28 - 05 - 2018

lürisch

lieber schsch, wie hast du mir gefehlt! aber erst mal herzlichste glückwünsche an die holde, kraft, glück und vor allem GESUNDHEIT wünsch ich ihr, "Werde glücklich, werde froh/ wie der mops im haferstroh!" -- bei schumann natürlich auch, es war wirklich umwerfend, was bei f.s etwas dröger schreibe ja nicht wirklich rüberkommt, einer sagte "der keith jarrett der romantik", einer "wieviele finger hat der eigentlich" und der klavier-kasper "ich wusste garnicht, wieviel töne so ein flügel hat"; 2 x 30 min auswendig, ständig arm-übergriffe, pedalartstik und halsbrecherische partiturtücken (melodie-ansätze, die ins nichts führen, cluster, mal tonal, dann atonal: WAHNSINN!!).

dass f. wer besonderes ist, hatten mir andeutungsweise gäste aus lesum vermittelt, ich sah dann im telefonbuch nach, um ihn in die verteilerliste aufzunehmen und las den eintrag "lehrer und schriftsteller", ganz schön selbstbewusst, dachte ich, aber anscheinend, nach allem was du (wieder!) so weißt, völlig zu recht. (scherz am rande: f. fragte mich, als er ankam, ob ich der pianist sei. naja, hager und randlose brille, kann man ja mal verwechseln. aber dass er dem pianisten meine heine-(anti)romantik-einleitung selbst in seinem zeitungstext zuschrieb, lässt doch auf eine heftigere kurzsichtigkeit schließen.)

schulzens goethe hätte euch gewiss restlos enthusiasmiert. zwei stunden ohne luft holen, frisch weg von der leber, die ganze zeit süffig aus dem vollsten schöpfend -- hätte es nie für möglich gehalten, dass man längst eingestaubtes so spannend und fassbar "lebendig machen" könnte.

sitze zur zeit an lehrs neuem roman "september. fata morgana" zu "nain-iileffen" und denke und fühle nur: "es hätte sich geziemt, ins knie zu sinken"-- ein 500-seiten-langgedicht ohne ein komma, kaum einen punkt, verteilt auf vier sprecher, zwei west, zwei ost, bin total abgefahren, schon wegen der ständigen perspektivwechsel: audiatur et altera pars, oder: das böse, das wir dem anderen andichten, ist vielleicht alles nur eine projektion unserer eigenen brüche -- und vice versa, oder: sogar araber sind menschen (sogar solche, die angst haben und leiden können).

ist dein herbstfragment neu? dann doppelte gratulation! mir will seit einiger zeit kein einziges gedicht mir zufallen. ich leide an lyrischer obstipation, sozusagen. mein letztes herbstgedicht, zwei jahre her, laufende nummer 721, lautete

Wie schön


Es ist so schön! Die toten Blätter leihen
Dem Schmuddelaphalt fast ein goldnes Vlies
Als gelte es, den Hinterhof zu weihen
Tanzloh und raschelbunt dem Paradies

Ein Wind kommt auf. Die toten Blätter treiben
Den Mauerecken zu; dort ball´n sie sich
Zu schütt´ren Haufen, die anfällig bleiben
Für jeden Hauch zuviel, der sie umstrich

Und Regen fällt. Die toten Blätter neigen
Vor der Verwesung tief das sieche Haupt.
Der Körper folgt. Bald Schmier und Fäule zeigen
Das letzte Ende an dem Baum, der unbelaubt

Nach Rettungsankern sucht. Und findet stets die selben
In "Herbst" und "Sterbst", in "Herz" und "Schmerz", in "Rot"
Und "Schwarz", in Humus, Blättern, braunen, gelben,
In Erde, Asche, Kälte, Modder, Tod.

Es ist so schön! So schön, im Niedergang zu suhlen
Sich und die waidwunde Seel, die Liebe darbt
Et cetera: Doch bitt ich sehr darum, nicht abzuspulen
Die Litanei der Axthieb-Narbe, die weh narbt!

naja.

andererseits: bei DEM wetter wirds mir wohl schon wieder lürisch werden ...

hoffe, es geht dir gut, trotz arbeit, hust und alledem und alledem und alledem. so, erst mal katzenscheiße kratzen. das erdet ungemein.

liebe grüße, auch an die holde,

reinhard