24 - 06 - 2018

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Georg Heym (1887 - 1912)
Die Schläfer
(Jakob van Hoddis gewidmet)

Es schattet dunkler noch des Wassers Schoß,
Tief unten brennt ein Licht, ein rotes Mal
Am schwarzen Leib der Nacht, wo bodenlos
Die Tiefe sinkt. Und auf dem dunklen Tal,

Mit grünem Fittich auf der dunklen Flut
Flattert der Schlaf, der Schnabel dunkelrot,
Drin eine Lilie welkt, der Nacht Salut,
Den Kopf von einem Greise gelb und tot.

Er schüttelt seine Federn wie ein Pfau.
Die Träume wandern wie ein lila Hauch
Um seine Schwinge, wie ein blasser Tau.
In ihre Wolke taucht er, in den Rauch.

Die großen Bäume wandern durch die Nacht
Mit langem Schatten, der hinüber läuft
Ins weiße Herz der Schläfer, die bewacht
Der kalte Mond, der seine Gifte träuft

Wie ein erfahrner Arzt tief in ihr Blut.
Sie liegen fremd einander, stumm, im Haß
Der dunklen Träume, in verborgner Wut.
Und ihre Stirn wird von den Giften blaß.

Der Baum von Schatten klammert um ihr Herz
Und senkt die Wurzeln ein. Er steigt empor
Und saugt sie aus. Sie stöhnen auf vor Schmerz.
Er ragt herauf, am Turm der Nacht, am Tor

Der blinden Stille. In die Zweige fliegt
Der Schlaf. Und seine kalte Schwinge streift
Die schwere Nacht, die auf den Schläfern liegt
Und ihre Stirn mit Qualen weiß bereift.

Er singt. Ein Ton von krankem Violett
Stößt an den Raum. Der Tod geht. Manches Haar
Streicht er zurück. Ein Kreuz, Asche und Fett,
So malt er seine Frucht im welken Jahr.

Hugo Ball (1856 - 1927)
Intermezzo

Ich bin der große Gaukler Vauvert.
In hundert Flammen lauf ich einher.
Ich knie vor den Altären aus Sand,
Violette Sterne trägt mein Gewand.
Aus meinem Mund geht die Zeit hervor,
Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.

Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet,
Der hinter den Rädern der Sonne steht.
Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,
Flieg ich im Dunste der Lügengebete.
Das Tympanum schlag ich mit großem Schall.
Ich hüte die Leichen im Wasserfall.

Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer,
Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer.
Hysteria clemens hab ich besungen
In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen.
Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat
Streu ich der Worte verfängliche Saat.

Heinrich Heine (1797 - 1856)
Die alten bösen Lieder

Die alten, bösen Lieder,
Die Träume schlimm und arg,
Die laßt uns jetzt begraben,
Holt einen grossen Sarg.

Hinein leg ich gar Manches,
Doch sag ich noch nicht was;
Der Sarg muß sein noch größer
Wies Heidelberger Faß.

Und holt eine Totenbahre,
Von Brettern fest und dick:
auch muß sie sein noch länger
Als wie zu Mainz die Brück.

Und holt mir auch zwölf Riesen,
Die müssen noch stärker sein
Als wie der heilge Christoph
Im Dom zu Köln am Rhein.

Die sollen den Sarg forttragen
Und senken ins Meer hinab,
Denn solchem grossen Sarge
Gebührt ein grosses Grab.

Wißt ihr, warum der Sarg wohl
So groß und schwer mag sein?
Ich legt auch meine Liebe
Und meinen Schmerz hinein.

Paul Verlaine (1844 - 1896)
Übersetzung: Wolf Graf von Kalckreuth (1887 -- 1906)
Caspar Hauser singt:

Als schlichter Waise, reich genug
An meiner Augen stillem Scheine,
Kam ich zur Stadt, fremd und alleine,
Die Männer fanden mich nicht klug.

Mit zwanzig Jahren wurde ich
Im Feuer der verliebten Sinne
Der Weiber süsser Schönheit inne:
Doch freilich schön fand keine mich.

Wenn auch in keines Königs Sold,
Ich Heimatloser Ruhm erworben,
Wär' gern ich doch im Krieg gestorben,
Doch hat der Tod mich nicht gewollt.

Kam ich zu früh, kam ich zu spät
In diese Welt voll herber Trauer?
Was soll mir, ach, des Lebens Dauer?
Denkt an mich Armen im Gebet!

Oskar Loerke (1884 -1941)
Spiegel

Noch bin ich das Auge,
Aber die Braue wird schon grau,
Die unverleidete Träne rinnt nicht mehr.

Spinnweb mischt sich den Schläfenhaaren,
Die Hand im gläsernen Widerbilde
Hascht es vergeblich, sie streicht es nicht fort.

Tonlos regt sich die Lippe: das Glas erblindet.
Fliegenschmutz bildet Figuren im Raume,
Die Flecken fressen um sich vom Licht.

Die Welt hinter ihnen läßt sich fallen
Und sinkt zurück. Die Ströme versinken
Und nehmen mit sich die langsamen Sonnen –
Die haben einmal in ihnen gebadet.

Theodor Fontane (1819 - 1898)
An meinem Fünfundsiebzigsten.

     Hundert Briefe sind angekommen,
Ich war vor Freude wie benommen,
Nur etwas verwundert über die Namen
Und über die Plätze, woher sie kamen.

     Ich dachte, von Eitelkeit eingesungen:
Du bist der Mann der „Wanderungen",
Du bist der Mann der märk'schen Gedichte,
Du bist der Mann der märk'schen Geschichte,
Du bist der Mann des alten Fritzen
Und derer, die mit ihm bei Tafel sitzen,
Einige plaudernd, andre stumm,
Erst in Sanssouci, dann in Elysium;
Du bist der Mann der Jagow und Lochow,
Der Stechow und Bredow, der Quitzow und Rochow,

Du kanntest keine größeren Meriten,
Als die von Schwerin und vom alten Zieten,
Du fandst in der Welt nichts so zu rühmen,
Als Oppen und Groeben und Kracht und Thümen;
An der Schlachten und meiner Begeisterung Spitze
Marschierten die Pfuels und Itzenplitze,
Marschierten aus Uckermark, Havelland, Barnim,
Die Ribbecks und Kattes, die Bülow und Arnim,
Marschierten die Treskows und Schlieffen und Schlieben –
Und über alle hab' ich geschrieben.

     Aber die zum Jubeltag kamen,
Das waren doch sehr, sehr andre Namen,
Auch „sans peur et reproche", ohne Furcht und Tadel,
Aber fast schon von prähistorischem Adel:
Die auf „berg" und auf „heim" sind gar nicht zu fassen,
Sie stürmen ein in ganzen Massen,
Meyers kommen in Bataillonen,
Auch Pollacks und die noch östlicher wohnen;
Abram, Isack, Israel,
Alle Patriarchen sind zur Stell',
Stellen mich freundlich an ihre Spitze,

Was sollen mir da noch die Itzenplitze!
Jedem bin ich was gewesen,
Alle haben sie mich gelesen,
Alle kannten mich lange schon,

Und das ist die Hauptsache ..., „kommen Sie, Cohn".

Reinhard Rakow
Einem Maler


Gib zu: Du suchst mit jedem Bild das letzte,
Das Bild der Bilder, in dem alles stimmt,
Das den Betrachter als Gefangnen nimmt,
In das er zaubrisch sich hineinversetzte

Beim ersten Augenblick, nein: schon lang vorher
In seinen Träumen, die er mit sich trug
Ein ganzes Leben, für den Atemzug
Zwischen Erkenntniswunsch und Nimmermehr,

In dem du´s maltest: Dank einer Fügung Gunst
Zur Essenz konzentriert all deiner Werke,
All deines Scheiterns, Ringens, Überwindens,

Summe des Wissens, Erfahrens, Empfindens:
Dem stets du strebtest zu in fester Stärke,
Doch nie erreichen wirst durch alle Kunst.