19 - 02 - 2018

Bilder gegen den Krieg

Liebe Gäste,

ich bin 1952 geboren, gehöre also der ersten Generation nach den Nazis und nach dem Kriege an. Die früher Geborenen haben uns vermittelt, dass es mal Nazis gegeben hat, aber kennengelernt haben wir nie welche, das waren immer andere. Man hat uns auch nahe gebracht, dass man keine Juden vergast. Das sei nicht in Ordnung gewesen, weil: unter denen waren doch auch Deutsche. Und oft genug tüchtige dazu. Aber nicht alles, was Adolf anrichtete, dürfe man verdammen. Die Arbeitslosen hat er von der Straße geschafftt! Und Autobahnen gebaut!

Vieles gab und gibt es, was man dem Schlächter und seinen Gesellen gut anschreibt und was man ihm gerne verzeiht. Das Führen von Kriegen gehört anscheinend dazu; jedenfalls habe ich in der Auseinandersetzung mit Hitler viel zu selten erlebt, daß er als Kriegstreiber ähnlich scharf verurteilt worden wäre wie als Rassenwahnsinniger. Ich habe Geschichtslehrer kennen gelernt, die allenfalls in Fußnoten auf den "deutsch-russischen Krieg" eingegangen sind. Und solche, die sich nicht schämten, vom "Rußlandfeldzug" zu schwadronieren. Diese Nachsicht mit dem Unsäglichen hat Methode. Erinnern wir uns: Einen kurzen Augenblick, zwischen Kapitulation und Aufbau der Bundeswehr, herrschte im Volk der Verlierer die breite Übereinstimmung, von deutschem Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen, in Deutschland dürfe es nie wieder Waffen geben, nie wieder. 1952, nach diesem Wimpernschlag deutscher Geschichte, stand fest, es wird wiederbewaffnet, doch wieder bewaffnet. Gustav Heinemann, der spätere Bundespräsident, damals Innenminister unter Adenauer, trat aus Protest zurück und verließ die CDU - geändert hat das nichts, es kam, wir wissen es, der kalte Krieg und mit ihm die nahtlose Übernahme beliebter Feindbilder; bei Hitler hießen sie Bolschewiken, jetzt Kommunisten. Die klammheimliche Zustimmung zu Hitlers Überfall auf Rußland ist wohltradiert, sie ist nach wie vor bundesdeutsche Realität. Die Glorifizierung "unserer" Stalingrad-Helden, die Stilisierung der Stalingrad-Saga zur Entschuldung des gesamten Tausendjährigen Reiches, all die Landserheftchen, der riesige Markt pseudohistorischen Schunds, die Verharmlosung des Überfalls als "Präventivschlag" in angesehenen Zeitungen und vieles mehr zeugen davon. Welch ein Aufschrei ging durch die Medien, als die Reemtsma-Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" einiger falscher Zuordnungen überführt wurde! Ein Fehler, ein Fehler! Welche Häme, welch Schenkelklatschen! Die Beiträgelchen, die scheu die Frage in den Raum zu stellen wagten, ob denn nicht etwa der Krieg selbst möglicherweise (vielleicht, rein hypothetisch, ´schuldigung) das Verbrechen gewesen sei, mußte man mit der Lupe suchen.

Ende Juni vor sechzig Jahren, es wird ein heller warmer Tag berichtet und daß die Menschen heiter gewesen seien und voller Sommerliebe, marschierte die Wehrmacht in Rußland ein. Daß sie in kürzester Zeit, über die ganze, lange Nord-Süd-Achse des riesigen Landes verteilt, tief nach Osten einfallen konnte und recht bald in der Nähe von Moskau stand, hatte seine Gründe vor allem in der Arg- und Wehrlosigkeit der überfallenen Menschen, die nichts Böses ahnten, und der Nachhaltigkeit, mit der die Wehrmacht das sogenannte Kriegshandwerk auszuüben verstand. In Walter Kempowskis "Echolot" und im Spiegel stand kürzlich nachzulesen, was das bedeutete - auch, daß Ortschaft für Ortschaft niedergebrannt und, wer die abfackelnden Holzhäuser floh, niedergeschossen wurde. Über zwanzig Millionen Menschen sind in den Ländern der damaligen Sowjetunion umgekommen, zwanzig Millionen, tausendmal so viel wie Bad Zwischenahn Einwohner zählt, darunter, am Rande, die meisten unschuldige und wehrlose Zivilisten. Ein aufrichtiges öffentliches Bedauern, ein kollektives Schamgefühl, das Bewußtsein eigener schwerer historischer Kriegsschuld hat sich hierzu nie gebildet, ist den Opfern dieses Krieges nie in vergleichbarer, in angemessener Weise zuteil geworden. Das zynische Ausschwitzen der Ansprüche zumal der russischen Zwangsarbeiter, deren Forderungen die Nutznießer als noch aufdringlicher empfunden haben als die Forderungen deutscher Juden, liegt auf dieser Linie. Was ist dafür die Urache, außer der Verstetigung der Gegnerschaft zu Bolschewiken und Kommunisten? Ist es, daß die Russen und die anderen überfallenen Völker keine Deutschen waren? Ist es, daß sie sich, auch dabei im Gegensatz zu den jüdischen Opfern, zu wehren gewagt haben?

Der Tod, hat Paul Celan formuliert, ist ein Meister aus Deutschland. Er ist es nicht nur in den KZs gewesen. Deswegen ist ein Diskurs über Krieg und Gewalt im 20. Jahrhundert auch nicht möglich ohne die Erkenntnis einer essentiellen deutschen Komponente. Als Deutscher in diesen Zeiten kann ich mich des Themas nicht annehmen, ohne mich dieser deutschen Komponente zuzuwenden. Daß der Schoß noch fruchtbar ist, zeigt sich gerade in diesen Tagen neuen nationalen Selbstbewußtseins. Der Berliner Republik entkriechen die Glatzen, die jungen wie die alten, und wer dazu schweigt, oder, schlimmer noch, als Intellektueller zum Verschweigen anstiftet oder wissentlich Beihilfe leistet, indem er z.B. die Notwendigkeit der - Zitat Gänsefüßchen: - "Moralkeule Auschwitz" - in Frage stellt, arbeitet, wenigstens objektiv, menschenverachtender Gewalt zu.

Der Tod ist - was uns Deutsche freilich nie wird von unserer eigenen Schuld befreien können - ein Meister beileibe nicht nur aus Deutschland. Krieg und Gewalt in unseren Zeiten haben auch eine amerikanische, eine sowjetische, eine russische, eine chinesische, eine indische, eine ruandische Komponente und andere mehr. Sie tragen Namen wie Pol Pot oder Pinochet oder Putin. Sie entfalten sich in der zweiten und in der dritten Welt und direkt vor unserer Haustür.

Den Vietnam-Krieg habe ich beobachtet mit ohnmächtiger Wut auf Amerika, diese vor Waffen starrende und in Waffen verliebte Nation, der ich damals nichts sehnlicher wünschte als eine kollektive Psychotherapie, gerne in geschlossener Abteilung. Die Balkankriege dieser Tage haben mich mit tiefer Trauer und Ratlosigkeit erfüllt: Wie kann das möglich sein, daß im 20. Jahrhundert mitteleuropäisch zivilisierte Menschen einander ermorden, in Massen sich gegeneinander hetzen lassen, den Nachbarn im Schlaf überfallen, schießen, brandschatzen? Daß, wo wir vor kurzem noch Campari Soda am Pool schlürften, MPs in Stellung gebracht werden? Daß da Blut vergossen wird? Der Versuch zu erinnern führt zurück in ein ehemals großes Jugoslawien, dessen Zerschlagung den Herren des Weißen Hauses und anderen Strategen im Zuge der Auflösung der UdSSR gut in den Kram paßte. Vielleicht werden kommende Historiker die Wahrheit einmal genauer eruieren. Bis dahin bleiben uns nur wenige ungefilterte und einige subjektiv erinnerte Wahrheiten - wie die, daß z.B. Mitterands Frankreich davor warnte, die Lunte im Balkan zu zünden und daß z.B. die Regierung Kohl die erste war, die, übrigens ohne die sonst gesuchte Rückendeckung der EU, die Anerkennung des neuen Staates Kroatien betrieb.

Die Fassungslosigkeit über den Krieg in Balkan machen solche Befunde nicht geringer, denn das Problem liegt, abstrahiert von tagespolitischen Zufälligkeiten, tiefer. Sicher: auch früher haben Menschen ihre Brüder und Schwestern füssiliert und erschossen, haben sich daran delektiert, wie Menschen von Löwen zerrissen wurden, haben zugelassen und dabei zugesehen, wie Menschen bei lebendigem Leibe gevierteilt, wie sie enthauptet wurden. Wie aber erklärt sich, daß über die Jahrtausende hinweg unsere rationalen Leistungen und Erfolge und mit ihnen unsere materiellen Reichtümer explodiert sind, während unsere empathische Sensibilität auf der Stufe von Höhlenmenschen verharrt? Daß Mitmenschlichkeit, Mitleidensfähigkeit, Beißhemmung sich kaum je verändert haben? Und wenn: ob in die richtige Richtung? - selbst das weiß man nicht. Und wie Menschen friedfertiger werden und wie sie friedfertig bleiben, das weiß erst recht keiner und ich weiß es auch nicht.

Daß der eine oder andere Ansatz auf dem Weg, Gewalt und Kriege zu verhindern, hilfreich sein kann, dessen bin ich freilich gewiß. Zum einen fängt Gewalt in den Köpfen an, und Köpfe werden erzogen. Gewaltbestimmte Eltern werden gewaltbestimmte Kinder schaffen. Gewalt gegen Frauen macht Gewalt gegen Kinder macht willfährige Töchter und gewaltbereite Söhne undundund. Mein Bild "Prägung" handelt von diesem Teufelskreis, ein Thema, von dem uns jede Grundschullehrerin mehr erzählen kann, als wir uns vorstellen mögen.

Zum anderen der Glaube. Die Ehrfurcht vor der Einzigartigkeit der Schöpfung, vor der Vollkommenheit des Menschen können der Zerstörung von Leben Einhalt gebieten, Glaube, Liebe, Hoffnung können Kraft vermitteln helfen, nicht müde zu werden, nicht zu verzweifeln. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, und wenn ich mich seiner erinnere, lese ich gerne den Paulus-Brief an die Korinther in der Luther-Übersetzung: ein trostvoller, ein anrührender Text, der sich in einigen meiner Bildern wiederfindet. Der Kampf gegen die Gewalt beginnt in den Köpfen und in den Herzen, er ist nicht zu führen ohne das Vertrauen in den anderen, nicht ohne die Liebe zum Mitmenschen: "und hätte die Liebe nicht"-

Und dann das Hinsehen und das Hinzeigen. Das Benennen, das Aussprechen und das Position-Beziehen. Gewalt funktioniert um so besser, je verborgener sie sich vollziehen kann, je sprach- und bildloser ihre Opfer blieben und je intensiver das Publikum, die schweigende Mehrheit, wegguckt, weghört, verdrängt. Bilder und Texte sind sicher keine Allheilmittel, aber sie können sensibilisieren, wach machen, sie können entlarven. Ich glaube, es gibt so etwas wie einen moralischen Imperativ, nicht wegzusehen, nicht zu wegzuschweigen. "´s ist Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein" - Matthias Claudius hat mit seinem "Kriegslied" die Frage nach der Verantwortlichkeit des Schweigenden aufgeworfen, sie allerdings letztlich nicht beantwortet.

Eines meiner Bilder trägt den Titel "Was der Wald sah". "Was der Wald sah", das zeigt auf ein Gedicht von Erich Fried. In diesem Gedicht - Untertitel "´s ist Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein" - nimmt Erich Fried die Frage nach dem Schweigen im Angesicht der Gewalt wieder auf und gibt zur Antwort: Wer zu Krieg und Gewalt nicht Stellung bezieht, zu ihr stille schweigt, der hilft sie stärken und, mehr noch, er riskiert, selbst ihr Opfer zu werden.

Ich will Ihnen zum Schluß unseres zweiten Teils die Anfangs- und die Schlußstrophe dieses Gedichtes vorlesen, danach folgt Musik von Ernest Bloch, die Canzona aus der ersten Cellosuite.

Erich Fried Was der Wald sah


2001