22 - 06 - 2018

Marco Goldenstein

der maler malt ein bild. der maler malt ein bild. ein deutscher satz. der maler malt ein bild. ein vollständiger satz. subjekt prädikat objekt. ein satz der sinn macht. der maler malt, subjekt prädikat. malt maler prädikat subjekt: objekt bild. objekt objekt objekt prädikat. bilder malt. welche bilder? "welche bilder! bilder voller prallerei malerei"..., solange du deine füße unter meinen tisch, objekt prädikat subjekt (OPS) bild malt maler, OOPS, bibildmaltmaler, OOOOOOOOOOPS, viele bild, er, solange ich ihr chefredakteur bin, malen sie, oooooooops, ordentliche bilder, subjekt prädikat, objekt, einen ordentlichen hauptsatz, kind, ich will doch nur dein bestes, kind, schreiben sie deutsche sätze, unter meinen tisch, an die staffelei, die einen sinn geben, sinn, verstehen sie: sinn, sinn, sinn, sinn, ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich rumpelstilzchen heiß.

die zeitung lücht nich, morgen freitag, laden die edewechter kunstfreunde zu einer weiteren ausstellung ein, kuck, zu sehen sind arbeiten von marco goldenstein, der laut ankündigung als einer der, oops.

wie viele passen ins rathaus: frage aus dem telefonhörer, ich weiß noch genau, ich hatte gerade, ach so dreissichwisvierzch, eigentlich so nebenbei, is jetzt dreiwisvierwochn her, doch nicht so wichtich, überhaupt sollman sich nicht neemn, überhaupnich, wozu auch, solange du deine füße, kindchen, 1968 geboren in Oldenburg, 1994-2000 Mitglied der Ateliergemeinschaft WEITZ, 68, achtundsechzig!! geboren in Bad, in Bad, in Bahahahad Zwischenaaaan, lebt und arbeitet in Oldenburch, seine Stoffbilder auf gemusterten Dekostoffen ironisieren subjektiv betonten Farbauftrag und triviale Kunsterwartung, geistvoll-ironisch, nur scheinbar naiv, na, hams Sies erkannt, der laut en-wee-zett, der laut ankündigung, die zeitung lücht nich, steht da schwarz auf weiß, direkt neben dem notdienst, augenarzt, trinkwasserversorgung, giftinform, krisentelefon, also: zu sehen sind arbeiten: geistvoll-ironisch, nur scheinbar naiv, ätsch, reingelecht, das war ein zitat aussem brockhaus zu polke, heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der königin ihr kind. oder rauschenberg, robert, robbie, robi, tobi und das fliwatüüt, Malerei und Grafik, schuf sogenannte combine-paintings, collagen unter einbeziehung realer gegenstände, auch abfallprodukte, eine neue form der ikonographie, bahnbrechend auch bezüglich der form, salome, new image painting, clara mosch, und eine radikale Ausschöpfung malerischer Möglichkeiten, die u.a. durch eine aggressive Farbigkeit Rückkehr zur Gegenständlichkeit gekennzeichnet ist, © 2004 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 1996 Kunstforum Oldenburg 1997 m Kulturetage Oldenburg 1998 Atelierhof Bremen Preußen- Palais Oldenburg 2000 Nichtphotos Galerie Zeitraum Oldenburg Angeber ICKS (mit Ivo Gohsmann) Installation/Lesung/Gelage für Horst Janssen Fußgängerunterführung am Lappan Oldenburg 1998 "10 Jahre Ateliergemeinschaft Weitz" Ullmann Oldenburg 2001 Artothek Oldenburg Der erste Blick" (mit Theo Haasche und H.C.Jaenicke) VHS Kulturspeicher Oldenburg 2002 Telematickzentrum Norden Galerie Neuwerk (mit Helmut Feldmann) Oldenburg Oldenburg Arte (mit Helmut Feldmann + Andreas Letzel) Lambertihof Oldenburg 2003 Atelierhof - Bremen "Die Kurve zeigt mal wieder nach oben (Der Leichte Weg...)" mit Paolo Moretto + Peter Kastner Kunsthalle Wilhelmshaven "Fahnenmeer" 2003 Atelierhof - Bremen "Die Kurve zeigt mal wieder nach oben (Der Leichte Weg...)" mit Paolo Moretto + Peter Kastner Kunsthalle Wilhelmshaven "Fahnenmeer" Galerie Zeitraum Oldenburg "SALE AWAY" (mit Andreas Letzel) FIAP Jean Monnet Paris Arbeiten im Öffentlichen Raum Artothek und morgen hol ich der königin ihr kind.

also auf augenhöhe apotheken, augenärzte -- korrektur fehlsichtigkeit, hier im Hause, dringend kurskorrektur, auf augenhöhe -- augenärzte heute, n. telef. anmeldung klammer zu doppelpunkt: zu sehen sind arbeiten von marco goldenstein, der laut ankündigung als einer | Nach einer mehrjährigen Pause lädt | zu einem Vortrag über naturgemäßes Gärtnern und die Ziele der Brüder Wir wollen die günstigsten Enten in kürzester Zeit | Reden wir also über die Produktionsbedingungen von Kunst im hehren Elfenbeinturm, in dem der Künstler sich zum Tagwerk die Glacehandschuhe überstreift zum Schutz gegen die aggressiven Farben und zur Staffelei schreitet, umgeben von Wolken von Wagner, um im gediegenen Ambiente seines von einem befreundeten Architekten großzügig gestalteten Ateliers einen gepflegten Pinselstrich zu führen, zu setzen, zu lupfen auf ein vorbestelltes Gemälde, Porträt der wohlstandsbeleibten Unternehmergattin H. aus I., ohne Krähenfüßchen, möglichst ohne Doppelkinn, ohne Warzen, ohne Wartezeiten, reingehen, drankommen, rauf, rein, runter raus, fort, ford, die tun was, ja ford, die tun was, von wegen gediegen, von wegen gepflegt, besessen, immer ein stück weit auch besessen, der arme poet, der arme maler, der arme künstler, von wegen bestellt, halde, mein lieber, ich male auf halde, auf halde, für halde, für den unbekannten käufer, der noch nie kommt, und wenn, sehr selten und den preis zu drücken versucht, und für mich, mich, spitzwegs paul klee in der küche, dieser winzkleinen butze, winzige bildchen auf dem küchentisch, kind, kindchen, dein bestes, wir wollen doch nur dein, deine füße unter meinen, tisch, wenn der postmann zweimal klingelt, notfalls auch auf dem tisch, notfalls im unbeheizten atelier, ohne strom, wie wenn ne bombe eingeschlagen hätte, bilder, tuben, zeitungsschmuddel, stoffreste, pinsel, farbtöpfe, flaschen, besessen, besoffen, ausgeleert, in einem zug, ex und hopp, schnell, vor allem schnell, mit der schere, schnittmusterbogen, schnitt schnitt mittem pinsel, vierzig in vier wochen, vierzig in vier, aber bitte ordentlich! bitte ordentlich! und mit sinn! mit sinn! ja was soll das denn bedeuten? ja was? Ich zitiere: "Der Oldenburger Maler kultiviert seine eigenständige Bildsprache zwischen sur- und real, Konzept und Konstrukt. Malerei und Medienzitate, Fotografie und Firnis treffen sich zu einer intelligenten, ironisch distanzierten Bildkunst."

Kippenberger, Martin, zählte als Maler zum Kreis der Neuen Wilden; setzte sich in seinen Werkserien, in denen er alle künstlerischen Mittel nutzte, mit der Mythenbildung in Alltag und Kunst auseinander. Seit Mitte der 80er-Jahre auch Bücher (Zeichnungen), in denen er sich sich selbst beobachtend in absurd-zynischer Weise mit seiner Imaginationswelt und seinem künstlerischen Tun beschäftigte. Schnitt, Schnittmuster in Serie, sechzig mal sechzich mal sechzich mal, dreiwiswierwochn, stakkato quickies, rein, rauf, runter raus, was zählt, zählte als maler, was zählt, zählte als maler, was zählt, als maler, als, als, alls, alles wiederholt, alles wiederholt, alles wiederholt, alles wieder wieder wieder wieder. holt sich, tausend, mal.. mal, maler, am malsten, Natürlich arbeitet auch er nicht im luftleeren Raum, aber was zählt, bei Goldenstein, ist die Ästhetisierung des Trivialen, bei Goldenstein, ist die Trivialisierung der Ästhetik, bei Goldenstein: ist die: Idee, nicht im luftleeren Raum, aber er gilt laut Ankündigung als einer der: ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.

"Hirsch, Knarre, Brüste", eines der wenigen Bilder, die mehr als nur genialisch hingerotzt wurden: was soll das nun wieder bedeuten? hirsch, knarre, brüste? und das da oben? das bin ich. hm. und der sinn? hab aufgehört mit malen, bevor es einen sinn gab. aah ja. Die Entwurzelung von Ansichten aus ihren angestammten Bedeutungsfeldern, ihre Überführung in neue Sinnzusammenhänge, Allokation und Synthese sind, Duchamps Klobrille läßt grüßen, probate Mittel der Verwirrung, und das ist, Wowereit läßt grüßen, gut so, denn die Verwirrung stellt uns vor Fragen, etwa nach der Ordnung, nach überkommener Struktur und ihrem Recht, und wozu das alles, und welchen Sinn das hat, wenn überhaupt, und wozu, und auch das ist gut so, weil wir sonst in unserem eigenen Saft vor uns hinschmurgeln und hinblöden und das Denken verlernen, merke Bohumil Hrarbal: „Kunst ist nicht dazu da, dass man besser einschläft. Sie soll wie ein im Taschentuch vergessene Rasierklinge sein, sodass man, wenn man sich schnäuzt, sich die Nase aufschneidet und den Herrn Künstler fäustlings belehrt, so ginge es ja nicht.", oder Karl Kraus: "Künstler ist, wem es gelingt, aus der Lösung ein Rätsel zu machen", ein Rätsel, ooops, der wolf, die wiese, das lamm, s, p, o, HURRRZZ!, und dann hol ich der königin ihr kind. Und das ist gut so, wenn leute sich aufregen, und das ist gut so, wenn sie sich das maul zerreißen, und es ist gut so, wenn neben einer amtstür, durch die hartz-iv-bezieher geschleust werden, ein bild hängt mit der wahrheit, und nichts als der wahrheit, und wahrlich, ich sage euch, so wahr ich hier stehe, wahrhaftig wie wolfgang-hush-puppie-tränensack-clement und gerhard-ich-schwöre-das-wohl-der-unternehmen-zu-mehren-schröder: ARBEIT MACHT ARBEIT, ja deshalb wolln so viele sie los sein und wirft marco am fließband kunst auf den markt so schnell er nur kann, quickie stakkato auf leinwand grundiert, schnell soll das gehen, keine zeit kosten, nur die idee zählt, das rätsel, das rätsel, ein gutes bild, hahaha, ein gutes bild, guter witz, und dann steht inner zeitung, er gilt.

klar gibt es auch bilder, die einen sinn haben, windpocken mit 36, ende der kindheit, onkel der hotte, und trotzdem schnell. manchmal da springen ihn bilder an, zeitung, fernseher, fotoalbum von mama, pornoheftchen, videostills, die gemalt werden wollen, die wollen, verstehnsie, die wollen, kann er nichts dafür, und das episkop auch nich und nich die leinward oder die farbe und der breite pinsel wieso nich. und fotografien und fotobearbeitungen und zeichnungen, zeichnungen, da gehen ihnen die augen über, die augen, sachichihnen, die augen, und installationen und objekte und sogar GE-MÄL-DE, aufwendig vorbereitet, mit handwerklichem geschick kunstvoll zelebriert, dochdoch, er kann das, ach wie gut, daß niemand weiß, eines davon kennen wir von den kunsttagen 2003, rumpelstilzchens dinner for one. schaun sie sich an ende der kindheit, warten auf die kinder, blutroter boden, miefbürgeridyllisch familienauto, familienhaus, und ein gähnendes fenster, da sehn sie, was der bursche allein an farbempfinden so drauf hat, wem da nicht das blut in den adern gefriert, dem ist nicht, aber wirklich, und morgen, da hol ich. oder blues an der bar, gestern abend gemalt, oder im gartenstuhl, auszeit, sinn, tief, nicht oder halb, natura della pittura, aus dem bauch heraus, aus dem augenblick. welch! pralle! malerei!

dreißig bis vierzig bilder, in drei bis vier wochen gemalt, hat marco gestern nachmittag gehängt in drei bis vier stunden, abend wars, der kaffee alle, glaub nich, dass ich was ordentliches zusammenkriege bis morgen, ich hab ihn gewarnt, höchstens dreißigbisvierzig minuten zwischen aufstehen und arbeit, höchstens dreiwisvier seiten, und dann steht in der zeitung, neben den augenärzten, auf augenhöhe, augenzwinkernd, augenkurskorrektur, steht da: zu sehen sind, steht da zu sehen, steht da zu sehen, zu sehen zu sehen zu sehen zu sehen sind arbeiten von marco goldenstein, der laut ankündigung. und vielen dank auch für die geduld.
2 2005 rathaus Ja, so könnte es gewesen sein: Es war einmal ein Mann, mittelalt, mttelschlank, Halbglatze, Halbbrille, von Beruf Beamter, Kultusbeamter in mittlerer Position in mittlerer Stadt. Jeden Mittwoch suchte unser mediokrer Held nach dem Dienst eine der mehr als nur wenigen Innenstadtkneipen auf, um sich dort bei einem geistigen Getränk oder zweien unters Volk zu mischen, und so traf er eines Abends an der Theke auf einen jüngeren
Mann mit Anderthalbtagebart im blässlichen Teint. Man kam ins Gespräch und der Beamte erfuhr, dass sein Gegenüber Maler sei. Maler, fragte der Beamte begeistert, Maler? Da verstehn Sie ja sicher was von Kultur! Und er begann, dem anderen von seinen Sorgen zu erzählen, dass nichts mehr so sei wie früher, kein Mensch interessiere sich noch für Kultur, Politiker schon garnicht, da brauche sich keiner zu wundern, wenn alles verflache, Radio, Fernsehn, Film, das Theater, die Zeitungen; die Zeitungen heutzutage: nichts als Boulevard!, schimpfte er, Bou- le- vard, Rockstars würden Raum füllen und Filmsternchen, wo es um Goethe gehen müsse und Mozart, und erst die Kunst, ach die Kunst, um sie sei es am traurigsten bestellt, am allertraurigsten, Ausstellungen würden kaum noch besucht, und wenn, allenfalls dann, wenn irgendwelche Stümper ausstellten, Nichtskönner, Publikumsbeschimpfer, es sei trau - rig, alles gehe den Bach herunter, alles!, jetzt dürfe sich sogar ein Marco Goldenstein im Foyer der Treuhand präsentieren: hingerotzte Bilder, Autos und Affen, entblößte Brüste, Strapse und Scheren, Hunde und Stühle, Josef Ackermann, es sei ein S- kan- dal. So in Rage redete er sich, dass er gar nicht mitbekam, wie der Milchbart auf seine Eingangsfrage antwortete: Ja, Maler, Maler stimmt schon irgendwie, ich habe Anstreicher gelernt.

Marco Goldenstein, meine Damen und Herren, 1968 geboren in Oldenburg, aufgewachsen in Bad Zwischenahn, zurück nach Oldenburg, sieben Jahre Mitglied der Ateliergemeinschaft Weitz, Ausstellungen unter anderem: Kunstforum, Kulturetage Oldenburg, Atelierhof Bremen, Preußen-Palais, Galerie Zeitraum, Artothek "Der erste Blick" (mit Theo Haasche), Kulturspeicher, Telematickzentrum, Galerie Neuwerk, Lambertihof Oldenburg, Kunsthalle Wilhelmshaven, "Fahnenmeer", Galerie Zeitraum "SALE AWAY", Jean Monnet Paris, Arbeiten im Öffentlichen Raum, Marco Goldenstein also ist Autodidakt.

"Auto"-"didakt"? "Didaktet", gelehrt also, gebildet: gewiss, Herkunft und Vielzahl der Andeutungen, die seine Bilder durchschwirren, belegen dies. Siehe etwa die Arbeit "Der leichte Weg..."; zu ergänzen ist "...ein Künstler zu werden", eine wundervoll leichthändige Hommage an Baselitz. Oder man wende sich dem "Schnittmuster 2/05" zu. Barbie, Lolita, Lola, Lola Blau, Der Blaue Engel, wäre eine mögliche Kette. Der Dino, der oben links mit Panik im Blick davon rennt, heißt der Dino dann etwa Professor Unrat? Die fünfzig "Heads in Red" gehören Persönlichkeiten, die Spuren in Marc Oh!s Denken hinterlassen haben: Sartre zählt dazu, Sebastian Haffner, Harald Schmidt, Bob Dylan und andere. Aber "Auto"? Was heißt hier Auto? Polke, Rauschenberg, Kippersberger, Salome, Pablo-ich-such-nicht-ich-finde-Picasso, Warhol, Bacon, Schumacher, der "Playboy", die "Bild", die "Bild" und die Glotze und immer wieder: das Internet, die Massenmedien, zählen zu seinen Lehrern von Kind an. Die ersten Aufträge und Verkäufe gelingen mit dreizehn, da fertigt er für Mitschüler Zeichenblockposter des KISS-Bassisten Jeanne Simmons, indem er ihn mit dem Buntstift aus der "Bravo" abmalt. Das prägt. Prägt etwa seine Technik, die mannigfach Zitate verwendet, Abgemaltes und Übermalungen, Transfers, Stil-, Technik-, Material- und Medien-Kombinationen, den Einsatz von Computer, Episkop und Beamer, von Edding und Pinsel, Acryl, Beize, Kohle, Schnittmusterbögen, alten Buchdeckeln und Müll. Prägt auch den Sinn fürs Rentable und Schnelle, die Begabung, eine gute Idee rasch und gewinnbringend umzusetzen: "Nehme jede Arbeit an", ein Kommentar zur Weimarer und zur Jetzt-Zeit, flott auf T-Shirts geflockt, bringt MehrWert und steigert nebenbei auch noch die Bekanntheit.

Gallia est omnis divisa partes in tres, quarum unam incolunt Belgae und in einem der anderen wohnt Idefix. Wenn Marco Goldenstein, msvD, auf der Dachterrasse seiner Wohnung sitzt, um Kaffee zu trinken, blickt er auf einen allzeit statisch milchigweißen Himmel, milchigweiß mit der Anmutung etwa von Spülwasser nach dem Säubern von Puddinggeschirr. Dieser Himmel aber ist kein Himmel, sondern die halbrunde Rückwand eines hohen Hochhauses, das sich gerne weiter ausgedehnt hätte, über das Grundstück hinaus, auf dem Marco Goldenstein seine Wohnung hat. Doch die Ausdehnung scheiterte, und da hat man das Hochhaus halb um das Grundstück herumgebaut. Früher sah man von hier aus den echten Himmel und bei gutem Wetter sogar die Hunte, aber jetzt hat man diese Rückwand vorm Auge, einen Steinwurf entfernt, so weit man gucken kann nach oben und nach unten, und indem man guckt, spürt man ihn plötzlich, den erhebenden Hauch der Renitenz.

Den kleinen renitenten Gallier Asterix zeichnet seine Intelligenz aus. Zu ihr gehört das Wissen um Grenzen ebenso wie das Gespür dafür, wann es genug ist. Auch Marco Goldenstein weiß, wo Grenzen sind. Zwar steht auch hinter den Bildinhalten, die naiv erscheinen mögen, meist geistvolle Ironie. Andererseits ist seine Kritik nie zersetzend oder verletzend. Er weiß, was er tut, die Provokation ist gezielt und dosiert, List und Biss, Angriff und Witz halten sich spannend die Waage, und selbst die lässige Attitüde der schlampigen Faktur ist wohlkalkuliert. Zugleich befähigt ihn eine wache situative Intelligenz, seine Umgebung ständig und blitzschnell auf mögliche Bildanlässe hin zu analysieren. Wo andere noch grübeln, ist Marco Goldenstein längst am Malen, und wo andere noch malen, ist er schon beim nächsten Bild. Ganz oben, im zweiten Stock, hängt eine Materialcollage, die den ständig anflutenden Strom der viertel-, halb- und fertigen Arbeiten thematisiert und die für ihn zentrale Kategorie des "Denkens". Das Denken: ein Kuvert, das offen ist für alles und auf Input wartet, bitte füllen.

Die Art, in der Marco Goldenstein Bildräume komponiert, hat er aus einer aleatorsichen Phase informeller Malerei heraus entwickelt. Gedankenfragmente, Wahrnehmungssplitter, Sinnfetzen werden scheinbar wahllos protokolliert, ihren ursprünglichen Bedeutungsumfeldern entnommen und neu positioniert. Die Effekte einer solchen "gegenständlichen Aleatorik" sind, wenns gut geht -- und meist geht es sehr gut -- verblüffend, frech und rätselhaft. Man fragt sich, Was soll das bedeuten?, und indem man versucht, sein Zeichenalphabet zu dechiffrieren und so das Bild zu er-lesen und zu verstehen, ist man schon auf jenem Holzweg, auf den Goldenstein einen geschickt hat. "Affe und Wesen (Traum)", hier unten das große Bild, zeigt schwarz-weiß eine Menage a trois, einen Affen, schwarze Vierecke und so etwas wie Geröll, alles kommt irgendwie bekannt vor, aber in dieser Zusammenstellung? "Hirsch, Knarre, Brüste", erster Stock, hat wenigstens vier sichtbare Ebenen: Hirsch, Fisch, Fleisch und die Knarre im linken Drittel, eine abgedunkelte Fläche mit vielleicht EKG-Kurven rechts, eingeblendete ovale Spots in der Art von Cartoon-Gedankenblasen, mit Männern gefüllt, im Vordergrund, wieder schwarzweiß, eine Frau mit Hut und Glimmstengel, die die Jacke weit öffnet und Brüste zeigt. Was soll das bedeuten? Ja was? "Weiß ich doch nicht", verweigert der Künstler eine Entwirrung, "Ich habe aufgehört zu malen, bevor es einen Sinn gab". Hilft es da wirklich weiter, wenn man in einem der Blasen-Männer Goldenstein höchstselbst wiedererkennt? Er ist ja ohnehin eines seiner liebsten Lieblingsmodelle, mit Windpocken im Bademantel, unfertig im Schnittmusterbogen (Wie weiter?), augenlos geblendet und stumm, und Reminiszenzen an Familie und Kindheit bestücken seine Szenarien als seien es Texte von Proust — ein Stuckrad von Barre der Leinwand, oder ein Schlingensief, eitel, intelligent, gut, schnell und frech. "Ich denke den ganzen Tag an nix anderes" ist auf dem stehengelassenen Rand einer grob herausgeschnittenen Leinwand zu lesen; man blickt auf das anklagend nackte Holz des Keilrahmengevierts, darauf in Rollen die Reste der geschändeten Leinwand wie der Erlöser am Kreuz. Also wäre Malerei: nichts? Nichts als gedacht? Und das die Lösung? Eines der kleineren Formate, erstes Geschoss, illustriert eine typische Ausstellungssituation: eine Gruppe von Menschen, diskutierend, gestikulierend, eine der Damen spreizt affektiert das Zeigehändchen, Gegenlicht, scherenschnittscharf; aber was ausgestellt wird, ist nicht zu erkennen, interessiert dann also nur noch am Rande, das ist die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, oder?

Wie war das noch mit dem nach der zweiten mittelschweren Apfelschorle kulturpessimistisch enthemmten MittBürger? Mit der Kultur gehts immer weiter den Bach runter... Heul doch, meinte der Maler, Wenn dir selbst als Mitbewohner des inneren Elfenbeinturms nichts weiter einfällt als jammern, dann heul doch. Sprachs, beschloß, dem Kulturpessimismus etwas Positives entgegenzusetzen und malte einen röhrenden Hirsch, Titel: Heul doch. Ja, so könnte es gewesen sein.

Aber auch ganz anders. Vielleicht ist der röhrende Hirsch ja derjenige, der der Schlachtplatte neben der Knarre entsprungen ist, weil er Angst vor nackten Brüsten hatte wie der alte Dinosaurierknacker vor Lola, und vielleicht hat sich Marco Goldenstein in der Kneipe nur darüber aufgeregt, was das fürn Stress gewesen sei: Er hätte den Hirsch jetzt beim Röhren malen wollen, aber keinen Röhrhirsch gefunden, in keinem Buch, in keiner Zeitung, nicht mal im Internet, vier Tage lang hätte er nach einem röhrenden Hirsch suchen müssen, und vielleicht sagte die Lady hinter dem Tresentisch, als sie sich die Geschichte zum fünften Mal anhören mußte: Dann heul doch, und Marco Goldenstein nach einer Pause: Toller Titel! Vielleicht aber wars noch ganz anders. Man weiß nicht. Man weiß nicht. Man weiß bei Goldenstein nie. Das ist eine seiner Stärken.

Danke Ihre Aufmerksamkeit und viel Spaß bei der Suche nach Sinn!

 

Mai 2005