19 - 07 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
Ein Traum

Ich träumte, mir wurde das Herz entfernt.
Es lag in einer Schale und bebte.
Weiße Schemen erzählten, obwohl ich lebte,
Wie sie mich betäubt und anschließend entkernt.

Sie schabten es aus und vermaßen es
Damit, sagten sie, ich bald gesunde
Von Adernpech und von in der Kammer der Wunde.
Dann nähten sie zu, schwatzend ... — und vergaßen es.

Wenn kalter Rauch des Ofens blau die Urne küsst:
Ist es dann nicht zu spät?, meint eine, die´s gerne wüsst´
Warum nur? Warum?, und hält nicht ein zu fragen.

Doch Rauch ist ja endlich. Und die Küsse vergehn.
Die Schale wird man säubern. Weiß wird man klar sehn.
Bloß vergesst mir das Herz nicht!, hört´ ich mich noch sagen.

Reinhard Rakow
aans fümf fümf aans

hoid vor fuffzisch joor hod der mann
der mein vadder wern sollt misch gezeucht
de dooch wor frai geweese von wolke un awweit
der mann hod kraft iwwergehobt un aan zevill inne kroon
des machd fickerisch

hoid vor fuffzisch joor is die fraa
die mei mudder wern sollt inne gorte gegange
es wor halber neun obendsonnisch fast noch zwanzisch grod
un vonne wertschafft e poor häuser weite
sinn bunt fetze mussik riwwergeflattert

hoid vor genau fuffzisch joor stiesch denne zwaa
die mei eldern wern sollte des gedudel zu kopp
un wie die fraa die mei mudder wern sollt sisch gebückt hod
e kolter aus kamelhoor unnern kerschbaam zu leesche
isse von hinne genomme worn

von dem schwitzende notgeile mann der nooch
schweinestall gestunke hod un nooch appelschnaps un nooch
zwiwwelring uff plutworscht uff kraubrot aus sauerm taisch
un hodse sisch scheihailisch gewehrt weil se wußt
des machd en nur schärffe

hoid vor fuffzisch joor zwaa die sisch einisch woorn
unnerm kerschebaam newwe de deck wälzde se sisch
kratzde boxde grabschde enanner risse kaputt perlong un leine
hörde net de al maadino achtede net uff die gucker am zaun
ließe es laafe fuffzisch hatte stöß lang

hoid vor fuffzisch joor am erste mai
am daach der awweit hawwese hatt geschuft verdammt hatt
rei hod der mann der mein vadder wern sollt mittem schorfe strahl
tirekt aus de milchstrooß midde ins plaumenest troffe
gezeucht misch rein.hatt

hoid vor genau fuffzisch joor.

Reinhard Rakow
des baches wiegenlied

diese wie gemalten himmel
kitschpostkartenhimmel
dramatisch rote romantik
glut voll feinstaubaerosolen
vom kohlekraftwerk kein
schwarzbuntes rind stört
die idylle die ställe fügen
sich prächtig gülleströme
versickern im bache
            ach diese
wie gemalten menschen —

Reinhard Rakow
outlook

schau mal im postkorb nach
ob jemand an dich gedacht hat
schau mal im postkorb nach
ob einer was von dir will
schau mal im postkorb nach
ob es was für dich gibt
schau mal im postkorb nach
ob du noch lebst

Erich Mühsam (1878 - 1934)
Wollte nicht der Frühling kommen?

Wollte nicht der Frühling kommen?
War nicht schon die weiße Decke
von dem Rasenplatz genommen
gegenüber an der Ecke?
Nebenan die schwarze Linde
ließ sogar schon (sollt ich denken)
von besonntem Märzenwinde
kleine, grüne Knospen schwenken.
In die Herzen kam ein Hoffen,
in die Augen kam ein Flüstern –
und man ließ den Mantel offen,
und man blähte weit die Nüstern ...

Ja, es waren schöne Tage.
Doch sie haben uns betrogen.
Frost und Sturm und Schnupfenplage
sind schon wieder eingezogen.
Zugeknöpft bis an den Kiefer
flieht der Mensch die Gottesfluren,
wo ein gelblichweißer, tiefer
Schnee versteckt die Frühlingsspuren.
Sturmwind pfeift um nackte Zweige,
und der Rasenplatz ist schlammig.
In mein Los ergeben neige
ich das Auge. Gottverdammich!

Reinhard Rakow
Februar

Draußen hat´s lausige achteinhalb Grad
Und beim Blick aus dem Fenster frierst du
Die Sonne hat lange sich rar gemacht
Der Wind frischt auf und du siehst ihm zu
Wie er Pfützwasser schaumschlägt

Das Wetter zeichnet sich aus durch Tiefdruck
Und du hast zu nichts richtig Lust
Beim Bäcker die Papierfetzen fliegen tief
Der Köter vorm Eingang duckt unbewußt
Sich ganz klein gegen den Wind

Durchs Fenster dringt sowas wie Nichtlicht
Und du drehst träg den Dimmer auf
Die Akte auf dem Schreibtisch bleibt unberührt
Es läßt dich kalt und du nimmst gar in Kauf
Daß die Bilanz ziemlich schief liegt

Du kennst solche Momente noch vom letzten Jahr
Und weißt daß nichts bleibt. Alles fließt.
Dieses kommt jenes geht. Wenig ist gewiß
Nur der Kalender zeigt Februar. Du siehst :
Nicht lang mehr bis Frühling beginnt.

Friedrich Rückert (16. Mai 1788 - 31. 1. 1866)
Du

Du bist die Ruh'
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug' und Herz.

Kehr' ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust!
Voll sei dies Herz
Von deiner Lust.
            
Dies Augenzelt
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
O füll' es ganz.

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