22 - 06 - 2018

Lechol il jesch schem

Dieser Film ist einzigartig. Eine Stunde lang zeigt er Kinder und Jugendliche in einem Studio, wie sie kleine Szenen spielen, Texte deklamieren und mit Flöten musizieren. Es geht, die schon zu Beginn mit Wucht ins Bild geworfenen Juden-Kennkarten, Viehwaggons und KZs lassen Zweifel nicht zu, um die Ermordung jüdischer Kinder durch die Nazis und ihre Helfer, von anderthalb Millionen jüdischer Kinder, deren Namen hier kaum einer kennt.

Bei den Protagonisten handelt es sich um Mitglieder des Blockflötenensembles OLegretto, einen achtjährigen Jungen und achtzehn Mädchen im Alter von neun bis siebzehn. Ein guter Stern muss sie und die anderen am Film Beteiligten zusammengeführt haben: Die Musiklehrerin Sieglinde Heilig etwa, die den Anstoß gab und bewegte, Bilddokumente, Texte und Musik auswählte, Drehbuch schrieb. Den Filmer Günter Müller, Kamera und Schnitt. Den Klangtechniker Peter Patzer, auch Regie. Die OLegretto-Eltern, die begeistert mitzogen. Klaus Kohse, einer von ihnen, Förderer höchstselbst und mit dem von ihm geleiteten Verein der Blockflötenfreunde.

Dieser Stern ging auf in Jerusalem über der Gedenkstätte Yad Vashem. Dort lässt ein Endlosband Namen und Sterbealter jedes ermordeten Kindes erschallen. Als Ensemble und Sieglinde Heilig vor gut einem Jahr die Stätte verließen, trugen sie die Namen in sich. So tief empfanden alle deren Nachhall, dass man beschloss, ihm eigene Gestalt zu verleihen. "Lechol isch jesch schem", "Jeder hat einen Namen", die Idee zu einem Holocaust-Projekt war geboren, die Arbeit begann. Faktenwissen wurde vermittelt, das Thema erschlossen über Gedichte und Geschichten, über Briefe aus den Lagern, im Schauspielern und Tanzen, im Konstruieren von Geräuschen und Klängen, durch Musizieren. In jüdischen Weisen und in Noten des Belgiers Frans Geyssen fand Sieglinde Heilig Ansätze, die Kindheit der Opfer und das Erinnern musikalisch zu inszenieren; Bart Spanhove vom renommierten Flanders Recorder Quartet half ihr dabei, den jungen Spielerinnen den Weg über die enormen technischen Hürden der Partituren zu meistern.

Dass dieser Stern ein guter gewesen sein muss, belegt der fertige Film, der jetzt in einer Premierenfeier auf dem Patzer-Anwesen in Bekhausen der Öffentlichkeit mit enormen Erfolg vorgestellt wurde. Die bange Frage, ob und wie die Shoa sich von Schülern mit Blockflöten thematisieren ließe, kam erst gar nicht auf. Filmästhetisch, musikalisch wie didaktisch präsentiert sich der Streifen als wohldurchdachtes, mit professioneller Stringenz fokussiertes Meisterwerk, das den Anspruch erheben darf, allen Schülern und allen "Schluss-damit"-Claqueuren vorgeführt zu werden. Eine der Schlüsselszenen des Films zeigt zunächst nichts als das leinwandfüllende Antlitz eines Mädchens, schön, ernst und klar. "Jakob Grünberg", sagt es mit fester Stimme. Und fügt, nach einer Pause, die es braucht, sich zu sammeln, hinzu: "Sieben Jahre". Was seine Stimme nun, bei Angabe des Alters, des Todesalters, ausdrückt — Ungläubigkeit, Mitleid, Erschrecken, Betroffenheit, Scham — raubt einem den Atem.

Die Landesjury von "Jugend musiziert" hat sich trotz brillanten Flötenspiels nicht entblödet, OLegretto mit einem zweiten Platz abzustrafen für die Kombination von Musik und Botschaft. So blieb dem Ensemble der Bundeswettbewerb verschlossen. Seinen Weg machen wird der Film dennoch. Er ist ein Kleinod, das über den Tag und über diese Jury hinaus strahlt.