28 - 05 - 2018

Justus Frantz dirigiert

Dass dies ein friedvoller Abend gewesen sei, erfüllt von Kultur, ein Vorbild den Völkern Europas, der Welt — wer wollte dem widersprechen? Hehre Worte, große Gesten sind sein Metier: Justus Frantz, der charismatische Musikprofessor, dessen Charme und Eloquenz die Herzen und Gelder immer wieder so zufliegen, dass seine "Philharmonie der Nationen", ein Orchesters junger Künstler aus ärmeren Ländern, derlei Gedanken auch weltweit zu verbreiten vermag, ab nächster Woche auf Tournee in den USA.

Wieder in Oldenburg, erwies sich Frantz in der Weser-Ems-Halle als Meister der salbungsvoll inszenierten Zugabe, geschmeidige Dankesworte und großmütige Überlassung des Pultes an einen "bedeutenden Oldenburger Dirigenten" (Dieter Holzapfel) inklusive, und im übrigen als Meister im Freistildirigieren. Die fuchtelnden Hände des Maestros, auf der ansonsten konsequent informationsfrei gehaltenen Einladung programmatisch ins Bild gebannt, weit ruderndes Schwingen der Arme und neckische Hopser, den Tutti entgegen (oder auch hinterher) kennzeichnen ein Dirigat, dem Effekt selten, Konkordanz mit dem Orchester jedoch bisweilen abging. Freilich muß Frantz über die Gabe verfügen, Talente zu erkennen und zu binden, denn die Musiker um ihn herum spielen meist weitaus besser als er dirigiert. Meist, wenn auch nicht immer, schon gar nicht vor der Pause, als Beethovens dritte Leonoren-Ouvertüre und Mozarts Haffner-Sinfonie unter intonationstrüben Bläsern und schwächlichen Streichern litten, durch gravitätischen Duktus und flache Dynamik zu amorpher Klangähnlichkeit vereint.

Ganz anders bei der Eroica, Beethovens dritter Sinfonie: Hier ergründete das Orchester jene eigentümliche Spannung des Werkes zwischen Elan und Resignation, Schwermut und Trost, Schmerz und Aufbegehr in meisterhafter Agogik, mit langem, unbeirrtem Atem die großen Bögen bündelnd, und doch die poetischen wie die dramatischen Momente mit leichter, sicherer Hand charakterisierend. Streicher und Bläser gaben sich vorzüglich abgestimmt, spielten sich grazil fein nuancierte Motive zu oder fochten miteinander im gleichberechtigten Dialog, um sich schließlich im prachtvollen Schwung des Finales wiederzufinden.

Drei Zugaben, Schunkelmärsche allesamt, trotzdem langer Beifall. Auf der Verlustliste: an die tausend Besucher im Parkett, die ebenso fehlten wie irgendwelche Informationen zum Programm, und die Werke selbst, deren Wirkung durch Satz-für-Satz-Applaus des darob sichtlich irritierten Publikums erheblich beeinträchtigt war.



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