24 - 06 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Eduard Mörike (1804 - 1875)
Auf eine Lampe

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,
An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,
Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs.
Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand
Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht,
Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn.
Wie reizend alles! lachend, und ein sanfter Geist
Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form —
Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?
Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.

Charles Baudelaire (1821 - 1867)
Musik

Oft trägt mich die Musik, dem Meere gleich.
Zu meinem bleichen Stern,
Durch Nebelrauch, durch Lüfte klar und weich
Ich segle fern.
Das Antlitz aufwärts und die Brust voran,
Die Lunge kraftgefüllt,
So stürm' ich kühn den Wogenberg hinan,
Den mir die Nacht verhüllt.
Und fühle alle Leiden mich erbittern,
Die je ein Schiff erlitt,
Den leisen Wind, den Sturm, sein krampfhaft Zittern.
Den Abgrund fühl' ich mit.
Doch manchmal ist der Spiegel flach und weit,
Der Spiegel meiner Hoffnungslosigkeit.

Friedrich Rückert (1788 - 1866)
Nie noch war ein Januar

Nie noch war ein Januar
So gelind,
Und sogar im Februar
Frühlingswind,
Wie in diesem Jahr
Wunderbar
Beide Monde sind.

Nie doch war im Januar
Sturm und Wind,
Nie im Jahr der Februar
Ungelind,
Wie auf immerdar
Mir dies Paar
Unglücksmonde sind.

Auf der Bahr im Januar
Lag mein Kind;
Bringst du dar, o Februar,
Kranzgewind?
Deine Tage klar
Nehmen wahr
Augen thränenblind.

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Die alte Uhr

Bald hättest, alte Rathausuhr,
du nimmer dürfen Stunden weisen;
sie hätten bald in altem Eisen
versplittert deine letzte Spur.

Der Geizhals hätt zum letztenmal
sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,
zum letztenmal der Tod mit Glotzen
geschwungen seinen Sensenstahl.

Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.
Und heut noch kräht er; freilich heiser,
noch nickt der Geizhals fort, und leiser
droht ihm des Todes Majestät.

Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929)
Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer

Wenn endlich Juli würde anstatt März,

Nichts hielte mich, ich nähme einen Rand,
Zu Pferd, zu Wagen oder mit der Bahn
Käm ich hinaus ins schöne Hügelland.

Da stünden Gruppen großer Bäume nah,
Platanen, Rüster, Ahorn oder Eiche:
Wie lang ists, daß ich keine solchen sah!

Da stiege ich vom Pferde oder riefe
Dem Kutscher: Halt! und ginge ohne Ziel
Nach vorwärts in des Sommerlandes Tiefe.

Und unter solchen Bäumen ruht ich aus;
In deren Wipfel wäre Tag und Nacht
Zugleich, und nicht so wie in diesem Haus,

Wo Tage manchmal öd sind wie die Nacht
Und Nächte fahl und lauernd wie der Tag.
Dort wäre alles Leben, Glanz und Pracht.

Und aus dem Schatten in des Abendlichts
Beglückung tret ich, und ein Hauch weht hin,
Doch nirgend flüsterts: "Alles dies ist nichts."

Das Tal wird dunkel, und wo Häuser sind,
Sind Lichter, und das Dunkel weht mich an,
Doch nicht vom Sterben spricht der nächtige Wind;

Ich gehe übern Friedhof hin und sehe
Nur Blumen sich im letzten Scheine wiegen,
Von gar nichts anderm fühl ich eine Nähe.

Und zwischen Haselsträuchern, die schon düstern,
Fließt Wasser hin, und wie ein Kind, so lausch ich
Und höre kein "Dies ist vergeblich" flüstern!

Da ziehe ich mich hurtig aus und springe
Hinein, und wie ich dann den Kopf erhebe,
Ist Mond, indes ich mit dem Bächlein ringe.

Halb heb ich mich aus der eiskalten Welle,
Und einen glatten Kieselstein ins Land
Weit schleudernd, steh ich in der Mondeshelle.

Und auf das mondbeglänzte Sommerland
Fällt weit ein Schatten: dieser, der so traurig
Hier nickt, hier hinterm Kissen an der Wand?

So trüb und traurig, der halb aufrecht kauert
Vor Tag und böse in das Frühlicht starrt
Und weiß, daß auf uns beide etwas lauert?

Er, den der böse Wind in diesem März
So quält, daß er die Nächte nie sich legt,
Gekrampft die schwarzen Hände auf sein Herz?

Ach, wo ist Juli und das Sommerland!

Georg Hecht (1885 - 1915)
Leichnam

Schon war das Hindernis von Leichen
übersprungen, da traf die Stirn das Blei.
Er brach im Kreuz zusammen, ohne Schrei,
hintüber, zuckte kaum. Auf seinesgleichen

lag er, vor ihm fielen eben andre drei,
so daß sein Fuß in ihren Weichen
sich verhenkte, und er, ein aufrecht Zeichen,
steckend stehen blieb. Die Arme waren frei

und halb erhoben aus der Lache
Von Blut und Erde, fest in steter
Andachtsbeugung der antiken Beter,
zeugend Wort und Sinn der fremden Sache.

Elke Lasker-Schüler (1869 - 1945)
Ich weiß

Ich weiß, dass ich bald sterben muss
Es leuchten doch alle Bäume
Nach längst ersehntem Julikuss

Fahl werden alle Träume –
Nie dichtete ich einen trüberen Schluss
in den Büchern meiner Reime.

Eine Blume brichst du mir zum Gruß –
Ich liebe sie schon im Keime.
Doch ich weiß, dass ich bald sterben muss.

Mein Odem schwebt über Gottes Fluss
Ich setze leise meinen Fuß
Auf den Pfad zum ewigen Heime.