28 - 05 - 2018

Johannespassion

Dass Kunst nicht etwa nur um ihrer selbst willen vom Himmel gefallen ist, sondern dass ihr eine irdische Funktion zukommt, deren Bewertung noch dazu dem Wandel der Zeiten unterliegt: Woran besser ließe sich das diskutieren als an Bachs Johannespassion? Zweifellos pointiert das Werk zentrale Aspekte des protestantischen Glaubens. Zweifellos ist aber auch, dass Text und Musik diese Pointierung einseitig und historisch falsch zu Lasten "der Jüden" vollziehen, ein Umstand, den die Nazis begierig für sich ausnutzten. Muss man dem Werk deshalb wie weiland Hans Zender etwa Schönbergs "Überlebende von Warschau" voranstellen? Das wohl gerade nicht. Aber für einige Zeilen zu Bachs und Luthers Judenbild, zur Text- und Rezeptionsgeschichte der Passion wäre im Programmheft zur Doppelaufführung am 18./19.03. in Ansgari schon noch Platz gewesen.

 

Dem Kritteln am Großenganzen folgt Jubel im Kern. Zwar dosiere man Superlative nur sparsam, sie nutzen sich ab. Und dennoch: Diese Aufführung der Johannespassion dürfte, womit schon hoch gelobt ist, zum Besten zählen, was jemals in der mit Konzerthöhepunkten so verwöhnten Ansgari-Kirche zu hören war. Glückhaft makellos, beglückend vollkommen beeindruckte sie durch eine kaum für möglich gehaltene Geschlossenheit von theatralischer Wucht und intimster Zartheit, von lyrischer Innerlichkeit und expressiver Zerrissenheit. Lebendigkeit, Authentizität und Plastizität dieser Aufführung lassen selbst angebliche Referenzaufnahmen blass und blutleer erscheinen. Ob Leiter Johannes von Hoff seinen Ausführenden einen hohen Pulsschlag, dramaturgische Intelligenz und Geschmeidigkeit verordnete? Befolgt jedenfalls hätten es alle: Das Ensemble "La Dolcezza" mit donnergrollenden Streicherwellen und schmerzlicher Bläserklangrede, der Chor der "Ansgari-Kantorei" aufwühlend dramatisch, verinnerlicht betrachtend und verklärend, die Solisten, die den jeweiligen Part markant kolorierten. Vor allen begeisterte Hermann Oswald, Tenor, als kraftvoller Evangelist mit feiner Stufung zwischen reportierender und teilnehmender Berichterstattung. Beate Koepp, Alt, Johannes Happel (Bass, Jesus) und Stephan Schreckenberger (Bass, Arien) gefielen gleichermaßen.

 

Ein Sonderlob gebührt dem Chor, der die ihm von Bach zugedachte zentrale Rolle triumphal ausfüllte. Erbaulich anrührend seine Choräle, seine Turbachöre kraftvoll exzessiv, heulend und peitschend — ein Spannungsbogen aus der ganzen Bandbreite chorischer Gesangsdynamik, voll unerhört moderner, fast beethovenscher Zerrissenheit, in dem diese Johannespassion kongenial kulminierte.

2006


Es ist garnicht so lange her, dass die Aufführungspraxis Bachs Johannespassion mied, um sich nicht dem Verdacht des Antisemitismus auszusetzen; schließlich hatten die Nazis den Evangelientext, der mit dem Volk der Juden nicht eben zimperlich umgeht, freudig für ihre Zwecke benutzt. Mag auch ein Daniel Barenboim bekennen, er habe noch immer seine Schwierigkeiten mit dem Werk: Die Zeiten der Skrupel sind wohl vorbei, und mit ihnen auch das Bedürfnis, Gedanken an Geschichte zu verschwenden. Als ob es gälte, alle unterlassenen Aufführungen nachzuholen, wird heuer landauf, landab Johannespassion gegeben, allein im Oldenburger Land in der diesjährigen Passionszeit fünfmal.

Für den Musikliebhaber kann das, wie auch die Aufführung in der Vareler Schlosskirche unter Leitung von Thomas Meyer-Bauer unter Beweis stellte, durchaus immer neuer Grund zur Freude sein, markiert das Werk doch Höhepunkte in Bachs Kontrapunktik, seinem Umgang mit Chormassen und nicht zuletzt, fast schon als Wegweiser zu Beethovenscher Expressivität, eine der Zeit weit vorauseilende Zerrissenheit und Ausdrucksstärke. Der stete Wechsel der Perspektiven — erzählend, betrachtend, andächtig — wirkt kurzweilig, ist aber für (wenigstens) Tenor und Chor mit höchsten Anforderungen verbunden; auch den übrigen Solisten und dem Ensemble wird einiges, zumal an Differenzierungsvermögen, abverlangt.

Die Vareler Aufführung bestach vor allem durch ihre Solisten, zuvörderst in Gestalt von Berhard Scheffel, eines international erfahrenen Interpreten, der auch schon mit Helmut Rilling zusammengearbeitet hat. Scheffel begeisterte als ein Evangelist und Tenor, der dank splendider musikalischer Intelligenz Rollen und Farben ansatzlos zu konturieren vermag, transparent und unprätentiös, mit beeindruckender Bandbreite in Dynamik wie Volumen bei dennoch lyrischem Grundton. Ivo Berkenbusch (Bass, Pilatus) stand dem nichts nach; mit faszinierender Modulatorik bewegte er sich zwischen inniger Andächtigkeit und markantem Dunkel. Jutta Potthoff, Sopran, überzeugte durch gleichsam kristalline Klarheit der Stimme wie durch die naturhafte, vollends ungezwungene Art ihres Vortrags. Auch Andreas Kruppa, ein stimmgewaltiger Bass, und Annette Gutjahr, Alt, mit einer Stimme voll herbstlich glimmendem Schmelz, gefielen.

Entfalten konnten sich die Solisten vor einer feinen Leistung von Chor und Orchester. Schlosskirchenkantor Meyer-Bauer hatte eher verhaltene Tempi gewählt, die das Aushören beförderten, ein durchaus reizvoller Kontrast zur alerten Flexibilität etwa des Evangelisten. Doch kamen so die spezifische Klanglichkeit historischer Instrumente, die das auf Musik des 17. und 18. Jahrhunderts spezialisierte Kammerorchester "Le nuove misoche" klangschön zu inszenieren verstand, und die satte volle Macht der warm kolorierten Stimmen des Chores besonders eindrücklich zur Geltung.

2008

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