25 - 09 - 2018

Wesermarsch

Sommer in der Wesermarsch: es ist wie in einem Traum, Der stete Wind, der die Luft durchmischt, sie reinigt von Dreck und Gestank, verhilft ihr zu einem Licht, das dem gemeinen Städter wohl fremd ist: viel näher der Sonne und dabei, vermutlich in Folge der Salzkristalle, die auflandig das Gewehe mit sich führt, mal weniger, mal mehr, doch verlässlich, funkelnd verhalten in einer so unwirklichen Frequenz, dass es leuchtet. Es leuchtet der Morgen um vier, in sattes Orange getaucht flächendeckend, oder in blutroten Zungen unter blauschwarzem Gewölk, es leuchtet der Morgen um sieben, acht in der Gestalt von Hochnebelschwaden, die die Schönheit des kommenden Tages in vollkommenster Tarnung verbergen oder im ahnungsvoll zarten Gebläu aus dem verwässerten Aquarelltuschekasten. Zur Hoch-Zeit strahlts oben azur und verflüchtigts sich erdwärts zu purem farblosen Licht, bisweilen gebrochen durch Schatten, die die weißen Wolken hinwerfen, wenn sie auf gemächlicher Wanderung den Richtstrahl der Sonne ablenken. Alles flirrt: das Grün der müden Gräser, das mehr Saft vorgibt, als sie tatsächlich noch haben, das Endlos der Weidenflächen, die Schemen der Bäume, die hoch, dürr und schief ihm eingeschrieben sind wie Zufalls-Randnoten, hingeworfene Kürzel des Sommers, Erschöpfungsbeglaubiger, die Hitze, und wodurch sie sich verrät: durch die Stille. Durch wahrhaftige Stille. Stille, diese spannungsvoll in sich wabernde Abwesenheit von Vogelkonzertlärm, von forderndem Muhkuhgemuhe, dem hochtourigen Rattern aufgeladener Turbodiesel. Nichts davon ist da. Alles fehlt. Der Mittag flirrt und hält den Atem an dabei. Es kommt vor, dass ein sonores Brummen sich der Stille einschmiegt, lauter wird in ihren Armen, Aufmerksamkeit fordernd — ein Propellerflugzeugelchen, dessen Motor, wie um die Kindheitsillusion, die einen befällt, vollständig zu machen, genau so klingt wie damals, als irgendwer Segelflugzeuge nach oben schleppte, um sie in hohen Lüften endlich von der Hand ins Schweben zu entlassen — doch nur nebenbei, flüchtig, und ist schon wieder verstummt, so allmählich und so unaufgeregt, wie es erklang, wie es in unser Bewusstsein drang; es ist, als habe die Stille ihm sachte ihren Zeigefinger auf den Mund gelegt...

An schönsten aber die langen Abende. Die tiefen Schatten leiten sie ein und das aufbrandende Lärmen der Amseln und Spatzen, Stare und Schwalben, der Finken und Ammern. Wenn es zum Höhepunkt angeschwollen ist, in majestätischer Vielstimmigkeit, wenn es braust und tost über eine schier grenzenlose Zeit hinweg, in der die Zeit nicht vergeht, bevor man bemerkt, wie es, dimineundo, abebbt allmählich, wenn man darüber gewahr wird, dass die Schatten gefallen sind, dann vereinen sich salzhaltige Luft, der Weserwind, der sie umrührt und das Abschiedsrot der Sonne mit einem Mal zu fesselnden Schauspielen des Firmaments, grandios inszeniert zu Bildern beeindruckender Größe und Klarheit oder in zärtlich verwaschner Andeutung. Es gibt Abende, an denen die Sonne sich nach einem diesigen Tag doch noch zu erkennen gibt; dem Flutwind gelingt es, den Dunst zu verdünnen, sein Vorhang gibt die Sonne nicht preis, doch ein Kranz golden streuendes Lichtes markiert ihre Position; fast ansatzlos rückt sie plötzlich als glühender Fokus ins Bild. Nirgendwo anders habe ich solch feinen Nuancen der Farben, nirgendwo anders ein so gediegenes Leuchten der unterschiedlichen Valeurs wahrgenommen: ein aparter Hauch Violett hakt sich dem zarten Orange ein, das fahle Beige lässt einen Stich ins Kobaltblaue erkennen, der silberne Atem des Horizonts schmeckt schwach nach verborgnem Azur. Hinter allem, über allem diese Beimengung von zitterndem Licht, das nun unmerklich verblasst, schwach, schwach und schwächer wird wie der Wind, der mählich in sich kollabiert, sich aushaucht in sich, wie der Lärm ringsumher, der immer sprachloser wird, endlich verstummt. Ein diesiges Ocker verhüllt die Welt, eine Ahnung des Endes betäubt süß die Sinne, die Farben, den Klang. Aus der Ferne ein letztes Entengezeter, aufgeregt und verloren, letzte verspätete Froschmonodien, ein Nachtvogel, der unerkannt über einen hinweg schwebt. Und dann ist es still, still in betörendster Fülle.


2008


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