmrausch.
im wilden treiben schlingert sie
dem grund entlang, in wattebausch
aus schwarz und grau und anderswie
auf zu gehn, sich zu lösen.

die wolkenfetzen jagen sich.
wie hungrig nahkampffighter
stürzet herab unwillentlich
phaeton, der feuerreiter
hell lodernd, gilb in flammen.

er wirft bomben aus batzen fleisch,
betäubt geschmeiß mit aasgeruch
das sich am boden hält und kreischt,
des nackten kleinen lebens fluch
wirr stammelt, gnad´ erwinselnd.

der eine quetscht den andern tot.
doch fragt man ihn, so war ers nicht.
wenn wer zu schwach ist, aus dem boot
gedrängt wird der, bis ihm´s gebricht
an lebensmut und -willen.

ein vater reißt die beine aus
dem kind und atzt die mutter.
der nachbar aus dem lieben haus
wird, da es graut, zum futter
sieben hungrigen gören.

hei! phaeton jagt den wagen wild
und freut sich der vernichtung.
aus seinem haupt grau rötlich quillt
wahnsinn in alle richtung
ost west nord und nach süden.

die welt versinkt im sturm aus blut.
im wilden treiben schlingert sie
dem grund entlang, in feuers glut
aus rot und weiß und anderswie
auf zu gehn, sich zu lösen.