25 - 09 - 2018

Karasek wird alt

Eine der Lehren des letzten Bücherherbstes lautete: Wer männlich ist, über fünfzig, prominent und noch dazu in der Lage, mehr als nur drei Sätze geradeaus zu schreiben, muss entweder seine Memoiren oder ein Buch über das Altern unters Volk bringen. Auch Hellmuth Karasek, 73, Journalist, Publizist und vieles mehr, zollte dem Tribut und verfasste "Süßer Vogel Jugend", eine Sammlung autobiografischer Erzählungen zum Thema.

Ein halbes Jahr ist das Buch auf dem Markt. In der Zeit hat es dem Autor etliche Interviews, schöne Kritiken und viele Einladungen zu Lesungen beschert — nun auch ins "Theater Laboratorium", wo ihn der gewohnt volle Saal mit gewohnt geneigten Zuhörern erwartete. Ihnen präsentierte er sich gewohnt geschmeidig, von sanguinischer Freundlichkeit, ein beinah Altersloser im fernsehbewährten Outfit. Jovial, eloquent und mit der Gabe des lebendigen Vortrags gesegnet, las er drei Kapitel aus seinem Buch, reicherte sie mit Stegreif-Bonmots an, genoß den Applaus und klappte nach ziemlich genau 45 Minuten den Buchdeckel zu, um noch zwei Witzchen zuzugeben und alsdann Bücher zu signieren. So, als müsse er mit seinen Kräften haushalten, wirkte er dabei nicht. Eher dürfte sich die (altersweise?) Erkenntnis über den Segen der Verknappung ausgewirkt haben.

Wer das Buch noch nicht gelesen hat, wird es nach diesem Quickie wohl lesen wollen. Karasek bezieht seine Position zwischen Alters-Bejublern wie Martin Walser und Henning Scherf einerseits und Alters-Hassern wie Jean Améry oder Philip Roth andererseits. Nein, Altern ist nicht schön. Es macht vergeßlich, schwerhörig und unbeweglich. Nachts liegt man wach und martert sich, und tags kann man sich nicht bücken, wenn einem der Schnürsenkel am Schuh aufgeht. Aber, was solls? "Altern ist der einzige Weg, alt zu werden". An Stelle von existenzialischem Rigorismus setzt Karasek seine Nonchalance, und statt in Fatalismus und Larmoyanz übt er sich in Galgenhumor. Der liest sich, fein in Geschichtchen verpackt, auch viel süffiger und das Lachen darüber, geschickt auf die Schlusspointe gesetzt, befreit ungemein.

"Das auch nicht mehr?!", fragt er im Buch seinen Arzt, als der ihm eröffnet, er werde das Zirpen von Grillen nie mehr hören können. In dieses "auch" lässt er alle Verlustängste und -erkenntnisse so anrührend mitschwingen, dass man nichts anders kann als lachen. Obwohl eigentlich...

2007