23 - 05 - 2018

Entäußerung

Über derart subjektive Phänomen lassen sich nur subjektive Mutmaßungen anstellen. Sie auszubreiten, würde den Rahmen, den ich mir zog, endgültig sprengen. Eine handelt von dem Aspekt des Sich-Wiedererkennens, sie und einige andere will ich auf sich beruhen lassen. Wesentlich für unseren Zusammenhang sind mir die, die zu tun haben mit Entäußerung und deren Kehrseite, der Verinnerlichung.

Ich denke, vereinfacht gesagt, dass jede künstlerische Betätigung, die den Anspruch erhebt, ihr Ergebnis habe als Kunstwerk zu gelten, sich daran messen lassen muss, dass ihr Urheber bereit war, die Distanz zwischen sich und seinem Werk (und dessen künftiger Rezeption) auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, auf jenes, das ihm seine jeweilige Selbsteinschätzung, Schamschwelle usw. als unüberschreitbar gebietet. Mit anderen Worten: der Künstler muss bereit sein, als Persönlichkeit ungeschminkt in dem Werk aufzugehen, sich in es (möglichst) bedingungslos zu entäußern, sein Innerstes (seine Seele) vermittels des Werkes der Außenwelt sichtbar zu machen. Oder noch anders: Der Künstler darf keine Angst haben, sich fallen zu lassen, selbst wenn er weiß, er fällt in den Dreck und wird noch dazu, bis er dort landet, alle Kleider verlieren. Er muss, wie eine hergebrachte Metapher besagt, den Mut haben, sein "Herzblut zu geben". Wo dieser Mut fehlt, werden wir sein Herz in dem Werk vergebens suchen. Wo er fehlt, haben wir es mit Oberfläche zu tun, mit Handwerk, mit Verkopftheit, mit Schein-Kunst, platt: mit all der Scheiße, die uns oft genug als Kunst vorgesetzt wird.

Dass ein Künstler sich in sein Werk hinein gibt, sich ent-äußert, ist das eine. Das andere, verkürzt: Dass er in seinem Gegenüber, dem Hörer, Leser, Seher, damit etwas auslöst, dessen Intensität dem während des Schaffensprozesses Investierten gleichzukommen geeignet ist — also im Idealfall eine Art emotional (und vielleicht sogar intellektuell) äquivalenter Befassung erreicht. Dass sein Werk beim Adressaten "ankommt". Dass es ihn "anrührt", ihn innerlich bewegt, ihn auffordert: "Beschäftige dich mit mir! Verinnerliche mich!". Ob ein Werk die Kraft hat, von anderen auf diese Weise wahrgenommen zu werden, ob also und wie gut die Transferleistung "durch die Medaille hindurch" gelingt, hat für mich zu tun mit zweierlei: der Absolutheit der Entäußerung und dem Umgang des Sich-Entäußernden mit Leid.

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