24 - 04 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
in memoriam

sind sprachlos manch´ leut, es weinen
die witwe, der bruder, das kind.
die nachbarn schieben im rollstuhl
´nen krüppel, verkleidet, mit kleinen
kindshändchen, steinversteift und blind.

der alte neben der türe
schwitzt schorfgesichtig und rot.
die fettel an seiner seite
fragt, was so´n krüppel spüre
und greift sich das nächste wurstbrot.

der kaffee füllt dampfend die kannen,
das schmatzen andächtig den saal.
den toten spülen sie runter
mit klarem, bevor von dannen
sie aufbrechen zum nächsten mahl.

arzt und der pfarrer ratschlagen:
war´s wegen schnaps? oder we´n des katharrhs?
der krüppel spuckt brei aus kuchen.
die witwe will´s tapfer ertragen.
die fettel rülpst sauer.  das war´s.

Reinhard Rakow
Wintermorgen

Natürlich, wir wussten, dass es so kommt, manch
Wort war lang schon verjährt, zu Frost erloschen,
Der Anspruch auf- und untereinander
Verbraucht im Laufe der Zeit...
Dem Würgegriff die Adern schutzlos
Überlassen der Winde.

Winterlieder war´n wärmer einst, lautloser
Der Habicht, sein Sturz aus dem Baum,
Schärfer die Krallen, die schlugen ins Aas;
Leuchtender aber der Schein
Von Lagerfeuern brennender Kälte
In unser Gedächtnis.

Dies durchsichtig kalte Blau!  Des Morgens, wenn
Es dem Rot wich, weil keiner wußte, wohin
Des Weges.  Doch sinnlos, folgend dem
Eingeständnis, fiel leise
Und tanzt´, als wär´s ein besoffenes Kind,
Ausgelassen so: Schnee --

Ach!, der Eisvogel ist lang´ schon verzogen
In günstig´re Gefilde; unwirtlich
Die Zonen, da tropfte, wenn´s taute, Blut...
Wohlig in weiche Wasser
Tauchet die Sonn´ ihr funkelnd Gefieder,
Perlen reihen am Draht.

Reinhard Rakow
Wintermorgen

Scherenschnittschwarzweiß im Garten
Schlammschneetiefschläge bei Nacht    
Krähen um Schornsteine knarrten
Krallen im Frostgrund frei scharrten
Faulfleisch, der Not zugedacht

Bauern verloren die Herde
Bettler erfroren zu Tod        
Kein Stein, der sie beschwerte
Kleine Leichname deckt´ Erde
Raureif und ein Morgenrot —    

Manchmal erwach ich zum Leben
Manchmal erschreckt wie ein Kind
Wohin Gedanken mir streben
Wohl zu im Herzen dem Splint.

Reinhard Rakow
von wonnenglanz umgeben
oder
tannhäuser lyncht juden

1.
im innern des venusbergs
findet sich tannhäuser
des genusses all der lüste
überdrüssig
und lyncht

juden sie
taumeln und fallen sie
krampfen und lallen das gemetzel
ist hübsch anzusehn
auf biederer bühne

zum zweihundertsten jahrtag
der geburt dueses deutschen genies
mit dem tristanakkord und
dem rassenwahn
in der großmannsuechtigen birne

ein beitrag opportun nein
überfällig sollte man meinen
zweihundert jahre nach wagner
einhundertdreiundsechzig jahre nach
seinem JUDENTHUM IN DER MUSIK
zweiundsiebzig jahre nach auschwitz

ein muss eigentlich
schwulst und boden aufzuzeigen
im schauspiel in concert diesem ort
der orgie der bourgeoisen
wohlanständigkeit
die bigotte maske der ignoranz
ein wenig zu lüpfen
durch einen blick
auf die folgen

2.
den kaum einer erträgt
vorgeblich
berührt im innersten aufgewühlt
vorgeblich
durch die zeugenschaft des unerwarteten
durch den anblick des unsäglichen
ekels ringt ein
vorgeblich
mitleidendes publikum um
fassung luft und ärztlichen beistand um
ein ende der zumutung
sich zu erinnern

3.
aufrichtigkeit nichtwissen oder freundlichkeit
vortäuschend heuchlerisch
erklären nachgeborene phärisäer
wie angela merkel
den schutz israels zur staatsdoktrin
zwischen zwei wallfahrten nach bayreuth

verhandeln ihre furchtbaren juristen
die letzte quisquilie der anspruchsvoraussetzungen
für entschädigungen nach zwangsarbeit
oder für rente nach arbeit im ghetto
wissend um
im rücken die zeit
der finalen biologischen lösung
die den rentenkassen
millionen erspart

gießen berufsgedenker die reste
kollektiven gewissens
in stein stahl und stelen
monströse gebilde oder niedlich
blinkende stolpersteine
die sich so schön
in ein stadtbild integrieren
ohne zu stören
als fußabtreter

stöhnen konzertbesucher
von wonnenglanz umgeben
vom schein der heiligkeit
unter der last
der vergegenwärtigung sich
erinnern
zu müssen
bis der arzt kommt

4.
mein vater
sagt die eine
hat auschwitz überlebt
als einziger aus unserer familie
ach ja
sagt die andere
wir haben auch viel verloren
damals als dresden brannte —


(Juni 2013 - Zur Absetzung der Düsseldorfer Neu-Inszenierung von Wagners "Tannhäuser")

Reinhard Rakow
Ein Faschist

Ich bin gerecht. Denn Leistung muss sich lohnen.
"Jedem das Seine" ist mein Lieblingswort,
"Von nichts kommt nichts" die Losung zum Rekord,
Der mir verhilft, vor anderen zu thronen.

Wie bitte kann man Stier und Maus vergleichen?!
Dieser wurd´ so, sie aber anders programmiert
Von der Natur, die alles trefflich arrangiert,
Wir dürfen nicht die Artgrenzen verweichen —

Scharf von Geist, ein Leib aus Stahl und fein der Stall:
Das ist der edle Grund, drauf Bestes nur gedeiht,
Die Macht zu mehren, die sich unsren Kreisen weiht,

"Geld kommt zu Geld": Ja, so geschieht´s, von Fall zu Fall,
"Geld hat man – oder nicht": Den Schwachen nur gebricht´s
An ihm. Weshalb? "Denn hast du nichts, so bist du nichts!"

Reinhard Rakow
Taubentage

Man wartet auf den Brief, den niemand schrieb:
Die gute Nachricht, die den Tag erhellt,
Für die entführten Wünsche bar das Lösegeld,
Für die begrabnen Träume Freiheit wie Auftrieb.

Der Moment, der alles, alles wendet:
Zum Licht die Nacht, die Pleite zum Erfolg,
Der endlich Anerkennung schafft dir breit im Volk:
Ein Wahn, mehr nicht!, verblendet, unvollendet.

Der Wind treibt träge Tauben vor sich her.
Wieder ein Sommer mehr, der zu rasch vergangen.
Wieder ein Jahr. Du aber bleibst übergangen.

Nutzlos die Klingel schweigt — vielleicht zu sehr...
Wieder ein Tag lauter Schreie der Wände,
Wieder ein Tag näher, vertrauter dem Ende.

Reinhard Rakow
ich liebe die stille

ich liebe die stille
über den dächern
im fahlen blau
eines morgens im winter

den raureifpelz
hingegeben
den reinen
seligen straßen

den stummen
flug einer amsel
aus dem leeren
vogelbeerbusch

das verlorene licht
der frühaufsteher
sonntags gegen zehn
vorm horizont

und den behutsamen tritt
des zeitungsboten
und das schweigende eis
auf den pfützen

ich liebe die glut
deines lächelns.

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