24 - 06 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow

Auf meinem Weg

Auf meinem Weg die Geraden. Links rechts ganz außen. Daneben, beidseits, in neunzig Grad und Farblichkeit inkompatibel. Erst das Geröllhafte! Findlinge Brocken Steine, Splitter gar. Einer ließ die Türe offen, jetzt strömen sie herein. Natürlich denkt man immer: muss so. Streng und weißt schon. Ha! Darf man nicht alles glauben. Der ist ja schon über, na jedenfalls nicht mehr modern.

In meiner Heimat die Schulen. Beton, soweit man blickt. Käfiggehaltenes Menschenklein beim Üben von Auslauf, darüber ne Süßwolke Dope. Clock Hahnenschrei Ende der Pause. Auf dreißig komma zwei Köpfe, herausgeputzt mit Lack, grün, lila, echtgelb, henna je eine Filzmatte mittellang und weißgrau. Im Saniraum riechts feucht nach Möse. Im Klo der Kondomat klemmt. Damals schon der auch.

Und dann der Blick nach vorn. Voll ungemalter Bilder. Aus Schwarz-und-Weiß-Schraffuren schält Farbe sich wie aus verdorbnen Tuschen. Wenn du die Brille absetzt. Oder wenn du die Augen kneifst. An Rändern ungeschärft. Und eine Million Gedichte. Wahrscheinlich aber mehr. Und alle, ohne "alt" nur zu denken. Ob das noch Streifen sind? Verwoben und fahrig wie Helix. Vielleicht

auch Schlangen aus Linien. Weiß man wenigstens wohin das nicht führt. An den Seiten die Irrtümer. Sehnsuchtsabraum, Halden aus Fluch. Verwünschungsdeponien an Farbseen rot wie erhitzte Milch. Am Horizont kräuselt die Gnade. Hat für sich entschieden, daß alles gut werde. Der Rest bleibt links liegen. Warum auch solls nicht funktionieren. Nicht alles zerreden, vertrauen. Schau vorn doch

auf meinem Weg die Geraden
die Streifen die Locken das Licht.

Maria Luise Weissmann (1899 - 1929)

Die Katzen

Sie sind sehr kühl und biegsam, wenn sie schreiten,
Und ihre Leiber fließen sanft entlang.
Wenn sie die blumenhaften Füße breiten,
Schmiegt sich die Erde ihrem runden Gang.

Ihr Blick ist demuthaft und manchmal etwas irr.
Dann spinnen ihre Krallen fremde Fäden,
Aus Haar und Seide schmerzliches Gewirr,
Vor Kellerstufen und zerbrochnen Läden.

Im Abend sind sie groß und ganz entrückt,
Verzauberte auf nächtlich weißen Steinen,
In Schmerz und Wollust sehnsuchtskrank verzückt
Hörst du sie fern durch deine Nächte weinen.

Sitzen. Drei Gedichte

Walt Whitman (1819 -1892)
I Sit and Look Out

I sit and look out upon all the sorrows of the world, and upon all oppression and shame,
I hear secret convulsive sobs from young men at anguish with themselves, remorseful after deeds done,
I see in low life the mother misused by her children, dying, neglected, gaunt, desperate,
I see the wife misused by her husband, I see the treacherous seducer of young women,
I mark the ranklings of jealousy and unrequited love attempted to be hid, I see these sights on the earth,
I see the workings of battle, pestilence, tyranny, I see martyrs and prisoners,
I observe a famine at sea, I observe the sailors casting lots who shall be kill'd to preserve the lives of the rest,
I observe the slights and degradations cast by arrogant persons upon laborers, the poor, and upon negroes, and the like;
All these -- all the meanness and agony without end I sitting look out upon,
See, hear, and am silent.

 

Francesca von Reventlow (1871-1918)

ICH sitze am Fenster im Dämmerschein,
die Sonne sank längst schon herab.
Ein trüber Nebel deckt Wald und Hain,
o läge ich drunten im Grab.

Was je ich liebte, ist längst dahin,
verlassen bin ich, allein.
Gebrochen mein Herz von der ewigen Qual,
zertreten mein Leben, mein Sein.

Es faßte mich an so rauh, so kalt,
das Leben mit seinem Weh.
Ich habe wohl oftmals fröhlich gelacht,
meine Tränen hat niemand gesehn.

Im innersten Herzen hat es gebrannt,
das Weh so bitter und wild,
und niemand hat es gesehen, erkannt,
und niemand hat es gestillt.

Verloschen ist mir des Tages Glast,
die Welt liegt weit und leer.
Hinwerfen möcht ich des Lebens Last,
sie war mir schon lange zu schwer.

 

Reinhard Rakow

so sitz ich, dem moment ergeben, der fremd klingt,
und warte, dass ein gedanke mich rührt durch
den äther; man muss sich beeilen; ein fagott quäkt
pink kurze stöße, ein rhythmus ist nicht erkennbar,
mir ist, ich weiß nicht wie —

birnbaum, aus holz vom birnbaum; er ist kaum
zu erklettern, die dunkle, glattkalte rinde, splitter~
hartes gezweig; reicht es dem cello die hand,
versunken im rasseln der kalebassen; wo sind sie
geblieben: die belehrer und die belehrten,

die atemlos gehetzten, die kühl kalkulierten, die
kühnen, die hosenscheißer, die stinker, die ketzer
und beter, die schweißnassen, die sammler und die
sich versammeln, die warter und eiler, die ein~ und
langsamen, besamer, besamte, beamte, zweifler

und verzweifelte, gesalbte, salbader, psychiater,
psychos, psychopathen, zocker und chatter,
sammler, jäger und hirten, pastoren, bischöfe,
rhetoren, laudatoren, torsteher und ~schliesser, laut~
maler, malade, moribunde, rekonvaleszenten,

internetnutzer, samstagsautoputzer, sonntags~
kirchgeher, montagsbüroschläfer, tse-tse-fliegen~
gebissne, zuschlagsbezahler, krankenschein-
eigenheimbesitzer, bausparer, sparsam drein~
blickend, in die röhre starrende, hart obstipierte,

harnverhaltende, inkontinente, reanimierte,
exsikkierte, kontrahierte, patienten, schwestern,
brüder und ärzte, weiß- und schwarzkittel,
und warte dass einer seine gedanken schickt
durchs telefonkabel; man muss sich beeilen;

ein nebel, ein bach, ein reif, ein tau, ein schatten,
ein fast vergessnes leid, ein sarg, ein sarg aus birnbaum,
aus holz von birnbäumen; es ist kaum zu zermürben,
die dunkle, glattkalte rinde, splitterschützend
gezweig; reicht es dem cello die hand, das ruhet,

dem moment ergeben, der fremd klingt, und wartet;
man müsst´ sich beeilen; ein fagott quäkt grün, kühl
und versiegend, ein rhythmus bleibt unerkennbar,
mir ist, ich weiß nicht
wie —

Reinhard Rakow

midlife

männer im laufschritt eins zwei im seidenanzug
die gläser der brillen glitzern und leicht
die ledermappe unter dem arm

männer im laufschritt eins zwei in fotolinsen
sie blecken die zähne teuer verkront
sie lächeln mit augen fixiert

männer im laufschritt eins zwei den rücken stocksteif
da wo das herz sitzt pumpt steter druck
der typ von männern ist hart

männer im laufschritt eins zwei mit schütterem haar
in ihrem hirn der nächste termin
in der brusttasche die karte kredit

männer im laufschritt eins zwei nie haben sie zeit
unrettbar rennt sie läuft vor ihnen weg
und dann holt mann sie nicht ein

männer im laufschritt eins zwei in ihrem lauf
wer ist der schnellste? wer schlägt noch wen?
wer schlägt sich selbst auf der flucht?

männer im laufschritt die haben´s geschafft
männer im laufschritt die haben´s geschafft
männer im laufschritt eins zwei.

Charles Baudelaire (1821 - 1867)

Der frohe Tote

In einer fetten Erde voll von Schnecken
Da richt ich eine tiefe Grube her.
Da will ich frei die alten Glieder recken;
Vergessen schlafen wie ein Hai im Meer.

Ich will nicht Testament noch Grab und Stein.
Ich will von Menschen keine Träne heischen.
Ich lade lieber mir die Raben ein
Daß sie den ganzen morschen Leib zerfleischen.

Ihr Würmer! Aug- und ohrenlos Gekreuch!
Ein freier froher Toter kommt zu euch!
Ihr heitren Weisen: wohlgenährt durch Kot!

Durch meine Reste dringet ohne Sorgen
Und sagt: Blieb eine Qual mir noch verborgen
Mir ohne Seele unter Toten tot?



Kurt Tucholsky (1890 - 1935)

Sie schläft

Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück,
nimm mich ein bißchen mit -
auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück -
Die Zeituhr geht ihren harten Schritt ...

pick-pack ...

"Sie schläft mit ihm" ist ein gutes Wort.
Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen.
Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen,
aber dein Atem fächelt sie fort.
Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück -
jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein.
Morgens, im letzten Schlummer ein Stück,
kann ich dein Gefährte sein.

Reinhard Rakow

sommer

abends wird die blutbuche braun
und schatten fällt auf die ulme.
mückenschwärme singen ihr lied
lautlos, tanzen abschied
von diesem tage im spiel

der tag geht hin mit wehendem schoß
und kühle steht vor den häusern.
das weiß der wände kriegt einen stich
ins grau, doch dein gesicht
verliert nicht seine kontur

der schlaf steigt nackt ins zu warme bett
und deckt dich nicht richtig zu.
er träumt einen traum, der traumlos ist
und tief - tief, bis du bist
lied und schatten zugleich.