28 - 05 - 2018

Benjamin Saurer

Ist das nicht endlich mal eine wirklich schöne Ausstellung?! Ja doch, rundum: auf dem Boden prachtvolle Floralornamentik in der Anmutung herrschaftlicher Gärten, eine Sandsteinskulptur. An den Wänden klein- bis mittelformatige Bildchen, aufwendig bemalt. Von der Decke auf schwebeleichtem Tuch eine engelsgleiche Gestalt, den Blick sehnend gen Himmel gewandt, respektive zum wandhoch umlaufenden Schriftfries: Erhebung, Überhöhung, Verehrung allüberall.

Dass der Künstler der Eröffnung ein Konzert vorschaltet, bei dem er selbst in St. Lamberti die Kirchenorgel spielt, nimmt da nicht wirklich wunder. Oder? Der mit zeitgenössischer Kunst Vertraute riecht den Braten, ahnt die Pointe: Wer dem gefühlten Weihraucharoma erliegt, wer sich spirituell rühren lässt, auch wer vielleicht nur den Künstler für einen religiösen Spinner zu halten geneigt ist, ging ihm schon auf den Leim. Benjamin Saurers Ausstellung im Oldenburger Kunstverein, maliziös "Amazing Grace" betitelt, ist in Wahrheit eine höchst vergnügliche wie lehr- und niveaureiche Jonglage mit Objekten wie Glauben und Unglauben, Macht und Ohnmacht, Reichtum und Armut, Seriosität und Sarkasmus. Saurer, Jahrgang 1977, Studium der Kirchenmusik in Freibung und Madrid und der Freien Malerei an der Städelschule Frankfurt, gestaltet nach mehreren großen Schaus in London und Basel beim Kunstverein seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Dabei gibt er mit spürbarem Spaß in grandioser Leichtigkeit den Ketzer in Kutte, den Brandstifter in Uniform, den Wolf im Schafspelz gleichzeitig, einen Wolf zumal, der Lust hat am Beißen und Lachen.

Die mit Wachs und Farbe auf altehrwürdig getrimmte Patina, mit der seine Malgründe gerne durchtränkt, die akribisch gepinselten Dekore, die steife Frakturschrift, sie alle sind Elemente eines kapriziösen Spiels um Kunst, Religion, Politik und Geschichte, eines Spiels, das in einem einzigen ungestümen Schwung dieses ganze Brimbrorium der Dogmen, Symbole und Theoreme kon-, dekon- und destruiert. Religion und Kunst dienen der Macht, also gilt es, ihre Strukturen offenzulegen, ihre Chiffren zu dechiffrieren. Vor die Tableaus kostbarer Dekore hat Saurer Menschlein gesetzt, oft solche, die lauter Verehrung erheischen, aber auch Käsebauern oder Ziegen, deren Euter auslaufen. Der Pelikan, der die Brut atzt, indem er sich, eine mittelalterliche Metapher für die Aufopferung des Jesus Christus, von ihr verzehren lässt, mutiert zum "L' entrepreneur", dem bemitleidenswerten Unternehmer. Hier kündet die Schönschrift im Hintergrund von dessen Selbstverständnis ("alo — ich ernähre euch"), dort von den Arbeitslosenzahlen oder den Börsenkursen. Und das Muster, vor dem ein halbnackter Neger-Boy mit tachistich verfremdeten Stoßzahn  posiert, stammt vom Jackett Christine Lagardes, der Chefin des kolonialistischer Ziele verdächtigen Internationalen Währungsfonds IWF.

Dazu repetiert der Schriftfries oben an den Wänden endlos Psalm 115: "Sie haben Mäuler, und reden nicht; sie haben Augen, und sehen nicht; sie haben Ohren, und hören nicht; sie haben Nasen, und riechen nicht; sie haben Hände, und greifen nicht" -- sie, die Heiden, die zwar leben, aber nicht im Rechten. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", brachte Theodor W. Adorno in seinen "Minima Moralia" diese Differenz von "Richtig" und "Falsch" auf den Punkt. Saurer fasst sein bildphilophisches Feuerwerk unter dem Titel "Amazing Grace" zusammen. Dieses Kirchenlied, komponiert vom Kapitän eines Sklavenschiffs, ist das Lieblingslied von Georg W. Bush.

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