22 - 02 - 2018

Kirkeby in Emden

Was ist das? Eine Marschlandschaft? Mit zackig verspringenden Knicks? Oder Flüssen und Wegen? Aus welcher Sicht denn? Ist das überhaupt eine Landschaft? Das Krikelkakel aus der leergequetschten Farbtube, die Schlangenlinie da? Oder ein Pilzmycel, vergrößert? Oder hat der Maler eine Doppelhelix gemalt? Und das: Schilfpflanzen im Wind? Mit schiefen Zäunen drumrum? Oder sind das Farne? Ich weiß, dass ich nichts weiß.

"Prototypen der Natur" lautet der Titel einer Ausstellung mit Werken des dänischen Malers Per Kirkeby in der Kunsthalle Emden, rund hundert Gemälden, Masonit- und Papier-Arbeiten, die sein zentrales Thema — Landschaft, Natur und Erkenntnis — grandios fokussiert. Zu der Konzeption der Schau, die einen Zeitraum von den späten Siebzigern bis in die Gegenwart abdeckt, kann man Kurator Nihls Ohlsen nur beglückwünschen; maßgeblich ihm ist auch zu danken, dass Kirkeby selbst an der Auswahl mitwirkte und bei der Ausstellungseröffnung anwesend sein wird (Samstag, 8. April, 18.30 Uhr im VHS-Forum, ggü. der Kunsthalle).

Per Kirkeby, 1938 geboren, gilt als bedeutendster Maler Dänemarks. Weit gereist, vielsprachig und umfassend gebildet verkörpert er wie kaum ein anderer Zeitgenosse den Typus des im Novalisschen Sinne vollkommenen Künstlers. Das Œuvre des promovierten Geologen umfasst u.a. Plastik, Architektur, Film, Essay, Prosa und Lyrik. In den Sechzigern und frühen Siebzigern erprobte er "Anti-Kunst"-Kunst, Happenings, Fluxus, Pop- und Concept Art; eine "richtige" Kunstschule besuchte er nie, um sich nicht verbiegen zu lassen. Wiederholt war er Documenta-Teilnehmer, 1978 wurde er Professor an der Kunstakademie Karlsruhe. In jener Zeit wendet er sich mit den Mitteln des Informel der Landschaftsmalerei zu und entwickelt seine ganz eigene Bildsprache. Über tausend Ölgemälde entstehen seither, Respekt heischend durch die Wucht ihres Duktus, (die durch das Format oft noch gesteigert wird), erregend durch das Flirren der in unzähligen Schichten aufgetragenen Farbe, anziehend durch eine sinnlich erfahrbare Assoziationsmacht, die ihnen wie ein Sog innewohnt.

Landschaft, Natur und Erkenntnis: Was heißt das? Pflanzen formen Landschaft, sie wachsen, sterben ab, bilden Ablagerungen, die die Landschaft verändern, und so fort, und dazwischen der Mensch mit seinen Mühen, etwas zu verstehen, über die Erdzeitalter hinweg. Alles ist Landschaft, alles Natur, auch wir selbst: Kirkeby reizen die Wechselbeziehungen, die Transformationsprozesse und ihre Offenheit. Seine Suche nach dem "Wesen der Dinge", den "Prototypen der Natur", entspringt gleichermaßen wissenschaftlichem Forscherdrang wie, er räumt es ein, dem blauen Quell der Romantik. Doch Ziel ist nicht, Natur abzubilden. Ziel ist vielleicht, aus dem "Nachbild", das die Erinnerung an Natur in uns hinterließ, ein neues, wahrhaftiges Zeichen für das zu finden, was Natur tatsächlich ausmacht.

Und der Betrachter? Er fällt in die Bilder, verliert sich in ihnen. Er ahnt, was gemeint ist, doch vermag nicht, es in Worte zu fassen. Dort ein Anklang an Fels oder Baumstamm, da der Nachhall vielleicht einer Höhle, ein Geruch von Fäulnis, das Aroma von Sommer, von Herbst, der Geschmack von Luft, Wasser, Erde, die Empfindung von Hitze und Glut. Die Verweise scheinen zum Greifen nah, aber entziehn sich umso totaler, je näher man ihnen zu kommen vermeint: Bilder voller Magie, rätselhaft faszinierend, faszinierend rätselhaft.


zur Ausstellung in der Kunsthalle Emden April bis Juni 2006