24 - 06 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow

Hitze


Hitze, lass dein Brennen nicht
Niederzwingen meine Stärke!
Durst und Dürre gehn zu Werke
Bis das morsche Auge bricht.

Kirre Luft wirft auf den Asphalt
Wahngestalten tanzend weg.
Glas und Schmiere und ein Blutfleck
Künden stumm von Urgewalt.

Nacktes Fleisch dörrt an den Stränden
Faul und wehrlos vor sich hin.
Schnitter und der Schnitterin
Zuckt die Gier schon in den Händen.

Taumelnd greift ein Greis ins Leere
Wo die enge Ader staut.
Ein Schrei verdampft. Ein Blick ergraut.
Möwen jaulen überm Meere.

Gnadenlos gewaltsam fluten
Glut und Licht den matten Tag.
Siedend in der Schatten Schlag
Zählt er keuchend die Minuten.

Viel zu heiß die Stunden draußen!
Viel zu schwül die Nacht im Bett!
Lust und Alb und ein Skelett
An des Körpers Hülle schmausen.

Es flirrt die Zeit wie Irresein...
Ihr Schweiß tropft unerträglich ...
Aushöhlt den Grund tagtäglich ...

Und der Spaten dringt leicht ein —

Hand. Drei Gedichte

Franz Kafka (1883 - 1924)
Liebeserklärung

Deine Hand ist in meiner,

so lange Du sie dort läßt.

 

Reinhard Rakow
du


halte meine hand
sie sei
kraft die uns trägt

durch den tag
er sei
nicht enden wollend

durch die nacht
sie sei
schwärzer als zuvor

über die schlucht
sie sei
noch so tief

reich mir deine hand
sie sei
kraft die uns trägt.

 

Reinhard Rakow
Tagtraum


Gib mir deine Hand wir stehlen
Uns heimlich aus dem Haus
Lass den Schlüssel draußen stecken
Zieh alle Kabel raus

Im Auto da setz du dich erst
Mal auf den Fahrersitz
Und wenn du wieder zu schnell fährst
Mir´s heute scheißegal ist

In der nächsten Stadt da biegen
Wir ab auf die Autobahn
Platz da ihr Nullen links fliegen
Eva und Evas Adam

Lass uns die Überholspur beträumen
Mit zweihundertvierzig Watt
Zeit Stunde Minute versäumen
Dass sie uns nie wieder hat

Auf jener endlosen Geraden
Dem Weg nach Pferdeland
Gedichten von Bildern Myriaden
Wo ich dich vor Jahren einst fand

Gib mir deine Hand wir treten
Gemeinsam in die Realität
Ab jetzt hilft nur noch beten
Dass mit uns alles gut geht.

Tempo! Zwei Gedichte


Otto Reutter (1870-1931)

Mit der Uhr in der Hand

Wir leben in ´ner eiligen, hastigen Zeit,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
der eine, der schiebt heut den andern beiseit,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir drängen alle vorwärts, ob Hinz oder Kunz,
sind stets außer uns, und wir kommen nie zu uns,
denn wir werden mit uns ja nur flüchtig bekannt,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Der Tag beginnt schon in eiligem Lauf,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
der Wecker, der weckt uns, wir stehen schon auf
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Schnell ziehen wir uns an, und wir schlingen unseren Schmaus,
der ist noch nicht runter, da treten wir aus
und sitzen selbst dort an der hinteren Wand
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir turnen, wir trainieren, zum Masseur gehen wir hin,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
mal sind wir zu dick, mal sind wir zu dünn,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir gehn nie, sind auf dem Laufenden stets,
wenn wir mal wen treffen, dann fragen wir: Wie gehts?
Und eh der es uns sagt, sind wir weiter gerannt,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir fahren in die Ferien und sitzen am Strand,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
erwarten die Post, den geschäftlichen Stand,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Ein Buch mal zu lesen, das wär ein Genuß-
wir lesen den Anfang und schauen nach dem Schluß,
durchblättern den Goethe, druchfliegen den Kant,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir machen eine Reise im Automobil,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
wir reisen nicht mehr, wir rasen zum Ziel,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Fragt man uns; die Gegend, die war wohl sehr schön.
Dann sagen wir ja und wir haben nichts gesehen,
denn wir fuhren bloß vorbei ohne Sinn und Verstand,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Die Liebe, die Ehe betreiben wir als Sport,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
wir finden uns, verbinden uns und -pflanzen uns fort,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Will sie ihn mal küssen, dann stellt er sich froh-
und denkt sich: Nun mach schon, ich muß ins Büro-
Und er drückt sie ans Herz und küßt sie galant,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

So eilen wir durchs Leben ohne Freud und Pläsier,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
da, plötzlich steht einer, ist mächtiger als wir,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Der sagt: Du brauchst nicht auf die Uhr mehr zu sehn,
denn meine geht weiter und deine bleibt stehn
und er winkt uns hinüber ins andere Land,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

 

Reinhard Rakow

in zeiten wie diesen


in zeiten wie diesen ist tempo gefragt
es eilen die daten die bilder die worte
pulsierend im mega giga stakkato-takt
galloppiert der mainstream blitzgleich in orte

an fremden enden der welt dort zu beglücken
etwa hirten beim verbrennen von fladen
oder siegkrieger die reißen zu stücken
stadt land haus vieh mensch auf dass unser gnaden

ja was zu glotzen habe in der tagesschau
auf die dann - switch - ein tor folgt aus brasilien
oder - switch - der dollarkurs oder ein stau

(standbild!) mit ein paar toten familien-
vätern und -müttern. was aber keinen wirklich pexiert.
genau wie die frage: wer dabei gewinnt. wer verliert.

Reinhard Rakow

sonnenflecken


ein radio, das quäkt, sonnenflecken auf asphalt,
ein zerknülltes tempo vorm beifahrersitz,
ein betonmischer im eingang der auffahrt,
ein zigarettenautomat, ein baustellenschild,
ein polizeiauto, ein nuttenschlitten, ein audi,
ein mini, ein bulli, ein opel, daimler, ein laster,

der nen anderen zieht, ein reisebus, doppel~
stöckig, ein kind, das herauswinkt, eine leuchte,
die schweigt, kleine autos, die schwinden, die
straße, die zittert, bei achtunddreißig, achtund~
dreißig im schatten, auf der richterskala, queck~
silbrige straße, fick~rig, ergib dich, ein leises brunft~

brummen, zeit, die nicht gehn will, leitplanken,
die rosten, brennesseln und fetzen, von binden,
bierdosen, schachteln, überzogen, grau überzogen,
kein wind, defekte, bäume und schilder, schlaglöcher
und flicken, ölspuren und teer, belag der sich auflöst,
vor den wohnsilos, hunde und katzen, becher aus pappe,

fö~hn im talkessel, ölstandsanzeiger, überquellender ascher,
gebrannte löcher, die letzte cola, acht achtunddreißig~
~einhalb, die brille, absetzen, schweiß tropft, dir aus den
haaren, staub auf den uhren, quecksilberbrummen,
familienkutschschlitten, ossikennzeichen, russen
und polen, tempokontrollen, tagesnachrichten,

die tablette löst sich, kilometerzähler, bis zum näch~
sten teilstück, au~tobahnfriedhof, raststätte, staub, staub
auf dem schädel, die letzte tanke, die letzte ausfahrt, lang~
sam abbremsen, lautstärke runter, sonn´nflecken auf
plastik, salzhaltige tropfen, mit tempo die stirne, die obere
lippe, zunge und knöchel, die heraus~treten, abre~

gen, das gelbe, wispernde schatten, achtunddreißig
oral, gräser, die dorren, kein blick aus dem fenster,
in die rückspiegel, hinten die decke mit rot großen
karos, pfosten, die fliegen, insekten, die platzen, das
klatschen, die brille, wischen, wischwasser, mit tempo,
brennesseln und fetzen, fetzen von binden, von musik,

fetzen von bussen, schlaglichthell und dunkel, spiegel~
nde brille, polizeiauto, ein thermometer, abre~gen,
ein radio, das quäkt, sonnenflecken.

William Butler Yeats (1865-1939)
When You Are Old

When you are old and grey and full of sleep,
And nodding by the fire, take down this book,
And slowly read, and dream of the soft look
Your eyes had once, and of their shadows deep;

How many loved your moments of glad grace,
And loved your beauty with love false or true;
But one man loved the pilgrim soul in you,
And loved the sorrows of your changing face.

And bending down beside the glowing bars,
Murmur, a little sadly, how Love fled
And paced upon the mountains far above,
And hid his face amid a crowd of stars.

Reinhard Rakow

Rendezvous


Ach diese Frostblumen.
In sich ruhende Schleifen nebeln
Kissen ein. Der Orkus aus naher Entfernung.
Nah, nicht krank. Zu entscheiden, wohin:
Nichts leichter als das.
Ist dann aber doch geblieben.
Herb. Das Infusionskatheter
Saß nicht richtig, schmerzte verhalten.
Morgen sei das gewesen.
Hätte Gedichte schreiben.
Hätte ja diktieren können.
Und dann die durchtanzten Nächte
In ätherischem Blau, Gefühle
Keimfrei in Formaldehyd.
Mein Bett ein Loch ohne Ränder. Links
Oben die Spinne zählt zum Inventar.
Mal angeboten für nen
Appel undn Ei.
Ganzes Leben gewartet daß einer was will
Wie schaler Kaffee aus schlecht gespülten Tassen.
Geruch von billiger Seife. Verhalten. Nicht tödlich.
Jener pelzige Geschmack im fauligen Maul.
Kondombewehrte Hand mit Goldring
weitet den Bruch stopft Amalgam.
Silberne. Schatten. Aus. Fünfhundert Watt.
Leg du deine Spinnenfinger
Kühl auf meine heiße Stirn.
Lhasa, Tokyo, Rhythmen
Elektronisch hergestellter Klänge
Heruntergezogen aus dem Internet. Sonntag
In der kleinen Stadt Sonntag in der kleinen.
Bist spät dran.
Es perlt von sehr weit her,
Aus gestern nicht nah. Pelzig
eben. Komm doch weg.
Ach diese Blumen.
Lhasa es pocht scharlachrot.
Lhasa dieser Frost.

Heinrich Heine (1797-1856)
Die alten bösen Lieder


Die alten bösen Lieder
Die Träume schlimm und arg,
Die laßt uns jetzt begraben,
Holt einen großen Sarg.
Hinein leg ich gar Manches,
Doch sag ich noch nicht was;
Der Sarg muß sein noch größer
Wies Heidelberger Faß.

Und holt eine Totenbahre,
Von Brettern fest und dick:
Auch muß sie sein noch länger
Als wie zu Mainz die Brück.

Und holt mir auch zwölf Riesen,
Die müssen noch stärker sein
Als wie der heilige Christoph
Im Dom zu Köln am Rhein.

Die sollen den Sarg forttragen
Und senken ins Meer hinab,
Denn solchem großen Sarge
Gebührt ein großes Grab.

Wißt ihr, warum der Sarg wohl
So groß und schwer mag sein?
Ich legt auch meine Liebe
und meinen Schmerz hinein.

(aus dem Lyrischen Intermezzo)