23 - 05 - 2018

Kasarova

Wege zum Rausch gibt es viele: Man kann sich die Birne mit Lambrusco vollknallen. Man kann aber auch das Bukett eines edel gereiften Cabernet Sauvignon auf sich einwirken lassen, ihn verkosten, genießen, bis die Wogen anfluten. Man kann sich dem blendenden Glanz, der manche Superdiva umgibt, ergeben, das Gekreische bestaunen und ihren artistischen Kehlkopf. Man kann aber auch einer Sängerin lauschen, die wahrhaftig groß ist, weil sie vermittelt, was in keinem Programm steht, und ungläubig staunen und immer wieder sich freuen, bis zur Verzückung.

Vesselina Kasarova, die aus Bulgarien stammende Mezzosopranistin, triumphierte. Das Recital, das sie zusammen mit Charles Spencer am Flügel in der Glocke gab, hat gute Aussichten, in die Annalen des Bremer Musikfestes einzugehen: Der Veranstalter, bereits von einer Absage gebeutelt, bittet den zweiten Absager um Hilfe bei der Suche nach Lückenfüllern. Der besinnt sich einer lieben Kollegin, die zwar gerade mit der Familie urlaubt, aber mit seinem Klavierbegleiter schon mal zusammengearbeitet hat und also einspringt. Am Sonnabend reiste die Kasarova aus Zürich an, sang abends mit dem Orchester Mozart und hatte dann keine zwei Tage, mit Charles Spencer zu proben. Dass dabei nichts Gutes herauskommen könne, mutmaßten viele; die kamen, konnten ihr Glück kaum fassen: das einer fast freien Platzwahl und das eines grandiosen Abends.

Eines Abends, an dem wenig war wie gewohnt: Statt wallenden Tülls, dekolliert, als Primadonnengewand ein weißer Hosenanzug. Statt aufgeblasener Dauerwelle das lange Haar herb gescheitelt, nach hinten gezähmt, viel Stirn. Das androgyn kühle Outfit ist Botschaft: Nicht die Oberfläche zählt. Hört hin! Hört hin, wie eine Stimme einem Quell klar entspringt, naturhaft, von selbst. Wie sie Silben gebiert, Sinn modelliert, wie sie Schatten legt, Farben sprüht, Lichter. Haydn, die Ariana. Die ersten Phrasen genügen, das Auditorium zu bannen. Ein leiser Beginn, beherrscht, ausformuliert, der sofort den weiten Raum füllt, in ihm verweilt, von knappsten Gesten begleitet. Jeden Takt, jeden Ton bietet sie dar als singuläres Kleinod; streng, meisterlich baut sie kühne Brücken der Spannung. Oder Händel, "Mi Lusinga": Es gibt Sängerinnen, die diese Arie zur Darstellung ihrer olympischer Fähigkeiten — höher, schneller, lauter — gebrauchen. Nicht so die Kasarova. Sie singt, wie andere atmen, scheinbar unangestrengt, unprätentiös und überläßt doch nichts dem Zufall. Eine beschränkte Palette, delikat nuanciert, das grenzenlose dynamische Spektrum, über das sie gebietet, indes nur verhalten jongliert, vereinen sich zu Unerhörtem: Verständlichkeit des Textes. Sie ist die Königin der aufreizenden Entschleunigung, der kalkulierten Sinnlichkeit, des ekstatischen Kalküls, der Glut, die unter der Oberfläche lodert. Hat man je Gluck-Arien aufregender gehört? Rossini je mitreißender? "L´amour..", die Arie der Carmen, eine der Zugaben, jemals lockender, erotischer, rebellischer?

Als der erste Jubel aufbrandete, hielt es die Kasarova nur kurz an der Rampe. Dann wandte sie sich Charles Spencer zu, der sie seelenverwandt am Flügel begleitet, als hätte er seit Jahren nichts andres getan, ihn zu umarmen und sich mit ihm von Herzen zu freuen. "Ich muss eine Rolle nicht schreien. Ich muss sie fühlen", hat sie einmal gesagt. Wer sie in der Glocke erlebte, verstand.


zum Konzert in der "Glocke" Bremen, September 2004