22 - 02 - 2018

Günter Berger

Dies Foto weiß vieles von ihm: Halbprofil, fein geschnitten, Blick in die Ferne, der Kopf konturiert durch den akkurat gezirkelten Kinnbart, geflochtener Hut. Den Augen, im Licht zusammengekniffen, merkt man an, wie verschmitzt sie schauen können. Titelvorschlag: "Woanders".

Günter Berger heißt der Porträtierte, und man darf ihm demnächst wieder einmal gratulieren: noch nicht zum Gewinn des nächsten Komponistenpreises, aber zu einem Geburtstag. Am 25. Juli wird er fünfundsiebzig Jahre: jung, nicht alt. Geboren und aufgewachsen im oberschlesischen Oppeln als ältestes von drei Kindern einer katholischen Beamtenfamilie, treibt es ihn früh zur Orgel; notfalls spielt er sie heimlich. Mit sechzehn eine spektakuläre Flucht; Kirchenmusikstudium in Halle/Saale beim berühmten Wunderlich, von dort in den Westen. Kantorendienst in Delmenhorst. Lehraufträge, Seminare, Dozentur und dann eine Professur für Orgel an der Hochschule in Bremen folgen.

Daneben und neben Orgelkonzerten in aller Welt steht jene intensive Kompositionstätigkeit, für die der Wahl-Dötlinger im letzten Jahr als einer der bedeutendsten Komponisten der Region geehrt wurde. Sein Lehrer Josef Ahrens hatte Bach und Buxtehude auf dem Plan, Reger und Ahrens. Zu wenig, meint Berger und scheut nicht den Konflikt mit dem Meister. Die Suche nach neuen Vorbildern zieht ihn nach Paris. Messiaens Offenheit in Harmonik und Metrik beeindrucken ihn so tief, dass er alles zuvor Komponierte heute als "Gebrauchsmusik" abtut. Erlöst, unbefangen schöpft er fortan den Reichtum der französischen Schule wie die Schlichtheit der Gregorianik. Gebraucht Cluster und Aleatorik, asiatische Skalen, afrikanische Rhythmen. Zitiert Literatur, von Paulus über Enzensberger bis zu eigenen Texten. Bezieht eigene Bildkunst ein. Couragiert und eigenwillig wendet er sich Themen zu, die ihm am Herzen liegen — Krieg und Frieden, Gewalt und deren Folgen, Vermassung und Verweigerung, denn: "Musik kann heute nicht l´art-pour-l´art sein. Sie ist durchdrungen von Wirklichkeit, verflochten mit Literatur, Kunst und Wissenschaft". Erstmals 1991 beteiligt er sich mit einer Komposition im neuen Stil an einem Wettbewerb und gewinnt; zwölf weitere internationale Preise folgen — bisher, er will noch einige erringen.

Und er wird noch einige Reisen unternehmen. Gerne nach Kenia, von wo sein Sonnenhut stammt, ein Hut voller Geschichte: abgängig unter griechischer Sonne, getränkt mit den Wassern der Ägäis, gerettet durch einen Adonis vom nächsten Nacktbadestrand.

Günter Berger zum 75., Juli 2004


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