22 - 02 - 2018

Der Tag begann

Der Tag begann mit einem Schlag. Schlag Null Uhr Nullnull, exakt mit Ablauf der eingestellten Zeit, triggerte der Schaltkreis den zur Funkenbildung benötigten Strom zum Zünder, Zündschnur und Sprengkapsel entflammten und setzten so den mörderischen Lauf zerstörerischer Gewalt unumkehrbar in Gang; die in einem fünfzig Kilogramm schweren Klumpen Sprengstoff aus Diethylenglykoldinitrat und Ammoniumnitrat gespeicherte Energie, mit Celluloseverschnitt und Kollodiumwolle gelatiniert, entlud sich in einem einzigen scharfen hellen Blitz, und ein gewaltiger Knall kündete vom Zerfetzen der innersten Strukturen auch benachbarter Materie: der Kunststoffe, aus denen der umbergende Koffer gefügt war, von Zellulose, Lignon und Metallverbindungen des Tisches, auf dem der Koffer gestanden, der Stähle, Steine und Erden des armierten Betonbodens nebst Fliesenlage, auf dem der Tisch seinen Platz gehabt hatte; noch während die Polymerolketten dissoziierten, Kristallketten rissen, Moleküle fraternisierten, Holz verdampfte, Metall schmolz, bog oder splitterte, Glas pulverisierte, Flüssigkeit zischend zu Dampf sich auflöste, riss die Wucht der Explosion ein riesiges Loch in den Boden und die angrenzende Wände des sechsten, mittleren, Geschosses des betroffnen Gebäudes, einen Krater, dessen Rand rasend schnell schwand, wegbrach, nachgab, Raum griff und schluckte, den Rest des Bodens und der bereits beschädigten Wände, fast zeitgleich aber auch die übrigen Wände, Pfosten und Säulen ansaugte, um sie mit lohgierigem Schlund zu verschlingen, und während die Schwärze des Kraters all dies und was sonst darauf und daran und darin sich befand, im wilden Strudel der Schwerkraft, ihre Macht unbändig potenzierend, mit in die Tiefe riss, illuminierte, infizierte der Detonationsblitz mit elektrischem Strom alles nicht Feuerfeste, Vertäfelungen, Dämmstoffe, Türen, Schränke, Tische, Anrichten, Regale, Bänke und Stühle, Stützen, Streben und Pfeiler, Balken, Latten, Leitungen, Rohre, Kabel, die in Kurzschlüssen zusammenbuken, Gas führende, das also austrat, sich mit den schwarzen Schwaden des Ausgangsbrandes vermischte, verdichtete, verballte, als orgastischer Klump schließlich neu explodierte in fulminantem Finale, das erst die oberen Geschosse zum Einsturz brachte, dann, unter deren Last und der der aufzuckenden Folgeschläge, auch die unteren rasch und unbarmherzig in die Knie zwang.

Keine Sekunde später, noch bevor die Digitalanzeigen der Atomuhren auf Null:Null:Null:Eins umgesprungen waren, unterbrachen LebensWer†-Radio und -TV, die Online-Dienste der NZ, wie auch die Sender der lizenznehmenden Stationen und Blätter ihre Programme mit der Meldung von einem christianistischen Bombenanschlag auf ein LebensWer†-Rechenzentrum in der Innenstadt, das Gebäude und mehrere angrenzende Häuser seien dem Erdboden gleich gemacht, weitere Gebäude in der Nachbarschaft vom Einsturz bedroht, Opferzahlen noch nicht zu überblicken, Mutmaßungen über Verantwortlichkeiten noch verfrüht, wiewohl die Suche nach den Tätern bereits auf Hochtouren laufe, jaulten Sirenen, erschollen Alarmsignale, röchelten, dröhnten, ratterten Motore schwerer Fahrzeuge, quietschten Reifen, zersägten Panzerketten die Schwärze, bellten Befehle, barsten Türen, Mauern, Zäune unter Getöse, knallten Schüsse da und hier, vereinzelt erst, dann in Serie, bald vielfach sich überlagernd, beantwortet zunehmend vom atemlos heiseren Belfern automatischer Waffen, krachten Granaten, gellten schrill Schreie, schlugen Scheinwerfer lodernd Suchschneisen tief in die Nacht, glommen Brandherde, war die Stadt mit einem Schlag taghell und überwach.

Die Angehörigen der Innen-, Sicherheits- und Reinigungsdienste, Leitende, Selbstständige, Dienstleistende, die niederen Grade bis hinunter zu den provisorisch lizenzierten Hilfsschützen, angelernten Halbwilden, waren von LebensWer† bereits Stunden zuvor in Bereitschaft versetzt worden. Sie taten mit im Getümmel wie befohlen. Kaum dass das Echo des Knalls der letzten Explosion nur schwach noch zu vernehmen war, überzogen sie vom Zentrum aus die gesamte Stadt mit wachsenden Ringen martialischer Waffen Gewalt, besetzten Straßenzug um Straßenzug, sicherten strategisch bedeutsame Punkte, zielten auf alles, was sich bewegte und seine Harmlosigkeit nicht ansatz- und zweifelsfrei nachweisen konnte, verschufen sich Zugang, wo keiner offen sich anbot, warfen Rauchbomben durch eingeschlagene Fenster, heimsuchten mit Feuer und Öl verdächtige Wagen, Zelte und Häuser, um nieder zu machen, was floh, draußen lauerten sie mit geschliffnen Macheten. Und schon Tage, Wochen, Monde zuvor hatte LebensWer† nach und nach die angeblichen Gegner in Marsch gesetzt: Führer vitalistischer und christianistischer Verbindungen, denen bei üppiger Entlohnung zugedacht war, die Ihren anzustacheln, sich zu erheben gegen das Regime der Neuen Zeit, seine Institutionen und deren verhasste Vertreter, Angehörige autonomer Gruppen, denen quasi über Nacht gewaltige Arsenale durchschlagskräftiger Waffen zuwuchsen, Kinder aus gewaltbereiten Banden, versorgt nicht nur mit Waffen und Geld, sondern überdies mit hart Alkoholischem und schärferen Drogen; eben sie, rekrutiert aus den wachsenden Scharen vertragloser Wildleben wie aus lizenzierten Jungarbeitern in Pleite gefallener Firmen gleichermaßen, waren unwissend dazu ausersehen, als Speerspitze zu dienen im aussichtslosen Scheinkampf gegen LebensWer†s Herrschaft, Kanonenfutter zur Sättigung der Übermacht, den Mächt´gen zum Ruhme wie stets, dem Mann auf der Straße zur Drohkulisse, und so brachen, als die Sicherheitsdienste sich fürs Erste ausgetobt hatten und Schlafes Ruhe Anstalten machte, zurückkehren zu wollen in die Mitte der Stadt, konkret: um kurz nach halb zwei, genau wie verabredet, fünfunddreißig zugedröhnte Kinder im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren, männlich wie weiblich, bewaffnet bis an die Zähne und zu allem bereit, die Gesichter mit Ruß unkenntlich verschmiert, eingehüllt in lang schwarze Gewänder, mönchskuttenähnlich, den Kennzeichen der "KinderKampfKohorte Christi Jesu", brach dieser elende Kreuzzug also auf von seinem Versteck in der mittleren Peripherie gen Richtung innere Stadt, blieb seltsam unbehelligt, erreichte gegen vier, die Nacht hatte schon merklich an Dichte verloren, Planquadrat H11, verteilte sich auf der Brücke.

Im Hauptamt, Abteilung Aufklärung, beobachtet man die Besetzung an den Bildschirmen mit erhoffter Zufriedenheit. Die Kleinen gelten als biegsam, gefügig und als für jeden Spaß zu haben, sie machen alles mit, ohne zu fragen, ohne zu nörgeln; ordentlich instruiert, durch passende Drogen benebelt, hatte die Gruppe bereits bei der letzten Stadtreinigung bewiesen, als hochtourige Tötungsmaschine bestens geeignet zu sein; im fortwährenden Rausch vermeintlicher Allmacht waren Skrupel nicht zu befürchten, käme keiner ihrer Mitglieder auf die Idee, den neuen Einsatz womöglich selbst nicht zu überleben. Ihre eigentliche Aufgabe bestand darin, nützliche Nadelstiche zu setzen; für ein paar letzte enthemmte Stunden durften sie, dosierten Schrecken verbreitend, marodierend über die Stränge schlagen und dadurch mitstricken an dem Vorhang, vor dem LebensWer† die Sicherheitsdienste als legitime Bewahrer von Ordnung und Recht in Szene zu setzen vorsah, effektvoll von Kameras beglaubigt, in gnadenloser Anwendung vielfach überlegner Gewalt, die Demut der Massen zu mehren. Mit Anbruch des Tages, bei hinreichendem Licht, wenn die ersten Arbeiterscharen auf dem Weg in die Betriebe aus beiden Richtungen über die Brücke strömten, würde die Kohorte ihr christianistisches Schlachtwerk beginnen. MG-Salven würden Arbeiter-Körper durchsieben, Machetenhiebe Angestellten-Bäuche zerhacken oder Köpfe rollen lassen, Blut würde sprudeln wie aus Brauseköpfen, das Loch der Nacht gefüllt mit einem einzigen viehischen Schrei des Finales und seinem Gestank aus Blut, Fleisch und Brand; wenn die vermeintlichen Sieger auch den letzten Verfolgten auf mannshohen Stahlspitz gerammt, ihn nach unten gedrückt, gehauen, gezwungen, gepfählt, wenn sie anderen die Kleider vom Leibe gerissen, sie nackt um LKW-Reifen gebunden, alles mit Benzin übergossen, es angesteckt hätten, wenn sie nach dem wievielten Joint damit begännen, mit den Schädeln der Enthaupteten Fußball zu spielen, wenn der Rausch des Tötens seinem Höhepunkt gewaltig zustrebte, dann, genau dann, würden Hubschrauber am Himmel aufziehen und Schwarze Schwadronen ausspucken, die Engel der Rettung mit dem Enblem der Macht am Revers, und dann, welch erschlagend prächtiges, Unterwerfung gebietendes Bild für eine Live-Übertragung!, dann würden die Hubschrauber in der Luft stehen und darunter machten LebensWer†s Schwarze Engel den lang schon beschlossen kurzen Prozess. — Läuft alles nach Plan, meint der eine beim Blick auf die Schirme und nippt am Kaffee, Prima. Warum auch nicht, entgegnet der andere, Ne ordentliche Vorbereitung ist die halbe Miete. Und du? Daran gedacht, unsere Leute in H11 zu warnen? Keine Frage, antwortet der Erste, Nur Ponz war nicht zu erreichen, geht nicht ans Telefon. Dann schick ihm ne SMS.

*

Der Tag, von dessen End an Peeh noch ein letzter bleiben sollte, begann anders als von ihm erwartet. Kopfschmerzen weckten ihn und die dumpfe Schwüle des Frühtags. Er schlug die Augen auf und fand sich nicht zurecht. Eine niedrige Zimmerdecke. Vergilbte Tapete, oben ein greller Lichtstrahl, von feinen Stäuben durchtanzt. Schloss die Augen wieder, lauschte. In sich Pochen. Außerhalb Straßengeräusche von irgendwoher. Gedämpftes Rauschen, Hupen. Sirenenkaskaden aus unbestimmbarer Höhe. Rauschen. Lauschte, fühlte. Keine Kraft. Kaum noch Leben in sich. Erschöpfung, angedickt mit stickiger Wärme. Stickiger Wärme, die ihn überzog wie in Lagen festgebackener Taubendreck. Befühlte den Boden. Befühlte den Boden nach Dreck. Fühlte: Über, neben ihm Decken, eine Matratze unter ihm. Er nahm Witterung auf. Ungewohnte Aromen, eine Mischung aus künstlichem Kaffee, billiger Seife und chemischer Desinfektion. Und über allem schwach jener Geruch, der ihn in den Schlaf begleitet hatte: der Duft von Apfelshampoo, der Duft von Bravas beflaumtem Kahlschädel.

Etwas hatte seinen Schlaf zerstört heute nacht, die Hitze vielleicht..., die Sirenen, sein eingeschlafener Arm... die fremde Umgebung... Er war hochgeschreckt, hatte sich aufgerichtet, sich auf einer Liege entortet gefunden, unbequem in voller Montur, unter Decken anscheinend zunächst, die er von sich gestrampelt haben musste, im Zimmer Licht, der Schein einer Funzel, einer Art Notleuchte, nicht heller als der einer Kerze, von der Wand gegenüber, Brava darin als amorpher Klumpen Dunkel, am Tisch weich verballt. Was tust du? Ich seh dir zu. Du gefällst mir. Wie kommst du...? Wie komme ich hierher, ich meine: Warum... Ich seh dir beim Schlafen zu und seh, wie schlecht du träumst und wie schlecht es dir geht. Du bist mitten im Satz eingeschlafen, Peeh. Vorhin war dir eiskalt, du hattest Schüttelfrost, deshalb die Decken, zum Einmummeln, ich habe dich angeguckt und darauf gewartet, dass du irgendwann von selbst wach wirst, damit ich die restlichen Decken... Er war aufgestanden, sie hatte darauf bestanden, dass er sich duschte, das Wasser war trüber und kälter als in seiner Wohnheinheit, trotz der Sommerwärme hatte er gefroren und sich wieder angezogen, sie hatte seine Wunden versorgt, ihm Tabletten gegeben, ein Mahl bereitet, Brot, ein undefinierbarer Aufstrich, ein Plastikbehälter Tee, und darauf geachtet, dass er alles verzehrte und fünf Tassen von diesem Tee trank, einem heißen, viel zu süßen Gesöff, dessen Geschmack ihn sehr entfernt an etwas aus Kindheitstagen erinnerte, das er nicht fand, sie hatten gemeinsam den Tisch beiseite gestellt, ein Doppelbett aufgeschlagen auf dem kahlen Fußboden, sie hatte ihm, Widerspruch nicht duldend, befohlen, die hintere Hälfte, die mit den Matratzen, zu benutzen, sie hatte das Licht ausgeschaltet, den Platz neben ihm eingenommen, sie hatten beide lange auf dem Rücken gelegen und lange auf den Atem des anderen gehört, in den Geräuschen dieser fiebrigen Nacht von Bernstein umgeben versunken, ihre Hände hatten sich unter den Decken gesucht und gefunden, sie hatten sich nur leicht berührt und doch die pulsende Wärme und Güte des andern gespürt, als wären sie intim und umschlungen. Der Bernstein schmolz zu güldenem Strom, zwei Bäche, die einander fanden, eins wurden, ohne zu einem zu werden, Friedvolles, Vertrauen, das der Welt die Stirn bot, Sag mal, was du denkst, hatte sie geflüstert, Ist das dein Ernst, er entgegnet, und als sie dabei geblieben war, und als er vergebens Ausflüchte bemüht hatte, und als er bemerkt hatte, dass alles nichts half, hatte er sich ergeben und waren die Dämme gebrochen und er hatte geredet, geredet, geredet und geredet, davon, wie kraftlos er sich fühle, wie wenig Leben noch in ihm sei, welche Diagnose Lin ihm eröffnet habe, wie dringend, wie teuer die Operation komme, was es mit Ponz und Wolf und Schubert auf sich habe, Schubert, den er liebe und verraten müsse, verraten habe, Wolf, den er hasse und bemitleide zugleich, Ponz, von dem er abhänge, der ihn anekle indes, was er unternommen habe bisher, wie fruchtlos alles verlaufen sei, dass es ihm nicht gelingen wolle, einen Nenner zu finden, der alles vereine in sich, wie gering seine Chancen wären, wie alles angefangen habe, damals in den Flechten, Matti, die Nordlichter, diese verrückte Mutprobe, am falschen Ort zur falschen Zeit, oder noch weiter zurück, die Uni, die Kinder, Vera, ja, auch das solle sie wissen, Vera hätte ihm, als sie sich kennenlernten, aus Ton ein Paar geknetet, das sich umarmte, ein größerer Mann, ein kleineres Frauchen, ein Ebenbild ihrer, aus einer ungebrannten Knetmasse, wie sie im Kindergarten verwendet worden wäre, er hätte es damals nicht beachtet wie er so vieles nicht beachtet hätte, nach der Rückholaktion, bei Einzug in seine Wohneinheit wäre es zerbrochen, und das hätte ihn zu Tränen gerührt, warum er das erzähle, er wisse es auch nicht, er hatte geschwiegen, geschwiegen, geschnieft, dann geweint, geheult und sich dann dafür entschuldigt, dass sie ihn an Vera erinnere, und sich dafür entschuldigt, dass er sich in sie verliebt habe, und sich dafür entschuldigt, dass er sie behellige und in so etwas hineinziehe, und dass er ihr danke und dass er nicht wisse, ob und wie er ihr jemals gut machen könne, was sie für ihn getan habe, und sie hatte einfach gesagt, Ist schon gut, und: Du bist ein Kind, Peeh, und: Dass sie Erspartes auf ihrem Konto habe, und sie nicht unwichtig sei in ihrem Betrieb, weil ihr schon wiederholt Erfindungen zugeflogen seien, und ihr würde bestimmt noch was einfallen, und dass sie einen kenne, der sich mit Typen wie Ponz auskenne, und dass ihre direkte Vorgesetzte Aktien von einer Klinik besitze, die mit LebensWer† kooperiere, und dass es da schon Möglichkeiten geben werde, bei all den Querverbindungen und all den Beziehungen, und dass nichts so heiß gegessen werde wie gekocht, und wo ein Wille sei, sei auch ein Weg, und dass er sich mal keine Sorgen machen solle, und dass sie ihn gewiss nicht einfach so gehen lassen werde, und dass er ihr wichtiger sei als jede Musik, er also die Anlage und Schubert ruhig weggeben könne, das werde er schon überstehen, denn was nicht umbringe, das mache nur stark, und dass er sich mal keine Sorgen machen solle, so schnell sterbe es sich schon nicht, und dass sie ihn gewiss nicht einfach so, und wie froh sie sei, ihn getroffen zu, und

Und dann waren die Pausen länger geworden und die Schläfrigkeit mächtiger und die Wärme schmeichelnder und sie hatten sich auf die Seite gedreht und sie hatte sich, Häschen in der Grube, in die Löffelkuhle geschmiegt, die er ihr bereitete, eng an ihn geschmiegt, Hemd, Slip, Wärme und der Duft von Apfelshampoo.

Kopfschmerzen weckten ihn, die dumpfe Schwüle des Vormittags und dann, gerade, als er sich wieder zur Seite rollen wollte, das Schrillen des Weckers, der auf dem Tisch stand und ihm anzeigte: halb Zehn. Es war noch Zeit genug. Ohne Hast erfrischte er sich, verzehrte, was vorbereitet, einkleidete sich, beordnete Bettzeug, wusch das Geschirr, räumte es weg, suchte seine Sachen zusammen, Jacke, Autoschlüssel, Medikamente, von Brava zu einer Wellenlinie auf dem Tisch angeordnet, die unförmige Tüte mit den CDs und dem Abspielgerät. Er hatte sich, mit den Gedanken schon auf H11, zum Gehen gewandt, als ihm von der Tür aus das Eselsohr eines Zettels auffiel, eines Zettelchens, kaum größer als die Standfläche des Weckers, der es beschwerte, ebenso weiß wie die Plastiktischdecke, die unter ihm lag. "Pass auf dich auf", las er, "Ich küsse dich. Brava". Sorgfältig faltete er das Papier zusammen, verwahrte es in der Brusttasche seines Hemdes, links. Wie er die Tür von außen zuzog, behutsam, als gelte es, keinen zu wecken, war Brava in seinem Kopf, nicht die Brücke, nicht Ponz, und er summte Schubert.


aus dem Manuskript zu "LebensWert"

Mehr in dieser Kategorie: Sofort vollstreckbar »