23 - 05 - 2018

Mahlers Neunte

Kulturarbeit außerhalb der Zentren leidet oft unter dem Mißverständnis, Anspruchs- und Aufnahmebereitschaft des Publikums seien nur unterentwickelt vorhanden, und wenn, auf große und/oder ausländische Namen fixiert.

Zur Führung des Gegenbeweises empfahl sich dieser Tage die Ammerländer Kreisstadt Westerstede. Ins dortige Gymnasium hatte das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen zur Aufführung von Gustav Mahlers Symphonie Nr. 9 geladen, einem Werk, das in seiner Schroffheit und Modernität vielleicht noch mit Beethovens Hammerklaviersonate zu vergleichen ist, beileibe keine Leichtkost. Unter dem Eindruck quälender Todesangst entstanden, entwickelt sich aus dem klagenden Andante des ersten Satzes - für Alban Berg "das Schönste, was Mahler geschrieben hat" - über die grotesken und grellen Scherzi und Rondi der Mittelsätze ein die düsteren Farben des Anfangs aufnehmendes Adagio, schmerzvoll, resignativ, entsagend. Stilistisch gilt das Werk als Höhepunkt und Überwindung der Spätromantik zugleich: Harmonik und Kontrapunktik neigen zur Auflösung, Motivfraktale türmen sich zu mächtigen, teils dissonanten, Ballungen, Hindemith und Strawinsky sind vorauszuahnen, ja doch - Mahlers Neunte "ragt weit hinein in unser Zeitalter" (Kurt Weill).

Das Orchester, einhundertacht Musiker im Alter von sechzehn bis dreiunddreißig, darunter etliche Landes- und Bundespreisträger von "jugend musiziert", nahm sich des sperrigen Werkes mit professioneller Perfektion, großer Ernsthaftigkeit und beeindruckendem Engagement an. Unter der Leitung von Peter Kuhn (37), Generalmusikdirektor zu Bielefeld, wie (der Dirigent) Mahler Verfechter radikaler Werktreue, gelang schon in der geistigen Durchdringung Bemerkenswertes: kammermusikalische Intimität und tiefste Verinnerlichung hier, Unversöhnlichkeit der Stimmen und Zerrissenheit dort, schroff und hart gefügt, existierten gleichberechtigt nebeneinander, durch keine falsche Eleganz geglättet. Diese Stringenz speiste sich aus einer höchst organischen Abstimmung der verschiedenen Instrumentengruppen, von denen jede einzelne wiederum mit geradezu nüchterner Transparenz agierte. Bravourös, wie das junge Orchester so die mannigfachen Klippen nahm. Zumal der an heiklen Farb- und Tempiwechseln überreiche dritte Satz, ohne jede romantisierende Verzärtelung angegangen, strahlte in fast schon bestürzender Brillanz. Vor allem aber faszinierte der Enthusiasmus, mit dem die Musiker zu Werke gingen: welche Freude fürs Publikum, verfolgen zu dürfen, wie diese jungen Menschen mit ihren großen Gaben nicht nur einen "Job erledigten", sondern Mahlers Musik lebten.

Nach langem Innehalten der Versenkung: Ovationen, Trampeln, Bravo-Rufe; die Aula, trotz drückender Schwüle gut gefüllt, tobt. Quod erat demonstrandum.

2005

demonstrandum.